Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 35 heit mit Aufopferung und glücklichstem Erfolge behandelt hatte, verband ihn die innigste Freundschaft, die sich auch auf Billroth's Erben der operativen Kunst, Dr. Gersuny, vererbte. Sie Beide unterstützten Billroth im Rudolphiner-Hause in Döbling, führten die ärztlichen Geschäfte, nnterrichleten Mädchen und Frauen in Krankenpflege. Beitelheim, von gründlichem Wissen, großer Belesenheit, feinem Kunst- Verstände und allgemeiner Bildung, würzte seine Boriräge mit discretcm Witze, der von seinem Leiden verrathenden Aeußern, dem merkwürdig sentimentalen Tone in feiner Stimme eigenthümlich abstach. Niemals drängte er sich vor, sondern er ließ Menschen und Dinge an sich herankommen. Für die Eitelkeit und Zudringlichkeit Anderer hatte er ein empsindlichesOrgan. In ärztlichen streifen Hörteich den von einem unserer hervorragendsten Kliniker auf ihn gemünzten Namen „Spinoza". 22 Jahre lehrte Dr. Bettelheim in Wien interne Medicin und der sonst so wohlfeile Professor-Titel blieb ihm versagt. Weßhalb? Er verschmähte das Antichambri'ren, Cajoliren der Collegen, sicher seines Rufes. Endlich, im Juni vorigen Jahres, erinnerte sich die Facultät des ältesten Docenten; Nothnagel stellte den Antrag an das Unterrichtsministerium, Bettelheim den Titel eines außerordentlichen Professors zu verleihen; es wurde eine Commission gebildet, welcher die internen Kliniker und Pathologen Nothnagel, Neusser (Referent), Widerhofer, Dräsche angehörten, die einstimmig un>» neidlos den Vorschlag machten, der von der Facultät per wsjvra angenommen wurde. Bettelheim, krank, sonst ohne Hoffnung auf eine fruchtbringende Lehrthötigkeit, die er nach wiederholten Lungenentzündungen unterbrechen mußte und, weil von staatswegen nicht anerkannt, aufgeben wollte, war von dieser Anerkennung seiner Collegen, die, frei von allem Neide und aller Cliguengesinnung, seinen Verdiensten eine solche Anerkennung aussprachen, hoch erfreut. In dieser Anerkennung sah er feinen Stolz, an dieser Genugthuung, ob die „Regierung" den Ansanctionire oder nicht, war ihm gleichgiltig, erfreute er sich. In Stunden seines Wohlseins, nachdem >r im Herbste, scheinbar gekräftlgt, vom Thuner-See aus der Schweiz zurückgekehrt war, erwog er imFreundeskreise den Gedanken, im Rudolphiner-Hause Vorlesungen zu halten, einige Physiologische Arbeiten im Exner'schen Laboratorium zu vollenden und sich nur ans die Consiliar-Praxis zu beschränken. Doppelt eitle, allzu trügerische Hoffnung. Ein Jahr lag der Antrag derFacultät im Ministerium für Cultus und Unterricht — unerledigt. Wenn Bettelheim Pole oder Slovene gewesen wäre, er wäre nicht „zurückgestellt" worden. So wurde dem leidenden, vielverdicnten Manne der ärmliche Titel vorenthalten, der ihm auf dem Krankenbette noch eine Freude bereitet hätte. Correspondenzen. 'Wien.(Ein antisemitisches Arbeiterfest)JmGarten und in denSaallocalitäten zur „Kohlkreunze" in der Fünflausgasse 16 fand unlängst Abendsein antisemitisches Arbeiterfest gegen Entree von 20 und 30 kr. statt. Zu diesem Feste waren Dr. Lueger sowie der Abgeordnete Mechaniker Schneider eingeladen worden, welche jedoch ihr Fernbleiben telegraphisch entschuldigten, indem Lueger angab, nach Baden, Schneider, nach St. Pölten abreisen zu müssen. Anwesend waren die ehemaligen Gemeinderäthe Tomanek und Platter. Nach einigen Gesangsvorträgen bestieg ein junger Mann, Namens Schmidt, die Rednertribüne und zog gegen den Liberalismus los. Er erklärte ferner, daß sich hier Deutsche zusammengefunden haben, die treu Zusammenhalten werden, obzwar sie nur dem Arbeiterstande angehören. Ein Jude könne nie deutsch gesinnt sein, wenn er auch in Deutschland geboren sei. Wenn man eine Katze zehn Jahre lang in einem Salon behalte und ihr die beste Kost gebe, so werde sie nach zehn Jahren, wenn sie eine Maus sehe, nach ihr Haschen. So sei es auch bei den Liberalen. Hierauf ergriff der ehemalige Gemeinderath Tomanek das Wort und erklärte, dass die Social-Demokraten bethört seien, daß sie sich in den Händen der Juden befinden, daß die Leiter der socialistischen Bewegung kein Menschenleben schonen, aber ihre Taschen dabei füllen wollen. Wenn das Arbeitervolk so aufgehetzt sein werde, daß das Militär von den Waffen Gebrauch machen müsse, da werden sich die Leiter der Bewegung mit ihren Millionen flüchten, um dann ungenirt, nachdem Blut geflossen sein wird, wieder mit neuen Ideen an das bethörte Arbeitervolk heranzutreten. Die christlichen Arbeiter sollen sich daher nicht ausbeuten lassen. Schließlich wurde angezeigt, daß das Entrse und sonstige Gaben zur Gründung eines deutsch-antisemitischen Arbeitervereines verwendet werden sollen. Mödling, 22. August. (Antisemitisches aus dem Gerichtssaale.) Am 26. Juni l. I. hatte der hiesige Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Joseph Brust in Sachen des Maschinisten Herrn Earl Geyer gegen den Oekonomen Jacob Fuhrmann in Bösendorf beim hiesigen Bezirksgerichte Seite 643 eine Bagatell-Berhandlung durchzusühren, die der Bezirksrichter Dr. Brühlmaier leitete. Nachdem der Proceß zu Gunsten des Geyer entschieden wurde, nannte Fuhrmann den Advocaten einen „jüdischen Frechling" und fügte bei, daß derselbe gerade so ein Schwindler wie sein Client sei. Nach Schluß der Verhandlung entfernten sich die Parteien aus dem Gerichtssaale und Fuhrmann setzte auf dem Corridor die Beschimpfungen fort und sagte schließlich, daß er dies Alles dem Dr. Lueger erzählen werde. Dr. Brust erstattete gegen den Oekonomen die Ehrenbeleidigungskloge und Fuhrmann wurde vom Strafrichter Dr. Rudolph v. Komorzynski zu fünf Tagen strengen Arrests verurtheilt. Sowohl Fuhrmann als auch der Anwalt des Dr. Brust Dr. Semek, meldeten gegen das Strafausmaß die Berufung an. Budapest, 24. August. (Zur Durchführung der kirchen politischen Gesetze.) Der Präsident der orthodoxen israelitischen Centralkanzlei richtete an sämmtliche Rabbiner und Cultusgemeinden Ungarns ein Schreiben, in welchem dieselben im Interesse der Wahrung der confessionellen und autonomen Rechte dringend aufgefordert werden, auch nach dem Jnslebentreten der kirchenpolitischen Gesetz' die confessionellen Matrikeln in derselben gewissenhaften Weise wie bisher weiterzuführen, bis die demnächst einzuberufende Landesversammlung endgiltige Beschlüsse fassen wird. In dem Schreiben der Centralkanzlei wird auch des Umstandes erwähnt, daß der Cultnsminister erklärt habe, durch die kirchenpolitischen Gesetze würden die jüdischen Gemeindebezirke und die Arrondirung der Rabbinate in ihrer bisherigen Organisation ni-ht tangirt. Diese Erklärung wird schon in den nächsten Tagen in der Form eines ministeriellen Circular-Erlaffes publicirt werden. Prag. Das Gesetz vom Jahre 1890 und die Art der Durchführung desselben, erzeugte in Böhmen einen Zustand demzufolge eine Classe von Beamten sich die Hegemonie über ihre Mitcollegen aneignete. Diese ruft unter denselben einen Jnteressenkampf hervor, der in sich solche trostlose Zustände birgt, deren dunkle Schatten ein halbes Jahrhundert noch auf die Gemeindeverhältuisse fallen dürsten. Während die Doctor-Rabbinen in ihren neugebackenen „Dispenscollegen" ausnahmslos, ohne Unterschied ihrer „besseren" Bildung, unebenbürtige Rivalen erblicken und sich in ihrer Existenz und Standesehre bedroht fühlen, sind die sogenannten geprüften Volksschullehrer an concessionirten Schulen auch ihrerseits peinlich darauf bedacht, in socialer und gesellschaftlicher Beziehung unter sich eine geschlossene Kette zu bilden, deren Glieder erst die Feuerprobe bestehen müssen, ehe sie für würdig befunden sind, in ihrer Gemeinschaft ausgenommen zu werden. Am schlechtesten kommen dabei die Religionslehrer und Cantoren mit Rabbinatsbefühignng weg. Bon den akademisch gebildeten Rabbinen selbstverständlich perhorrescirt. sieht der „geprüfte Genosse" verächtlich auf sie herab und meint ihnen dadurch schon genug Gnade erwiesen zu haben, wenn er sie neben sich duldet und zu Parteizwecken benützt. Ein treffliches Beispiel zur Charakterisirung dieser Zustände, das uns aber zugleich als Maßstab zur Abschätzung des Werthes unserer „besser gelehrten Amtsgenossen" im Allgemeinen dienen könnte, mag folgende Episode, die dem Schreiber dieser Zeilen selbst begegnete, hier angeführt werden. „Im israelitischen Curhanse zu Carlsbad. wo ich in Pflege war, befanden sich noch mehrere andere würdige Collegen, darunter auch ein bekanntes, eifriges Vorstandsmitglied des böhmiseben Landeslehrervereincs, namens Z .. .. Viele von den hervorragendsten und tonangebendsten, theilweise auch Vorstandsmitglieder, die ebenfalls hier weilten, unterhielten mit Letzterem einen lebhaften, geselligen Verkehr, besuchten ihn auch oft in der Anstalt, während wir ,Nichtgeprüfkeu", ostentativ ignorirt wurden. Ja, Einer hielt es sogar unter seiner Würde, einen hochgeachteten. greisen Collegen, der zufällig mit Z ... . das Zimmer theilte, bei seinem Weggehen die Hand zu reichen. Ich konnte es nicht unterlassen Z . . . gegenüber meine Verwunderung ob des Benehmens seiner College.! Ausdruck zu geben. Achselzuckend entgegnete mir dieser folgende, recht merkwürdige und zugleich interessante. Worte: „In so lange keine staatliche Prüfung s-C ommission be st eh t, vor welcher sich die Religionslehrer einer Prüfung unterzogen haben und es in jedes CultusvorstehersMacht l i e g t, e i n e n Religionslehrer der Behörde zur Bestätigung v o r z u s ch l a g e n, i n s o l a n g e wird dieser Zusta >' d dauern!" Aus meinen Hinweis, daß die Religionslehrer doch auf Grund rabbinischer und anderer Zeugnisse von der landessürstkichen Behörde zu Rabbinern bestätigt wurden, hatte er keine Antwort. Diese für uns denkwürdigen Worte, die in Gegenwart der anderen Collegen gesprochen wurden, in Verbindung mit den! Gebühren der übrigen Machthaber des Vereines, können durchaus nicht als die Meinung eines Einzelnen betrachtet werden und kennzeichnen jene offenbar aus der Schule geschwatzten Worte vollkommen unser Verhältnis zu unseren geprüften Genossen im Allgemeinen. — „Das ist Dr. Bloch's Wochenschrift.