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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-06 · 36 (6.9.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 650 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 36 welche allerdings in einem Rechtsstaate nichts Ueberraschendes an sich haben sollte, und ein Effect, den man schon vor Jahren hätte erzielen können, wenn — ja wenn Graf T a a f f e und die Coalition nicht gewesen wären. Der Jude m christlicher Gesellschaft. Es scheint in der Natur der menschlichen Seele begründet zu sein, daß man für die Fehler, die man selbst begangen hat, Andere sühnen lassen möchte, daß man für die Schwächen der eigenen Brust sich fremde Opfer aussucht. Es klingt paradox und und ist doch wahr: man haßt gewöhnlich diejenigen Mängel beim Nächsten am meisten, denen man selbst unterworfen ist. Das ist ein Hohn auf die Theorie der instinctiven Ethik, eine bittere Ironie auf die gesunde Vernunft und beweist uns nur, wie sehr das menschliche Herz aus Widersprüchen und Jnconsequenzen zusammengesetzt ist. Dieselbe tragi-komische Erscheinung finden wir auch bei Völkern und Nationen. Auch hier macht sich die Neigung geltend, fremde Nationen für die eigenen Sünden verantwortlich zu machen und gerade das bei Anderen zu tadeln, was man selbst zur Schau trägt und bei sich selbst als höchste Tugend preist. Ja, man macht sogar oft einer Nation das zum Vorwurf, was man selbst an chr verschuldet, was man chr mit Gewalt aufgedrängt hat, und das ist die schreiendste nationale Ungerechtigkeit. Erst Jemand Wunden schlagen und dann sich über den häßlichen Airblick beklagen, wie traurig ist diese Entartung der nationalen Moral! Es gibt eben auch einen nationalen Egoismus und er ist nicht um ein Haar besser, als der individuelle. Denn ob ich für mich Austern und Caviar verlange, blos damit dem Anderen das trockene Brod verkümmert wird, oder ob ich für meine Gemeinschaft den höchsten Wohlstand beanspruche, damit eine andere Gemeinschaft zu Grunde geht, das ist — sittlich betrachtet — dasselbe. Freilich, die nationalen Untugenden sind oft durch den Staat, durch die Gesellschaft und vor Allem durch die liebe Gewohnheit sanctionirt und sie werden gar nicht mehr als Unrecht empfunden. Allein keine Sanction kann die Untugend in eine Tugend verwandeln und das Unrecht zum Recht machen. Die Norm und das Kriterium des Rechtes ist und bleibt bei Völkern wie bei Individuen: die allgemeine Wohlfahrt. Das Opfer der Völker, der Sündenbock der Nationen ist seit fast zwei Jahrtausenden Israel immer gewesen. Stets wurde ihm die Schuld aller Uebel aufgebürdet, und geändert hat sich in der modernen Zeit nur die Form, in der man diese schöne Moral bethätigt. Früher, im romantischen Mittelalter, pflegte man die Juden für die Epidemien verantwortlich zu machen, heute, am Ende des 19. Jahrhunderts sind sie die Ursache des socialen Elends und der sittlichen Verkommenheit der Neuzeit. Damals, ach ja, damals sah es im Herzen des Juden vielleicht nicht so traurig und trostlos wie heute aus, damals beklagte der Jude die Macht der geistigen Finsterniß, die eine gesunde Bildung für immer bannen sollte, damals trug er sein Herzleid mit Geduld und setzte seine Zuversicht auf die hehre Gewalt der Wahrheit, erwartete von der Morgenröthe der Aufklärung sein Heil. Es ist eine gewaltige Tragik der Weltgeschichte, dieses ewige Hoffen und Harren und diese ewigen bitteren Enttäuschungen. Optimisten mit blutendem Herzen, gläubige Idealisten mitten Ln einer Welt von Fanatikern und Barbaren! Wer empfindet hier nicht die tiefste Wchmuth? Und doch ist dieses wiederum eine ergreifende, herzerhebende Erscheinung. Und wenn es wahr ist, was Denkvermögen und Lebenserfahrung bestätigen, daß das menschliche Glück sehr relativer Natur ist, daß das reinste und wahrste Glück nicht dasgenossene, sondern das erstrebte und erhoffte ist, so waren unsere Vorfahren glücklich im Unglücke. Und heute? Trauriges Fragezeichen! Heute, nach all den stolzen Errungenschaften des menschlichen Geistes, ist die Kluft, welche Haß und Vorurtheil geschaffen haben, noch nicht überbrückt, die künstlich gebildeten Gegensätze nicht ausgeglichen. Heute noch sind die elementarsten Begriffe der Idee der Menschlichkeit den Völkern fast fremd geblieben, heute sehen wir den Bruderzwist in seiner ganzen Häßlichkeit erwachen und Orgien feiern. Ach, was soll uns der ganze Apparat der modernen Bildung, wenn wir sittlich nicht fortschreiten, wenn unser Geist nicht lichtvoller, unser Herz nicht edler wird? Die Ursachen vieler Epidemien sind der Wissenschaft noch heute ungelöste Probleme, und wenn der menschliche Haß zur Zeit der Herrschaft des Aberglaubens in seiner Naivetät im Judenthum den Bacillus suchte, so war das wenigstens psychologisch begreiflich. Aber die Ursachen der socialen Noth und des sittlichen Rückschrittes sind für jeden Denkenden nicht schwer zu finden, und wenn man heutzutage den traurigen Muth hat, die Diagnose auf Verjudung zu stellen, so sind es nicht allein ungeschickte, sondern auch gewissenlose Aerzte, die nicht einmal heilen wollen, geschweige können. Wer hat nicht schon oft im Leben den Vorwurf gehört, die Juden sondern sich ab, sie halten sich für besser als die Andersgläubigen und wollen mit den Christen nicht verkehren. Dieser Tadel fließt sogar häufig vom Munde solcher Leute, die es mit den Juden gut meinen, und man glaubt allgemein, es müsse doch etwas Wahres daran sein. Und doch ist dieser Vorwurf ebenso ungerecht, wie die meisten, die man uns seit Jahrhunderten ungeprüft ins Gesicht schleudert. Ach, man umnebelt seinen Geist mit dem Dunst der ererbten Vorurtheile, man panzert sein Herz durch die Kruste der thierischen Jnstincte und man ist dann vor dem gesunden Denken, vor dem reinen Empfinden geschützt. Wie die Culturgeschichte und das praktische Leben lehren, sind die Deutschen die individuellsten aller Völker, s i e hätten also sicherlich nicht das Recht, sich über die Absonderung irgend eines Stammes zu beklagen. Ungerechter aber noch wird diese Klage, wenn man bedenkt, daß die Juden sich gar nicht absondern, daß man sie vom gesellschaftlichen Verkehr systematisch ausschließt und sie künstlich zu einem modernen Ghettoleben zwingt. Die Juden verspüren so wenig Lust, sich abzusondern, daß es — dem Himmel sei's geklagt — leider Leute unter uns gibt, die ihre Ehre soweit verleugnen, ihr Judenthum zu verstecken und selbst mitzuverhöhnen, um nur persönlich verschont zu bleiben. Aber fragen wir uns ehrlich: wie gering ist heute die Zahl der Vorurtheilslosen unter den Christen, die gesellschaftlich gern mit den Juden verkehren. Freilich, wenn der Jude Geld, Titel oder Einfluß besitzt, dann läßt man sich herab, mit ihm zu verkehren und man ist großmüthig, zu erklären, man mache gerne mit ihm eine Ausnahme. Pfui über eine solche Großmuth, die uns noch mehr als der rohe Haß kränkt und demüthigt! Wer meine Gesammtheit beleidigt, der hat auch mich mit Schmach bedeckt, mag er sie auch in süße Phrasen hüllen. Das Ehrgefühl muß wahrlich sehr schwach entwickelt sein, wenn man solche Beschimpfungen seiner Gesammtheit nicht energisch, zurückweist. Nein, dazu sind wir viel zu stolz, um die Rolle der Geduldeten in der Gesellschaft zu spielen und die feige Höflichkeit als Almosen zu empfangen. Was ist denn unter solchen Umständen natürlicher, als daß der Jude sich immer mehr in den engen, aber trauten Kreis der Seinigen zurückzieht? Eine an Mark und Knochen zehrende Bitterkeit schleicht sich ins Herz hinein, wenn man sieht, daß man bei seinen edelsten und besten Bestrebungen von seinen christlichen Mitbürgern nicht verstanden, ja verkannt wird. Man muß schon einen sehr starken Charakter haben, um an einer Gerechtigkeit nicht zu verzweifeln, wenn man es immer wieder erlebt, daß man a priori als schlecht angesehen wird, weil man — das Verbrechen ist unverzeihlich — dem ältesten Cukturstamme angehört. Da sprechen und schreiben die Leute hüben und drüben von der nothwendigen Assimilation und ihrem Segen. Soll damit gemeint sein, daß der Jude sich als guter Staats-

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