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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vlvch's Wochenschrift. kürzlich Nachts in allen Häusern, in welchen Juden w o h n e n, d i e F e n st e r e i n g e w o r f e n. Die Thäter konnten bisher nicht eruirt werden. Die telegraphisch herbeigernferie Gendarmerie pflegt umfassende Recherchen. Mehrere jüdische Familien haben sofort den Ort verlassen. Der Höchstcommandirende. London, im August. Unser Glaubensgenosse Oberst Goldsmi d ist in diesem Jahre der H ö ch st c o m m a n d i r e n d e bei den Manövern, die in Wales bei Porthcawel obgehalten werden. Er befehligt für dieselben ein Truppencorps von mehr als 5000 Mann, das aus regulären und Volontär-Abtheilungen zusammengesetzt ist. Wie verlautet, hat Oberst Goldsmid Ordre erhalten. sich zur Einschiffung nach Indien vorzubereilen, und diese Nachricht hat bei allen englischen Juden großes Bedauern hervorgerufen. Gegen den Nedacteur Hans v. Mosch wurde kürzlich zum zweitenmal eine Anklage wegen Gotteslästerung und B e s ch i m p f u n g der jüdischen Religionsgesellschüft vor der dritten Strafkammer des Landgerichtes I verhandelt. Der Angeklagte war Redacteur der von A h lwardt gegründeten Wochenschrift „Der Bundschuh". In diesem Blatte erschien am 27. November 1894 ein Artikel mit der Ueberschrift:„Jst derTod des Kaisers Alexander ein talmudisches Verbrechen?" Es wurde in dem Artikel darauf hingewiesen, daß der Kaiser Alexander von einem jüdischen, wenn auch getauften Arzt behandelt worden sei. Wie auch Caligula plötzlich aus dem Wege geräumt worden sei, als er energisch gegendie Juden Vorgehen wollte, so sei es auch dem Kaiser Alexander ergangen, dem zweifellos von jüdischer Seite ein schleichendes Gift beigebracht worden sei. Der Jude-igott habe sich, wie aus dem Alten Testament zu ersehen sei, schon damals der verwerflichsten Mittel bedient, um seinem Volke die Herrschaft zu sichern. Wegen des Inhalts dieses Artikels zur Verantwortung gezogen, erzielte der Angeklagte am 13. März d. I. ein freisprechendes Urtheil. Die dritte Strafkammer begründete dies Urtheil damit, daß eine Gotteslästerung nicht vorliege, weil zum Thatbestande dieses Vergehens gehöre, daß die beanständeten Ausdrücke ein Ausfluß von Rohheit und beschimpfender Natur seien, und eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellichaft liege nicht vor, weil die Angriffe nicht gegen die Religion der Juden, sondern gegen die Race gerichtet feien. Der Staatsanwalt legte mit Erfolg Berufung ein, denn das Reichsgericht bezeichnete die für die Freisprechung angeführten Gründe nicht als zutreffend und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurück. Bei derselben wiederholte der Angeklagte seine früheren Angaben, daß cs ihm als streng religiösen Mann gar nicht in den Sinn kommen könne, eine Gotteslästerung zu begehen. Der in dem Artikel geschilderte Judengott sollte nur eine Caricatur des wahren, einzigen Gottes sein, den er verehre wie die Juden. Der Staatsanwalt führte aus, daß beide Vergehen vorlägen, er beantragte eine Gefängnißstrafe von drei Monaten. Der Gerichtshof (Vorsitzender Landgerichtsdi'rector R ö s e l e r) erklärte, daß das Urtheil am Freitag den 30. d. M., Mittags 12 Uhr, verkündet werden solle, bei der Wichtigkeit der Sache halte der Gerichtshof es für nöthig, den Inhalt des Artikels auf's Eingehendste und Sorgfältigste zu prüfen. Praktischer Antisemitismus. Unsere Bemerkungen, über den wahrscheinlich antisemitischen Ursprung des neuesten Pariser Attentats haben sofort die Bestätigung erhalten. Das Pariser Antisemitenblatt „Libre Parole" schreibt nämlich zu dem Attentat: „Es wäre der Gipfel der üblen Chance, wenn er sein einziges Auge durch kuallsaurcs Quecksilber verloren hätte. Wenn man so viel Minen dieses Metalls besitzt, so hat man das Recht, ein ganz anderes Los zu erwarten." Wenn Aehnliches in einem A n a r ch i st e n b l a t t e stände, wie würden da unsere antisemitischer. Blätter sittliche Entrüstung heucheln und die Staatsgewalt gegen solche Gemeinheiten anrufen! Allerdings, so cynisch hat selbst ein anarchistisches Blatt noch nie über ein Attentat gespöttelt, wie es hier das antisemitische Organ thut. Die Leute, die hinter jedem Attentat einen Anarchisten wittern, thäten daher ein Unrecht, wenn sie nicht hinter gewissen gemeinen Strsichen Vertreter des „praktischen" Antisemitismus, Antisemiten der That", suchten. Die Wiener Czechen gegen den Antisemitismus. Die Absage der Czechen an die ChristlichsocialtN scheint den Führern der letzteren doch etwas bange zu machen. Haben Seite 641 ihnen doch die Czechen in mehreren Bezirken zu Wahlsiegen verholfen, und um dies wieder herbeizuführen, werden nun große Anstrengungen gemacht, wie folgender, uns von einer Localcorrespondenzmitgetheil'e Vorfall beweist: das czechische Agitationscomitv hatte ins Gasthaus „zur Taube" in der Hugelgasse eine Versammlung der Wähler des 14. und 15. Bezirkes einberufen. Als das Local mit czechischenHandwerkern und Kleingewerbetreibenden beinahe angefüllt war, erschien plötzlich Mechaniker Schneider mit einer Garde czechischer Anhänger, an deren Spitze der bekannte Agitator D o l l e i s ch stand. ' Diese Leute, welche anstandslos eingelassen worden waren, vertheilten sich im Local und als die Wahl des Vorsitzenden vorgenommen werden sollt", führten sie eines ihrer bekannten Manöver auf, indem sie in einen Höllenlärm ausbrachen. um die Wahl ihres Führers Dolleisch durchzusetzen, andernfalls aber die Versammlung zu sprengen. Diese Absicht wurde von den Ordnern durch energisches Eingreifen vereitelt und konnte die Abstimmung vorgenommen werden, welche die Majorität fnr U r b a n, den Secretär des jungc^echilchen parlamentarischen Club, ergab. Urban erklärte das selbstständige Auftreten der Czechen für nothwendiq, weil sonst ihre bescheidensten nationalen Forderungen ewig unberücksichtigt bleiben würden. Redacteur C i n e r t verwies darauf, daß die Antisemiten vor einer Wahl stets den Czechen um den Bart gehen, nachträglich aber sie als untergeordnetes Stimmvieh behandeln. W a w r a kritisirte in heftigen Worten die Doppelzüngigkeit derchristlich-socialcn Führer. Bon den Liberalen habe man nationale Zugeständnisse nicht erwarten können, Lueger spielte sich aber nicht nur im Allgemeinen als Gerechligkeitsapostel auf, sondern er versicherte überdies wiederholt die Czechen, an deren Unterstützung er direct appellirte, seiner wärmsten „christlich-brüderlichen" Sympathien. Trotzdem habe er sich nicht begnügt, gegen die Czechen zu stimmen, er habe auch in gehässiger Weise gegen dieselben gesprochen. (Rufe: Pfui Lueger! Die Antisemiten schreien: Hock Lueger!) Nun meldete sich Schneider und bat. ihn deutsch sprechen zu laffen. Dies wurde zugestanden. Schneider sagte, die gegenwärtige Agitation unter den Czechen sei von den Judenliberalen angezettelt worden. (Stürmische Ohorufe.) Tie Agitatoren seien mit jüdischem Gelde bezahlt. (Stürmische, anhaltende Unterbrechung. Rufe: „Sprechen Sie von Ihren eigenen Diäten!") Nach längerer Pause setzte Schneider, sichtlich erregt über die Unterbrechungen und Zurechtweisungen, fort: ..Man wirft mir meine Diäten vor. Viel mehr, als diese Diäten ausmachen, gebe ich für Agitationsreisen aus. (Ein Zwischenruf: „Ans wessen Tasche?" Hierauf stürmisches Gelächter.) Laffen Sie sich nicht irreführen von den Juden. Denken Sie an die Gasanstalt und die Hypothekenbank." (Unwillige Rufe: „Was will er von den Juden? Hier sind Czechen!" Eine Stimme: „Der Mensch hetzt Alle durcheinander'.") Nun folgte eine stürmische Unterbrechung. Die Leute drängten zur Tribüne und schrieen: „Tie Juden und immer wieder die Juden, davon haben wir schon genug gehört!" Da ertönt eine Stimme: „Der Schneider ist schon ganz verjudet!" Dröhnendes Gelächter folgte diesen Worten; Schneider aber griff nach seinem Hute und lief zur Thüre hinaus, ohne sich auch nur nmzublicken. Daraus trat bald Ruhe ein und es sprachen noch K o n i t s ch e k, Urban und P o d l o t s ch e k, Letzterer deutsch. Er sagte, er hätte die Absicht gehabt, ans S ch n e i d e r's Rede zu erwidern, doch habe Schneider nichts gesagt, was Erwiderung bedürfe, denn die Verleumdungen des czechischen Wablcomiles und die Schimpfereien auf die Juden seien blöde Gehässigkeiten, welche sich von selbst richten. (Anhaltender Beifall.) Der Antisemit Dolleisch wollte hierauf erwidern, doch die Versammlung mochte ihn nicht hören, und da schon Mitternacht nahe war, so schloß der Vorsitzende die Versammlung. In den „Drei Engel"-Sälen fand Freitag Abends eine Versammlung des czechisch-politischen Vereins statt, welcher Dr. Urban präsidirte. Der Referent Herr C i n e r t widerlegte zunächst die von antisemitischer Seite erhobenen Vorwürfe. Der Abgeordnete S ch n e id e r habe den czechischen Wählern den Vorwurf gemacht, daß, wenn nicht in erster Reihe, doch in dritter Reihe hintev denselben die Juden stünden. (Pfuirnfe.) Alle diejenigen Jnvectiven, welche das „Deutsche Volksblatt" den liberalen Blättern zuschlendere, paffen am besten auf das „Deutsche Bolksblatt" selbst. (Bravorufe.) In einer der letzten Versammliwaen habe man die eigenen Landsleute gegen "die czeckischen Wähler gehetzt. Der Redner fuhr fort: „Sollte Abgeordneter Schneider wieder in unsere Ver-

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