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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 36 Seite 659 Dr. Blorh's Wochenschrift. ganz bedeutend von ihrem früheren außergewöhnlichen Umfange verloren. Wie schaut nun die Welt, die diese altehrwürdigen Wogen bespülen, heute aus? Nun, hier, wo nichts vom Canal, kein Dampfer, noch sonstiges Erzeugniß moderner Cultur zu erblicken war — genau wie vor jenen Tausenden von Jahren, und mit ungemischtem Gefühl konnten wir uns dem Schauer der Ehrfurcht hingeben; leise plätscherten die Wellen den schmalen Meeresarm hinaus, durch den das Volk Israel einst durch wunderbare Fügung Errettung fand; dort hinter uns erhebt sich auf afrikanischem Boden das wildsinstere Atakama- Gebirge gleich einem wüthend drohenden Tyrannen; vor uns der Continent von Asien, die arabische Wüste mit ihren endlosen Schrecknissen. Aber fort mit melancholischen Betrachtungen! Schon sind wir nahe der Landungsstelle. Ein Hoch der modernen Cultur! Wie trefflich schmeckten die Sandwiches, wie schmeckte erst das mitgebrachte Löwenbrä'u, und — köstliches aller Getränke — Whisky und Soda! Wir ließen sie alle leben, von König Sesthos, Vater und Sohn, Ramses II., den Mißhandler der Juden, der als wohlverdientes Schicksal, heute 3000 Jahre nach seinem Tode, in einem Glaskasten im Mussum bei Kairo ruht — bis auf den jüngsten Pharao, Abbas II., den jungen, schneidigen Chediw im Palais zu Krubbeh. Dann sprengen wir an die Mole, von wo aus ein Kleeblatt Eseljungen mit ihren obligaten Grauchen unserer Ankunft schon mit Sehnsucht entgegengeseheu hotte. Wie wir uns noch einmal umschauten, da lag in einiger Entfernung wieder Suez, das wir während der Fabrt schon längst außer Sicht verloren hatten, vor unseren Blicken. Doch nein, das war nicht das wirkliche Suez; man unterscheidet deutlich eine Luftschicht unter der Stadt und darunter das Wasser des Rothen Meeres. Also ein Luftspiegelbild, eine Fata morgana wie sie sich hier nicht eben selten zeigt. Viel Zeit zur Betrachtung des interessanten Bildes wurde uns jedoch nicht gelassen. Ehe wir uns dessen versahen, waren wir auf die Esel gepackt und fort ging es in die Wüste in einem Galopp, daß einem Hören und Sehen verging. Nie hätte ich den Grauchen, die ich ihrem Temperament nach stets zu den Phleqmatikern gezählt hatte, ein solches alla breve tempo zugetraut. Im Uebrigen war der ziemlich hart aufliegende Wüstensand günstig für den Galopp. In der Entfernung von etwa einer Meile erkannten wir in der klaren Lust die Sykomoren und Palmen einer kleinen Oase, unser Endziel, das wir in weniger als einer halben Stunde erreichten. Den Fremdling nimmt es stets Wunder, wie scharf sich eine Oase von der sie umgebenden Wüste abtrennt. Ganz plötzlich hat der Sandboden ein Ende und man betritt den scharf abgrenzenden Rand eines überaus fruchtbaren Areals die mit Palmen, Akazien und Sykomoren bestandene Oase in deren Schatten Quellen sprudeln und wo der Fellah sein Land bestellt. Wir standen nun auf festem» durch die biblische Geschichte geweihten Boden. Auf dieser Oase hatten die Juden nach ihrer eben besprochenen Flucht aus Egypten die erste Rast gehalten und sangen Jehovah ein für Glückseligkeit und Dank überfließendes Loblied. Eine Anzahl von Beduinen empfing uns und führte uns durch die schattigen Palmenalleen dieses Idylls zur Besichtigung der einzigen Sehenswürdiqkeiten, der Mosesquellen. An verschiedenen Orten entsteigen diese Quellen dem Boden, dem sie Kraft und Nahrung geben und werden zum Theil in großen Behältern aufgefangen. An der größten auf einer Bank vor einem ulten Gemäuer rühmen wir Platz. Bon dieser heißt es, daß es die ehemalige Bitterquelle sei. die Moses durch Hineinwerfen eines Zweiges süß gemacht haben soll. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, daß die vermeinte Quelle eine andere sei, die außerhalb der Oase an einem einzeln stehenden Palmenbaum fließt. Genua, wir ließen uns das Täßchen Mokka, das uns der Scheikh ans dem Wasser dieser Quelle bereitete, wohl schmecken, d. h. so wohl, als nicht ein etwas salziger Beigeschmack den Bollgenuß eines echten arabischen Mokkas beeinträchtigte. Einige Beduinenweiber hielten sich in ihrer primitiven Behausung versteckt; nur zeitweilen sahen wir, wie schwarze Augen nach uns weißen Chawagas verstohlen blickten. Bon der Backschischbelästigung durch die Kinder sollte ich eigentlich nicht erzählen. Das Wort Backschisch kennt ja der Leser aus allen Erzählungen aus. dem Morgenlande. Als ich vor einigen Jahren von Indien nach Europa zurückkebrte und den Suezeanal pasiirte. rief uns ein Araber vom Ufer das Wort „Backschisch" zu. obwohl durch die Entfernung eine Gabe ganz unmöglich gewesen wäre. Es war damals das einzige Wort, das ich in Egypten auf der Durchreise gehört batte. Die Besucher des Landes aber verfolgt es auf Schritt und Tritt. Als wir schon längst wieder im Sattel saßen und die Oase der Mosesquellen, eine beträchtliche Strecke hinter uns lag. tönte uns noch der Chor der Beduinenkinder in die Ohren: Backschisch! Backschisch! Correspondenzen. Wien. (Zur Wahlbewegung). In den „Drei- E n g e l" - S ä l e n fand am 20. Abends eine vom Wiedener Fortschrittsvere in einberufene Bereinsversammlung statt, zu der aber auch zahlreiche Wähler verschiedener Parteirichtung eingeladen waren. Der große Saal und die Galerien waren dicht gefüllt. Der Versammlung wohnten der frühere Bürgermeister Dr. G r ü b l, der Obmann des Central-Wahlcomites Dr. Albert Richter, die gewesenen Gemeinderäthe Dr. Mittler und Dr. Hacke nberg bei. Die Versammlung auf der Wieden war die erste, in welcher die liberalen Candidaten für die kommenden Wahlen auftraten, außerdem verdient sie aber auch durch eine Rede des Dr. Grübl großes Interesse. Dr. Grübl richtete insbesondere an die Wiener Beamtenschaft beherzigenswerthe, warme Worte. Dr. Grübl betonte in feinen Ausführungen, daß durch die Erweckung der Leidenschaften und des Hasses eine furchtbare Verbitterung hervorgeruseu worden sei. Das Ägitctionsmittel, der Judenhaß, bat dem Führer Erfolge gebracht, nicht aber den Geführten und Verführten. Die besten Freunde von einst haben sich entzweit, die Erfolge sind ausgeblieben und die Hoffnung auf die Nützlichkeit dieses Agirationsmittels verblaßt immer mehr. Es herrscht jetzt in Wien eine Erbitterung, welche die Wiener unkenntlich macht und die sehr empfindliche GemeinSe-Autonomie arg bedroht. Früher wachte man ängstlich über diese Autonomie, ihr verdankte man das Ansehen der Stadt, die Ehre der Bürgerschaft. Und jetzt? Jetzt ist man begeistert über den heutigen Zustand. Wir müssen die Interessen unserer Mitbürger ohne Leidenschaft vertreten, ruhig und ernst arbeiten. Das Wiener Publicum hat keinen Gefallen an diesen Excessen, wir sind Alle Bürger eines Staates, wir müssen uns vertragen. Der Friede muß wieder einziehen, das verlangt Wien, das verlangt die Tradition, das Ansehen der Stadt. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Als erster Candidat nahm Rauchfangkehrermeister Peitsch ach er das Wort. Die Wiener Gewerbetreibenden kennen den Mann, der offenherzig sagt, daß er einst in die Bewegung eingetreten, ohne zu wissen, wohin sie führen werde. „That ich dies damals, hatte ich dazu den Muth, so verfüge ich auch heute über den Mnth, den Antisemitismus begraben zu Helsen. (Großer Beifall und Bewegung.) Ich war weit entfernt, einen Zankapfel in die Bevölkerung zu werfen. Jemanden wegen seiner Confession zu bekämpfen, fiel mir nicht ein. Die ganze gebildete Welt wandte sich mit?lü scheu von der Gew erbe welt. als gewisse Elemente sich der gewerblichen Be w eg u n g bemächtigten, der Unsinn der Intoleranz wird durch Wien geschleppt, Jemand d er b eh a np t e t, der Feudaladel könne die Gewerbe retten, gehört in den Narre nthurm. (Stürmischer Beifall.) Für die Gewerbe gibt es nichts Blöderes als mit zu wirken, um die Juden anszutreiben. Schuhmachermeister E ck e l h a r d t: Ich bin nicht für den Antisemitismus, ich bin für die wahre Freiheit. Es ist ein B l ö d s i n n, daß, wenn man heute in ein Geschäft tritt, man zuerst nach dem Glaubensbekenntnisse des Geschäftsmannes forscht; wir brauchen Arbeit. (Großer Beifall.) Es ist höchste Zeit, daß die Gewerbetreibenden sich a u f r a f f e n. Ich empfehle Ihnen, die geeigneten Männer zur Errettung des Gewerbes wählen. Schuhmachermeister L a c r n a : Ich candidire als Demokrat und trete der ärgsten Reaktion, die wir noch i n W i e n e rlebten, entgegen. Leider haben die Liberalen der Reaction zu vi.l Concessionen gemacht, sind ihr nicht energisch genug entgegengetreten. Auf Kosten der Gesammtwähler darf kein Stand bevorzugt werden (Bravo!), ich erkenne jeden Menschen als Menschen, ist er ehrlich, dann muß er anständig behandelt werden, Cvnftssion und Noce kümmern mich nicht. In der Gemeindeverwaltung wurde bisher zu viel Luxus getrieben. Die Antiliberalen versuchen Unterbrechungen. L a c i n a: Mich genirt das nicht. Die Antisemiten wollen die Gew e'r betreiben den nicht glücklich machen, sondern durch sie glücklich gemacht werden. (Allgemeiner Beifall und Rufe: Sehr gut!) Dann werden auf Kosten der Gewerbetreibenden die Lehrer und Beamten gefangen. An die erwerbsunfähigen Gewerbetreibenden denken die Herren nicht. Mit Lockspeisen lassen wir uns nichtmehr ködern. (Bravo-Rufe.) Der A n t i s e m i t i s m u s i st e i n Schaden des Gewerbestandes, die Bevölkerung hat er verhetzt, die Aristokraten buhlen uni die Gunst der G.ewerbetreibenden. die Waaren aber k a u s e n sie in London, i m A u s l a n d e. (Stürmischer Beifall.) Pfui über den Liechtenstein! Wer hat die Paläste des Aoels gebaut? Das Volk, die Aristokraten haben nicht einen Ziegelstein herbngetragen. Diese Leute werden uns nie helfen. Je mehr sich d i e B ü r g e r st r e i t e n, desto mehr werden sie bedrückt, das Volk kann sich nur dann selbst Helsen, wenn es einig ist. (Brausender Beifall.) In später Nachtstunde fand die Versammlung ihr Ende. E. B. Wien. (Arische Dankbarkeit.) Die bekannte Großindustriellen-Firma Hermann Polkak's Söhne in Wien, welche schon früher in Böhmisch-Trübau eine deutsche Schule gründete, hat sich auch bereit erklärt, die dortige böhmische Bürgerschule mit einem Kostenbeträge von über ff. 4000 neu einzurichten. Dafür wird diese Firma von den antisemitischen

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