Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021098--04864-3029072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 36 Dr Vloch's WochenschrifZ. Seite 657 Ein Idyll aus judenreiner Zeit. Die nachfolgenden zwei Pröbchen altvenezianischer Staatskunst aus dem 15. Jahrhundert dürfen wohl gewiß sein, die Aufmerksamkeit jedes Lesers auf sich zu ziehen. Wir entnehmen diese Schilderung aus judenreiner Zeit und aus judenfreiem Lande dem „Ausland" (1829. S. 137 f.): „Aus den geheimsten Protokollen des Zehner-Rathes und der Staatsinquisition (secreta secretissima consilii decem Liber A. A.) „Im Jahre 1544 am 4. des Monats Jänner. — Im Rath der Zehner und in Gegenwart der Häupter und der Weisen von beider Hand (von der Stadt und von der Terraferma) wurde vorgelesen nachfolgender Antrag, nämlich: — Unterm 15. December 1513 bot der Bruder Johannes von Ragusa. des Ordens der mindern Brüder, verschiedne Gifte an, gegen wen man immer davon Gebrauch machen wollte? (Die Recepte liegen dem geheimen Protokolle bei.) Der Minorite, Bruder Johann von Ragusa, kam zu den erlauchten Herren Häuptern, nämlich zu Hieronymus Duodo und zu Peter Querin, und erbot sich durch gewisse Künste: Jeden, den man wollte, aus dem Wege zu räumen, und er verlangt nach der ersten Probe 1500 Ducaten jährliche Provision auf Lebenslang, die sollen ihm baar ausgezahlt werden, wenn er jenen ersten Versuch glücklich vollbringe. Wollten die erlauchten Herren seine Kunst noch fernerhin gebrauchen, so müßten sie ihn jedesmal etwas an der Provision erhöhen, worüber sie schon insbesondere Übereinkommen würden. Die hohen Häupter sind alsdann nach gehaltener Berathschlagung mit allen Weisen beiderlei Hand und mit Einwilligung des durchlauchtigsten Herzogs übereingekommen und haben zu ihm gesagt: Wenn er durch die That bewähre, was er versprochen, sie ihm auch leisten und halten werden, was er verlangt und oben geschrieben steht. Und so wurde alsdann der förmliche Rathschluß gefaßt von allen Häuptern und Räthen, außer D. Andreas Trevisano. Ritter: „Daß die gemachte Verheißung von dem hohen Rath vollkommen genemigt seh, und ihm aufgetragen werde, hinzugehen und seinen ersten Versuch sogleich an der Person des Kaisers*) zu machen." Abgestimmt haben dafür 16. dawider 6, gar nicht 0. — Außer der Pforte des hohen Raths wurde noch die außerordentliche Credenz anbefohlen mit dem Eide: „Daß von allem dem, was hier vorgegangen, weder durch Schrift, Worte, noch Winke das Mindeste geäußert werde, daß keiner mit dem Andern davon spreche; eben so wenig mit jenen, welche dieser Berathung nicht beigewohnt haben, obgleich sie das Recht gehabt hätten, dabei zugegen zu seyn". Der durchlauchtigste Herzog. (Leonhard Loredan.) Häupter: Ritter Zacharias Gabrielli. Paul Anton Emiliani. Alois Grimani. Georg Pisani. Andreas Trevisano. Markus Georg. Hieronymus Tiepolo. Stephan Contarini. Niklas Donato von den Zehnen. Christoph Mauro. Alois Molino. Georg Cornelio. Zacharias Delfino. Franz Bragadin. Franz Foscari. Weise des hohen Rathes. Ritter Johann Trevisano. Anton Condulmer. Ritter Foscarini. Alois Prinli. Bartolo de Musto. Weise der Terraferma. Ritter Dominik Benedetti. Markus de Molino. Lozenz Pirola. Peter Omirie. Hieronymus Duodo. Johann Capello. Der Herr Kanzler Caspar von Bidua. Nikolaus Aurelius. Albert Thesaldino. Johann Baptist Hadrian. Sohin verlangte der Bruder Johann von Ragusa nochmals vor den hohen Rath gelassen zu werden, und erbot sich dann folgendermaßen: „Braucht man mich, den Großsultan aus dem Wege zu räumen, so verlange ich dafür 500 Ducaten." „Sendet man mich gegen den Markgrafen von Mantua, in Allem 50 Ducaten". „Für den König von Spanien verlange ich Unkosten und Belohnung 150 Ducaten in Allem." „Braucht man mich gegen den h e i l i g e n V a t e r, so kostet es 100 Ducaten in Allem." *) Gemeint ist Kaiser Marimilian I. (gest. 1519!, der „letzte Ritter". D. Red. „Für den H e r z o g v o n M a y l a n d in Allem nicht mehr als 60 Ducaten." Ueberhaupt je weiter die Reise geht und je mehr der Mann, dem es gelten soll, der Mühe und Pflege werth ist, die man sich um ihn gibt, desto schwerer fällt er auch ins Geld. Vom Jahre 1526 liegt in den secretis secretissimis consilii decem eine ähnliche Berathung, sich des Connetable von Bourbon zu entledigen, was auch dieser Bruder Johann von Ragusa übernahm, aber nicht vollbringen konnte. Die Geschichte nennt uns zwar an 11 Bergiftungsversuche auf Maximilian, die seine starke Natur und gewohnte Gegengifte fruchtlos machten, der Name des Bruders Johann kommt aber dabei nirgends vor. Allein damit war das Rüsthaus der furchtbaren geheimen Waffen, welche die Staatsinquisition niemals verschmähte, ebensowenig erschöpft, als der Erfindungsgeist des Bruders Hans von Ragusa (wahrlich eines Klosterbruders von seltener Art!). — Er trat zugleich gegen gute Bestallung von Seite der Signoria an die Spitze einer zahlreichen Bande von Mordbrennern, welche Wien und das ganze Land Oesterreich, auch Bayern, durch immerwährende Feuerbrünste und Räubereien in unaufhörliche Angst, Noth und Schrecken fetzten, und diese Mordbrennerei in allen österreichischen Landen fortsetzen sollten, nur nicht in Etschland oder Südtirol, um sich nicht selbst den Kriegsschauplatz zu verderben, auszuöden und zu entvölkern. — Diese schändliche Rotte bestand aus allem herrenlosen Gesindel von ganz Europa, vorzüglich Schotten und Engländern, auch vielen Schweizern, aus Ueberresten der von Mathias Corvin endlich gedemüthigten und meist zusammengehauenen oder Hingerichteten „schwarzen Banden", die in allen europäischen Kriegen eine so bedeutende Rolle gespielt hatten, aus Ueberresten jener Räuberhorden, die unter Friedrich IV. einen förmlichen Feudalstaat in Oesterreich gebildet hatten, und von denen eben dieser Kaiser den Frieden erkaufte. — Abgedankte Officiere waren an ihrer Spitze, auch ein Paar welsche Dominikaner und Barfüßer und ein Geistlicher aus Graubündten; die noch vom letzten Schwabenkriege 1499 ber dem Kaiser, den Tirolern und Sc! waben (sollte inter accolas odio) besonders aufsässigen Engadiner spielten unter dieser gräulichen Bande eine vorzügliche Rolle. Russisches. Bei dem Gouverneur Generals. in 9t. wirdTheege^ trunken. Einer der Anwesenden bemerkt, daß die Milch sehr gut fei und erkundigt sich bei der Gattin des Gastgebers, wo sie die Milch beziehe. Die Wirthill antwortet, daß ihr die Milch eine Jüdin bringe. — „Wie?! Eine Jüdin bringt uns die Milch? Sie darf uns keine Milch bringen!", sagte zornig der Wirth und warf die volle Milchkanne zu Boden. Des anderen Tages wurde natürlich der Jüdin gesagt, daß sie keine Milch mehr bringen soll. Ein paar Tage vergehen, und der Gouverneur constatirt die Thatsache. daß die Milch nutzt wehr gut sei, so daß er vor der Gattin den Wunsch äußert, daß wieder dieselbe Jüdin die Milch bringen solle. Es stellte sich aber heraus, das; Niemand von der Dienerschaft die Adresse dieser abgewiesenen Milchfrau wußte. Der General telephouirt sofort, etwa um 9 Uhr Abends, dem Polizeimeister: „Man suche die jüdische Milchfrau auf, die so und so aussieht, und führe sie sofort zu mir!" Der Polizeimeifter übergab seinerseits den Befehl des Gouverneurs den sämmtlichen Schutzleuten; die ganze Polizei ist auf den Beinen; jeder der Polizeibeamten gibt sich alle Mühe, die „Verbrechern:" zu finden, die sofort vor Seiner Excellenz erscheinen muß. Tie ganze Borstadt, wo eie Arbeiter wohnen, brachte man in Aufruhr, bis es einem „Glücksvogel", einem Polizeirevier-Aufseher, endlich gelang, die Jüdin zu emdecken. Da es bereits gegen 1 Uhr Nachts war, sperrte man das „arme Weib" in's Gefängniß, und um 9 Uhr Früh führten der Polizeimeister, Polizeirevier-Aufseher und zwei Schutzmänner die „Berbrecherin" dem Gouverneur vor. Nun begann folgender Dialog: „Hast Du mir früher 9Nilch gebracht?" — „Jawohl, Euer Excellenz!" — „Fahre fort, mir auch fernerhin Milch zu bringen!" — „Bei mir crepnte die Kuh. Euer Excellenz, ich habe keine Milch mehr." — „Da hast Du 100 Rubel, kauf' Dir eine Kuh und bringe Milch." Begreiflicherweise rissen die Polizeibeamten den Mund vor Erstaunen auf und sahen einander verdutzt an. Wer hat den „Wechsel" erfunden? Ueber diese gewiß interessante Frage schreibt Leopold L ö w in den Beiträgen zur jüdischen Alterthumskunde 1. B , 2. £., pag. 85: Schriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts, wie Blaivac, Marberger und Savary, denen Schndt folgt, führen diese Erfindung auf die Juden zurück. Aus Frankreich, so heißt es, vertrieben, sahen sich die Juden genölhigt, ihr Vermögen daselbst in den Händen ihrer Freunde zurücklaffen. Um dasselbe aus Frankreich zu ziehen, schrieben sie Anweisungen, die reisende Kaufleute an Ort und Stelle ab gaben, um die bezügliche Summe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.