Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 658 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 36 zu erheben. Dieses Vorgehen soll zur Erfindung der Wechsel geführt haben. Da die Juden zu wiederholt nmalen aus Frankreich vertrieben wurden — unter PhilippAugust im Jahre 1181, unter Philipp dem Schönen 1306 — so lautet die Nachricht schon in chronologischer Rücksicht zu unbestimmt, um auf geschichtliche Glaubwürdigkeit Anspruch zu machen. Nichtsdestoweniger hat ihr Montesquieu Glauben geschenkt, und ist sie noch in neuester Zeit in jüdischen Zeitschriften wiederholt worden. Aber selbst Diejenigen, welche den Juden die Erfindung des Wechsels absprechen, haben es unterlaffen, sich auf die jüdische Literatur zu berufen. Und doch ist es gerade aus dieser Quelle klar zu ersehen, baß es eine reine Erfindung ist. die den Juden die Erfindung der Wechsel zuschreibt. Wären die Wechsel zuerst von Juden ausgegangen, so hätten sie in der mittelalterlichen jüdischen Rechtsliteratur, namentlich in den zahlreichen Gutachten, Erwähnung gefunden. Nun sind es Rabbiner des sechzehnten Jahrhunderts, wie Mose di Trani, Samuel di Medina. Isaak Adarbi, Samuel Chajjun und Andere, die zuerst der Wechsel gedenken. In ihren Schriften werden die Wechsel mit dem italienischen Namen teitere di cambio bezeichnet und mit Ausdrücken übersetzt, die dem jüdischen Schriftthum des Mittelalters fremd sind, weil ihm auch die bezeichnete Sprache fremd war. Die Uebersetzung beweist, daß die Juden den Gebrauch der Wechsel von den Italienern gelernt haben. Der lebhafte Verkehr Venedigs mit dem Oriente gab auch den orientalischen Juden Gelegenheit genug, die lettere di cambio kennen und gebrauchen zu lernen. Gin Ausflug nach Sinai. Don Alb. Friedenthal. Suez, am Südende des weltenverbindenden Canals gelegen, ist hellte ein kleines Städtchen von lanm 10.000 Einwohnern. Sein Handel fällt kaum in Egypten ins Gewicht, geschweige denn auf orientalischen Weltmärkten. Das war früher anders, als noch kein Canal das Rothe mit dem Mittelmeer verband und ein Theil des Handels und Wandels von Europa nach Indien den Landweg über Alexandrien-Suez nehmen mußte, und dann besonders als der berühmte Durchstich ausgeführt wurde. Da wuchsen die Häuser wie die Pilze aus der Erde und aus dem noch immer unansehnlichen Dorschen wurde eine Stadt, von der man glaubte, daß sie Alexandrien in Bedeutung gleichkommen würde. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Als der Canal fertig war, da liefen die großen Schiffalle an Suez vorbei, die von Europa kamen, halten ihren Bedarf an Kohlen und sonstigen Dingen schon in Port Said, am Nordende des Canals, zu sich genommen und sahen nun Suez gleich mit dem Rücken an; die „von draußen" kommenden warteten in weiter Ferne vom Lande nur so lange, bis ein Flaggensignal ihncn die Ein- und Durchfahrt durch den Canal gestattete. So ist denn Suez schnell wieder zurückgegangen, immer mehr überflügelt von dem mächtig emporstrebenden Port Said, einem der jüngsten und blühendsten Städtchen der Gegenwart. Suez selbst, mit seinen vielen verlassenen Häusern, seinem Sand, Staub, seinen Wüstenwinden und seiner mäßig malerischen Lage bietet wenig Anziehungspunkte für den Fremden; es sei denn, daß ein altes Haus, in dem der große Cvrse einst gewohnt haben soll, auf Jemand eine solche Anziehung ausübt. Interessant aber wird es wegen des nahen Port Tewsik und vor Allem wegen der gegenüberliegenden Halbinsel Sinai. Auf di-ser befinden sich, in wenigen Stunden von Suez zu erreichen, die durch die biblische Ueberlieferung geheiligten Mosesquellen. Eines Morgens brachen wir von Suez auf. Herr de Wilton Bey, Zolldirector und eine der beliebtesten Persönlichkeiten des Ortes, war Veranstalter der Fahrt und Führer des kleinen Dampfbootes, das uns nach Sinai tragen sollte. Port Tewsik galt als unser nächstes Ziel. So heißt die bis weit ins Meer hinausragende Landzunge, auf der sich hauptsächlich die officiellen und privaten Gebäude der Canalgesellschaft befinden. In den Bureaus des Hauptgebäudes leigte man uns mit großer Bereitwilligkeit eine Art Miniaturpanorama des Canals, in dem kleine, geflaggte Holzschiffchen, deren Stellung in kurzen Intervallen, je nach Meldung des Telegraphen, verändert wurde, die betreffenden Dampfer anzeigten, die sich gerade im Canal befanden. Die Fahrt der Dampfer wird im Uebrigen nicht von Suez, sondern von den in der Mitte des Canals gelegenen Jsmailia aus regulirt. Kein Dampfer darf schneller als fünf Seemeilen die Stunde fahren. Da sich ferner größere Schiffe wegen der Enge des Canals nie begegnen dürfen, so wird ihnen Zeit und Ort für ein Ausweichen in den zahlreichen seeartigen Erweiterungen des Canals genau vorgeschrieben. Nahe der Landungsbrücke von Port Tewsik und hart am Eingänge zum Canal nehmen wir mit Interesse das Denkmal wahr, das Ferdinand de Leffeps Dem kühnsten Pionnier für den Canalbau errichtet hat, dem Lieutenant Waghorn. Lauge noch bevor irgend Jemand an eine Durchstechung der Landenge dachte, bevor noch ein Dampfroß die Wüste durchschnaubte, hatte der junge Brite Waghorn einen Verkehr zwischen Indien, indem die damalige East-Jndia Company in höchster Blüthe stand, und dem Mutterlande über Egypten vermittelt. Auf waghalsigste Art und aus eigenen Mitteln unternahm er die strapaziösen Ritte zu Kameel durch die Wüste, durch wilde Beduinenhorden, dann in einer kleinen Barke das Rothe Meer durchschiffend, nach Aden und brachte so die Post der Heimat nach Indien und umgekehrt um viele Wochen, ja Monate schneller als die Schiffe, die erst um das Kap segeln mußten. Als er später seiner Regierung Vorschläge machte, wie diese Beförderung durch Anlage eines Canals praktischer auszuführen sei, wurde er verlacht, verkannt und starb schließlich arm und von allen Freunden verlassen in London 1860. Das Denkmal stellt eine einfache Büste dar, ein Antlitz von seltener männlicher Schönheit, an Lord Byron erinnernd. Das stattliche Postament trägt die Inschrift: Au Lieutenant Waghorn La Compagnie du Canal de Suez. Wir fuhren nun quer über das Rothe Meer. Eine Art schmaler Landzunge bildet an dieser Stelle dos rechte Ufer des Canals, an deren östlicher Seite sich das Meer Hinaufschlängelt, eine längliche, schmale Bucht bildend. Es waren geschichtlich geheiligte Wogen, die unser Damvfboot durchschnitt; nur hier kann es gewesen sein, wo die Juden ihren Zug durch das Rothe Meer unternommen halten. Durch die Bibel als ein Wunder dargestellt, durch alte egyptische Denkmäler und Papyrus vollauf als historisch bestätigt, hat dies Ereigniß bei skeptischen Gemüthern unseres Jahrhunderts doch so lange Unglauben erregt, bis in neuester Zeit wissenschaftliche Forschung die Möglichkeit des wunderbaren Vorganges außer Zweifel gestellt hat. Im Interesse der Sache iei eine kurze Recapitulation des Vorganges an der Hand der biblischen Ueberlieferung gestattet. Das viel geplagte Volk Israel hatte sich verschworen, plötzlich die Frohndienste, die es während 400 Jahre hat verrichten müssen, auszusetzen. Diese Verschwörung muß jo geheim stattgefunden haben, daß Ramses II. nicht Zeit fand, dem ausbrechenden Aufstand zu begegnen. (Was sind unsere heutigen größten Arbeitsausstände gegenüber diesen Ausstand von 600.000 Personen in grauester Vorzeit?!) Auf einen Kampf konnte sich das unbewaffnete und begreiflicher Weise geschwächte Volk nicht einlassen; daher beschloß Moses, mit ihm aus Egypten zu fliehen. Die ersten Fluchtversuche müssen in der Gegend des heutigen, etwa mittleren Suezcanals stattgcfunden haben. Da aber stießen sie auf Befestigungen, die ihnen den Weg versperrten. So führte sie denn Moses — ob m Berzwe.flung oder in bestimmter Absicht, wird nie erhellt werden an das Rothe Meer, oder genauer, an die obenerwähnte schmale Einbuchtung, die nördlichen Zipfel des Rothen Meeres. „Und siehe da," erzählt die Bibel, „das Meer trat auseinande»' und bildete Wälle zu jeder Seite, und trockenen Fußes konnte das Volk Israel hindurchziehen." Wissenschaftlich läßt sich der räthselhaft erscheinende Vorgang etwa folgendermaßen erklären: Bis in die neueste Zeit hat man beobachtet, daß das Rothe Meer zu Zeiten gewaltig und plötzlich zurücktritt, vielleicht im Zusammenhang mit einer Springflut!) ut einer anderen, weit entfernten Stelle. Auch vulcanische Vorgänge in einem fernen Welttheil sind im Stande, ein solches Ereigniß hervorzubringen. Beispielsweise hat man zur Zeit des Ausbruchs des Krakatau im Jahre 1883, als im -ause weniger Minuten Länder von der Größe von Provinzen in's Meer sanken und Tausende von Menschen untergingen, an der entgegengesetzten Seite des indischen Oceans, in Madagaskar und an der afrikanischen Ostküste, also in einer Entfernung von 3—4000 Meilen verheerend wirkende Springwellen von enormer Höhe beobachtet. Wenn auf diese Weise das Meer fortgerissen, gewissermaßen ausgehöhlt wird, so muß sich die sich entleerende Stelle sofort wieder durch Zufluß von einem höher gelegenen, also flacheren Meerestheil ausfüllen. Als ein solcher Meerestheil erscheint das Rothe Meer, das überdies bis zum Durchstich des Canals selbst keine Zuflüsse besaß. Wieder kleinere und für sich noch höher gelegene Theile, wie die erwähnte schmale Meeresbucht, müssen sich dann im kritischen Moment ihrer ganzen Wasserdecke entäußern. Sobald nun in dem größeren Meere wieder normale Verhältnisse eintreten, was natürlich in kürzester Zeit geschehen kann, reguliren sich auch die Verhältnisse in den einzelnen Golfen und Buchten. So wäre es olso zu erklären, daß, als Ramses' bewaffnete Heerschaaren dem Volk der Juden nachsetzten, „das Meer wieder zurück trat und Roß und Reiter verschlang, so daß von ihnen auch nicht einer gerettet ward." Die „Walle" aber, und daß die ^zuden „trockenen Fußes" durch das sich ihnen öffnende Meer zogen, wird man sich leicht als legendäre Hyperbel, dem überquellenden Glücksgesiihl der Juden entspringend, zu erklären wissen. Gewiß dürfte das Meer zu ihrer Rechteil einen sich aufthürmenden nach Süden fortbrausenden -'"all gebildet haben; zur Linken aber dürften nur zurückgebliebene Wafferlachen gelegen haben. Wie verheerend das Meer ans den nachsetzenden Feind, und wie bestürzend die Nachricht davon auf das egyptische Volk gewirkt haben muß, geht daraus hervor, daß gar keine Anstrengungen gemacht wurden, den fliehenden Juden nachzusetzen, was gewiß mit leichter Mühe und auf unbedeutenden Umwegen hätte geschehen können. Einer Wiederholung des phänomenalen Ereignisses ist in Folge des Durchstiches des Canals für alle Zeiten ein Ende gesetzt; seitdem haben schon Ebbe und Fluth im Rothen Meere