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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Bloch's Wochenschrift. Jud oder Christ? Uber einen Gewaltakt des russischen Consulats in Conftantinopel berichtet der Correspondent des „Berliner Tageblatt" aus der türkischen Hauptstadt: Der Besuch des kaiserlichen Palastes am Freitag Mittag, um der Ceremonie des „Selamlik" beizuwohnen, ist für Ausländer nur gegen Vorzeigen einer von ihrem betreffenden Consulat ausgestellten Legitimation möglich. Auf Grund seines regelrechten Passes erhält Jeder von feinem Consulat die gewünschte Legitimation ohne Anstand. Nur das russische Consulat hat eine eigenthümliche Absonderlichkeit ausgeheckt, indem es bei Austheilung der Legitimation prüft, ob der Bittsteller Christ oder Jude ist? — Kommt ein russisches Männlein oder Weiblein im niederträchtigsten Anzug daher, daß es für die Nation eine Schande sein müßte, sich durch ein solch wildes Individuum im Palast des Sultans, vertreten zu sehen, so erhält dieses „Individuum" sofort eine Karte vom Consulat, wenn man ihm sein Christenthum ansieht. Aber wehe dem anständigsten Bittsteller, wenn man ihm den Juden anzusehen glaubt, oder wenn sein Name dem Beamten jüdisch zu klingen scheint. Da heißt es denn: „Wir können nur solchen Leuten Legitimationen ansstellen, die uns bekannt sind . . ." Ja, gibt es denn für einen russischen Unterthan im Auslande zur Vernkittlung seiner Bekanntschaft mit seinem Consulat ein anderes Zeugniß, ein besseres Zengniß als den regelrechten Paß? ... Es sind mir mehrere Fälle bekannt geworden, daß russische Juden, die also von ihrem Consulat abgewiesen wurden, sich an die Türken wandten, und daß sie eben auf Grund ihres regelrechten Passes, als auf Grund einer sicheren Legitimation, sofort die Erlaubniß erhielten, dem Selamlik beiwohnen zu dürfen, nachdem sie den Grund mitgetheilt, weshalb das eigene Consulat sie nicht legitimiren gewollt. . . Diese Absonderlichkeit des russischen Consulats ist eine Neuerung!! Siebestand früher nicht, selbst nicht wahrend der südenfeindlichsten Epochen der früheren russischen Regierung. Es ist sicher, daß auch der allgemein als tolerant bekannte Botschafter Herr v. Nelidow von dieser Willkür seines Consulats nichts weiß und daß er dieselbe niemals dulden würde. Die bloße Constatirung dieses Unfugs wird also wohl geeignet sein, ihm ein jähes Ende zu bereiten. Aus Roznau Der ..berühmte" Cnrort scheint nachgerade eine ständige Rubrik in den Zeitungen pinnebmen zu wollen. Wenn auch das löbliche Comit6 für die Gäste nicht das Geringste zu thnn gewillt ist. trotzdem die Cnrtaxe (fl 7} ziemlich hoch ist. so sorgt die hiesige hoffnungsvolle Jugend in ausgiebiger Weise dafür, daß sich die Cnraaste nicht langweilen. Die Ercesse W ..Cnrcavelle", die das ..Deutsche Volksblatt" in Heiterkeit versetzt haben, sind noch in frischer Erinnerung. Aber die Gemntber scheinen sich noch nicht beruhigen zu wollen und es werden die israelitischen Cnrgäste in jeder möglichen Weise bedrängt und behelligt. Vor einigen Tagen wurde ein schwerkranker Junge jüdischer Confession in Folge der Aussage zweier Bauern unter der Anklage verhaftet, er habe ein kleines christliches Mädchen vergewaltigen wollen. Trotzdem der bloße Anblick des armen Jungen vollkommen genügte, um einen so diffami»-enden Verdacht nicht auskommen zu lallen, wurde derselbe in Hast belassen, da die Zeug-n ib^e Aussagen beeiden wollten. In Folge des Einschreitens einiger Cnrgäste wurde der Arme, deffen Verbrechen darin bestand, daß er das Mädchen um den Weg fragte, und. da er kaum vernehmlich spricht, sich an das Ohr desselben beugte, in einem Zimmer internirt und erst nach 4 Tagen, nachdem die Untersuchung die vollständige Schuldlosigkeit des jungen Mannes ergehen hatte, treigelasien. Täglich kommen infolge des herausfordernden Benehmens der Einheimischen Plänkeleien vor. An Abend des KrU^rsesi-s prom»nirte e?n? ans mehreren Herren und Damen bestehende Gesellschaft auf dem Ring¬ Seite 621 platz. Ein Theil derselben sang die Kaiserhymne. Plötzlich wird die Gesellschaft von einem unbekannten älteren Mann in der gröbsten Weste überfallen. Hier darf nicht gesungen werden schreit der wackere Mann, gehen Sie nach Hause. Als ein Herr aus derGesellschaft, entrüstet über dieses Vorgehen, ihn aufforderte, sich zu legitimiren, schrie der saubere Herr, ein Schuster seines Zeichens: „Ich bin Jizek und habe hier zu befehlen." Dank dem maßvollen Verhalten der Gesellschaft ist es diesmal zu keinen Ausschreitungen gekommen. Dagegen scheint für den nächsten Abend (19. d. M.) ein regelrechter Ueberfall geplant gewesen zu sein. Schon am Nachmittag wurden Passanten mit Steinen beworfen. Am Abend promenirte eine Gesellschaft auf dem Ringplatze. Da kommt ein russischer Jude auf dieselbe zu und ersuchte, ihn nach Hause zu begleiten, da er am Heimweg von mehreren Burschen mit Steinen beworfen wird und sich nicht mehr traut, allein zu gehen. Natürlich stoben dann die „Helden" sofort auseinander, um sich jedoch bald wieder zu organisiren. Gegen 9 Uhr begab sich die Gesellschaft nach Hause. Zwei Herren, ein Privatbeamter aus Wien und' ein Jurist, gingen in der Richtung gegen den Park, um einen dritten, im sog. Stefanianu m wohnenden Herrn, ebenfalls Privatbeamten aus Wien, nach Hause zu begleiten. Als sie schon allein waren, bemerkten sie. daß Ihnen ein Haufen erwachsener Burschen johlend und pfeifend folgte. Sobald die Apotheke, das letzte Haus vordem Park, passirt war. eröffneten die Burschen plötzlich aus dem Gebüsch einen förmlichen Steinhagel. Nur einem glücklichenZufall und der mangelhaften Beleuchtung Roznaus, ist es zu danken, daß die Passanten nicht verletzt wurden. Blos einer wurde am Ohr gestreift und es gelang ihnen, glücklich zum Stefanianum zu gelangen. Nun war aber die Rückkehr abgeschnitten, da das Haus' von allen Seiten umzüngelt war. Die Hausbesorgerin, die um Polizei geschickt wurde, kehrte unverrichteter Dinge zurück, da die hier existirenden zwei Polizeimänner am Abende dienstfrei sind. Es blieb also nichts übrig, als trotz der drohenden Gefahr den Weg zur Apotheke zurückzulegen. Da der Apotheker Mitglied des Cur-Comites ist. flüchteten sich die zwei Herren zu diesem und ersuchten ihn um seinen Schutz. Dieser shat sehr erstaunt, da er sich aber von der Richtigkeit der Angaben zu überzeugen Gelegenheit batte, mußte er die beiden Herren selbst nach Hause begleiten. Von den Thätern behauptet er Niemanden zu kennen, (allerdings herrschte tiefes Dunkel), doch dürften die Burschen jedem Einheimischen wohlbekannt sein. Am nächsten Morgen 8 Uhr begab sich ein Herr in's Gemeindeamt, um sich zu beschweren. Es wurde ihm bedenket, daß der Bürgermeister nicht amtire, da „das Gemeindehaus wegen bevorstehender Ankunft des Statthalters gesäubert werde". Um 10 Uhr wollte eine Deputation vorfprechen, diese erhielt die die Auskunft, daß der Bürgermeister um 9 Uhr im Amte war und nicht mehr hinkomme. Daraufhin wurde das bekannte Telegramm an die Statthalterei und die Tagesblätter gesandt Wirerwarten zwar nickst, daß in Folge der Veröffentlichung die hiesigen Einwohner ihre Gesinnung ändern werden, doch fordern wir mit Recht, daß die Urheber zur Verantwortung gezogen werden. Unsere Glaubensgenossen, denen ihre Gesundheit und Ehre lieber sind, feien hiemit öffentlich gewarnt, den „berühmten" Curort zu besuchen. Tie kleine Capelle mit der großen Sammelbüchse. Nach dem Ungarischen der Marie Jäs;ai von E. Bl.*) Pistyän, 10. August. Ein schönes Gotteshaus ist ein erhebender Anblick. Es ist immer das verkörperte Bilv der Kraft. Wer könnte es leugnen, daß die Religion die größte Kraft ist, die aus dem Schwächsten einen Helden macht? Die Religion ist Kraft: Der Jude ist religiös — der Jude ist stark. Die traurig vor sich hinblickenden düsteren Gestalten, die während des Musikconcertes auf den abseits liegenden Bänken des Parkes so gedrängt nebeneinander sitzen, denen Jedermann ausweicht und die durch ihre große Zahl unangenehm zu werden *) Obige Skizze aus der Feder der gefeierten ungarischen Tragödin, Marie'JLszai, selbstverständlich keiner Semitin, erschien in der dieswöchentlichen Nummer des „Magyar Gäniusz".

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