Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021098--04861-3029069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 654 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 36 einen schmalen Raum concentrirt ist, ist geradezu erstaunlich. Die Bedingungen jedoch, mrter welchen sie ausgeübt wird, können der Gemeinschaft unmöglich gleichgiltig sein. Diese Bedingungen, das ist als feststehend anzunehmen, sind sehr weit davon entfernt, zufriedenstellende zu sein und die Interessen dieser ungeheueren Armee von fremden Schneidern bedürfen einer dringenden Verbesserung. Männer, Weiber und Kinder „schwitzen" arbeitend in engen, überfüllten Zimmern Stundentage von unbestimmbarer Länge hindurch und opfern ihre Sabbathruhe. Und sie thun dies für Löhne, welche, die stille und hohe Saison zusammengerechnet, selten ein Pfund per Woche überschreiten. Die durchschnittlichen Löhne der Mehrzahl der erwachsenen Schneider, betragen ungefähr 12 Shilling die Woche, und die der Mädchen 5 oder 6 Shilling. Mädchen, welche zu Hause bei ihren Eltern leben, können gewiß mit dieser Summe existiren. Aber die Eltern selbst, welche Familien zu erhalten haben, können sich unmöglich mit zwölf Shilling die Woche durchbringen und sind demzufolge genöthigt, die Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen, um ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Ein großer Theil unserer Mildthätigkeit ist th atsächlich eine Ergänzung der unzureichenden Löhne. Es wird sich immer eine große Anzahl Leute finden, welche durch Krankheit oder anderweitiges Mißgeschick die Reihen der industriellen Arbeiter verlassen müssen und mildthätigen Beistandes bedürfen, aber daß man fähigen rüstigen Arbeitern und Arbeiterinnen zu Hilfe kommen muß, die vierzehn, fünfzehn und sechzehn Stunden auf einem Sitz sich schinden und bevor noch ihre Gesundheit niedergebrochen ist unter der Plackerei, was unausbleiblich früher oder später der Fall sein muß — das ist ein Uebel, welches um Abhilfe zum Himmel schreit! Solche mit Regelmäßigkeit durch längere Zeit fortgesetzte Hilfeleistung, welche körperlich rüstigen Individuen zu Gute kommt, ist nicht mehr Wohlthat sondern eine demoralisirende Handlung der schlimmsten Art nicht blos eine Beleidigung des Unterstützten, sondern der arbeitenden Classe im Allgemeinen. Es kann blos von Nutzen sein, zeitweilig denjenigen zu Helsen, welche gegen ausnahmsweise Schwierigkeiten ankämpfen, bis sie zur Fähigkeit der Selbsterhaltung gelangen. Es liegt einzig im Interesse unserer Wohlthätigkeitsanstalten, solche Uebelstände abzustellen. Die Wohlfahrt der Gemeinschaft ist damit andererseits verknüpft. Der Nothschrei nach Beschränkung der Fremden-Einwanderung nimmt Tag um Tag an Kraft und Ausdehnung zu. Wie unverständig er ist — selbst von dem Gesichtspunkte der englischen Arbeit aus — haben wir wiederholt gezeigt. Aber er ist da, und so lange ein großer Theil der Bevölkerung gezwungen ist, zu „Schwitzpreisen" zu frohnen, so lange werden die Advocaten der Beschränkung ein Argument zur Hand haben. Daß die einzelnen Industrien, in welchen eingewanderte Juden beschäftigt sind, kaum mit einheimischer englischer Arbeit concurriren, da sie fremden neuartigen Ursprunges sind;— daß unter allen Umständen billige ftemde Arbeitden englischenMarft in diesen Industrien verdrängen würde, wenn schon nicht in England, so doch auf dem Continent; — sie doch aber, wenn auf englischem Boden heimisch, auf die vielfältigste Weise dem englischen Gemeinwesen zum Vortheil gereicht; — dies alles sind Thatsachen, welche die Fremden-Gegner-Partei zu ignoriren beliebt. Wir können gar keine Entschuldigung für diese Agitation zugeben. Das Argument, daß fremde jüdische Arbeit die Preise der englischen Arbeit drückte, muß jedes Anscheins der Richtigkeit entbehren bei einer genaueren Betrachtung des „Schwitz-Systems". Die Bewegung dagegen sollte eine allgemeine sein. Welche Formen sollte sie anuehmen? Der erste Schritt ist, eine Organisation zu Stande zu bringen. Die Organisation sollte sich nicht auf diese Menschen beschränken, noch auf das Gewerbe oder die Race. Es gibt nur wenige kleine Vereinigungen in Ost-End — die unabhängige Union der Schneider und zwei oder drei andere deren wir in unseren Spalten Erwähnung gethan haben — aber diese Körperschaften umfassen kaum mehr als ein Sechstel der jüdischen Schneidergenossenschaft. Mehr noch, die speciell jüdischen Vereinigungen, an die man sich diesbezüglich gewendet hat, sind weder stark, noch einflußreich genug, noch genießen sie das allgemeine Vertrauen,. welches in Fragen der öffentlichen Interessen so unentbehrlich ist. Jeden Moment sind sie den dominirenden Gewalten des Anarchismus und der Unordnung ausgesetzt. Solch ein Ereigniß würde zu ihrem Untergang führen und außerdem alles Gute vernichten, das sie jemals in's Leben gerufen. Es ist eine Ahne Behauptung, zu verlangen, daß die Judenschaft als solche, die Regulirung eines Handwerks in Berathung ziehen sollte. Aber die Angelegenheit ist von äußerster Dringlichkeit. Es gibt unter uns thatkräftige und menschenfreundliche Persönlichkeiten, Männer, welche sich ausgezeichnet haben auf dem Gebiete der national-ökonomischen Probleme. Warum sollten nicht die nöthigen Maßregeln der Erleichterung organisirt werden können unter den Auspicien der jüdischen Gemeinschaft mit derjenigen äußeren Unterstützung, welche einige unserer christlichen Freunde uns angedeihen lassen wollen? Zu lange sind diese Arbeiter ihren eigenen Rathschlüssen überlassen gewesen. Es wäre überraschend, wenn sie im Gefühle der allgemeinen Vernachlässigung und unwissend, wohin sie sich um Hilfe und Rath wenden sollen, — nicht dem Blendwerk bösgesinnter Agitatoren zur Beute fallen sollten! Die Zeit ist nun herangerückt, wo dieser unleidliche Zustand der Dinge abgestellt werden muß. Der Einwand, daß in einigen Vierteln der Unterschied zwischen Capital und Arbeit deutlicher zum Bewußtsein gelangen wird und die Arbeiter mit ihren Lohnbedingungen werden unzufrieden gemacht werden, darf füglich außer Betracht kommen. Aber unsere Pflicht und unsere Wohlfahrt erheischen, daß wir nicht gestatten, daß die Norm der Lebensweise (stanäarä ot life) unter den fremden Juden unter die Anforderungen der modernen Civilisation herabsinke. Kein größerer Dienst kann dem Arbeiter geleistet werden — und durch den Arbeiter der ganzen Gemeinschaft — als ihn der Apathie der Bedürfnißlosigkeit zu entreißen, was ein ausgezeichneter, deutscher Nationalökonom treffend mit „Verdammte Bedürfnißlosigkeit" bezeichnet hat und in ihm eine „göttliche Unzufriedenheit" zu entzünden und anzufachen. Die besten Meister und Arbeiter würden die mächtigsten Verbündeten sein. In der Association der Schneidermeister befindet sich nur ungefähr ein Fünftel der beträchtlichen Zahl jüdischer Meister. Daher ist sie unbedeutend; die Meister sind mehr weniger auf die Gnade der Ladenbesitzer angewiesen, die sie in Nahrung setzen und ihnen allerlei Art unnöthiger und drückender Härten auferlegen. Die hauptsächliche Beschwerde der Meister des genannten Gewerbes ist die Sabbatharbeit. Gezwungen, beinahe müßig zu stehen zu Beginn der Woche, sind sie in unleidlicher Weise gedrängt in gewissen Zeiten des guten Geschäftsganges bis an deren Ende. Sie schrecken davor zurück, Sabbatharbeit zurückzuweisen aus Furcht, daß Andere sie ihnen wegschnappen könnten. Blos Organisation kann dem abhelfen. Die Meister hätten thatsächlich den Schlüssel zu ihrer Position in Händen, wenn sie ihn nur zu gebrauchen wüßten. Hier ist eine Aufgabe für erleuchtete, führende Männer unter uns. Sie mögen mit Meistern und Arbeitern fteundliche Vorberathungen pflegen. Die Organisation der jüdischen Arbeit auf einer angesehenen und gesunden Grundlage und unter den Auspicien der Gemeinschaft, sollte doch keine unmögliche Aufgabe bilden.. Vom Jahrmarkt des Lebens. Giftblüthe« der Wahlbewegung. Es sind wahre Orgien der Gemeinheit und Niedertracht, welche die antisemitischen Blätter während der gegenwärtigen Wahlbewegung feiern. Wer einen Begriff von der schmutzigen Phantai'e der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.