Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 35 Seite 647 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Opernring Nr. 10, Frau Paula Frankl Edle von Hochwart, Witwe nach dem im vorigen Jahre verstorbenen Dichter Ludwig August Frankl Ritter von Hochwart, nach längerem Krankenlager gestorben. Frau v. Frankl, die ein Alter von 62 Jahren erreicht hat, bethätigte sich in außerordentlicher Weise auf d.m Gebiete werkthätiger Maschen- und Nächstenliebe Sie war Präsidentin des Mädchenunterstützuugsvereines und Vorstandsmitglied des Hilfsvereins vom Rothen Kreuze. Auch den Zöglingen des durch die Initiative Ludwig August Frankl's in's Leben gerufenen Blindeninstitutes auf der Hohen Warte widmete sie allezeit liebevollste Sorgfalt. Ihr brachte der Tod Erlösung von schweren Leiden und einem in der letzten Zeit bereits völlig freudlosen Dasein. Wien. (Ferienheim.) Montag den 2. September treffen nach einmonatlichem Landaufenthalt 50 Mädchen der zweiten Serie unter Aufsicht der Colonieleiterin Fräulein W. U n g e r mittelst Nordbahn aus Petrau in Wien ein. Die zweiten Abtheilungen der in Theresienfeld und Schattmarnsdorf untergebrachten IlO Knaben werden am 8. und 9. Stptember hier ankommen. Einer Einladung des Präfidiums folgend, besichtigte Herr ReichsrathsabgeordneterDr.J.S. Bloch die in eigener Regie geführte Colonie in Theresienfeld und sprach sich über die Einrichtung und Führung derselben in der anerkennendsten Weise aus. (Ferienheim — Gemeinschaftliche Exc u r s i o n.) Am Sonntag Nachmittag findet eine gemeinschaftliche Excursion nach Theresienfeld (Südbahn) behufs Besichtigung des „Ferienheim" statt. Mitglieder, Freunde und Gönner sind zur Theilnahme höflichst ein geladen. Abfahrt von Wien, Südbahnhof 1 Uhr 35 Min. oder 3 Uhr, Rückkehr 4 Uhr 35 Min., 6 Uhr 11 Min. oder 7 Uhr 38 Min. Wien. In dem Tempel des IX. Stadtbezirkes fand die Trauung des Fräulein Simon, Tochter des Herrn Bürgerschuldirectors D. Simon, mit Herrn Cohn, Fabrikanten in Falkenau, statt, zu welcher eine Reihe von distinauirten Gästen sich einfand. Man bemerkte die Herren Landesschulrath und Cultusvorsteher Dr. Gustav Cohn, Unionbankdirector Krasser, kaiserlichen Rath Max Schiff, Bethausvorsteher Feltscher und Andere. Herr Rabbiner und Prediger Dr. Gelbhaus hielt die Traurede, welche auf die Gäste einen herzerhebenden Eindruck machte. Troppau. Gestern fand hier die feierliche Grundsteinlegung des neuen Tempels statt. Um 1/id Uhr Morgens versammelte sich die Gemeinde im Tempel zu einem feierlichen Gottesdienste, welchen Herr Obercantor Singermann in erhebender trefflicher Weise versah, worauf unser Herr Rabbiner Dr. Blüh eine erhebende Ansprache hielt. Nach dem Gottesdienste begaben sich die Functionäre und die Gemeinde- Mitglieder zum Bauplatze, und nachdem vom Vorsteher Herrn Dr. Sonnenschein die Urkunde verlesen wurde, sprach der Herr Rabbiner Dr. Blüh das Weihegebet. Hierauf wurden die üblichen Hammerschläge, begleitet von sinnreichen Sprüchen, von den Functionären und den Vorstandsmitgliedern vorgenommen. Hiermit schloß die einfache, würdige Feier. Die Einweihung des neuen Tempels soll, nach Beschluß des Vorstandes, am 18. August 1896 stattfinden. Buezaez. (Zur Errichtung einerBanknebenst e l l e.) Der Generalrath der Oesterreichisch-Ungarischen Bank hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, in Buczaez eine mit der Filiale Stanislau correspondirende Banknebenstelle zu errichten, mit deren Agenden das Bank- und Wechselhaus I. M. Preminger und B. Kornblüh betraut wird? Diese Bertrauenskundgebung ist ebenso ehrend für die genannte Firma, wie für die galizische Geschäftswelt im Allgemeinen und wird nicht verfehlen, in den weitesten kaufmännischen Kreisen den günstigsten Eindruck hervorzurufen, gleichzeitig aber auch dem albernen Borurtheil gegen den galizischen Handelsstand entgegenzutreten. Berlin. Die Trauung des Fräulein Rosa Lifschütz mit Herrn Michael P e w s n e r fand am Donnerstag den 29. August zu Berlin statt^ Wilna, 16. August. Wie die Tageszeitungen melden, sind alle in der Hafenstadt Wladiwostok ansässigen Juden ausgewiesen worden. Odessa, 16. August. Den Besitzern der großen Fischereien an der Wolgamündung und am Kaspischen Meere ist verboten worden, Juden in den Dienst zu nehmen. Feuilleton. Ein Sorialrrformer in der Gaffe. (Eine Federzeichnung.) Ec hat nur schlechtweg Abram Leb geheißen, hätte aber mit weit mehr Recht als hundert Andere in der Gemeinde Reb Abram Leb heißen können, denn er war kein Ignorant, achtete streng auf den geringsten frommen Brauch und war dazu ein selten guter Mensch. Der C h o w e r hätte ihm also wie keinen Zweiten gebührt, und ein Vorstand wie der andere wollte ihm auch diese Auszeichnung zutheil werden lassen, schon um ihn, den Malcontenten, zu ködern und an sich selbst untreu zu machen. Aber Abram Leb weigerte sich, dieselbe anzunehmen. So oft ihn Reb Schabße, der Schameß, das vom Rabbiner ausgefertigte Diplom mit der frohen Botschaft brachte, er werde morgen hochaufgerufen werden und Gütel möge sich gehörig Pfefferküchel für die Gäste vorsehen, gab er ihm den Botenlohn, schickte ihn aber mit dem Schriftstück wieder zurück ohne auch nur hineinzublicken, welches erhabene Lob ihm darin gespendet wird. Und wenn er nur vermuthete, daß man ihn an einem Feiertag, an dem ein solcher „Ordensregen" zu fallen pflegte, damit überraschen wolle, erschien er gar nicht in der Schül. Es wurde dies immer an Abram Leb als eine Auflehnung gegen Ordnung und Sitte geradelt und dabei jedesmal die Erinnerung aufgefrischt, daß er dieses „Korachen" eigentlich schon damit begonnen, daß er gleich, nach dem Tode seines Vaters den ererbten Schülsitz in einer der obersten Reihen für einen in den allerletzten, harl neben dem Sitz Harsche! Schülklopfers vertauschte, was selbst Chaim Feitel nicht that, der doch so verarmte, daß er die ganze Woche bei Wasser und Brot lebte, und dennoch feinen hohen Sitz nicht verkauft, trotz des bedeutenden Angebotes, das ihm dafür gemacht worden ist. In der Gaffe war anstatt der Aristokratie des Geistes die Geldaristokratie zur übermäßigen Geltung gekommen, und diese konnte den Schlag nicht überwinden, daß nun Einer der Aermsten in einer Reihe mit dem Reichen sitzt. Abram Leb wieder freute es, dieses System durchlöchert zu haben und er blieb sich consequent mit der Nichtannahme des Chower, wodurch nur ein zweiter Claffenunterschied in der Gaffe geschaffen wurde. Er war jedoch beileibe kein Demagog. Niemals sah man ihn in einem der vielen Zirkel, die an Sabbathen und Feiertagen vor und nach dem Gottesdienste politisirend die Gasse belebten, er besuchte auch keine Vollversammlung der Gemeinde, wie sie bei wichtigen Angelegenheiten, z. B. der Aufnahme eines neuen Chasan, stattzufinden Pflegte. Ein einziges Mal blos wohnte er einer solchen bei. Es handelte sich um das Talmud-Tbora-Cbeder für die Kinder der Armen, und er beantragte, sämmtliche Cheders der Gaffe in ein einziges zu vereinen, das von der Gemeinde erhalten wird! Mit dem ganzen Feuer innerster Ueberzeugung begründete er seinen Antrag. „Rabboffai!" rief er in die Versammlung hinein, „fcie Cheders nach den verschiedenen Bern, ögenscl affen erzeugen einerseits Hochmuth und andererseits Haß. Die Kinder einer Gemeinde müssen sich aber als Brüder fühlen, daß sie Zusammenhalten und sich gegenseitig helfen, wenn sie groß find. Wir schaffen uns mit diesen vielen Cheders nur Hoch- und Niedriggeborene, wie bei den Gojim, die aus Herren und Sclaven bestehen, und wir Juden sollen doch nur ein einziges Volk fein." Alles staunte über diese kühne Rede. Die Armen in der Versammlung schrieen: „Wade, er hat Recht!" Aber sie wurden überschrieen und zum Schweigen gebracht von den Reichen. Abram Leb verließ mißmuthig das Kohlshaus. Es wäre ihm aber von diesem Debüt an ein Leichtes gewesen, eine Volks- Partei zu gründen und sich zum Führer derselben zu machen; er wollte jedoch keinen Unfrieden in der Gemeinde stiften und ist seitdem niemals mehr öffentlich hervorgetreten. Aber er blieb in seinem Thun und Lassen seinen Principien treu. Arme Kinder zu bekleiden, war eines seiner vornehmsten Liebeswerke. Man erfuhr jedoch niemals, welche Kinder es waren, die zu den Feiertagen von ihm neu bekleidet wurden. Er gab den Eltern heimlich das Geld und trug ihnen aus.