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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 648 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 35 daß Stoff und Schnitt des anzuschaffenden Gewandes genau nach der letzten Mode zu sein habe und es so gemacht weiden müsse, daß cs den Kindern Paffe. Man kannte dadurch an den Feiertagen wirklich keinen Unterschied zwischen armen und reichen Kindern. Einmal tauchte in der Gasse der Gedanke auf, einen „Jerucham-Joffem-Verein" zu gründen, die Waisen in ein Haus zusammenzuthun und sie gleich zu kleiden, wie in den städtischen Waisenhäusern. Man kam auch zu Abram Leb, einen Beitrag für diesen neuen Verein zu verlangen und sich seines Beitrittes als Mitglied zu versichern. Er versprach als gründendes Mitglied eine Summe herzugeben, die man von seinen Vermögensverhältnissen kaum erwarten konnte, und sich und Güte! als ordentliche Mitglieder aufnehmen zu lassen, aber nur unter der Bedingung, daß kein Waisenhaus gemacht werde, sondern die Waisenkinder bei ihren Verwandten untergebracht und jedes derselben gekleidet werden solle, wie es die Pflegeellern wollen. Es werde dies noch weniger Kosten verursachen, als die grausame Wohlthätigkeit, die Kinder lebenslang den Stachel, durch das öffentliche Mitleid erzogen worden zu sein, im Herzen tragen zu lassen, und glücklicheren und bösen Kindern die Gelegenheit zu geben, mit Fingern auf sie zu weisen, als Jerucham-Jossem- Kinder. Diesmal ist Abram Leb durchgedrungen, der Verein wurde nach seinem Principe gegründet und besteht nach demselben noch heute in. der Gaffe und aus Schützlingen dieses Vereines sind bedeutende Männer hervorgegangen, während überall die Kinder der Waisenhäuser Parias bleiben. Das einzige Vergnügen Abram Leb's war, an Sabbath- Nachmittagen arme Kinder zu sich kommen zu laffen und sie zu „verhören". Wenn auch kein Gelehrter, war er doch in Chumesch und Raschi tüchtig und konnte die Fortschritte der Kinder darin controliren. Aber er Halle seine eigene Pädagogik. An die „gutbeschlagenen" Kinder stellte er Fragen, von denen er im Voraus wußte, daß sie dieselben nicht beantworten können, an die schwächeren wieder solche Fragen, auf die sie sofort die richtige Antwort zu geben wußten. Nach dem „Verhöre" sagte er, sie haben alle brav gelernt und vertheilte an sie in gleichmäßigen Portionen das Sabbathobst. Die Kinder gingen weg, keines hatte Ursache über das andere zu stolziren, keines sich gegen das andere gedemüthigt zu fühlen. Wenn die Großen nur mit einer gewissen Scheu aus Abram Leb sahen, weil sie wußten, daß er mit ihnen nicht harmonire und seine Grundsätze ganz verschieden von den ihrigen seien, liebten ihn die Kinder und gingen mit ihm vertraut um, wie nicht einmal mit ihren eigenen Vätern. An einem ersten Peffachtage batte er beim Schülgange einen neuen Rock an. Man war das an ihm nicht gewöhnt. Es war ein Ereigniß in der Gaffe und Alles redete davon. Als ihn Nachmittags die Kinder besuchten, sagte ihm eines in seiner Naioetät, wie schön der Rock sei und daß sein Vater keinen solchen habe und den alten geflickten auch an Feiertagen tragen müsse. Aus diesen unschuldigen Reden des Kindes merkte Abram Leb, daß er mit dem neuen Kleidungsstücke Neid erweckt habe. Er erschien am zweiten Feiertage wieder in seinem alten Rock und noch am Abend nähte er auf den neuen, und zwar an die sichtbarste Stelle desselben, auf den Vordertheil des Aermels einen großen alten Lappen. In diesem geflickten neuen Rocke zeigte er sich wieder die anderen Feiertage. Und so machte er es von nun an mit jedem neuen Kl-eidungsstücke, das er sich anschaffte, was allerdings nicht zu oft geschah. Selbst seine neuen Stiefel mußten gleich geflickt sein, und nie hat man ihn seitdem anders gesehen, als in geflickten Kleidern. Ein Fremder hätte ihn für den Aermsten der Armen der Gemeinde gehalten, und es kam nicht selten vor, daß eia Bettler, den er sich an einenl Sabbathe von der Synagoge aus zum Essen einlud, ihn vom Kopf bis zum Fuß ansah, als wollte er ihn fragen: „Hast denn du zu essen?" und dann so ungenirt neben seinem Gastgeber ging, als wären sie Genoffen aus der Schlafstatt. Abram Leb starb hochbetagt und ließ ein Häuschen und einige hundert Gulden Bargeld zurück. Nachdem er keine Kinder hatte und Gütel schon lange vor ihm das Zeitliche gesegnet hatte, testirte er seinen Nachlaß der Chewra'Kadischa, als der einzigen Institution in der Gaffe, welche damals das Princ-'p der Gleichheit noch strenge wahrte. Ec wurde bald vergessen, nur in dcm einen letztgenannten, etwas übertrieb.'nen Zug seines edlen Charakters ward noch eine Zeitlang seiner gedacht. Wenn eine Mutter unter ihren Knaben einen Schmutzfinken hatte, an dem man ein neues Kleid gar nicht merkte, sagte sie: „Der zweite Abram Leb." Briefkasten. Wien, III. Alfr. Kl. Die unsäglich geschmacklose Phrase Lueger's, jeder seiner Blutstropfen wäre schwarzgelb, ist nicht einmal origmal. Das Streitroß von HipPach, der sel. Abgeordnete Purer Grenrer hat einen ähnlichen Unsinn schon vor Jahren im Parlamente unter allgemeiner Heiterkeit des hohen Hauses zum Besten gegeben. Lueger nimmt sein Gut eben, wo er es findet. „Ein Neugieriger." Die Schwindlerin ist evangelischen Glaubens. „Die Neichspost" betrachtet sie noch immer als Jüdin, weil sie als solche geboren ist. Unbegreiflich, warum der Spitzer- Weimar keine Cultussteuer zahlt! Nach seiner Auffassung ist er ja iminer noch Jude! Wien. „Abonnent 2053". Als Curiosum senden Sie uns einen Ausschnitt aus dem im Geheimen erscheinenden clericalen Winkelschmierblättchen des Wien-Retters Psenner: „Wenn man aber auch allein in Mariazell eintrifft, so ist es die erste Bedingung zur vollen Wirkung des Gnadenortes, daß inan daselbst Processionen vorfindet oder einzieheu sieht. Erst der Einzug und Abzug der Processionen in und von der Gnadenkirche vermögen im Menschenherzen jene mächtige Bewegung anzufachen, welche man von dem Besuche eines Wallfahrtsortes erwartet. — Ist man in Mariazell allein, so fühlt man sich vereinsamt, und die ganze Staffage des Wallfahrtsortes entbehrt des beseligenden Lebens." Sie sind unbescheiden, verlangen Logik von diesen Leuten und fragen, wieso der einzelne fromme Pilger dazu kommt, der „vollen Gnadenwirkung" zu entbehren, weit zufällig keine Processionen da sind Virovitiea. Dr. H. E. K. Bericht sehr willkommen. Budapest. 8. 8. Bericht leider zu spät eingelangt. Wien. Dr. N. J. W. Das Buch ist unseres Wissens bis jetzt noch nicht in deutscher Uebersetzung erschienen. Es ist jedoch alle Aussicht vorhanden, daß wir demnächst in unserem Blatte mit der Veröffentlichung dieser Epoche machenden literarischen Erscheinung werden beginnen können. Bojan. Wir sind leider nicht in der Lage, Ihnen Auskunft zu geben. Wenden Sie sich doch direct an den betreffenden Herausgeber, Eger. Frau S. S. Ihrem freundlichen Schreiben entnehmen wir zu unserem lebhaften Bedauern, daß die Zustände in Franzensbad nicht viel besser sind, als die in Roznan. Das ist sehr traurig, aber fast überall gleich. Ein Curort, der blos Winter-Antisemitismus betreibt, gehört noch zu den rühmlichen Ausnahmen. Gott besser's! Berlin. Dr. Z. Z. Ihrem an werthvollen Anregungen reichen Schreiben entnehmen wir die folgenden behrrzigenswerthen Stellen: ^Jm Gegensatz zu ihrer christlichen Schwester ist die moderne jüdische Frau in vieleu Fällen nicht eine Stütze, sondern ein Hinderniß jüdischer Bestrebungen. Denn die Frau ist mehr als der Mann, eine Anbeterin des Erfolges. Um ihre, wenn auch platonische Hinneigung zum Christenthum vor sich und der Welt zu rechtfertigen, beruft sich die moderne jüdische Frau darauf, „daß das Christenthum zuerst Respect vor der Frau gehabt habe." Das ist wahr — eilten so heillosen Respect, daß die Kirche den Geistlichen die Ehe verboten hat." Graz. „Auch ein Zuzügling." Ihre Zuschrift drucken wir nicht mehr ab, da sie oft Gesagtes nur wiederholt. Kürzer und Prägnanter schrieb uns ein Freund des Blattes: Die Vorgänge in Graz sind wohl eine Antwort auf die Worte, die Se. Majestät der Kaiser bei seinem dortigen Aufenthalte gesprochen hat? „Nehmen Sie sich an an Wien kein Beispiel." Wien. „Var jkrael". Wir danken Ihnen für die Zusendung des „Altkatholik". Doch ist die seitens der Antisemiten beliebte, etwas gewaltsame Hineinbeziehnng der Mutter Gottes in Wiener Wahlangelegenheiten bereits in unserem Blatte besprochen worden. Kierling. „W.“ Sie Hallen sich gewiß mit Recht darüber auf, daß in dem von Juden frequentirten Gasthause „Zur goldenen SonKe" keine liberale Zeitung aufliegt. Doch glauben wir, daß ein höfliches und bestimmtes Ersuchen den Wirth in feinem eigensten Interesse veranlassen werde, den Wünschen seiner Gäste zu entsprechen. Hieraus eine Staatsaffaire mit Trompetentusch zu machen, lehnen wir ab. Berlin. „Getreuer Freund des Blattes": Ihrem Wunsche, in jeder Nummer ein Verzeichniß aller antisemitischen Cur- und Badeorte den Lesern zur Warnung und Darnachachtung vorzulegen, kann füglich nicht entsprochen werden. Doch sind wir im Gegentheile aerne bereit, alle nicht antisemitischen Sommerfrischen :c. namentlich bekanntzugeben, welche uns von vertrauenswürdiger Seite als solche genannt werden. Das ist entschieden praktischer und — kürzer. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Reichsrathsabgcorrrieter Dr. Josef S. Bloch. - Druck v. L. Beck L Sohn, Wien, VW., Lerchenselderstr. 46

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