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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 652 Nr. 36 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. seiner Jugend statt sie, wie die anderen Gymnasialcollegen, dem Spiel und der Unterhaltung, nur dem Talmud und der Bibel widmen muß; wer von den mannigfachen Opfern weiß, die sich der Rabbinatscandidat während seiner akademischen Studienzeit freiwillig auferlegt, vermag die Undankbarkeit zu ermessen, deren sich die Gemeinden ihren Seelsorgern gegenüber zu Schulden kommen lassen. Wer endlich scharf beobachten wollte, welch' hohe Ansprüche das nichtjüdische Publicum an das Exterieur und die Noblesse des Rabbiners, zumal in den Provinzstädten stellt und wie ein durch materielle Unzulänglichkeit eintretender Defect nachtheilig auf die Beurtheilung des vom Rabbiner repräsentirten Gemeinwesens rückwirkt, würde erkennen, wie unangebracht, ja wie verderblich diese hausbackene Sparsamkeit ist. Was uns gerade jetzt die Feder in die Hand gedrückt? Einige Concurse behufs Bestellung von Rabbinern, Lehrern und Cantoren sind es, die in jüngster Zeit erschienen sind und die ein zu grelles Licht auf die Zustände in unserem Gemeindeleben werfen, als daß sie nicht einer näheren Betrachtung sofort unterzogen werden sollten. Da wird in irgend einer kroatischen Gemeinde ein Rabbiner gesucht, der außer den Fachstudien zum mindesten die Kenntniß eines slavischen Idioms aufweisen muß. Der Gehalt beträgt — sage und schreibe 800 Gulden. Zu gleicher Zeit wird in einer kleinen mährischen Gemeinde ein jüdischer Lehrer verlangt, dem 650 Gulden und außerdem weitere Einkünfte durch Privatstunden zugesichert werden. Wollten wir das in eine mathematische Formel Umsetzen, so würde sie lauten: Rabbiner — 800; Lehrer 650 plus X. In einer nicht unbedeutenden mährischen Gemeinde bezieht der Seelsorger einen Gehalt von 1000 Gulden, in die schon die vom Staate ausgeworfenen 300 Gulden für Religionsunterricht am Gymnasium inbegriffen sind. In ebenderselben Gemeinde wird nun ein Cantor gewünscht, der allenfalls an der Volksschule Religionsunterricht zu ertheilen hätte. Der ihm zugesicherte Gehalt beträgt 1200 Gulden. Als so mathematisch ausgedrückt: Cantor Rabbiner plus 200. Ein weitergehendes, vergleichendes Studium der Concurse würde vielleicht noch interessantere Resultate zu Tage fördern, vermöchte aber kaum den Hohn zu steigern, der in dem hier Gebotenen bereits enthalten ist. Klingt das nicht beinahe wie eine Verlockung an stimmbegabte Rabbiner, Maturitäts-, Doctorats- und Rabbinatszeugnisse in den Ofen zu werfen, um sich als wohlbestallte Cantoren, eventuell Lehrer engagiren zu lassen? Jedenfalls würden sie den Frictionen, die die Rabbinatsstellung mit sich bringt, entgehen und die vielen Kämpfe mit Windmühlen sich ersparen. Und die Moral von der Geschichte? — würde so Mancher fragen. Zunächst eine Mahnung an alle diejenigen im Gemeindeleben maßgebenden Factoren, denen der Sinn für die jüdischen Interessen noch nicht abhanden gekommen, dem berufenen Vertreter derselben, dem Rabbiner, durch Wegschaffung der kleinlichen Hindernisse freie Bahn zu schaffen! Dann eine Aufforderung an die jüdischen Seelsorger, durch einmüthiges Vorgehen sowie durch öffentliche Festnagelung der Uebergriffe und Hintansetzungen, sei es auf religiösem, sei es auf materiellem Gebiete, die Ehre des Standes und hiedurch auch die Ehre der von ihnen vertretenen heiligen Lehre zu wahren und zu heben! R. Zur Lage der Juden in Ungarn. Während drüben im schönen Oesterreich „die größte Schmach unseres Jahrhunderts" ihre giftigen Blüthen treibt und die Sintfluth, oder in diesem Falle mit der Bolksethymologie vielleicht viel richtiger die Sündfluth des Racenhaffes bis zu einer kaum geahnten Höhe angeschwollen, herrscht im weiten Ungarland eitel Lust und Wonne. Das Jnslebentreten der kirchenpolitischen Reformgesetze am 1. October eröffnet die Aussicht auf ein Schlaraffenleben, deffen Ankündigung noch vor einem Lustrum die kühnste Phantasie zu Schanden gemacht hätte. Schon nach wenigen Wochen wird beispielsweise Aron Feigelstock die Oerzse Kapolnas sans gene als Ehegespons heimführen, während die Comitatsvirilistentochter Sylvia, reete Sali Fmkelstein als stolze Herrin und Gebieterin in das halbverfallene und ganz verschuldete Schloß des Baron Andor v. Hazaskery einziehen werde. Das ün de siede hat auf dem tausendjährigen ungarischen Globus im Uebrigen noch andere Ueberraschungen in Bereitschaft. Denn nicht nur die Schranken zwischen den einzelnen Coufessionen sollen fallen, auch der Zwang des Glaubens als solcher, der Zugehörigkeit zu einer Confessio» überhaupt, soll schwinden. Der Hochspruch des großen Friedrich, daß Jeder nach seiner Fa^on selig werde, geht seiner Erfüllung entgegen; während er, der Hochselige, sich ein Schlachtroß satteln ließ, um in den siebenjährigen Krieg hineinzureiten, reiten auch wir im Millenniumsjahre aus dem Steckenpferd des Liberalismus in den Chiliasmus, in ein neues tausendjähriges Reich voller Lust und ungeberdiger Freude mit flatternden Fahnen hinein. Doch post equitem sedet atra cura, doch des Reiters Spur folgt behend die Sorge und des Liberalismus sonnige Fluren trübet dichter Kernschatten. Der große kirchenpolitische Kampf ist trotz des Säbelgerassels unserer „Bolkspartei" endgiltig entschieden, die Decembergesetze treten demnächst in Kraft. Aber es scheint, daß die Sieger ihres Sieges nicht recht froh werden, da sie allmählich zur Ueberzeugung gelangen, daß sie es eigentlich sind, welche die Kosten des Feldzuges tragen müffen und in Contribution gesetzt werden. Ob durch das Ausstecken der Feldzeichen des intransigenten Liberalismus die ungarische Staatsidee an Gehalt und Ansehen gewonnen, was ja der innigste Wunsch aller Patrioten ist, wird erst die Zukunft lehren. Vorläufig sehen wir nur, daß medieina peior morbo, daß nämlich die Nationalitäten, die durch die kirchenpolitische Reform zur Raison hätten gebracht werden sollen, heute kühner denn je ihr Haupt erheben und ihre destructiven -Lehren schon im Herzen des Landes zu künden wagen und daß ferner der confessionelle Friede, auf deffen Herstellung die Heerführer des Liberalismus es angeblich abgesehen hatten, heute zum Minbesten zerrütteter ist, als er es etwa noch unter der Minister- Präsidentschaft des als clerical verschrieenen Grafen Szapary gewesen. Eines offenkundigen und unbestrittenen Sieges kann sich vorläufig nur das parteipolitische Dogma im Budapester Lloydgebäude und der der Omnipotenz zielbewußt entgegensteuernde gouvernementale Gedanke rühmen. Der religiöse Gedanke im Allgemeinen hingegen, dem durch die Sprengung der confessionellen Fesseln angeblich die Freiheit der Entwicklung gesichert wurde, hat in Wahrheit einen argen Stoß und eine nicht geringe Schwächung erfahren. Diese Erkenntniß ist jedoch den verschiedenen Confefsionen während des Verlaufes der Reformaction nicht durchwegs zum vollen Bewußtsein gelangt, und soweit das Judenthum hierbei in Betracht kommt, hat diese Erkenntniß nach Außen hin sich auf keinerlei Weise manifestirt. Und die Welt konnte und kann noch immer Zeuge einer merkwürdigen Erscheinung sein. Die weithin gebietende katholische Kirche, die durch die vielfachen Sacramente ihres Einflusses auf das Volk niemals verlustig gehen kann, lehnt sich mit aller Entschiedenheit gegen die kirchenpolitischen Reformen auf, weil ihr etliche Atome ihrer Macht entschwinden werden, die dürftige Synagoge hingegen, die dogmen- und sacramentlose, hüllt sich in tiefes Schweigen, wo ihre höchsten Interessen, die Familienkeuschheit, die Sittenreinheit, das Heil ihrer Kinder, der großen und unmündigen, auf dem Spiele stehen. Nun dieses Stillschweigen oder auch die rückhaltlose Förderung der Resormaction, zur Zeit als deren Zustandekommen noch in Frage stand, war zu begreifen und zu entschuldigen, da wir doch unmöglich mit der sogenannten clericalen Opposition gemeinsame Sache machen konnten, da es uns naturgemäß widerstreben mußte, den Nationalitäten, den Widersachern des einheitlichen ungarischen Nationalstaates und den Zichys und Pallavicinis, den Kreuzrittern und Feudalherren, die nicht mit Unrecht als die Depositäre des Borurtheils und des Kastengeistes gelten, wenn auch nur in dieser Frage Heerfolge zu leisten. Daß unsere Interessen durch die Reformpolitik am meisten geschädigt werden, nahmen gar viele Einsichtige in unserer Mitte als eine unabwendbare Fügung hin, als ob er sich auch hier, bestätigt hätte, der alte Satz:

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