Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang XII. Dr. Bloch’s i Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. A. ft. Postspsrkaflrn-Nmt Clearingverkehr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien »., Untere Augartenfirsstr 1». Telephon>Nr. 6535. m—=* -^- Wien, 6. September 1895. -»-1—- Erscheint jeden Freitag. -- Man abonnirt bei allen Postanllaltrn des In- und Auslandes. Vezugsorris für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Jtr. Einzelexemplare 25 kr. Jür’a ÄUBlanb: halbjährig 5 fl. — 10 J?r. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Peritzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: „Hochverrätherische Terroristen." — Der Jude in christlicher Gesellschaft. — Concurse. — Zur Lage der Juden in Ungarn. — Die jüdischen Schneider in London. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Giftblüthen der Wahlbewegnng Der Obmann der „Christlichen Familie" wegen — Diebstahls verurtheilt. „Kaust nur bei Christen — aber stehlt, wo ihr könnt!" Arischer Ordensschwindel. Mechaniker Schneider und die Czechen. „Spucken wir ihn an!" Eine jüdische Kämpferin aus den Befreiungskriegen. Menschensleisch als Bärenfutter. Die feigen Juden. Jüdische Soldaten im Jahre 1870/71. Ein Idyll aus judenreiner Zeit. Russisches. r>r-er hat den „Wechsel" erfunden? — Ein Ausflug nach Sinai. — C 0 r r e s p 0 n d e n z e n: Wien, Graz, Sobeslau, Breslau, Sadagura, Brody, Monor, Biala, Toporoutz, Berlin. Vermischtes: Wien, Smichov, Pilsen, Kojelein, Kremsier. — Feuilleton: Die Kehrseite der Medaille. — Briefkasten. — Inserate. „Hochverrätherische Terroristen" Im Bezirke Währing hat sich angesichts der bevorstehenden Gemeinderathswahlen ein Ausschuß von Beamten gebildet, welche bisher der christlich-socialen Partei angehört haben. Der Stimmungsumschlag, der sich in den Kreisen der Gewerbetreibenden gegen die antisemitischen Führer bemerkbar macht, scheint auch in der Beamtenschaft eintreten zu wollen. Der erwähnte Ausschuß erläßt einen Aufruf an alle Beamte, sich von den „rücksichtslosen, h o chv e r r äth er i s ch e n T e r r o r i st e n", die nur Unfrieden und Zwietracht zu stiften bemüht sind, loszusagen. Kein sogenanntes „Judenblatt" und kein sogenannter „Judenknecht" ist es, welcher hier die antisemitische Bewegung als „rücksichtslosen, hochverrätherischen Terrorismus" brandmarkt. Die Unterzeichner des Ausrufes haben die antisemitischen Führer an der Arbeit gesehen, sie haben jahrelang die Gesellschaft eines Schönerer, Pattai, Liechtenst e i n und Lueger gebildet, und das vernichtende Urtheil, das sie heute über diese Männer fällen, beruht auf eigener Wahrnehmung und Erfahrung. Das rapide Emporschnellen der antisemitischen Partei bei den letzten Gemeinderathswahlen im April l. I. war fast ausschließlich der Beamtenschaft zuzuschreiben, welche den zweiten Wahlkörper beherrscht und ihre Stimmen für die antisemitischen Candidaten abgab. Nur wenige Monate sind seit jenem verhängnisvollen Wahltage verflossen, und weit entfernt, auf die Stimmen der Beamten neuerdings zählen zu können, müssen sich die antisemitischen Führer von denselben heute als „hochverrätherische Terroristen" stigmatisiren lassen. Woher diese Wandlung? Wir gehören nicht zu den begeisterten Lobrednern des bekannten Beamtenerlasses der gegenwärtigen provisorischen Regierung. So vortrefflich auch die Intentionen sein mochten, welche die Regierung dabei leiteten, so will uns doch scheinen, daß man durch diese öffentliche Mahnung der böswilligen Agitation eine gefährliche Waffe in die Hand gedrückt hat. Wir beurtheilen die praktische Wirkung des Beamtenerlasses ziemlich skeptisch, und fast möchten w>r sagen: wenn ein Umschwung einzutreten beginnt, so tritt er nicht Wege n, sondern trotz des Erlasses ein. Aber eine andere Ursache ist vorhanden, welche bestimmend auf die Haltung unserer Staatsbeamten einwirkt: das Beispiel von Oben. Der Geist der öffentlichen Verwaltung unter dem Coalitionsministerium wird charnkterisirt durch jene famosen Concursausschreibungen, in welchen gegen das Sraatsgrundgesetz der Nachweis der Taufe für Staatsanstellungen verlangt wurde: er wird charakterisirt durch die Straflosigkeit, mit welcher die antisemitische Presse die schamlosesten Beschimpfungen an den Juden verüben und mit welcher in antisemitischen Versammlungen zu Haß und Verachtung gegen unsere Glaubensgenossen aufgereizt werden konnte. Der Beamte ist gewohnt, ja er ist verpflichtet, dem Beispiele seiner Vorgesetzten zu folgen. Wenn offene Ungesetzlichkeiten und Gesetzwidrigkeiten geduldet, wenn selbst Angriffe auf Leben und Eigenthum nicht bestraft wurden, welche Schlußfolgerung mußten die Beamten aus dieser Haltung der Coalitionsregierung ziehen? Wir erinnern an die Antwort, welche Fürst Windischgrätz der Deputation des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ertheilte, wir erinnern an die zweideutige Haltung des Grafen Wurmbrand in Sachen des Saatenmarktes. Un'ere Beamtenschaft besteht nicht aus Hochverräthern und Terroristen, aber was oben recht war, schien unten billig, und so schloß sie sich in Hellem Haufen der antisemitischen Bewegung an. Seit dem Amtsantritte des Grafen K i e l m a n s e g g ist es in diesem Punkte anders geworden und von dem „kommenden Mann", dem Grafen Badeni, weiß man, daß er frei von allen confessionellen Vorurtheilen ist. Die werdenden Ereignisse werfen schon ihre Schatten voraus. Graf Kielmansegg ist die verkörperte Befolgung der bestehenden Gesetze, Graf Bad eni ein unbefangener und genauer Menschenkenner, der die Nichtswürdigkeit auch im antisemitischen Gewände herauszufinden weiß. Das Beispiel von Oben übt wieder seine Wirkung und unsere Beamten, die gestern noch den Antisemitismus für die wahre Heilslehre erklärten, nennen heute seine Anhänger „rücksichtslose und hochverrätherische Terroristen". Das Gesetz kommt wieder in seiner vollen Majestät zur Geltung — eine Erscheinung,