Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 655 Liechtenstein'schen Preßhusaren bekommen will, lese einmal den Bericht über die liberale Vertrauensmänner-Versammlung, welche am 29. August in der Brigittenau stattgefunden hat. Leider muß die traurige Thatsache constatirt werden, daß es noch immer Glaubensgenossen gibt, welche, von maßlosem und übel angebrachtem Ehrgeiz getrieben, der antisemitischen Hetzbande in die Hände arbeiten. In der erwähnten Versammlung trat ein junger Arzt, Namens Dr. Schreiber, dem vom liberalen Bezirkswahlcomite nominirten officiellen Candidaten Dr. Rose n t h a l, einem Manne, der seit zwei Decennien im Dienste der Humanität sich die größte Achtung und Werthschätzung der Brigittenauer Bevölkerung, der christlichen sowohl wie der jüdischen, erworben hat, als Gegencandidat gegenüber und verstieg sich zu einer für einen Collegen und akademisch gebildeten Mann geradezu unerhörten Handlung. Dr. Schreiber sagte in öffentlicher Versammlung, daß Dr. Rosenthal bei der Brigittenauer Bevölkerung nicht beliebt sei und deren Vertrauen nicht genieße. In der Versammlung erhob sich über diesen jämmerlichen Versuch, einen ärztlichen Collegen zu disqualificiren, ein Sturm der Entrüstung, und Dr. Schreiber sah sich gezwungen, schleunigst den Rückzug anzutreten. Der Obmann der „Christlichen Familie" wegen — Diebstahls verurtheilt. Ein enragirter Agitator der antisemitischen Partei, der Obmann der „Christlich en Fam i l i e", Anton L a s n i tz k a, der zugleich mehrfacher Hausbesitzer ist, stand unlängst vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Hernals, Landesgerichts-Adjuncten R. v. Czerny, unter Anklage des Diebstahls. Die von dem staatsanwaltschaftlichen Functionär Dr. Skoda vertretene Anklage beruht auf Angaben, die der Sohn des Hernalser Polizei-Jnspectors Alois Prtnik der Polizei gemacht hatte und welche dahin lauten, Anton Lasnitzka habe am 16. Juli d. I. von der Steinergasse in Hernals dreizehn Pflastersteine, die der CommuneWien gehören, in den Hofraum seines Hauses fortgetragen, wobei ihm einer seiner Lehrburschen behilflich war. Die Commune erlitt jedoch keinen Schaden, weil die Pflastersteine zwei Tage nach erstatteter Anzeige über Reclamation des städtischen Ingenieurs Wilhelm V o i t in's Eigenthum der Commune zurückgestellt wurden. Der Angeklagte bestritt zwar, die Steine selbst von der Straße fortgeschafft zu haben, gab jedoch zu, denLehrling beauftragt zu haben, zwölf Pflastersteine von der Straße in den Hofraum seines Hauses zu schaffen, wozu ihm jedoch ein Mann, den er nicht näher kenne, die Erlaubniß ertheilt habe. Diesen Mann, bemerkte der Angeklagte, habe er nach seinem Aeußern für einen Polier oder für einen Pflasterermeister halten können. Der Richter erkannte den Angeklagten Anton Lasnitzka der Uebertretung des Diebstahls schuldig und verurtheilte ihn zu drei Tagen Arrests. Der Richter hob in der Begründung des Urtheils hervor, er habe von der Verhängung einer Geldstrafe Umgang genommen, da er nicht an reiche Leute einen Freibrief ertheilen wolle. Der Verurtheilte meldete puncto Schuld, der staatsanwaltschaftliche Functionär gegen das Strafausmaß die Berufung an. „Kauft nur bei Christen — aber stehlt wo ihr könnt!" Man kennt aus wiederholten Mittheilungen unseres Blattes die Tendenzen des Vereines „christliche Familie" eines Schoßkindes der Herren L i e ch t e n st e i n, Dr. P a t t a i und Dr. L a t s ch k a. Die „christliche Familie" hat den ausschließlichen Zweck, die Existenz der jüdischen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden zu untergraben. In großen öffentlichen Hetzversammlungen sind alle jüdischen Kaufleute beschimpft und verunglimpft, als Betrüger und Diebe hingestellt worden, welche sich durch unreellen Profit bereichern. „Kauft nur bei Christen!" ist die Devise des Vereines — „Aber stehlt wo ihr könnt!" kann man nach den praktischen Aeußerungen der antisemitischen Moral hinzufügen. Der Obmann des Vereines „Christliche Familie", der mehrfach verstockte Hauseigenthümer Anton Lasnitzka, stand am 29. v. M. vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Hernals unter der Anklage des Diebstahls. Dieser brave Retter des christlichen Volkes hatte eine Anzahl von — Pflastersteinen gestohlen, welche Eigenthum der Commune Wien waren, um mit denselben sein Rinnsal auspflastern zu lassen. Der fromme Pater Latschka, der geistliche Patron der „Christlichen Familie" mag an dieser ebenso christlichen als familiären Anwendung seiner goldenen Lehren seine helle Freude haben. Mit prädicatorischen Angriffen auf das Eigenthum der Juden fängt man an und mit thatsächlichen Angriffen auf das öffentliche Eigenthum hört man auf. Herr Lasnitzka hat seine Feuerprobe als antisemitischer Führer bestanden und kann bereits demnächst Gemeinderath, wenn nicht gar Reichsrathsabgeordneter werden. Die drei Tage A rr e st, die ihm wegen gemeinen Diebstahl zuerkannt wurden, werden sein Ansehen in den Reihen der antisemitischen Partei wesentlich stärken. Arischer Ordensschwindel. Aus Constantinopel erhalten wir von befreundeter Seite das Original eines Circulars, welches ein Herr I. Müller, Wien V., an zahlreiche im Orient lebenden Persönlichkeiten von Rang und Stand verschickt. Es genügt die Wiedergabe dieses Circulärs in vollem Wortlaut, um zu zeigen, wie sehr gewisse arische Ehrenmänner auf die in der arischen Gesellschaft herrschende sittliche Verwahrlosung speeuliren. Dies Circulär lautet: I. Müller, Wien, V., Postfach. EuerWohlgeboren! Hierdurch frage höflichst an, ob sie geneigt wären, mit mir in Geschäftsverbindung zu treten. Durch meine Stellung habe ich Connaiffancen in den höchsten Gesellschaftskreisen und werde mit sehr vielem Vertrauen beehrt. Ihre Aufgabe wäre eine sehr leichte, denn Sie hätten nur nach solchen Persönlichkeiten Umschau zu halten, die ich Ihnen bezeichne, und mir dieselben namhaft zu machen. Jeder Fall, der zu dem beabsichtigten Erfolge führt, wirft Ihnen ein Honorar von fl. 1000 ö. W. ab, zahlbar am Tage nach Erfolg. Je öfter ich durch Ihre derartige Thätigkeit einen Erfolg erziele, desto öfter wiederholt sich auch das Honorar. Nachfolgend die Details: Zu ermitteln wären reiche Persönlichkeiten, die geneigt wären, gegen eine pecuniäre Leistung den Adelsstand, Barontitel rc. dadurch zu erwerben, daß sie sich adoptiren lassen. Ferner wäre zu ermitteln, eine ältere, reiche, alleinstehende Persönlichkeit, die vielleicht ihren Namen nicht aussterben lassen möchte. Diese könnte eine junge Fürstin, Schwester eines Herzogs, adoptiren oder deren Gemahl, den Fürsten, wodurch der Name des Adoptirenden dem Fürstentitel angehängt werden würde. Endlich ist zu ermitteln eine junge, reiche Dame, illegitimer Geburt, oder die in irgend welcher Situation befindlich, gezwungen wäre, sich schnell zu verheiraten. Ein Aristokrat, 30 Jahre alt, würde um sie werben. Derselbe ist adelig. Falls Sie auf meinen Vorschlag einzugehen nicht in der Lage sind, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie einer anderen, geeigneten Persönlichkeit dies übergeben würden. Hochachtungsvoll I. Müller. Mechaniker Schneider und die Czechen. In der am 21. d. M. in H o l u b's Gasthaus im XIV. Bezirke abgehaltenen czechischen Wählerversammlung hatte der uneingeladen anwesende Mechaniker Ernst Schneider eine so gründliche Abfertigung erfahren, daß er mitten in seiner Rede abbrach und davonlief. Schneider suchte die erlittene Niederlage in gewohnter Weise dadurch wettzumachen, daß er dieselbe in Versammlungen seiner Anhänger einfach weglog und überdies die Mitglieder des czechischen Wahlcomites, welche er in der Rudolfsheimer Versammlung als „durchaus ehrenwerthe Herren" apostrophirt hatte, bezahlte Lumpen nannte. Diese Umstände veranlaßten das czechische Central-Wahlcomite, für vorgestern Abends in Rich te r's Gasthaus am Rennweg eine Vollversammlung einzuberufen, in welcher über die Abwehr der Schneiderffchen Entstellungen und Beschimpfungen berathen wurde. Ein Antrag, gegen Schneider die Collectiv-Ehrenb e l e i d i g u n g s kl ag e einzubringen» wurde von der Mehrzahl der Mitglieder abgelehnt mit der Motivirung, daß sieeiner Körpers ch a ft, w elche gegen die Angriffe desMechanikers Schneider einer g e r i cht l i chen R eh abi lit iru n g zu bedürfen glaube, keinen Augenblick länger angehören könnten. Redacteur Cinert verwies diesbezüglich auf das Verhalten der deutschen Bevölkerung Wiens. Vom letzten jüdischen Hausirer bis hinauf zum Erzbischof und hochgestellten Beamten gebe es nur mehr wenig honette Leute, welche Schneider noch nicht mit Koth beworfen habe, und es sei bereits Anstandspflicht geworden, auf die Angriffe dieses Menschen so wenig zu reagiren, wie etwa auf die i Schmähungen eines ausgelassenen Schusterbuben. (Beifall.) Man möge keine Klage einbringen, sondern sich auf die Veröffentlichung einer Erklärung beschränken. Nachdem das Zentral-Wahlcomitö diesen Antrag acceptirte, wurde folgende Erklärung angenommen: