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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-30 · 35 (30.8.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 gaben für Wohlthätigkeitszwecke, seit der Organisation der Gesellschaft die Summe von 1,053.234 Dollars erreicht haben. Von jener Zeit bis auf unsere Tage hat das segensreiche Wirken der Anstalt von Jahr zu Jahr zugenommen. Herr Enlanuek Lehman wurde letzten April als Nachfolger von Jesse Selig man gewählt. Das gegenwärtige Waisenhaus, welches ich in meinem letztenBriefe beschrieben habe, wurde 1884 bezogen. In der letzten Sitzung des Common Council wurde die Gesellschaft ermächtigt, das alte Asylum au der 77. Straße mit den dazu gehörigen Bauplätzen zu verkaufen und den Erlös dem Asylumfond einzuverleiben. Zum Schlüsse gestatten Sie mir noch, einen Bericht über den Nachlaß des vor einigen Wochen hier verstorbenen Bankiers Eugene Kelly hinzuzufügen. Der Verstorbene, in Irland geboren, gehörte der katholischen Kirche an. In seinem Testament erklärt er, daß er nur deshalb die Wohlthätigkeitsanstalten der Katholiken und Juden bedachte, mit Ausschluß der aller anderen Confessionen, weil jene in der Regel nur auf die Unterstützung ihrer eigenen Mitglieder rechnen können, von Andersgläubigen aber nur in den seltensten Fällen Legate erhalten. Seine Hinterlassenschaftsverwalter, zu welchen der Erzbischof Corrigan gehört, haben vorige Woche den nachbenannten jüdischen Anstalten aus der Erbmasse die beigesetzten Summen ausbezahlt: Hebrew Lying In Society Pfd. St. 237*50, Mount Sinai Training School 237*50, Bright Side Nursery 237 50, Lebanon Hospital 237*50, Beth Israel Hospital 237*50, Young Men’s Hebrew Association 237*50, Mount Sinai Hospital 475, Hebrew Orphan Asylum 475, Montefiore Home 475, Home for Aged and Infirm Hebrews 475, Emanuel Sisterhood 475, Hebrew Slieltering Guardian Society 475, Hebrew Free School Association 475, Sanitarium for Hebrew Children 475, Jewish Prisoner’s Association 475, The Educational Alliance 475, United Hebrew Charities 1900, Hebrew Technical School 1425, zusammen Pfd. St. 9500. Mi Jodea. Ein Besuch im Ferienheim zu Theresienfeld. Eines schönen Morgens liegt ein Brief auf dem Redactionsschreibtisch unter den zahlreichen anderen, wie sie die Wellen der Zeit Tag um Tag mit schier unheimlicher Regelmäßigkeit auf diese Klippe hinanspülen. Ein breites Blatt, von fliegender Frauenhand bekritzelt. Man wird in liebenswürdigster Weise eingeladen, doch die israelitische Feriencolonie zu besichtigen. Zum Schluß gibt es stylisirte Bonbons: „geistige Unterstützung nicht entrathen können"—„aus Ihrem Munde — aus Ihrer Feder-" „Throne der Rührung aus Männeraugen". Man ist eitel; je weniger man es zu sein glaubt, desto mehr; man fühlt sich so recht zehnte Großmacht und besteigt den Bummelzug, vor den sie eine asthmatische Locomotive gespannt haben, die pustend die Südbahnstrecke hinuntertorkelt und sich fleißig ausschnauft. Man könnte schon in Triest sein und ist erst in Böslau. Endlich Theresienfeld. Eine staubige, heiße Landstraße führt nach dem Hause, wo das halbe Hundert ärmster jüdischer Knaben das Sommerzelt aufgeschlagen hat. Ein breithingestrecktesGebäude, das einmal einSchloß gewesen sein mag und dann zur Fabrik umgestaltet wurde. Jetzt hat es der gioßmüthige Besitzer den armen Kindern geliehen. Ein Bächlein rieselt durch's E'-rüne. Schattige Rasenplä' e dehnen sich rings herum aus. Der Exercierplatz ist nach rückwärts zu gelegen und brät in der Sonne. Er träumt und bildet sich vielleicht gar ein, die Schmelz zu sein. Eine junge Dame kommt uns entgegen in blauer Wirthschaftsschürze. Das Fräulein ist hier Haus- Mütterchen, oberster Gerichtshof, Verwaltungsrath. Generalstab, — Alles und überall. Die Schwester der Frau Präsidentin zieht es vor, sich hier in arbeitsamer Rastlosigkeit den armen Jungen zu widmen — mit einer rührenden Hingebung, mit einer Selbstlosigkeit ohne gleichen. Anstatt in Pörtschach sich an den kühlenden Wellen des Sees zu erfrischen, wo ihre Familie sie erwartet, bestreicht sie wohlgezählte 116 Brode mit Butter Seite 633 sür's Gabelfrühstück — anstatt dem Lawn-Tennisspiele zu huldigen, inspicirt sie die Waschküche, statt des Gummiballs wirft sie lieber einen strafenden Blick nach einem zu geräuschvollen Bürschlein und an Stelle eines anregenden Flirts in der Dämmerung sieht sie nach, ob Ordnung und Reinlichkeit in der vielköpfigen Familie so bestellt sind, wie sie es verlangen muß. Sie hat sich Energie angewöhnt, über die sie selbst manchmal staunt. Zu Engelhorn und Tauchnitz Edition hat sie keine Zeit — das Wirtschaftsbuch nimmt sie zu sehr in Anspruch. „Gott, wie bin ich dumm!" meinte sie. indem sie sich die Haare ein wenig znrückstrich ..daß ich mich hcerhersttze! Aber was will man machen. Ich kann doch die Burschen nicht alllin lasten!" Ja gewiß, Obrigkeit muß sein, mein Fräulein. Sie haben ganz recht, sich zu entschuldigen. Sie sind aber nicht dumm, sie sind nur gut. Und das ist doch ein kleiner Unterschied! Pessimist! ch veranlagte Naturen behaupten zwar frech und frei, das sei ganz dasselbe, dumm und gut, — doch unterstehen wir uns, hierüber anderer Meinung zu sein. Und nun gleich die Klagen. Wir haben sie kommen sehen. Eine ganz antisemitisch vsrseuchie Gegend, dies Theresienfeld. Man darf die Buben kaum vor's Thor lasten, ohne befürchten zu müssen, daß sie insultirt werden. Erst gab's gar keine Milch sür's Ferienheim. Nicht einmal um theures Geld. Auch der brave Fleischer in Wiener-Neustadt thut in. Gefühl seiner Unentbehrlichkeit, was er will. Wenn man der Einzige ist, glaubt man das Recht zu haben, über müthig zu sein. Wir wollen nicht unbillig sein. Wer weiß, was geschähe, wenn Jemand der einzige Fenilletonist in der ganzen Welt wäre. Letzthin marschirte die Colonie nach Wiener-Neustadt hinüber zum Jugendgottesdienst; das Provinzschmierblättchen warf Tags darauf mit Ünflath um sich und wurde sogar in seiner Weiss witzig, indem es vorschlug, man sollte anstatt der Fahne einen Haseubalg an einer Stange vorantragen. Früher wurde einmal die Kleine Truppe attakirt von allerlei antisemitischem Gesindel. Die Situation war bedrohlich. Da commandirte der Lehrer: „Zu den Steinhaufen". Das regelrechte Bombardement begann. Eine Salve genügte. Die feigen Angreifer flohen. Die Armee in Duodez formirte sich wieder und marschirte stolz und siegesfreudig in ihre Quartiere ab. All dies erzählte man uns, während wir die trockenen, freundlichen und peinlich rein gehaltenen Räume durchschrittcn: den Speiseraum mit dem Brettertisch und den Bänken — so laug wie Klopstock's „Messias" — den Schlafsaal. die Küche und die Nebenzimmer. Es muß gespart werden, aber es wird sinngemäß und praktisch gespart. Ein Maroder lag im Bett. Er hatte aber blos geschwollene Mandeln und war seelenvergnügt dabei. Dürste er daheim sich den Luxus einer so vornehmen Krankheit gestatten? Gewiß nicht. Das Fräulein ist nicht blos „Rechtsconsulent" in allen Streitfragen der Kleinen, sie ist auch Arzt. Kommen die Leidenden anmarschirt. so hat sie die Simulanten gleich weg. „Du kriegst keine Jause! — Du mußt in's Bett für drei Tage!" — und sie sind auch schon geheilt. Die Krankheit ist ihnen lieber als die Cur. Will eurer von den kleinen Schwindlern den Hartnäckigen spielen, so heißt es einfach, daß er sich der nicht ganz schmerzlosen Procedur zu unterziehen habe, sich den Magen oder die Leber mit Lapis ausbrennen zu lasten — das ist das probateste Mittel, ihn gesund zu machen. Das hat noch nie versagt. — Ernsthafte Erkrankungen kommen fast gar nicht vor, denn es werden nur gesunde, wenn auch schwache, mangelhaft genährte, anämische Kinder ausgenommen, die sich Alle prächtig in der guten Luft erholen. Aus den bleichen, eingefallenen Wangen werden feiste, rothe Bäcklein, die Haltung wird gerade und sicher, die Antworten erfolgen mit fröhlicher Bestimmtheit die gedrückte Knechtsstimmung der Armuth weicht eiwm freien, bescheidenen Auftreten, das des Selbstbewußtseins nicht entbehrt. Die Feriencolonie hat einen großen, nicht zu unterschätzenden moralischen Werth für alle diese Kinder der Aermsten. Sie kommen anders nach Hause. Wenn auch kein regelrechter Unterricht ertheilt wird, sie haben doch was gelernt sür's Leben: Ordnung, Reinlichkeit. Gehorsam, Disciplin und — vielleicht auch ein wenig Dankbarkeit. Kinder kamen in die Colonie, die überhaupt noch kein Fleisch in ihrem Leben geqesten hatten! Doch dakommen sie schon anmarschirt unter dem Commando ihres Exerciermeisters Med.-Drd. Altmann, der aus den Knirpsen in erstaunlich kurzer Zeit ein Heer gebildet hat, an dem der Zwerg- GeueratTomPouceseineFreude hätte. DieSchwenkungen erfolgen Dr. Bloches Wochenschrift.

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