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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 642 Nr. 35 Dr. Vlorh's Wochenschrift. sammlung kommen, so werden wir mit ihm czechisch sprechen. (Stürmischer Beifall.) Bor den Wahlen hat man uns alle möglichen Versprechungen gemacht und nach den Wahlen hat man uns Fußtritte gegeben, wie es der Abgeordnete H a u ck gethan. Wir schämen uns eines solchen Abgeordneten. So wie bisher könne es in Wien nicht weitergehen und darum werden die Czechen bei den bevorstehenden Wahlen eigene nationale Candidaten aufstellen. Dr. Lueger, der unsere Stimmen erhalten, wagt es, uns noch zu beleidigen. So lange Lueger nicht erkannt haben wird, daß er ohne Unterstützung der Czechen nichts' erreichen könne, werden die Czechen die antisemitische Opposition nicht unterstützen." (Lebhafter Beifall.) Der nächste Redner, Herr K o n i t s ch e k, erzählte unter den lebhaften Entrüstungsrufen dlr Versammlung, daß den Czechen von christlich-socialer Seite gedroht wurde, daß man dieselben boycottiren werde, falls sie nicht den christlich.socialen Candidaten ihre Stimmen geben sollten. „Wir müssen," sagte Redner, „mit den Juden rechnen als mit unfern Mitbürgern und müssen uns ' gegenseitig als Menschen schätzen. Dr. Lueger hat die Czechen beleidigt, und das wird nicht unbezahlt bleiben. Ohne unsere Stimmen wird Lueger nicht Bürgermeister werden." (Stürmischer Beifall.) Herr Schwenoha führte aus, daß es sich Dr. Lueger um die Bürgermer st erschüft und um die zweiundzwanzig bezahlten Stadtraths-Mandate handle und nicht um das Wohl der Wähler. Herr W a w r a erklärte, daß es seitens der Czechen als eine demokratische Nation nicht ehrenhaft sei, eine Confeffion unterdrücken zu wollen. Wir Czechen wollen unser Recht, und wir wollen, daß auch die Juden ihr Recht erhalten. Zum Schluffe polemisirte der Redner gegen Dr. Lueger, welcher als Bolksmann, als der Freund aller Nationen (Gelächter), es über sich gebracht, gegen die Subvention der czechischen Schule im X. Bezirke zu stimmen. (Stürmische Hanba-Rufe.) Nachdem noch mehrere Redner in entschiedener Weise gegen die Antisemiten Stellung genommen und den eindringlichen Appell gerichtet hatten, der czechischen Nation durch das Zusammengehen mit den Antisemiten keine Schande zu bereiten, wurde unter stürmischem Beifalle einstimnu'g der Beschluß gefaßt, in sämmtlichen Wiener Bezirken im dritten Wahlkörper bei den bevorstehenden Gemeinderathswablen selbstständige nationale Candida ten aufzustellen. Aber auch Mechaniker Schneider versuchte sein Glück bei den Wiener Czechen. Zur Affaire Hammerstein lesen wir in der „ Straß b. Post", daß Herr v. Hammerstein, der noch immer „auf Urlaub" befindliche „frühere" Chefredacteur der „Kreuzzeitvng", nach den einen Berichten in Tirol, nach anderen in England, nach noch anderen bereits jenseits des großen Waffers in aller Gemüthsruhe zusieht, wie sich die von ihm geschaffene Lage gestalten wird ... In allen eingeweihten Kreisen glaubt man, daß er nicht mehr in sein undankbares Vaterland zurückkehren wird, wo ihn nur Preßprocesse und andere noch größere Widerwärtigkeiten erwarten. Seine zahlreichen Gläubiger aufzusuchen, wird er wohl auch kein zwingendes Bedürfniß fühlen und so werden wir ihn wohl nicht Wiedersehen." Vielleicht vertreiben die Agrarier zur Er in n e ru n q an ihren besten Vorkämpfer demnächst das Portrait des Herrn v. Hammerstein L 10 Mark das Stück, damit sie wenigstens seine auch seinen Gläubigern so „treuen" Züge stets vor sich sehen. Ei« Mortara Fall. Ein in Rzeszow zur Wahrung der Rechtsgleichheit erscheinendes Blatt, das »Postep« („Fortschritt") heißt, erzählt einen neuen Mortara-Fall. Ein jüdischer Geschäftsmann, Namens Nathan Gans, im Zamoscer Bezirke in Russisch-Polen vermißte seit sechs Monaten seine neunjährige Tochter, die plötzlich spurlos verschwunden war. Endlich erfuhr er. daß sie Bauern über die Grenze nach Galizien gebracht baben, wo ihrer Unbekannte harrten, die sich mit ihr nach Lezajsk verfügten. Dorthin begab sich nun Gans, nachdem ec alle seine Habseligkeiten verkauft hatte, am 1. d. M., und bald ngch seiner Ankunft erhielt er Kenntniß davon, 'aß seine Tochter beim Kirchendiener Gedula erzogen werde. Zwei junge Leute gingen auf Ersuchen des Herrn Gans in die Wohnung Gedula's und wollten das Kind abholen. Frau Gedula lief aber, als sie ihrer ansichtig wurde, mit dem Kinde davon. Es wurde nun die Anzeige an die Gendarmerie erstattet, worauf der Kirchendiener folgendes Geständniß ablegte: Er wisse wohl, daß das Kind in Rußland geboren und jüdischer Abstammung sei. Der Domherr habe es ihm zur Erziehung anvertraut und ohne deffen Erlaubniß hätte er es Niemandem übergeben können, da er sonst seines Postens verlustig geworden wäre. Im Uedrigen sei das Kind bereits getauft. Aus Besorgniß, er könnte zur Auslieferung des Mädchens gezwungen werden, schickte es Gedula dem Domherrn zurück, bei welchem es sich bis nun befindet. Alle Bemühungen, den geistlichen Herrn zu bewegen, er möchte die Kleine ihrem Vater wieder übergeben, waren fruchtlos; auch die Intervention des Bezirksrichters in Lezajsk half nichts. Das Rzeszower Blatt weist aus die Gesetze hin, deren Verletzung im vorliegenden Falle keinem Zweifel unterliegt, und drückt sein Erstaunen darüber aus, daß die Sicherheitsbehörden dem Domherrn gegenüber bisher machtlos waren. Nathan Gans, der durch ein halbes Jahr kein Geschäft betrieben und nur seine Tochter gesucht hat, ist in Folge dessen auch gänzlich verarmt, und in Rzeszow, wo er sich derzeit aufhält, wird zu seinen Gunsten eine Collecte veranstaltet. Gibt es ein arisches Urvolk? Bekanntlich stützt sich der Racenantisemitismus auf die „wissenschaftliche" Thatsache, daß Arier und Semiten zwei Racen seien, und zwar zwei grundverschiedene. Die Wissenschaft ist längst übereingekommen, daß die Wörter „Arier", „Semiten" eigentlich jeder Begründung entbehren. So sagt z. B. der berühmte Anthropologe Robert H a r t m a n n (s.Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. zu Berlin 1872. Bd. 7. S. 528 f.): „Der Sammelname Aryus, Arier, hat nur noch für Philologen Interesse und sollte in der Anthropologie anderen Namen Platz machen, welche fürdie geograPhischcUmgrenzung oberbic wirkllchnationaleVerwandtschast der zu behandelnden Völker West- und Jnnerasiens bezeichnender wären. Ein aller tüchtiger Forscher von anatomischer Bildung, Professor Mayer in SB o n n, thut folgenden höchst beherzigenswerthen Ausspruch: „Ich habe (daher) auch immer die Idee des Ursprunges der Bewohner der Erde aus Asien oder ihre Abstammung von den sogenannten Ariern, die ichals.eineErfinduna der Studierst ube und als keinUrvolkbetrachte, bekämpft. Dieses Urvolk der Arier soll von den unwirthlichen Schneegebirgen des Hindukusch berabgestiegen sein und sich sogar bis über Europa verbreitet haben. Und doch kennt Niemand dieses Eden oder Paradies, und kein Reisender hat bis jetzt es uns ausgeschlossen. Den Namen Arier und Arejer kennt Herodot, aber nicht als Urvolk, sondern als Neben-Tribus im Heere des Terxes, und der Name Arier bei den Hindus bedeutet auch keinen Menschenstamm, sondern nur eine höhere Rare, welche die zwei oberen Kasten der Autochthonen Hindostans, der Brahminen und Nitrya, bilden. Lassen selbst (Indische Alterthumskunde S. 51 l) muß eingestehen, daß sich keine Andeutung finde weder in der pragmatischen noch in der fabelhaften Geschichte Indiens von der Einwanderung eines fremden Stammes. Es geht dem Namen Arier wie dem der PelaSger und Kelten, für deren Abkunft aus Asien und deren Wanderung keine Beweise und nur Scheinbeweise vorliegen" u. s. w. (Reichert und Du-Bois-Reymond: Archiv für Anatomie rc. Jahrgang 1864, S. 700. Bergl. auch Mayer: Egyptens Vorzeit und Chronologie i.i Vergleichung mit der West- und Öst-Asiatischer Culturvölker. Ein Prodomus zur Ethnologie des Menschengeschlechts- Bonn 1862, S. 61 Anm.) Diejenigen, die uns nöthigen wollen, den Namen der AryLs als einen wohlbezeichnenden anzuerkennen, bedenken leider nicht, daß sie damit zugleich eine Menge von Völkerschaften zusammenwerfen, welche die physische Anthropologie zu sondern genöthigt ist. Völker, bei denen eine häufig zu beobachtende Anwendung ähnlicher Idiome nicht im Einklänge steht mit ihrer Abstammung und daher anderer Erklärung bedarf, als die dem Philologen nur zu leicht, den Anthropologen nicht allein genügende Sprachverwandtschaft. Welcher Anthropologe möchte es z. B. rechtfertigen (wie es doch aber von anderer Seite so häusig geschehen), den Tadschik mit dem Durum, den Belüdj m't dem Gond, Köl, B!l oder Gorka rc. ohneweiters als Aryus zusammenzufassen." Dr. Karl Bettelhcnn genoß das höchste Ansehen als Arzt in Wien; er verband die Traditionen der alten Skoda'schen Schule mit einem Eifer, sich aller neueren Forschungen und Erfahrungen zu bemächtigen. Ganz offen gestand er, daß die Wiener medicinische Schule zu lange auf ihren Lorbeeren geruht, in den Siebziger-Jahren steril geworden und durch ihre nihilistischen Aussprüche auch Gefahr lief, das Vertrauen des Publicums zu verlieren. Bettelheim, schon zu Oppolzer's Zeiten Assistent, war weit entfernt, die Eifersucht der Wiener aus die Fortschritte der Berliner Schule zu theilen; er begrüßte Nothuagel's Erscheinen mit Freuden, er schloß sich den Jüngern an der Poliklinik freundschaftlich au und hielt dort Vorlesungen und Curse. bis Nothnagel ihm sein reicheres Material im Allgemeinen Krankenhause zur Verfügung stellte. Seine Diagnosen waren die sichersten und zuverlässigsten; es darf verräthen werden, daß Lebensversicherungs-Gesellschaften ihre wichtigsten Verträge nach seinem autoritativen Votum abschlossen oder verweigerten. Seine rege wissenschaftliche Thätigkeit ist mit Recht gerühmt worden, wie seine Redaction der „Medicinisch-chirurgischen Rundschau" durch mehr als acht Jahre. Mit Billroth, den er während seiner ersten lebensgefährlichen Krank-

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