Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 635 Charakter ein schönes Licht wirft. Bis zu seinem 20. Lebensjahre, so erzählte Herr Dr. Henckel, war er, weil in einer antisemitischen Luft ausgewachsen und erzogen, selbst Antisemit. Als er aber neben der classischen Philologie Semitica zu treiben begann und sich mit der jüdischen Literatur befreundete, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er sah ein, was die civilisirte Menschheit dem Judenthume zu verdanken habe. Seit jener Zeit machte er sich von den ihm eingeimpften Vorurtheilen gegen die Juden frei und ist jetzt bestrebt, niit all seiner Kraft und seinem Einfluß für dieses verkannte und unterdrückte Volk zu wirken, für dessen materielles und geistiges Wohl zu arbeiten. Die Schwierigkeit dieser Ausgabe entgeht den: Herrn Dr. Henckel nicht und er weiß auch, welches Maß von Hohn und Spott seiner harrt. Wird er ja doch schon jetzt von den Judophoben in Rußland Judenknecht benannt. Er läßt sich aber dadurch nicht beirren und nicht einschüchtern und gibt sich vielmehr der angenehmen Hoffnung hin, daß das von ihm begonnene Werk, welches nach seiner Schätzung mehr als ein Menschenalter erfordert, von Gleichgesinnten und vornehmlich von seinem Sohne, der in seinem Sinne erzogen wird, fortgesetzt werden wird. Soviel vom Herrn Dr. Henckel. So sehr wir uns aber auch freuen, daß uns in Rußland ein Anwalt erstanden ist, ein wackerer, unerschrockener Kämpe, der unsere Sache zu führen bestrebt ist; so sehr wir den Schritt der russischen Regierung mit Freuden begrüßen, dürfen wir uns dennoch keinen Illusionen hingeben, daß unser Heil dort schon nahe ist. Wir dürfen uns von der Bewegung, die Herr Dr. Henckel mit Energie und Eifer, mit Umsicht und Einsicht leitet, nicht zu viel' versprechen. Denn vor Allem spielt hier der Kostenpunkt eine sehr große Rolle. Ein Seminar im Range einer Hochschule zu gründen, die berechtigt wäre, das Doetordiplom den Hörern zu ertheilen, wie es sich Herr Dr. Henckel und die Gleichgesinnten wünschen, erfordert viel Geld. Wohl verfügt die russische Regierung über einen jüdischen Fond von 5 Millionen Rubel, der sich aus dem Fleisch-Sabbath- und Festlichttaxen angesammelt hatte und der nach dem Gesetze einzig und allein für jüdische Zwecke verwendet werden sollte; jedoch die Regierung will vorläufig keinen Kopeken für das Seminar opfern, bis sie gesehen haben wird, welche Früchte dasselbe zeitigt. Die zu gründende Rabbinerschule ist somit nur auf die Unterstützung von Seiten unserer Glaubensgenossen angewiesen. Nun haben die russischen Juden — die polnischen Juden stehen bedauerlicherweise dieser Bewegung fern — in ihrer Opferwilligkeit 80.000 Rubel zu diesem Zwecke gesammelt und werden diese Summe, wie der Herr Dr. Henckel hofft, verdoppeln, sobald sie erfahren werden, daß die Regierung ernstlich gewillt sei, die Gründung einer solchen Anstalt zu gewähren. Angenommen, daß eine Summe von 200.000 Rubel als Grundcapital zur Gründung eines Rabbiner- und Lehrerseminars ausreichen würde, wie seinerzeit in Wien die Stiftung des Ritters v. Guttmann s. A. genügte, so kann aber das Werk an der Lehrerfrage scheitern. Wen soll man als Kräfte an ein solches Seminar berufen? Haben wir etwa in Rußland viele Männer, die auf der Höhe der Bildung ständen und nebenbei religiös integre wären, so daß die Judenheit zu ihren Zöglingen Vertrauen haben könnte? Harkavy wurde als solcher genannt; ob er aber die in Petersburg ihm liebgewonnene Bibliothek verlassen wird, ist eine Frage. Außerdem macht eine Schwalbe keinen Sommer. Aus dem Auslande aber werden keine Kräfte geholt werden können, weil unsere Gelehrten wohl manche Sprachen verstehen, nicht aber der russischen mächtig sind. Angesichts dieser Schwierigkeiten wäre es vielleicht richtiger, daß unsere Brüder in Rußland von ihrem Vorhaben, ein Rabbinerseminar zu gründen, vorläufig abließen und das angehäufte Geld zu demselben Zwecke nur auf andere Weise verwenden sollten. Sie sollen mit den Mitteln die bestehenden talmudischen Hochschulen (Jeschiboth) subventioniren, sie unter die Leitung des R. Jizch rk Elch inan Spektor und R. Samuel Mohiliwer stellen und in ihnen Lehrstühle für jene profanen Wissenszweige errichten, die für einm gebildeten Menschen unbedingt nothwendig sind. Ich glaube, daß die russische Regierung die aus solchen Schulen hervorgegangenen Rabbiner, welche der Landessprache mächtig, in der nationalen Literatur bewandert und im Stande sind, mit den Behörden zu verkehren, ohne Weiteres als Kronrabbiner anerkennen wird. Auch werden solche Rabbiner, die selbst mit profanen Wissenschaften sich beschäftigen und dennoch streng conservativ geblieben sind, auf das Volk am besten wirken können, daß es nicht ganz der Bildung fern stünde. Nur so, scheint es mir, müßte die Rabbinerftage und mit ihr die Frage wegen Verbreitung von Bildung unter dm Juden von Rußland angefaßt und gelöst werden. Dagegen halte ich die Errichtung von Lehrer- und Rabbinerseminarim nach deutschem Muster in Rußland und Polen für unzeitgemäß, die bei dem jetzigen Stande der Dinge unmöglich sich entwickeln nnd gedeihen können. Herr Dr. Henckel gab selbst im Gespräche mit Herrn Dr. L e w y zu, daß es ein großer Fehler mancher Staaten sei, wenn sie Einrichtungen eines anderen Staates einfach copiren und nachahmen, ohne auf die Individualität und Beschaffenheit ihrer Unterthanen Rücksicht zu nehmen, ohne sich Rechenschaft abzulegen, ob die historische Entwicklung diese oder jene Institution erfordere. Dasselbe gilt auch von den russischen Juden in Bezug auf ihre Reformbestrebungen. Dort, wo die Heimstätte des talmudischen Studiums und der national-jüdischen Literatur ist, muß der Rabbiner vor Allem ein profundes Wissen auf diesen Gebieten sich erwerben, nicht aber seine Kräfte zersplittern, seinen Kopf mit einigen lateinischen und griechischen Brocken, mit den verschiedensten Systemen der Philosophie füllen und dm Geist mit den verschiedenartigsten Disciplinen belasten, wie es mit den Zöglingen in den deutschen Rabbinerschulen der Fall ist. Ein Rabbiner aus einer deutschen Anstalt wird, wie ich glaube, sich durch seine talmudischen Kenntnisse, die leider nur sehr lückenhaft sein können, Respect und Anerkennung bei unseren Brüdern drüben kaum erringen können. Ich will damit keineswegs unseren Seminarien in Deutschland und Oesterreich Vorwürfe machen, ihnen die Schuld der mangelhaften talmudischen Ausbildung ihrer Hörer zuschreiben. JmGegentheil, ich bin überzeugt, daß die Lehrer und Leiter solcher Anstalten mit Strenge und Ernst ihre Aufgabe erfassen, allein auch sie sind leider gezwungen, dem Zeitgeiste Rechnung zu tragen und in ihren Forderungen nicht allzu weit zu gehen. Denn die Gemeinden verlangen heute von ihren Rabbinern nicht allzu umfassende Kenntnisse der talmudischm Literatur. Es genügt ihnen, wenn der zur Probe kommmde Candidat Beziehungen zu A und B und Empfehlungm von X und I hat und außerdem einen schneidigen Schnurrbart besitzt, einen schönen Kratzfuß macht und sich die hohlen Gesellschaftsphrasen angeeignet hat. Ist der zu wählende Rabbiner im Stande, sich mit der Frau des Vorstehers oder dessen gnädigen Tochter zu unterhalten — die Weisheit der sich Unterhaltenden rührt selbstverständlich aus dem Feuilleton einer Zeitung her — so hat er gewonnenes Spiel. Er wird vom verehrlichen Vorstande und den Repräsentanten einstimmig gewählt, der Regierung zur Bestätigung vorgeschlagen, ohne daß Jemand darnach fragt, ob der Candidat, der ein Seminar vielleicht aus der Ferne gesehen oder demselbm nominell angehört hat, dasselbe rite absolvirt und aus demselben rite entlassen wurde. Wir haben gottlob mit dem Jndenthume dieser Länder, wie Dr. Jellinek s. A. sich einmal äußerte, abgewirtschaftet; der Schwerpunkt des Judenthums sei noch in Rußland und in Galizien zu suchen. Wollen wir aber auch dort unsere Brüder verflachen und die hierzulande herrschenden Verhältnisse dorthin verpflanzen, so sollen wir ihnen nur die Gründung von modernen Rabbinerseminarim empfehlen. Diemen wir es aber ehrlich mit unseren Brüdern und mit der Zukunft unseres Volkes, so müssen wir sie vor solchen