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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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vnijrjl'f i%WWVff ..kA'fciJWJJ Nr. 36 Dr. Blvch's Wochrnschrifk._Seite 651 Bürger seines Geburtslandes fühlen soll, so ist das selbstverständlich und längst geschehen, denn die Juden erfüllen häufig freudiger ihre Pflichten gegen den Staat, als die anderen Bürger, trotzdem ihre Gleichberechtigung bis heute nur auf dem Papier steht. Faßt man den Begriff der Assimilation Aller so weit auf, daß wir alles Gute und Edle, das wir von unseren Vätern ererbt haben, aufgeben, um unserem Tischnachbar zu gefallen, daß wir die alten Ideale unseres Stammes vergessen, die schönsten specifisch jüdischen Sitten vernachlässigen, um das Compliment zu hören, daß wir ganz deutsch sind, so ist das wahrlich eines freien Bürgers nicht würdig. Eine solche lächerliche Politik wäre für die Zukunft der Judenheit ein Selbstmord. Aber selbst, wenn eine solche völlige Verschmelzung im Sinne der Geschichte und der Cultur zu wünschen wäre, ist sie möglich, wenn diejenige Bevölkerung, mit der. wir uns assimiliren sollen, uns haßt und zurückstößt? Schaut ins Leben hinein, ihr wunderlichen Assimilationsschwärmer und ihr werdet sehen, wie sich diese Theorie ausnimmt. Wer in der letzten Zeit in den österreichischen oder deutschen Bädern verweilte, der weiß von dem Zartgefühl und der Gastfreundschaft eines großen Theiles unserer modernen Germanen ein Lied zu singen. Hat ein Jude ein orientalisches Aussehen, dann muß er sich häufig die größten Tactlosigkeiten und Gefühlsrohheiten gefallen lassen, denn das ungeheure Verbrechen, eine andere Nase und ein anderes Haar als die stolzen Arier zu besitzen, muß hart bestraft werden. Hat aber ein Jude das zweifelhafte Glück, äußerlich nicht als Jude erkannt zu werden, so ist er manchmal noch schlimmer daran. Er wird durch allerhand Höflichkeiten in die Gesellschaft gezogen und muß es anhören, wie man die Seinigen ohne jede Ursache verspottet und verachtet. Ja, warum ist er auch so frech, wie ein Germane auszusehen? So blutet die alte, historische Wunde immer weiter, denn dem Juden wird nicht einmal das Vergnügen gegönnt, sich zu erholen und an der Schönheit der unparteiischen Natur zu erfreuen. Das Schmerzlichste dabei ist, daß es nicht gerade immer schlechte Menschen sind, die dieses bittere Unrecht begehen. Es gibt oft Leute, die sonst gerecht und ehrlich denken, sobald aber vom Juden die Rede ist, da ist die Vernunft machtlos und die Leidenschaft herrscht unbeschränkt. Daß diese Erscheinung optimistisch stimmt und den Glauben an die Versöhnung der Racen und Elasten stärkt, wird Niemand behaupten können. Ja, diese Früchte des Hasses und der Unwissenheit sind nicht allein für die Judenheit, sondern auch für die allgemeine Civilisation sehr traurig, denn sie zeigen uns, daß wir von der Bildung und der Gerechtigkeit des Volkes nicht viel zu erwarten haben, daß der edelste Traum von einer geläuterten, verfeinerten Menschheit noch lange nicht auf dem Wege der Erfüllung ist. Der eine Gedanke nur gewährt uns den Trost, daß die innere Natur der Juden so reich ausgestattet ist, daß sie in sich selbst einen idealen und sittlichen Halt finden, und daß sie trotz aller Leiden und Prüfungen die Träger würdiger Gedanken sind und daher in schwerer Zeit nicht verzagen. Eine Mahnung nur mögen unsere jüdischen Brüder in dieser ernsten Zeit beherzigen. Lasset Euch den reinen Genuß der Natur und ihrer Freuden durch die Jämmerlichkeit gewisser Menschen nicht verkümmern, aber vermeidet Alles, was irgendwie Anstoß erregen könnte — Ihr seid 6as Eurer persönlichen Würde und der Ehre der jüdischen Gesammtheit schuldig. Gehet nicht hin, wo man Euch nicht haben will, bewahret Euren Stolz und dränget Euch - Niemandem auf. Seid nicht verzagt und muthlos, aber auch nicht übermüthig und leichtfertig. Lebet namentlich in den Bädern, wo auch das Geringste zur Unterhaltung Nahrung bietet, so, daß man Euch keinen gerechten Vorwurf machen kann. Richtet Eure Handlungen und Euer Betragen so ein, daß. auch nicht der Schatten eines begründeten Tadels Euch trifft. Das wird Euch freilich nicht immer vor Tactlosigkeiten und Ungerechtigkeiten Anderer, wohl aber vor den eigenen Vorwürfen schützen. F. S. Concursy. So mißlich und unzeitgemäß es auch erscheinen mag, während wir unsere Kräfte mit dem äußeren Feinde messen, innere Schäden aufzudecken und coram publico auf sie hinzuweisen, für ebenso nothwendig und unabweisbar erachten wir diese Aufgabe, wenn diese Gebrechen einerseits tief eingerissen sind, wodurch das Leiden ein acutes geworden, und sie andererseits auch unsere Stellung nach Außen beeinträchtigen und schwächen. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde jüngst von einem hervorragenden Führer der Abwehrbewegung in Deutschland zum Vorwurf gemacht, daß der moderne Rabbiner in Oesterreich trotz der großen Dosis Bildung, womit ihn dieSeminarien, und trotz des amtlichen Charakters, womit ihn die Regierung ausstattet, sich nicht als Führer und Berather des Volkes im Kampfe um seine politische und sociale Stellung genügend bewähre. Von einem nicht minder angesehenen jüdischen Gelehrten wurde die spärliche literarische Production beklagt, welche die jüdische Wissenschaft in unserem Vaterlande zeitigt. Wir glaubten als Erklärung dieser beiden unerfreulichen Erscheinungen zunächst die eigenthümliche schwierige Amtsstellung angeben zu dürfen, in der sich fast jeder Rabbiner, ungeachtet der neuen Gesetze von 1890, befindet. Wie Bleigewichte legen sich an die Flügel eines noch so strebsamen Geistes Thatsachen und Verhältnisse des Gemeindelebens, die ihrer Jmponderabilität wegen nur Ironie, ob ihrer unerbittlichen Consequenz aber Trauer und herbe Resignation Hervorrufen müssen. Die selbstverständliche, Autorität und Macht, die früher jedem Rabbiner a priori eingeräumt wurde, sie ist durch die eingetretene Erschütterung des religiösen Bewußtseins, nicht minder aber durch die bisnun oft jahrelang andauernden Vacanzen und die hiedurch hervorgerufene Omnipotenz anderer Machtfactoren auf den Nullpunkt gesunken, so daß die nach Erfüllung der Berufspflichten noch erübrigten Kräfte des Rabbiners von der Sorge absorbirt werden, rechtzeitig einen Sturm im Glase Wasser zu besänftigen, zwischen zwei um Nichtigkeiten kämpfenden Parteien glücklich zu laviren oder der Laune localer Größen die Spitze abzubrechen. Woher nur jene Geistesfrische nehmen, um über den durch unsagbare Kleinigkeiten eingeengten Gesichtskreis hinaus zur Gesammtheit des Judenthums den Blick streben zu lassen? Woher jenes Selbstbewußtsein endlich, das doch die Voraussetzung eines jeden thatkräftigen Eingreifens bildet, wenn der Boden, aus dem man steht, Flugsand, die Stellung, die man einnimmt, eine labiale, und die Macht im ureigensten Wirkungskreise eine problematische ist? Als die zweite, um nichts geringere Ursache dürfte wohl die ungünstige materielle Lage angesehen werden, in der sich ein beträchtlicher Theil der österreichischen Rabbiner notorisch befindet und die den alten Satz bewahrheitet: Iw en Kemach, en thora. Es ist eine tief traurige, durch nichts wegzuleugnende Thatsache, daß, mit einigen rühmlichen Ausnahmen, die meisten, oft sehr wohlhabenden Gemeinden bei der Dotirung der Rabbinatsposten dem Grundsätze huldigen: ut vivere videatur, und ihren Seelsorger mit der Ehre, ihnen quasi vor stehen zu dürfen, im wörtlichen Sinne a b s p e i s e n wollen, so daß z. B. ein nicht geringer Theil der Rabbiner, namentlich derjenigen in Mähren, zu einem unfreiwilligen, vieljährigen Cölibat verdammt ist. Wer den mühsamen Studiengang des heutigen Rabbiners nur einigermaßen kennt, wie dieser die freien Stunden

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