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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. 35 Seite 640 Dr. Bloch's Wochenschrift. Das Haus Günzburg in Petersburg. Vor vier Jahren, am Purimfeste 1891. würde Petersburg von dem Gerügte ganz außer sich gebracht, daß das bekannte Bankhaus I. E. Günzburg & Co., eine der ersten und solidesten Firmen Rußlands, feine Zahlungen eingestellt habe. Dieses Gerücht bewahrheitete sich, und unsere antisemitischen Httzorgane benutzten diese Gelegenheit, um über den Baron Horace Günzburg, den Chef der Firma, und über das Judenthum herzufallen. Man kann es den Hetzern nicht recht machen. Werden die armen Juden reich, so mästen sie sich an dem Fett des Volkes und sind Gauner. Werden die reichen Juden arm, so sind sie Spitzbuben, die das arme Volk um sein Letztes bringen. Die Firma Günzburg war in momentane Geldverlegenheit gerathen und hatte sich um Hilfe an den Finanzminister (damals Herr Wyschnegradski, der unlängst starb) gewandt. Dieser versprach die gegen genügende Sicherheit erbetenen fünf Millionen Rubel, hatte aber bald darauf gewisse Bedenken, die auch nicht ohne judenfeindliche Unterlage gewesen sein mögen, zog die Unterhandlungen in die Länge und gab im letzten Momente einen abschlägigen Bescheid. Hätte die gefährdete Firma einen derartigen Ausgang früher gewußt, sie würde sich andere Ressourcen eröffnet haben. Sie rechnete jedoch sicher auf den Minister, daß derselbe ein so altes, ehren werthes und völlig zahlungsfähiges Haus nicht fallen lassen würde (wie er es wiederholt und in weit zweifelhafteren Fällen bei manchen Banken und Banquiers gethan), wurde von der unerwarteten Weigerung ganz außer Fassung gebracht, verlor den Kopf und — fallirte, stellte ihre Zahlungen ein, obgleich die Activen die Passiven um mehr als das Doppelte überstiegen. Es ward eine Administration organisirt, die bald constatirte, daß die Firma vollkommen zahlungsfähig sei und daß nur momentane Geldverlegenheit die Katastrophe herbeigeführt. Und nun begann die schwierige Aufgabe der Liquidation, wobei gewiffe Immobilien zu Spottpreisen verkauft wurden, um Abschlagszahlungen zu machen. Wer weiß, welches die Folgen dieser Wirtschaft gewesen wären, wenn sich nicht ein glücklicher Zufall hineingemischt hätte. Einige der Firma Günzburg gehörige sibirische Goldbergwerke, die theils als versiegt betrachtet wurden, theils einen sehr geringen Ertrag abwarfen, erwiesen sich Plötzlich als reich goldhaltig. Es wurde eine ergiebige Goldader entdeckt, und die Antheilscheine erreichten bald eine schwindelnde Höhe, so daß Tausende zu Hunderttausende wurden und Hunderttausende sich in Millionen Rubel verwandelten. Der Ertrag der Goldbergwerke ist in diesem Jahre ein so glänzender, daß Baron Horace von Günzburg'es schon jetzt für möglich gefunden, die Administration aufzuheben und seinen sämmtlichen Creditoren nicht nur das Capital, sondern auch die Zinsen für die vier Jahre zu bezahlen. Es ist dies eine Episode, die mit unserer Martyrologie in inniger Verbindung steht. Ebenso wie man das gesammte Judenthum für den Reichthum seiner Glieder verantwortlich macht, so wurden wir durch den Günzburg'schen Bankerott in Mitleidenschaft gezogen. Ganz abgesehen davon, daß mit dem Reichthum das Prestige des Baron Horace Günzburg fiel, der ein glühender jüdischer Patriot und von bestem Willen beseelt ist, für seine unglücklichen Glaubensgenoffen zu wirken, ihr elendes Schicksal zu erleichtern, und durch seinen momentanen Ruin der Möglichkeit beraubt war, etwas zu thun, so wurde allen russischen Juden die Schuld in die Schuhe geschoben daß Einer aus ihrer Mitte fallirte und das Geld gar mancher Christen dabei große Gefahr lief. Das war Oel in die Flamme der Racehaffer gegossen. Und so hat uns der Sturz des Hauses Günzburg sehr geschadet. Ob die sich dieser Tage vollziehende Resurrection der Firma dazu beitragen wird, unsere Lage zu bessern — daran ist starker Zweifel gestattet. Wir haben es schon leider erprobt: Das Schlechte, das Einer aus unserer Mitte vollzieht, schadet uns unendlich; das Gute, das Einer von uns thut, hilft uns gar nicht — der Jude wird verbrannt. DaS Kleingewerbe gegen die Antisemiten. Die fortschritllich-volkswirthschaftlich« Reformpartei berief unlängst in die Saallocalitäten des Hernalser Brauhauses «ine Versammlung der Kleingewerbetreibenden des 17. Bezirkes ein. Auch eine größere Anzahl antisemitischer Wähler hatte sich eingefunden. Der Vorsitzende, Tapezierermeister Swob oda, besprach zunächst die Bestrebungen der fortschrittlich-volkswirthschaftlichen Reformpartei. Wir Kleingewerbetreibende, sagte der Redner, wollen Frieden haben und nicht stets raufen zu unserem eigenen Schaden. Nur durch eine volkswirtschaftliche Organisation ist dem Kleingewerbe zu helfen. Gehen wir Kleingewerbetreibende in dieser Bezixhung mit gutem Beispiel e in der g eg enseitigen Du ldung unserer Mitbürger voran. Sodann ergreift Lackirermeister Friedrich das Wort und führte aus, daß den Kleingewerbetreibenden mit der Rauferei im Gemeinderathe nichts geholfen sei. Unsere Geschäfts bemerkte der Redner, liegen total darnieder. Bei seinem Besuche in Graz sagte der Kaiser zu den Gemeinderäthen: „Nehmt Eu ch k e i n Beispiel am Wiener Gemeinderathe!" und wir in Wien lassen uns vom Fürsten Liechtenstein an der Nase hernmführen. Diese letzten Worte entfesselten einen wahren Sturm. Die anwesenden Antisemiten riefen: „Hoch Liechtenstein!" und lärmten derart, daß der Vorsitzende die Versammlung unterbrechen mußte. Während der Pause kam es wiederholt zu stürmischen Scenen zwischen den gegnerischen Parteien. Als endlich wieder Ruhe eintrat, sprach der Redner mit Wärme für d i e G rün d un g einer gewerblichen Mittelpartei. Herr Gedliczka führte aus, daß Bürger mir Bürgern sich vertragen sollen, es sei leider schwer, eine Einigung zu erzielen. (Rufe: Leider!) Was hat Fürst Liechtenstein für den Mittelstand bisher ge l eist et? Ni ch ts, denn eine Durchlaucht wird nie der Vertreter des kleinen Mannes sein. Daher mögen die Kleingewerbetreibenden nur Männer aus ihrer Mitte wählen. (Lebhafter Beifall.) Der nächste Redner, Obmann des christlich-socialen Wählervereines des 18. Bezirkes, Tischlermeister Grumm, trat gleichfalls für die Wahl von Gewerberreibenden ein. Wir dülfcn uns die Candidaten von keiner Partei aufortroyiren lassen. Schneidermeister Kretschmer führte aus, daß die fortschrittlichen und christlich-socialen Gewerbetreibenden des 18. Bezirkes sich geeinigt hätten, nur einem Gewerbetreibenden ihre Stimmen zu geben. (Beifall.) Fürst Liechtenstein wurde von seinen Bauern nicht gewählt, sie hatten mehr Einsicht als die Wiener Kleingewerbetreibenden. (Rufe:' So ist es!) Nachdem noch mehrere Redner gesprochen, gelangte eine Reso^ lution mit großer Majorität zur Annahme, in welcher es heißt: Die Versammlung gibt ihrem Bedauern Ausdruck, daß es einigen gewissenlosen Strebern gelungen ist, durch unaufhörliche Verhetzungen des Kleingewerbestandes eine Bewegung im öffentlichen Leben der Stadt Wien hervorzmufen, durch welche gerade dieser Stand am meisten und am empfindlichsten geschädigt wird; sie spricht die Ueberzeugung aus, daß durch das blinde Wüthen der reactionären Elemente nicht nur zwischen Christen und Juden, sondern auch zwischen antisemitischen und nicht antisemitischen Christen eine unüberbrückbare Kluft geschaffen w i rd. Schließlich wird die Erwartung, ausgesprochen, daß die Gewerbetreibenden nur jenen Männern ihre Stimmen geben werden, die fest entschlossen sind, die Interessen der Gesammtbevölkerung Wiens im fortschrittlichen Sinne, doch auf dem Boden der volkswirtschaftlichen Politik, zu vertreten und die sich ehren wörtlich verpflichten, ihre Mandate zurückzulegen, sobald sie der reactionären Partei im Gemeinderathe sich anschließen oder mit derselben pactiren. Ein Graf als Defraudant. Budapest, 22. August. Der kaum 18jährige Graf Andreas R a d a y saß heute unter der Anklage der Defraudation auf der Anklagebank. Ein Advocat, bei dem der junge Graf gearbeitet, gab ihm ein Sparkaffebuch auf 121 ff., welche Summe Raday für eigene Zwecke verwendete. Der Vertreter des Advocaten zog zwar die Anklage zurück, doch der Staatsanwalt hielt dieselbe aufrecht und Graf Raday wurde zu einem Tage Gefängniß verurtheilt. Die Erwerbs- und Wirthschaftsgenofsenschaften gegen den Antisemitismus. Auf der Tagesordnung des am 1. und 2. September zu Gablonz statifindenden Vereinstages der deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenofsenschaften Oesterreichs befindet sich auch ein Antrag der Anwaltschaft, welcher seine Spitze gegen die'antisemitische Bewegung richtet. Der Antrag lautet: „Die im Allgemeinen Verbände vereinigten deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenoffenschaften streben, wie schon das Statut des Verbandes besagt, die Ausbildung und Förderung des Genossenschaftswesens sowie der einzelnen Vereine an. Auf den allgemeinen Vereinstagen sowie auf den Berbandstagen der Unterverbände haben daher lediglich genossenschaftliche Fragen das Berhandlungsthema zu bilden und sind confessionelle und Politische Fragen unbedingt auszuschließen, social-wirthschaftliche Fragen aber nur vom genossenschaftlichen Standpunkte zu behandeln. Der allgemeine Bereinstag erklärt eine Außerachtlassung dieses seit dem Bestände des Allgemeinen Verbandes aufgestellten Principes als eine der Genoffenschaftssache abträgliche Gebahrungsweise, wegen welcher im Sinne des § 10 des Berbandsstatutes eventuell der Ausschluß eines Vereines aus dem Verbände ausgesprochen werden kann." Eine angenehme Sommerfrische. Aus Prag wird telegraphirt: In der Sommerfrische Rewnitz bei Prag, wo 36 jüdische Familien zum Sommeraufenthalte weilen, wurden

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