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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 639 Tobten zu beten, obwohl die Stellung der beiden ersten Kategorien oft eine solche ist, daß sie auch solche Functionen anzunehmen für wünschenswerth halten könnten, da ihnen ihre bürgerlichen Rechte so sehr beschnitten werden, daß sie außer Stande gesetzt sind, ihr in den Hochschulen erworbenes Wissen praktisch zu verwerthen. Und so blieb der letzte Wille des Testators unausgeführt, da sich im weiten Rußland keine zehn Juden fanden, die das Recht hätten, außerhalb des Ansiedlungsrayons am Grabe eines Todten zu wachen nnd zu beten. Zum Schluß meiner heutigen Correspondenz gestatten Sie mir noch zwei Bemerkungen, von denen die eine durch die von Ihnen in Nr. 28 der „Öesterreichischen Wochenschrift" gebrachte Nachricht über die Judenemancipaton in Finnland hervorgerufen ist. Ich war vor Kurzem in Helstngford und hatte Gelegenheit, mit einigen der hervorragendsten Staatsmänner des Großfürstenthumes (unter Anderem dem Minister der Wege- Communicationen Senator General-Lieutenant Baron Alfthan und dem eminenten Publiciften und Gelehrten Senator Methelin) in nähere Beziehung zu treten und ward mir die Versicherung, daß im nächsten Landtage die Gleichstellung der Juden beantragt werden würde. In der finnländischen competenten Sphäre sieht man jetzt ein. wieviel man durch seine Exklusivität verlor und ist bereit, das Geschehene gut zu machen. Trotz des Widerstandes seitens der Kammer der Geistlichen und Bauern, hofft man das Emaucrpationsgesetz dnrchzubringen. Die Majorität der an der Spitze Finnlands stehenden erleuchteten Männer ist ganz dafür. Finnland wird Rußland mit gutem Beispiel vorangehen. Die zweite Bemerkung befindet sich im engen Zusammenhang mit einer meiner in derselben Nr. 28 gebrachten Correspondenz, in welcher eine Mittheitung des Professors Dr. Grafen de Snzor (weiland Lector an der Petersburger Universität) citirt wurde, daß der Großvater des ermordeten Präsidenten Sadi Cacnot der berühmte heldenmüthige Organisator der ^öltzase nationale des revolutionären Frankreich General Lazare Tarnot, Jude gewesen. Diese Mittheitung hat s'ch jetzt, wie man mir aus Paris mittheilt, vollauf bestätigt und ihre Sanction noch durch folgendes interessante Factum gesunden, welches die Wahrheit des Sprichwortes bestätigt bon sau? ne msntjamais. Der älteste Sohn von Sadi-Carnot, also ein Urenkel des französischen Generals der Revolution Lazare Carnot, Oberst Henri Sadi Carnot, hat sich dieser Tage mit Fräulein Lazare, Tochter bes jüdischen Banquiers gleichen Namens vermählt und ist die junge Frau Carnot Jüdin geblieben. Nach der bürgerlichen Trauung in der Mairie fand die religiöse Weihe durch den Rabbiner statt. Alte Liebe rostet nicht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Kinder des Ghetto. Sehr geehrter Herr Redacteur! Die Recension aus der Feder von Adele Berger über Zangwill's „Kinder des Ghetto" weist mit Recht auf dieses höchst bemerkenswerthe Werk hin. Zwar wird ihre Prophezeiung, daß Zangwill's Name auch dem deutschen Volke thener werden wird, wohl schwerlich in Erfüllung gehen, aber uns Juden hat dieses mit dem Herzen geschriebene Buch viel zu sagen. Wie liebevoll die Recension Adele Berger's auch ist, jcheint sie doch in einem sehr wesentlichen Punkte die Absichten des Dichters mißverstanden zu haben. Wenn sie von dem wenig „pittoresken Schmutz des Ghetto" spricht, so theilt sie durchaus nicht die Meinung Zangwill's. der dieses Ghetto mit humorvoller Theilnahme schildert, und wie sein in der gleichen Rümmer Ihrer Zeitung wiedergegebener Artikel beweist, gerade im Gegentheil für pittoresk hält. Er stellt die Helden des Stückes, die Idealisten Ester Ansell und Raphael Leon nicht als einzige „Enkel des Ghetto" den Kindern des Ghetto gegenüber, er kennt noch andere, wie z. B. die Assimilirten. Bezeichnenderweise beginnt der zweite Theil des Werkes (die Enkel des Ghetto) in einem solchen assimilirten jüdischen Haushalt, der gerade das Weihnachtsfest feiert. Das festeste Band, welches diese Familie mit dem Judenthum verknüpft, ist ein lebendes Band, eine irische Katholikin. Sie hat jahrelang bei dem allmälig wohlhabend gewordenen vrthodoxen Vater dieses modernen Juden als Köchin in Dienst gestanden, nach seinem Tode ist sie bei dem reichen Sohne "in Stellung. Dieser möchte gern den koscheren Haushalt, der ihn gesellschaftlich einengt, aufgeben, aber die katholische Köchin hindert ihn theils direct, theils durch die Erinnerung an den Vater. Eine Christin, die mehr vom Christenthum begriffen hat, als die Bereinigten Christen zusammen! Dadurch, daß er diesen echten Menschen voll innerer Frömmigkeit dem modernen jüdischen Ehepaar gegenüberstellt, hat Zangwill umso schärfer das Porträt dieser Enkel des Ghetto gezeichnet. Indem er in der Entwicklung des Judenthums der letzten 50 Jahre die „Zunahme der Manierlichkeit" als besonders bezeichnend im Einzelnen schildert, hat er ja auch zur Genüge seinen Standpunkt dargethan. Er will echte Menschen vor Allem und er weiß, daß solche im Ghetto gewohnt haben, wie es andererseits außerhalb des Ghetto excentrische Juden gibt, das heißt Juden, die ihren Schwerpunkt nicht im eigenen Gewissen und Unheil, sondern im Urtheil ihrer Nebenmenschen haben. Diese Enkel des Ghetto erachtet er für weniger pittoresk und sympathisch als die Kinder des Ghetto. Erst durch diese Gegenüberstellung kommen die Absichten des Dichters zum Ausdruck. Die Wahnsinnige mit der weiten Nelke. Ein Straßenbilv aus dem Caricaturen-Album des Wiener Lebens, wie es von keinem Hogarth'schen Pinsel schneidender und mit erschütternderer Tragik der Satyre hingestellt werden könnte. Vierzehn Tage etwa sind's her, vor dem Polizeigebäude eines Borstadtbezirkes war's, da stand, von der nie fehlenden Schaar theilnahmslos Neugieriger umgeben, eine Frauengestalt mit wirrem Haar und Blick, heftig gestikulirend und die Hände gegen die Fenster der oberen Stockwerke emporreckend, als wäre da oben Jemand, dem ihre gellenden Rufe gatten: „Karl — komm' herab zu mir — ich kann ja nicht hinauf zu Dir — der Jud' st ... t — die weiße Nelke st ... t (in ihrem Haar stak eine) — Alles um mich herum st ... t — komm' herab zu mir, Karl — Du mußt mich ja heiraten . . . ." Und immer gellender wurden ihre Schreckens- und Liebesrufe, immer verzweifelter wehrte sich die Rasende gegen die Versuche, sie in den bereitstehenden Wagen der Rettungsgesellschaft zu bringen, bis schließlich nichts übrig blieb, als ihr die Zwangsjacke anzulegen, worauf ihre Transportirung auf das Beobachtungszimmer des Allgemeinen Krankenhauses erfolgte. Die Unglückliche war eine Gastwirthin aus der Nachbarschaft des Polizeigebäudes. die nicht durch die „blaue Blume der Romantik", sondern durch die weiße Nelke der modernen Wiener Realistik in eine Exaltation Hineingetrieben wurde, sich unter den Patronen der weißen Nelke Verkörperungen ihrer verzückten Schwärmerei suchte, die sich endlich bis zur Geisteszerrüttung steigerte. Aus ihrer Wohnung hatte man die Arme nur dadurch fortbringen können, daß eine befreundete Nachbarin und Gefinnungsgenofsin, eine flüchtige Besucherin der „christlich.socialen Abende", sie einlud, mit ihr nach Maria-Lanzendorf zu wallfahrten, worauf sie willig bis zur Polizei folgte. — Das ist, wie gesagt, leider kein willkürlich erfundenes, allegorisches Bild, durch welches etwa journalistische Phantasie den. gegenwärtigen Zustand der Vindobona böswillig zu symbolisiren beabsichtigte, das ist ein Erlebniß letzten Datums, und wenn darin eine Symbolik gefunden werden kann, so ist das nicht unsere Schuld. Bei der Gelegenheit aber muß auch überhaupt auf die unerquickliche und, nicht nicht eben der Parteirichtung wegen, sondern im Allgemeinen bedenkliche Erscheinung aufmerksam gemacht werden, welchen Platz die Frauen der Gewerbetreibenden in der antisemitischen Agitation einnehmen und wie diese sich bemüht, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen von ihrem natürlichen Berusskreise abzulenken und in die wüste Bewegung hineinzuziehen. Man muß nur sehen, wie stark das weibliche Element in diesen Abendconventikeln vertreten zu sein pflegt und bis zu welcher, an Fanatismus streifender Leidenschaftlichkeit diese einfachen, schlichten Frauen gerochen können, um zu ermessen, wie viel unseliger Schaden da im Gemüth, in der Gesittung, in den friedlichen Beziehungen des Einzelnen und der Familien durch diese gewissenlosen Unterwühlungen angerichtet wird. Was übrigens jene bedauernswerthe Geisteskranke betrifft, so erfahren wir bei neuerlicher Erkundigung, daß sich ihr Befinden in Hoffnung gebender Weise gebessert habe, und wir können nur den Wunsch daran knüpfen, daß auch diese Besserung symbolisch sein möge und zu Hoffnungen ermuthigend für — Frau Vindobona.

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