Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. (Zuidguid delirant reges, plectuntur Achivi. Im Uebrigen hatten wir auch und haben wir noch immer aus der Hand der Regierung die freilich langst reif gewordene, schon vom „clericalen" Cabinet Szäpary verheißene, doch durch die Exigenzen der höheren Politik mit der großen kirchenpolitischen Reform auf's Innigste verquickte Reception zu empfangen. Wie dem auch sei, die Haltung der Juden in der halbvergangenen Zeit ist wohl zu begreifen. Heute aber, wo die Civilehe und die Verstaatlichung der Matrikel glücklich unter Dach und Fach gebracht sind und wir, wenn wir für die Wahrung unserer Interessen sorgen, nicht mehr Gefahr laufen, der Waffengenossenschaft mit der clericalen Volkspartei bezichtigt zu werden, ist die Haltung unserer leitenden Kreise, die sich noch immer die größte Reserve auferlegen zu müssen glauben, auf keinerlei Weise zu rechtfertigen. Die Creirung der confessionellen Matrikel, die seit langer Zeit den Gegenstand der öffentlichen Discussion bildet, ist um keinen Schritt der Lösung zugeführt worden. Die ausschließliche Competenz der Rabbiner zur Schließung der Trauungen in ihren Bezirken, deren Unverletzlichkeit die Ministerialerlässe bisher verbürgt, ist fraglich geworden, die vis major, die früher zur Besetzung der erledigten Rabbinerposten und zur definitiven Anstellung der matrikelführenden Rabbiner bestand, ist geschwunden und von zuständiger Seite ist bisher keine einzige Verfügung erfolgt, um der zu gewärtigenden heillosen Zerrüttung zu begegnen. Wohl decretirte ein Erlaß des Cultus- Ministers de dato 10. Juli 1895 s. Z. 35.501. daß die Giltigkeit der auf die Matrikelführung und die Constituirung der Gemeinden Bezug habenden Ministerialerlässe 1924 ex 1895 und 1191 ex 1888 durch die Reformgesetze nicht tangirt wird, doch begnügte sich die officiöse Hermeneutik dies blos auf die Arrondirung der Rabbinatsbezirke zu beziehen. Um aus dem genannten Decret die Basis zur Lösung oberwähnter Fragen abzuleiten, dazu hat sich bisher die officiöse Jnterpretationskunst nicht verstiegen. Die pitoyable Verfassung unserer Organisation ist wahrhaftig niemals augenfälliger als in diesen kritischen Zeitläuften gewesen. Der einzige Lichtschimmer in dieser trübon Zeit ist die Propaganda, die von dem Budapester Blatte „Egyenlöseg" in überaus lobenswerthem Eifer für die Abhaltung einer großen Rabbinerversammlung betrieben wird. Uns gar überschwänglichen Hoffnungen bezüglich der Wirksamkeit der ersten ungarischen Rabbinerversammlung, falls sie thatsächlich zu Stande kommt, hingeben zu wollen, wäre freilich nicht gerathen. Denn abgesehen davon, daß sie mit einem kleinen Erbübel, mit einem Geburtsfehler behaftet sein wird, da sie bedauerlicherweise ein wenig verspätet ins Dasein tritt, indem sie erst Mitte October, also nach dem Jnslebentreten der Reformgesetze tagen wird, herrscht auch hinsichtlich des Actionsprogrammes noch keine vollständige Klarheit, so daß die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß der Nisus, das Lehrgebäude des Judenthums nach den rühmlichen Anleitungen der verewigten Breslauer, Leipziger und Augsburger Rabbinerversammlungen und Synoden umzumodeln, im Verlaufe der Verhandlungen zum Durchbruch gelangt. Hat ja ein sonst achtungswerthes Mitglied des ungarischen Rabbinerstandes allen Ernstes für den Aufschub des Rabbinertages aus keinem anderen Grunde plaidirt, als um vorerst durch einen einzuberufenden Congreß die Befugnisse der Rabbiner in dem Maße zu erweitern, daß sie nöthigenfalls auch gegen den Willen des Vorstandes einzelne Reformen in den Gemeinden durchführen können. Und doch kann das Project der Rabbinerversammlung nur mit Genugthuung begrüßt werden. Ein etwaiges Ansinnen, die altehrwürdigen, historischen Institutionen des Judenthums, mit dem Scheidewaffer, mit der ätzenden Lauge der Reform zu scheuern und zu modernisiren, wird voraussichtlich von der überwiegenden Mehrheit der ungarischen Rabbiner auf gebührende Weise abgefertigt werden. Die Roth derZeitheischtauf'sdringendste die Bereinigung derer, die zu Wächtern der Heiligthümer Zions bestellt wurden, auf daß sie mit begeisterter Hingebung die Schutzdämme gegen die Hochfluth des Radicalismus aufführen. Mag dann auch wilde, ungestüme Lust ob der neuen Aera der „Gewissens- und Religionsfreiheit" die große Menge durchtoben, wir blicken getrost in die Zukunft, da uns der Glaube beseelt und das Vertrauen, daß das viertausendjährige Judenthum, das ja schon andere Stürme gesehen, nicht berührt und erschlittert werden wird von den brandenden Wogen der Zeit. Nagy-Kikinda. Ende August 1895. Rabbiner Dr. M. R o s e n st e i n. Seite 653 Die jüdischen Schneider in London. Der nachstehende, an Gedanken und Anregungen reiche Aufsatz, den wir der englischen Zeitschrift „Ms Jewisli Chronicle“ entnehmen und in deutscher Ilebertraguug unseren Lesern hiermit vorlegen, bedarf nur weniger einleitender Worte. Den Antisemiten beliebt es von jeher, die Juden immer als schamlose Ausbeuter, als Prototyp rücksichtslosen Manchesterthums hinzustellen. Man ersehe, daß das Gegentheil hievon wahr ist — der weitaus größere Theil der Inden zählt zu den wirthschaftlich Schwachen, zu den wehrlosen Unterdrückten, zu denjenigen, aus denen eine Arbeitsleistung herausgepreßt wird, welche das Maß menschlicher Leistungsfähigkeit übersteigt. Die ihnen dagegen gebotene Entlohnung reicht jedoch lange nicht an das Existenzminimum hinan. Ferner verbreiten unsere Gegner mit besonderer Borliebe das Märchen, daß der Jude von Haus aus arbeitsscheu wäre und vor jeder körperlichen Anstrengung zurückschrecke. Wiederum ist das Gegentheil richtig! Vortreffliche Ideen entwickelt der Aufsatz über die zur Abhilfe der Uebelstünde vorgeschlagene radicale Maßregel des Einwanderungsverbotes. Ihre gänzliche Zwecklosigkeit wird uns ad ociilos demonstrirt. Es ergeben sich zahlreiche Analogien zwischen britischen und continentalen Verhältnissen, auf welche wir nicht besonders hinzuweisen brauchen. * , * Wir haben nun unsere versprochenen Studien über das „Schwitz-System" beendet, so weit sie das Schneidergewerbe in East-End und noch eine oder zwei verbündete Industrien betreffen. Wir haben sogar unsere Nachfragen bis westlich von Temple Bar ausgedehnt, wo eine ansehnliche Cotonie voll jüdischen Schneidern sich niedergelassen hat. Nun haben wir, bevor wir den Gegenstand verlassen, die Lehren aus den gesammelten Thatsachen zu ziehen. Nichts scheint klarer, als daß die Lage der 15.000 oder mehr Juden, welche in der . Schneiderindustrie thütig sin^,uns, der Gemeinschaft, eine gewisse Verantwortung auferlegt, die wir bis nun lässig genug erfüllt haben. Worin besteht nun diese Verantwortung? Nicht Almosen sind da zu spenden. Solche Verpflichtungen haben uns vollständig die Jewish Board of Guardians abgenommen und unsere übrigen ausgezeichneten Wohlthätigkeitsanstalten. Diese Verpflichtungen betreffen weder die Religion, noch die Erziehung. Die volkswirthschaftlichen Probleme, welche der gegenwärtige Zustand der Industrie geschaffen hat, erheischen die ernsteste Aufmerksamkeit seitens der fähigsten Köpfe. Da die Voraussetzungen der Gesellschaft ständigem Wechsel unterworfen sind, so ändern sich auch gleichermaßen die Fragen, welche die Gesellschaft zu erledigen berufen erscheint. Jede Generation findet besondere Schwierigkeiten vor, mit denen sie sich auseinanderznsetzen hat. Die gegenwärtige Zeit ist hauptsächlich eine Epoche der industriellen Probleme, welche zum Theil hervorgerufen werden durch das Aufgeben des alten Systems der Handwerkerschaft, an dessen Stelle das neue Fabrikensystem mit seiner billigen Arbeit und unendlichen Arbeitstheilung getreten ist.. Besondere industrielle Aenderungen haben innerhalb des jüdischen Gemeinwesens selbst platzgegriffen, über deren Folgen, obwohl sie nun seit 10 Jahren oder darüber wirksam sind, wir uns noch nicht völlig klar geworden sind. Das ganze hauptstädtische Gewerbe der Erzeugung von billigen Kleidern ist unbedingt in den Händen fremder Juden. Inclusive der Mützenmacher, Schuh- und Stiefelerzeuger, Pantoffelmacher und Kürschner haben wir mindestens 15.000 und vielleicht 20.000 unserer Glaubensgenossen von den unteren Elasten in diesen Bekleidungsindustrien beschäftigt. Die Mehrzahl derselben sind blos ein paar Jahre im Laude und bilden doch schon zusammen einen zahlreichen und wichtigen Bestandtheil der arbeitenden Elasten. Man muß gründlich vertraut sein mit den Verhältnissen West- Londons, um zu begreifen, w i e zahlreich und bedeutsam sie sind. In einigen Straßen ist beinahe jedes Haus — nein, jedes Zimmer jedes Hauses — diesen Beschäftigungen gewidmet. Die Summe der industriellen Thätigkeit, welche derart auf