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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 622 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Vir. 34 anfangen, da sie täglich mehr Bänke einnehmen — diese stillen Leute mit den langen Röcken sind sehr stark. Ihre Kraft hat ihnen auch hier, in dem Staubmeer, ein solch prächtiges Gotteshaus geschaffen, daß des Menschen Auge, einen Blick auf die im heißen Staube sich hinziehenden schmutzigen Gassen Pistyäns werfend, freudig daran haften bleibt und mit Vergnügen an den Sternenfenstern des selbstbewußt hervorragenden jüdischen Gotteshauses ausruht, auf dessen Frontseite die Steintafeln mit den zehn Geboten zu sagen scheinen: Ich erhebe mich hoch über euch Wohnungen schwacher Menschen, die ihr das Elend deckt, denn ihr seid der Leib, ich aber bin die Seele! Das ist der jüdische Tempel in Pistyän. Ich sage nicht, daß zur Ehre unseres guten Gottes kein Local wäre. Es mag so groß sein, wie etwa einer meiner Kleiderschränke. Wenn drei alte Frauen und der blinde Bettler drinnen niederknieen, da habe ich mit meiner Wirthschafterin nur aus der Gaffe Platz. Ich wundere mich, daß diese unverschämt lange Büchse mit der großen Oeffnung, welche den halben Eingang versperrt, nicht schon längst das Ganze verschlungen hat. Ich wundere mich, daß der liebe Herrgott in seinem Unmuthe nicht schon längst dieses „Haus" in den Sack steckte. Und da ist der Patronatsherr ein dreißigfacher Millionär, ein ungarisch-ultramontaner katholischerMagnat, der im Magnatenhause gegen Szilagyi donnerte, weil die Regierung die Lämmer Gottes nicht in den Stall der Kirche lenke. Ich sage nicht, daß nicht Alles geschieht, um Geld für eine prächtige Kirche zu beschaffen; man bettelt die Kranken an; es ist ja jeder nach PistyLn Ankommende ein geeignetes Subject der Wohlthätigkeit, er ist dazu mürbe gemacht. Dem Curgast wird eine ganze Liste wohlthätiger Zwecke vorgelegt, welchen Spenden zu widmen sind, und an erster Stelle steht die Sammlung für die katholische Kirche. Es werden Tanzunterhaltungen mit Tombola, Bazare — von jüdischen Damen veranstaltet, und zu diesem Zwecke tanzt — die jüdische Jugend der Umgebung. Ich habe es gesehen. Der anmutbige Eifer, mit welchem sich die Frauen und Töchter der jüdischen Aerzte als Slovakinnen, Ungarinnen. Zigeunerinnen verkleideten, wie sie wetteiferten für die katholische Kirche nur mehr Geld aus den Taschen ihrer Verwandten und Bekannten herauszufischen. das hat mich so ergriffen, daß ich nach Hause ging und schluchzte wie ein geprügeltes Kind. Und immer dachte ich nur daran: Warum bin ich jetzt nicht reich? Ich sage nicht, daß die Familie des Patronatsherrn an den Bazaren nicht theilgenommen hätte; auch die Comteffen schlugen ein Zelt auf, in welchem sie Weihwasser verkauften, aber weit von den jüdischen Damen, 6 donc, jenseits der Waag, auf der Insel, wo sie allein und abgesondert waren und wo sie gerade so viel verkauften, als das Weihwasser für die Kirche kostet. Also wer ist der Starke? („Allg. Ztg. d. Judenthums".) (Korrespondenzen. E. B. Wie«. (Der Bericht der Wiener Handels¬ und Gewerbekammer) über die Industrie, den Handel und die Berkehrsverhältnisse während des Jahres 1894, der jüngst erschienen ist, ist rosig gefärbt. Bon den beklagenswerthen politischen Verhältnissen, welche in Folge einer gewissenlosen, die längste Zeit geduldeten Agitation zu einer beispiellosen Verhetzung weiter Schichten der Bevölkerung führten und die Suspendirung der Gemeindeautonomie zur Folge hatten, weiß dieser Bericht kein Wort zu sagen, obwohl diese Verhältniffe auch auf das wirthschaftliche Leben der Reichshauptstadt und ihrer Bewohner zweifelsohne den ungünstigsten Einfluß ausüben Müssen, Quod non est in actis, non est in mundo. Für die Wiener Handels- und Gewerbekammer existirt die ganze antisemitische Bewegung nicht, denn sie ist in ihrem Berichte nicht vorhanden. Und gerade diese Körperschaft wäre in erster Linie dazu berufen gewesen, ihre warnende Stimme zu erheben und die Aufmerksamkeit der maßgebenden Factoren auf die für Handel und Verkehr höchst abträglichen Rückwirkungen des Antisemitismus zu lenken. Allein bei der Wiener Handelskammer wird wie bei anderen Körperschaften die nicht genug zu tadelnde Taktik beobachtet, die antisemitische Bewegung einfach zu negiren, damit man nur ja nicht bei irgend einer Stelle Mißfallen errege. Die Knopflochsehnsucht ist eben mächtiger als die Pflicht, zur rechten Zeit das rechte Wort vernehmen zu lassen. Dies ist die wahre Politik des Vogel Strauß, der die Gefahr nicht sieht, weil er den Kopf in Sand gesteckt hat. Ob diese Politik die richtige ist, dies zu benrtheilen überlassen wir den Wählern der Wiener Handelskammer. Es gibt zweierlei Förderung des Antisemitismus, und zwar auf positive und negative Weise. Der Förderung in negativer Weise machen sich alle diejenigen schuldig, welche, wenn hiezu berufen, es unterlassen. gegen die alle Verkehrsgebiete tief schädigende Strömung in passender Art Stellung zu nehmen und Einsprache zu erheben. Sapienti sat! Wien. (V e r t r a u e n s k u n d g e b u n g.) Dem hochverdienten, greisen Obmann des polnisch-jüdischen Tempels ist nachstehende Adresse überreicht worden: Sr. Wohlgeboren Herrn S. M e i s e l s Obmann des Belhaus-Vereines „Beth Israel" Wien. Sehr geehrter Herr Obmann! Die gefertigten Mitglieder des Vereines „Beth Israel" haben mit großer Wehmuth Kenntniß von Ihrem Entschlüsse erlangt, daß Euer Wvhlgeboren von der obersten Leitung unseres Vereines zurückgetreten und die Ihnen seit dem Bestände unseres Vereines übertragene, von Ihnen mit so großer Wärme, Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit geführte Stelle eines Obmannes niedergelegt haben. Wer von uns weiß nicht die Verdienste, diL sich Euer Wohlgeboren als Obmann dieses Vereines im reichsten Maße erworben habe», zu schätzen? Wer von uns kennt nicht die mühevolle Aufgabe, die Euer Wohlgeboren sich gestellt und in würdigster Weise zum Abschlüsse gebracht haben? Eben darum bitten wir Sie, von Ihrem Vorhaben abzustehen, damit das große Werk, das Sie geschaffen, weiter erhalten bleibe, zur Zierde des Judenthums, zum Wohle der Mitglieder dieses Vereines, die mit allen Kräften darnach streben werden, die Fäulnisse, von denen unser Verein ergriffen wurde, auszuscheiden, damit nicht das Fundament hievon erfaßt werde und das ganze Werk in Trümmer gehe und es uns nicht so ergehen möge wie ehedem, wo es dann heißen würde: da stand die zweite polnische Schule! Diese höchste Ehrenstelle, die wir zu vergeben habe», gebührt nur Ihnen, und so lauge der Allmächtige Sie uns schenkt, werden wir gewiß keinen Andern als Sie auf diesen Ehrenposten steigen lassen, denn es wird der schönste Lohn für uns sein, Sie als Schöpfer und Gründer dieses Vereines auch ferner als den Leiter desselben verehren zu können. Wir erwarten, daß Euer Wohlgeboren unserer Bitte Gehör schenken werden, und geben Ihnen unser Wort, daß wir auch ferner mit vollster Hingebung und Hochachtung Ihnen zugethan bleiben wollen. Wien, den 5. August 1895. (Folgen die Unterschriften.) Die Antisemiten in Döbling. Das antisemitische Bezirks-Wahlcomite in Döbling hatte für den 19. d. M. Abends in Zögernitz'Restauration die erste Wählerversammlung in diesem Bezirke einberufen, in welcher sich die Gemeinderaths-Candidaten für alle drei Wahlkörper vorstellen sollten. Es trat aber nur der gewesene Gemeinderath Steiner als Candidat auf, da, wie der Obmann des Wahlcomites, Gutmann, mittheilte, es den Antisemiten noch nicht gelungen ist, Candidaten für den ersten und zweiten Wahlkörper zu finden. Zur Unterstützung der Candidatur erschienen Dr. Lueger und der deutschnationale Landtagsabgeordnete v. Pacher. Dr. Lueger äußerte seine Befriedigung darüber, daß zunächst die Wahlagitation der liberalen Partei „sehr flau" sei, und wendete sich schließlich gegen die freisinnigen Gewerbetreibenden, die, wie er sagt, in der letzten Zeit so viel von sich reden machen. Sodann entfernte sich Dr. Lueger, um noch in zwei andere Wählerversammlungen zu fahren. — Abgeordneter Steiner sprach hierauf in einer langen Rede von den „Missethaten" der liberalen Partei und entwarf zugleich das Programm der antisemitischen Communalwirthfchaft für den Fall, daß diese ans Ruder gelangen sollte. — Der Landtagsabgeordnete Herr v. Pacher kritisirte den Beamtenerlaß des Ministeriums und behauptete, daß derselbe zu Gunsten der liberalen Partei herausgegeben wurde. Dieser Erlaß erinnere weniger an einen constitutione llen Staat als eine absolute Regierung, ähnlich wie in Rußland. Durch diesen Erlaß solle die freie Meinungsäußerung eines jeden Staatsbeamten beschnitten werden. Es sei nicht nothwendig gewesen, die Beamtenschaft knapp vor den Wahlen an ihre Pflichten zu erinnern, weil dies nur böses Blut machen werde. Herr v. Pacher behauptete auch, daß in Folge dieses Erlasses sich die Beamten umsomehr der antisemitischen Partei zuwenden werden. Der ganze Erlaß

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