Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 645 mit Genuthuung der großen Zeit erinnern, da cs uns vergönnt war, mitzuhelfen an dem Bau der deutschen Einheit. Doch ein bitterer Tropfen der Wehmuth fällt in diese Freude, wenn wir auf diese Gräber sehen, Derer gedenken, die den feindlichen Kugeln erlagen. Damals, als wir Alle auszogen zum Kampfe für's Vaterland, fragte man nicht, ob Jude oder Christ und die feindlichen Kugeln haben auch nicht darnach gefragt. Leider ist man heute dabei, überall wieder die längst gefallenen Schranken aufzurichten, und cs ist schlimm genug, daß der Haß selbst unter den Kampfgenossen Zerklüftungen hervorgerufen. Diese traurige Wahrnehmung hat vor einem halben Jahre zur Begründung des Militär - Vereines „Deutsches Vaterland" geführt, der heute 480 jüdische Mitglieder zählt, darunter 17 Officiere, 67 Unterosficiere und 72 Gefreite. So lange der Jude lebt, hat er gekämpft. Auf den Schlachtfeldern aller Länder haben unsere Stammesgenossen für das Vaterland ihr Blut geopfert. So schwer auch oft die Last des Geschickes, Unbill und Verfolgung uns bedrückte, wir haben den Muth nimmer sinken lassen, und wenn Böswille und Schmähsncht unser» Anthkil an des Deutschen Reiches Neubegrnndung leugnen und verkleinern, so werden diese Denksteine reden, die Gräber Derer, die gefallen sind im Kampfe für das Vaterland, zum Ruhme Gottes, zum Ruhme ihres Glaubens." Hierauf wurden Kränze auf die Gräber gelegt und das Kadisch-Gebet verrichtet. Nachmittags fand ein Commers des Vereines statt, bei welchem ein Huldigungs-Telegramm an den Kaiser abgesendet wurde. London. Die Juden Englands beschränken sich nicht, wie auf dem Continent irrthümlich geglaubt wird, auf London, sondern bilden mehrere Gemeinden, und sind neue Gemeinden stets im Bilden begriffen. So sind erst jüngst Gemeinden entstanden in Chester, Wrexham und Bangor in England, in Armagh, Londonderry, Dundalk und Waterfort auf Irland, und erst wieviele jüdische Gemeinden umfaffen die englischen Colonien! Allerdings sind es keine großen Gemeinden, denn wo nur wenige Juden zusammenkommen, ist ihr Erstes, ein Bethaus zu schaffen, wie die ersten deutschen Colonisten ein Wirthshaus. In Salisbury in Maschanaland hat sich eine Gemeinde gebildet, die sich nach England um Functionäre gewendet hat, und selbst in dem erst seit einem Jahre von England eroberten Matabeleland, in Buluwayo, der Residenz des entthronten Kaffernkönigs Lobengula, haben sich die daselbst befindlichen Juden als Gemeinde constituirt und den Bau eines Gotteshauses beschlossen. Es bleiben also keineswegs sämmtliche russische Juden, die nach England fluchten, in London, so daß hier eine jüdische Invasion zu befürchten wäre, wie die Conservativen mit ihrer Agitation gegen die Einwanderung Armer Vorgaben. Es war dies allerdings nur ein Wahlmanöver. Zweifellos haben die Conservativen dadurch manche Stimme unter den Arbeitern gewonnen, die von der Einwanderung der Armen eine Herabdrückung der Löhne befürchten. Bei aller Schonung des jüdischen Gefühls, daß bei der in Rede stehenden Agitation nicht das Wort „Jude" gebraucht, sondern nur im Allgemeinen von der Einwanderung „Armer" gesprochen wurde, waren doch nur die Juden darunter gemeint, und wenn ein solches Verbot Gesetzeskraft erlangte, würden in erster und letzter Linie nur die Inden dadurch leiden. Gott sei Dank ist es aber nach den Wahlen wieder still davon geworden und die ganze Agitation scheint in Sand verlausen zu sein, um nicht wieder auf die Oberfläche zu kommen, zumal gerade jetzt Veröffentlichungen erscheinen, welche Nachweisen, daß die Industrien, die von den russisch-jüdischen Arbeitern betrieben werden, die Concurrcnz der einheimischen Arbeiter nicht nur nicht tangiren, indem diese Industrien bis jetzt in England ganz und gar nicht oder wenigstens nur in sehr geringem Maße betrieben wurden, sondern diese russisch-jüdischen Arbeiter noch eine Wohlthat für England sind, das die von ihnen erzeugten Producte bis jetzt importrren mußte und sich jetzt darin vom Auslande emancipiren kann. Und so ist zu hoffen, daß die russischen Flüchtlinge auch fernerhin an der Albionsküste frei aufathmen dürfen. , London, im Juli. Die AngloJewish Association hat jetzt 36 Zweigvereine, 24 in dem vereinigten Königreich Großbritannien, 11 in den Colonien und einen in Indien und zwar in Bombay, dessen Präsident Jacob E. Sassoon ist. Die Association kann ihren Aufgaben nur Nachkommen in Folge der Qpferwrlligkeit ihrer hervorragenden Mitglieder, von denen die Herren Baron Julian Goldsmid, N. M. Rothschild und Söhne, Baron Hirsch zum Hauptfonds jährlich allein je 2000 Mark beitragen. Zum Schulfonds spendeten Herr B. Neugaß 24.000Mark, Lord Rothschild 10.000 Mark, Baron Julian Goldsmid 10.000 Mark, D. Sassoon 5000 Mark, Frau N. Monte f iore 6000 Mark. Aus dem Nachlaß des Baron v. Stern wurden 10.000 Mark und von den Erben des Herrn v. Bleichröder (Berlin) 4600 Mark gezahlt, aus dem Nachlaß des kürzlich verstorbenen Arthur Sebag Montefiore 500 Mark Wie eine nordamerikanische Missionärzeitung „Jewish Era" meldet, seien durch die Thätigkeit einer Missionsgesellschaft mehr als 100.000 Juden in England dem Christenthum zugesührt worden. Wer weiß, daß es in England trotz der starken russischen Einwanderung höchstens 150.000 Juden gibt, erkennt bei dieser Missionsnachricht den Schwindel sofort heraus. Bermuthlich werden den Seelenfängern die Gelder knapp, daß sie zu solchen Schwindeleien greifen, um christliche Gläubige zu Spenden für die Mission zu ermuntern. — Am 7. und 8. September wird in Leeds eine Confer enz tagen, die gleich interessant wie bedeutungsvoll ist und die Aufmerksamkeit weitester Kreise verdient. Es handelt sich um die Gründung einer Vereinigung sämmtlicher jüdischenSchneidervereine im vereinigtenKönigreich, den sogenanten Jewish Tailors Trabes-Unions. Kommt die Bereinigung aller dieser Organisationen zu Stande, woran nicht zu zweifeln ist, so soll ihr Programm lauten : Beseitigung der Ausschreitungen des sogenannten Schwitzsystems, gleichmäßige Arbeitszeit, ein Mmimallohn gleich demjenigen, der den Mitgliedern der Trades-Unions gezahlt wird, kein Accordlohn rc. Ferner sollen von einer Centralstelle aus wöchentliche Mittheilungen den einzelnen Vereinen zugehen, in denen dieselben über die Vorgänge auf dem allgemeinen und dem speciellen Schneiderarbeitsmarkt auf dem Laufenden erhalten werden. Die Conferenz ist bedeutsam, weil zum ersten Mal Vertreter der nur aus Juden, und zwar nur aus ausländischen Juden bestehenden Vereine zusammentreten, um durch Selbsthilfe ihr Los zu verbeffern, und die führenden Persönlichkeiten der englischen Gemeinden sollten dieser Zusammenkunft ernste Aufmerksamkeit schenken, um die neue Bewegung in der Hand zu behalten. Sofia, 15. August. Das macedonische Comite machte in der vergangenen Woche wieder von sich reden. Es hatte die Kühnheit, drei hiesigen Juden die Aufforderung zuzuschicken, man solle ihnen alsbald 10.000 Francs zu Revolutionszwecken senden. Und als die Betreffenden auf diese Forderung nicht a itworteten, schickten macedonische Aufrührer an den stellvertretenden Grandrabbin Jizchak Bakisch einen Drohbrief, in dem sie die Summe von 10.000 Francs energisch forderten. Beide Briefe wurden der Regierung zur Einsicht übergeben. Den Macedoniern aber wurde weder Geld noch eine Antwort zu Theil. Bon einzelnen dieser Führer kann man in unbewachten Momenten erfahren, daß mit Ausbreitung der Revolution die Aufständischen zuerst sich auf die Juden und dann erst auf die Türken werfen werden. Freilich ist dieses edle Vorhaben leichter gedacht als vollführt, da die Türken sehr geübte Kopfabschneider find und die Banden durch ihre geschickte Operationsweise rasch decimiren. So lange die Türken allein in Macedonien regieren, können unsere Brüder ganz ruhig sein. Petersburg, 15. August. Gerechtes Aufsehen erregte es» daß der wegen seiner Judenfeindlichkeit bekannte „Graschdanin" letzthin folgenden Bericht aus der Stadt Baranowka im Gouvernement Volhynien brachte: „Der greise Erzpriester von Baranowka, Alexander Ljaschewitsch, bemühte sich sein ganzes Leben hindurch, sämmtliche gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen zu entkräften und die orthodoxe Bevölkerung mit den Juden zu verbrüdern. Von der Kanzel herab, auf der Straße, in jeder Versammlung — überall predigte Ljaschewitsch Duldsamkeit und Liebe und verdammte jede inhumane Bewegung gegen die Juden. Er beeinflußte die orthodoxe Bevölkerung, sich gegen die Jndenausweisungen auszusprcchen, indem er von der Kanzel herab auf den Nutzen hinwies, welchen die Orthodoxen „den humanen und wohlthätigen Juden" zu verdanken hatten. Dieser Priester ist kürzlich gestorben, und an seinem Sarge trat die Verbrüderung der Juden mit den Orthodoxen deutlich zu Tage. Alle jüdischen Einwohner von Baranowka gaben dem Verstorbenen das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte, und in der Synagoge wurde ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet. Ljaschewitsch war ein wahrer Christ und Priester, der auf der Höhe seiner Aufgabe stand. Wollte Gott, daß alle seinem Bei