Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 634 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 35 mit exacter Schneidigkeit, das Commando wird momentan und gleichmäßig ausgeführt und die Truppe sieht, -was die Hauptsache ist, sehr gut aus. Das schultert die hölzernen Gewehre ganz prächtig, das macht sein Rechtsum und Kehrt Euch wie ein alter Gamaschenknopf. Sie singen auch ganz nett. Ein Bürschlein, das im Stadttempelchor mitthut, tritt vor die Front und hält die Gesellschaft in der Tonart und im Tact so ungefähr beisammen. Und jetzt die Talente! Man zeigte uns die Tagebücher, denn es werden solche geführt. Zwar keine sentimentalen Tagebücher ä la Werth er, aber dafür modern realistische. Meistens steht vom Essen drin. Es find mehr Speisekarten denn Gefühlsspiegelungen. Sehr drollig schrieb einer der Jüngsten: „Am Tage der Zerstörung Jerusalems fasteten wir den ganzen Tag, welches zwar eine Lüge ist." Ein anderer leistet sich einen kleinen Essay anläßlich der Kaiserfeier, die im Ferienheim begangen wurde, dem wir folgende bemerkenswerthe Stelle entnehmen: „Bis zum Jahre 1848 waren die Juden in Oesterreich ein unterdrücktes verachtetes und mißhandeltes Volk." Glückliches Kinderalter. Laßt ihm die Illusionen so lange als nur möglich! Nach den Stilmeistern stellte man uns die übrigen Genies der Gesellschaft vor. Der junge Herr Probst, der einmal, man weiß nicht recht wie und wann, bei Acrobaten sich herumgetrieben, zeigte sich auf der Wiese als Parterre-Equilibrist von entschiedener Begabung. Er hatte die besondere Liebenswürdigkeit, uns mit einigen Luftsprüngen zu erfreuen. Gewöhnt, die Dinge auf den Kopf gestellt zu sehen, warenwirdiesmal doch überwältigt. Die jungen Zuschauer konnten ihre Bewunderung über den radschlagenden und in der Luft nur so purzelbaumenden Kameraden nicht verbergen. Es leuchtete aus Aller Augen der innige Wunsch heraus: „Ach, wenn wir das nur auch könnten, uns gerade hinstellen und nach rückwärts zweimal überschlagen!" Dann folgte das Dramatische. Der Herr L ö b i ch ist ein eminentes komisches Talent. Er war noch nie in einem Theater. Sein schalkhaftes Augenspiel unter den schiefgezogenen Brauen ist urdrollig. In seinen Mundwinkeln sitzt der Schalk. An Girardi und Kornau, sogar ein weniganMatras erinnert der Putzige Kerl, der trotz seiner achtJahre dieBauerndialecte schon virtuos beherrscht. Dabei ist er von einer wahrhaft künstlerischenDiseretion und Einfachheit in seinen Mitteln. Wenn der kein Komiker wird.wird's Keiner. Die Kameraden schütteln sich vor Lachen, wenn er ihnen im Bette seine selbsterfundenen und urdummen Geschichten erzählt, und dazu blinzelt . . . Und ein ganz Kleines ist auch da, überaus putzig und poffirlich in seiner drolligen Strammheit, drei Käse hoch und wie aus Korkstöpseln geschnitzt. Auf das muß man besonders Acht haben. Sonst trägt es noch ein Amateur von Kleinigkeiten in der Westentasche fort. Groß möchte es gerne sein und Doctor werden — alles eins, was für einer! — nur aroß und Doctor! Ja, es gibt allerlei Aufstrebendes unter diesen jüdischen Knaben! Jetzt ist es schon die zweite Gruppe, die wir eben inspiciren. Die erste hat sich längst schweren Herzens von Theresienfeld nach Hause begeben. Diesen Sommer fand sich blos ein einziger Renitenter vor, der entfernt werden mußte. Alle anderen sind lenkbar, gutmüthig; ein Diebstahlsfall oder ein anderes Factum notorischer Unehrlichkeit ist überhaupt unter ihnen bisher noch nicht registrier worden. Das ist doch erstaunlich bei diesen armen, daheim wenig überwachten und nicht „fein-" erzogenen Kindern, deren Eltern Hausirer, kleine Handwerker, Dienst-- männer und Hausknechte sind. Temperament ist in ihnen Allen und eine gesittete Fröhlichkeit; wohlthueud sticht der Ton, der in der jüdischen Feriencolonie herrscht, ab von dem muckerischen, scheinheiligen, augenverdrehenden in anderen Anstalten, die wir nicht zu nennen brauchen. Gewiß herrscht auch bei uns Frömmigkeit und Gottesfurcht, doch ist es eine heitere Daseinsfreude, keine kopfhängerische Askese und Seelenmarter. Freitag Abend und Sabbath ist Gottesdienst und das Fräulein, wie Herr Drd. Altmann und der unermüdliche Administrator Kuten konnten nicht genug erzählen von der Weihe und Andacht, mit der da gebetet und gesungen wird. Mögen die Wohlthäter des Vereines „Ferienheim" und alle Kinderfreunde die Gelegenhett nicht verabsäumen, die Colonie in Theresienfeld zu besuchen. Sie werden hochwillkommen sein und die Ueberzeugung mitnehmen, daß mit den gespendeten Beträgen rationell gewirthschastet und erstaunlich viel geleistet wird. Wenn wir auch die im Einladungsschreiben erwähnte „Männerthräne" schuldig bleiben mußten, haben wir doch alles andere so angetroffen, wie der Bericht es verhieß. Die Leitung ist auf dem richtigen Wege; mögen die Herren Wohlthäter auch ferner und vielleicht gar in erhöhtem Maße — o das wäre ja prächtig! — sie in den Stand setzen, die vierte Colonie im nächsten Jahre zu gründen. F. Bestrebungen zur Verbreitung von Cultur und Bildung unter den Juden in Nutzland. Seit dem Regierungsantritte des Czaren Nicolaus II. hatten wir oft Gelegenheit, in den Zeitungen zu lesen, daß man in den Regierungskreisen in Rußland bestrebt ist, die Lage der Inden in materieller Beziehung zu verbessern. Jetzt können wir einen Fall registriren, der uns zeigt, daß man dort Miene macht, den Bedürfnissen der Juden auch in Bezug auf Cultus und Bildung Rechnung zu tragen. Die Regierung beauftragte nämlich den Herrn Dr. Hermann Henckel, Oberlehrer der reformirten Kirchenschule in St. Petersburg, dem bekannten Mitarbeiter des „Woschod", nach dem Auslande zu gehen, um Rabbiner- und Lehrerseminarien zu besichtigen, nur eventuell in Rußland ähnliche Anstalten ins Leben zu rufen. Die Veranlassung zu diesem Schritte war ein Nachwort über die „intellectuelle Lage der Juden", das der Herr Dr. Henckel seinem Werke über die Saadianische Philosophie beigefügt hat. Dieser Gelehrte beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Judenfrage und hatte schon vor zwei Jahren, als die Rabbinersynode in St. Petersburg tagte, die Errichtung von Lehrer- und Rabbinerseminarien angeregt, was aber seinerzeit in den maßgebenden Kreisen keinen Anklang gefunden hat. Um so überraschender kam ihm jetzt dieser ehrenvolle Auftrag, den er auszuführen sogleich sich anschickte, obgleich er dadurch um seine Ferienerholung kam. Der Weisung gemäß' besuchte Herr Dr. Henckel die Anstalten in Wien, Budapest und Berlin. Hier wollte der Zufall, daß er mit Herrn Prof. Dr. Deutsch aus Cincinnati zusammentras, bei dem er sich über die dortige Anstalt, die er im nächsten Jahre zu besuchen gedachte, Auskunft holte. Vorigen Dienstag, am 13. d. M., kam Herr Dr. Henckel nach Breslau und in 27-stündiger Unterhaltung besprach er diese Angelegenheit mit dem Vorsitzenden des Lehrercollegiums des jüdisch-theologischen Seminars, Sr. Hochwürden Herrn Seminarrabbiner Dr. I. Lew y. Derselbe warnte Herrn Dr. Henckel vor Allem vor Uebereilung und machte ihn auf die schädlichen Folgen aufmerksam, die eine Ueberstürzung nach sich ziehen könnte. Herr Dr. L e w y hob besonders hervor, daß an die Spitze solcher Anstalten Männer gestellt werden müßten, zu denen die russische Judenheit .nicht blos in wissenschaftlicher, sondern auch in religiöser Beziehung das vollste Zutrauen hätte. Sollte dieser Punkt nicht beachtet' werden, so könnte gerade das Gegentheil von dem, was' angestrebt wird, erreicht werden. Denn unsere Glaubensbrüder hätten mit solchen Reform- und Culturbestrebungeu leider sehr bittere Erfahrungen gemacht. Durch die Bildung, die man ihnen zuführte, seien sie zwar intelligente Menschen, incht aber gebildete Juden geworden. Diesen Ausführungen stimmten auch die Herrn Rabbiner Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal bei, die inzwischen zu Besuch bei Herrn Dr. Lewy erschienen waren. Beim Abschiede dankte Herr Dr. Henckel dem Herrn Seminarrabbiner für den freundlichen Empfang und für die wohlmeinenden Winke und Rathschläge, die er bei dem zu gründenden Rabbinerseminar zu Wilna voll und ganz beherzigen wolle. Schreiber dieser Zeilen hatte das Vergnügen, mit dem Herrn Dr. Henckel bis Mitternacht zusammen zu sein und in gemüthlicher Unterhaltung erfuhr er manches Interessante aus dem Lebenslauf und Studiengang dieses Mannes, das auf seinen