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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 34 Seile 627 Dr. Bloch's Wochrnschrist. Ich erklärte dem Eigenthümer des Kopfes, diese Ereignisse und Persönlichkeiten stünden in keinem Zusammenhang miteinander, dochmitleidig lächelnd, erwiderte er: „Was in meinem Kopfe steht. daS steht in der Schrift, und was in der Schrift steht, das ist wahr. . . . Die Schrift, heißt es bei uns, ist die beste Waare, und wer nicht kennt die Schrift, der kennt nichts, und wer nichts kennt, der ist nicht werth, daß er leb: auf der Welt. . ." Ein großer Kopf! Ich fragte ihn, womit er sich ernähre? „Mit was immer," entgegnete er. „Die Zeiten sind schwer, an Arbeit mangelt's, nichtsdestoweniger lebt man. Braucht denn ein Mensch so viel? Eine kleine Kammer, etwas Rettig, einige Kartoffeln. . ." Ob ihm solch' ein Leben nicht überdrüssig? fragte ich. Ob die Last ihn nicht gar schwer drücke? Doch erstaunt und ohne meine Frage zu verstehen, blickten mich die schwarzen Augen an. „Wie? Kann ein Leben, das Gott uns geschenkt, eine Last sein? Können Kinder eine Last sein, wenn sie sind ein Segen? Können Rettig und Kartoffeln werden überdrüssig, wenn im Jenseits der Leviatam die Knechte Gottes erwartet und Wein ihnen credenzt werden wird, derselbe Wein, denn die Töchter des gerechten Lot ihrem Vater zu trinken gegeben? Kann ein Mann, der vom Erzvater Jacob abstammt, sich beklagen? Darf ein Mann, der einen Kopf hat, murren?! . . . Die Kammer ist schmutzig, das ist wahr; der Magen ist leer . . . Nun, es sind eben schwere Zeiten. Aber ein großer Kopf darf nicht daran denken. Ein großer Kopf muß seine Gedanken entsenden zum Jordan, an dessen Ufern Feigen wachsen, das Oel von den Olivenbäumen träufelt und wo Ziegen, die Milch für Alle zur Genüge haben, schaarenweise weiden. . . ." Ist es ein Wunder, daß der Eigenthümer eines solchen Kopfes sich glücklich schätzt, daß er diesen Kopf am liebsten von den Schultern nehmen und einen heißen Kuß auf seine Stirn drücken möchte? Lacht nicht, ihr guten Leute: solch' ein Kopf, das ist wahrlich ein großer Kopf! Federzeichnungen aus der Gaffe. Wie ein Familienzwist endete. Gedaljah Eisler und Srole Hauser waren die zwei reichsten Männer der Gasse und auch die besten und wohlthätigsten, aber die erbittertsten Feinde gegeneinander, obwohl sie Verwandte und Nachbarn waren. Seit fünfzehn Jahren führen sie einen Erbschaftsproceß wegen eines Häuschens, das nicht so viel Werth war, als die Proceßkosten bereits ausmachten. Beide sehen das ein, doch der Streit ist ihnen willkommen, sie zahlen gern, um nur einen Gegenstand zu haben, sich zu reiben, denn die eigentliche Ursache ihrer Feindschaft ist, daß Einer mehr als der Andere sein, für gelehrter und gescheidter gelten will. Obwohl sie ihre Advocaten hatten, verfaßten sie ihre Satzschriften doch selbst und es war ihr Stil, die heilige Schrift einzumischen, um ihre Gelehrsamkeit zu zeigen. So wählte z. B. der Eine das Motto aus dem Psalmisten: „Der Herr wird doch endlich Deine Gerechtigkeit hervorbringen, wie das Licht und Dein Recht wie den Mittag", und der Andere wählte sich aus demselben Psalm: „Aber ihr Schwert wird in ihr Herz gehen und die Gerechten erben das Land und bleiben darin ewiglich." Anfangs hatten Viele in der Gemeinde ein Interesse daran, diese Gegnerschaft noch zu schüren, denn zeichnete der Eine zu irgend einem Cultus- oder Wohlthätigkeitszwecke einen Gulden, zeichnete der Andere gewiß, um den Gegner auszustechen, das Doppelte, votirte der Eine beim Aufrufen die üblichen achtzehn..., votirte der Andere zweimal achtzehn und vergaß der Eine an einen der vielen Vereine, bedachte der Andere denselben mit einem umso größeren Beitrag. Später hörte jedoch diese Concurrenz im Geben auf und Wo der Eine hervortrat, zog sich der Andere ganz zurück; am Ende verhielten sich gar Beide passiv. Jetzt befleißigte man sich allerdings, von allen Seiten eine Versöhnung zwischen Beiden herbeizuführen, aber sie scheiterte an der Rechthaberei beider Gegner. An einem Nachmittage lag Gedaljah Eisler auf seinem Sofa und hatte vor sich auf einem Sessel einen Folianten aufgeschlagen, in dem er blätterte. Am Tische nebenan saß ein junger Mann über Geschäftsbücher. Plötzlich erhob sich Gedaljah und rief: „Du. Kobele, ich Hab' im Choschen Mischpet einen neuen Punkt gefunden, die letzte gerichtliche Sentenz umstoßen zu können." „Ach, Vater", sagte darauf der junge Mann, „mir ist vor der ganzen Geschichte Ekel. Wir könnten das Alles ersparen und die besten Nachbarn sein — doch darüber Hab' ich schon so oft gesprochen-" „Auch ich wär' vom Herzen froh, wenn ich einen guten Nachbar hätte. Srole ist aber keiner. Ich muß mich an ihm herumreiben, schon um ihm zu zeigen, daß ich ihn nicht fürchte, sonst wär' ja nicht auszukommen." „Du bist im Grund kein besserer Nachbar. Doch sei es, wie es sei, der Gescheidtere gibt nach." „Nachgeben? Du bist toll! Du kennst ihn nicht, er möcht' haben, daß ich vor ihm krieche." Ein trüber Zug verfinsterte das schöne offene Gesicht des jungen Mannes. „Ich glaub' gar", fuhr der Alte fort, „es thut Dir Leid um Sroleleben." „Du weißt nichts"^sagte der Sohn mit schmerzgedämpfter Stimme. „Was gibt's? was gibt's? Du wirst doch nicht — aber rede — red' — Ist Vögele? —" „Ja, Vögele", seufzte Kobi und nahm beide Hände vor das Gesicht, um die hervorbrechenden Thränen zu verbergen. „Du hast doch keine Liebschaft mit ihr." „Schon seit Langem lieb' ich sie." „Hinter meinem Rücken! Daraus kann niemals etwas werden." „Ich weiß es! Und darum will ich fort von hier." „Also den alten Vater verlassen, um eines Mädels willen! — Weiß unser guter Nachbar Srole davon?" „So wenig, wie Du es gewußt hast. Vögele würde sich's gar nicht getrauen, ihm zu sagen." In Gedaljah blitzte ein Gedanke auf. „Es ist wahr", sagte er, „Vögele ist ein braves und liebes Mädel, wenn Du ein Jung bist und sie Dich nimmt, auch gegen ihres Vaters Willen, Heirat' sie." Innerlich vergnügt machte sich der Alte wieder in seinem Folianten lesen und als der Sohn nach einer kurzen Weile das Zimmer verließ, rief Gedaljah freudig aus: „Das wär' etwas, Srole ein' Schaberuak zu svielen, mehr, als alles Processiren!" Am nächsten Tage saß Srole Eisler mit seiner Familie, die aus seiner Frau und seiner einzigen Tochter bestand, bei Tische. „Aber sag' mir, Vögele," wendete sich der Alte an die Tochter, „was ist mit Dir, Du siehst ja seit einiger Zeit aus wie am Jom-Kippur zu Nilah." Vögele traten die Thränen in die Augen und in schwer« müthigen Tone sagte sie: „Schickt mich zur Tante. Ich will einige Zeit in der Fremde sein." „Fort willst Du gehen? rief der Alte, die Hände zusammenschlagend, aus. „Was ist Dir denn so plötzlich in den Kopf gefahren? Wenn Du das thust, will ich nie mehr etwas von Dir wissen." Die Mutter hatte sich inzwischen hinter dem Rücken der Tochter gestellt und zeigte mit der Hand auf das Haus Gedaljah's und dann, um ein bestehendes Verhältniß anzudeuten, auf Vögele. Das Mädchen, das die hinter ihrem Rücken geführte Zeichensprache merkte, wandte sich um und sagte entschlossen: „Ja, ich liebe Kobele!" „Um Gotteswillen!" rief der Alte, „weiß Gedaljah davon?" „Kein Wort," seufzte Vögele, Kobele getraut fich's ihm gar nicht zu sagen. Eisler hat ja noch einen härteren Kopf als Du. Ich habe das mit Kobele schon hundertmal besprochen." „Ein schöner junger Mann das," rief der Alte, der seine Freude kaum zu verbergen im Stande ist, aus, „der seinem Vater nicht zu trotzen wagt, wenn er ein Mädel liebt! Bist Du denn eine Hergelaufene? Muß sich nicht jeder Vater glücklich schätzen, so eine Schwiegertochter wie Dich zu bekommen? Aber ich kenn' Gedaljah, er ist ein schlechter Mensch, er sähe Kobele lieber tobt, als in unsere Verwandtschaft gebracht. Auch ich bin mit dem Schidich nicht einverstanden; aber wenn es das

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