Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Dr. Bloch's Wvchrnfchrifi Seite 623 sei nur dem intensiven Drucke des „Judenliberalismus" zuzuschreiben. Die Minister seien „arme Teufel", die bisher noch immer vor den Liberalen zittern mußten. Sie wollen eine Armee schaffen, die aus dem „stehenden Heere" der Soldaten und dem „sitzenden Heere" der Beamten bestehen solle. Der Beamte sei jedoch mit dem Soldaten nicht zu vergleichen. Der Soldat verliere ja nur auf drei Jahre seine staatsbürgerlichen Rechte und der Officier verzichte freiwillig darauf; der Beamte bleibe jedoch sein Leben lang ohne freiheitlichen Rechte. Herr v. Pacher griff dann den Grafen Kielmansegg und das Ministerium in den heftigsten Ausdrücken an und forderte zum Schluffe die Beamten auf, einig zu bleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen. Die Candidatur Steiner's wurde mit Acclamation einstimmig angenommen. Baden. (Die Antisemiten in Baden.) Die antisemitischen Gemeinderäthe in Baden haben gestern wieder eine Sitzung des Gemeinderathes vereitelt, indem sie derselben fernblieben und die Versammlung in Folge dessen nicht beschlußfähig war. Dieser Demonstrationssport läßt sich umsoweniger verantworten, als es sich um eine wichtige Angelegenheit, nämlich um die Wasserversorgungs-Frage, handelt. Die Antisemiten werden ihr Treiben in Baden so lange fortsetzen, bis es endlich doch fühlbare Folgen für den Curort haben wird. Falkenau an der Eger, 14. August. (Volksversammlung.) Gestern fand hier eine ungemein stark besuchte Volksversammlung statt, auf deren Tagesordnung „Die Stellung der Socialdemokratie zu den verschiedenen Parteien, speciell zum Antisemitismus" stand, die aus die Bestrebung der hiesigen deutschnationalen Antisemiten, die Arbeiter für ihre Pläne zu bekommen, die gebührende Antwort ertheilte. Die Redner Dobiasch, Lill und Stark geißelten in ihren Referaten das Spiel dieser Parteien. Trotz der ergangenen Einladung hatten es die Gegner vorgezogen, durch ihre Abwesenheit zu glänzen. Die Versammlung nahm zum Schluß einstimmig eine Resolution an, worin sie sich mit den Ausführungen der Referenten vollständig einverstanden erklärte. Berlin, 12. August. Aus Saßnitz auf der Insel Rügen wird der „Vofsischen Ztg." geschrieben: „Der deutsche Staatsbürger jüdischer Coufession, der nach der Arbeit und den Kämpfen eines Jahres Erfrischung und Erholung sucht am Meeresstrande, geht bezüglich der Möglichkeit eines interconfessionellen Verkehrs ohne Illusionen hinaus. Er kennt die Schranken, welche die ätzende, in ihren Mitteln nie wählerische Agitation der letzten 15 Jahre zwischen ihn und seine christlichen Mitbürger aufgerichtet hat, er weik, wie wenig der Einzelne gegen diese traurigen, einer Verschmelzung entgegenstehenden Verhältnisse, gegen das allgemeine Borurtheil anzukämpfen vermag, und er fugt sich von vornherein der ihm auserlegten „reinlichen Scheidung". Aber er glaubt sich vor Beleidigungen gesichert, er meint, daß zwischen den Angehörigen der gebildeten Stände, welche die Mehrheit der Badegäste sicher bilden, ein kühler inoäus vivenäi interkonfessioneller Höflichkeit vorhanden sei. Wie wenig diese optimistischen Voraussetzungen auf Saßnitz, „die Perle der Ostsee", wie es sich rühmt, sowie nach glaubwürdigen Angaben für ganz Rügen zutreffen, wird dem Badegaste klar, sobald er die hiesige Badeanstalt betritt. Die Wände fast sämmtlicher Zellen sind mit Schmähschriften antisemitischen Inhalts bedeckt, und auch direkte Versuche, durch Beleidigungen von Person zu Person öffentliche Skandale hervorzurnsen, gehören, wie Schreiber dieser Zeilen selbst erlebt hat, nicht zu den Seltenheiten. Was der antisemitische Fanatismus Alles zu bieten wagt, beweisen die den Wänden verschiedener, auf gut Glück ausgewählter Zellen (Nr. 51, 53. 57) entnommenen Verse. (Der Schreiber dieser Mittheilung läßt hier die Verse folgen, die jedoch so unfläthiger Art sind, daß wir von ihrer Wiedergabe abstehen. Red. der „Voss. Ztg."). Sehr bedauerlich und überraschend ist es, daß die hiesige Badeverwaltung, die doch von jeder Person ohne Unterschied des Bekenntnisses 4 Mk. Cnrtaxe einfordert, nichts dazu thut, dem Unwesen zu steuern und wenigstens die Wände ihrer öffentlichen Gebäude rein zu halten. Es wäre doch ein Leichtes und mit geringen Kosten verknüpft, die ohnehin recht primitiven Zellen wieder abhobeln zu lassen und den Bademeistern eine strengere Aufsicht an's Herz zu legen. Allerdings ist eine derartige Connivenz antisemitischen Bestrebungen gegenüber erklärlich in einem Gemeinwesen, in welchem ein großes Geschäft vor einigen Jahren durch besonderes Placat „Juden" den Eintritt in seinen Laden ausdrücklich untersagte. Auch ist uns von glaubwürdigster Seite versichert worden, daß in einer dem Landrathe des Kreises Rügen gehörigen Villa zu Binz Reflektanten auf die dort zu vermiethenden Wohnungen ausdrücklich eröffnet wurde, daß eine Vermischung nur „christlichen Herrschaften" gegenüber stattsinden könnte. Vielleicht dürfte, wie ich hoffe, durch das Bekanntwerden aller dieser Verhältnisse der antisemitischen Agitation ein gewisser Züge! angelegt werden. Sache jedes einzelnen der durch sie Betroffenen aber wird es sein, mit sich zu Rathe zu gehen, ob er unter solchen Voraussetzungen seine Ferien auf Rügen zu verleben gedenkt, auf welchem ihn vielleicht die erhoffte Erholung, sicher aber eine Fülle sehr gemischter und nicht gerade heiter stimmender Empfindungen erwartet". Die hier mitgetheilten Thatsachen find weder neu, noch stehen sie vereinzelt; gleiche und ähnliche antisemitische Unfläthigkeiten kann man in den Bade- und sonstigen Anstalten anderer Ost- und Nordsee-Bäder lesen. Verwunderlich ist das nicht, da sich noch immer „deutsche Staatsbürger jüdischer Confession" finden, welche es mit ihrem Ehrgefühl vereinigen können, derartige Bäder aufzusuchen. Berlin. Sechs jüngere Bildhauer haben an dem Wettbewerb um den von Dr. Paul Sch ulze an der königlichen Akademie der Künste in Berlin gestifteten Preis von 3000 Mark zu einer Reise nach Italien theilgenommen. Den Preis trug der Bildhauer Arthur L e w i n davon, der mit seinen Elfenbeinarbeiten vor einiger Zeit die Aufmerksamkeit der kuristgewerblichen Kreise erregte. Um den ersten Preis der Michael Beer-Stiftung von 2250 Mark zu achtmonatlichem Aufenthalte in Rom hatten sich drei Bildhauer beworben. Den Preis hat der junge Bildhauer Henrik Galicenstein-Barami in München errungen, der auch den Preis der Münchener Akademie in den beiden letzten Jahren erhalten hat. Berlin, 13. August. Der hiesige Militär- und Sanitäts-Verein „Deutsches Vaterland" wird das fünfundzwanzigjährige Jubiläum des französischen Krieges durch eine großartig angelegte Gedächtnißfeier auf dem jüdischen Friedhofe an der Schönhauser Allee an den Gräbern der dort beerdigten Opfer des Krieges am 18. d. M., Vormittags 10'/, Ubr. begehen. Die Gedächtnisrede wird voraussichtlich der vormalige Feldprediger der Armee des Prinzen Friedrich Karl, Rabbiner Dr. Blumen st ein aus Luxemburg, halten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat, die betreffenden Gräber auf Gemeindekosten belegen und die Grabsteine auffrischen, einen welcher schlecht geworden war, neu anfertigen lassen, so daß die Grabstätten einen durchaus würdigen Anblick bieten. Die Angehörigen der Gebliebenen werden ersucht, sich bei dem Vorsitzenden des Vereins, Kameraden Krojanker, Chausseestraße 36, zur Theilnahme zu melden. Der Verein, der seit December besteht und über 450 Mitglieder zählt, wollte an der Parade am 19. d. M. theilnehmen und hatte sich deshalb zum Beitritt des Kriegerbundes gemeldet. Bor einigen Tagen erhielt nun der Vorstand einen abschlägigen Bescheid mit der Motivirung, daß der Verein noch zu . jung" sei und eine Betheiligung an der Parade deshalb nicht möglich wäre. Dem Verein „Deutsches-Baterland" gehören über 200 Kriegs- Veteranen, darunter viele Inhaber des eisernen Kreuzes, an. Berlin. 12. August. Der königliche Preis der theologischen Facultät der hiesigen Universität wurde Herrn stuä. tbeol. Felix C o b l e n z aus Bielefeld für eine Arbeit über „Das betende Ich in den Psalmen." der städtische Preis derselben Facultät Herrn stuä. phil. Paul Cohan aus Bern für eine Studie über den Propheten Hosea verliehen. Den königlichen Preis der juristischen Facultät erhielt Herr stnä. jar. Michael Pergamenter aus Odeffa. Die medicinische Facultät vergab drei Preise, davon zwei an die Studirenden der Medicin Richard B e r n st e i n und Semmy Mayer. Gailingen, 4. August. Am 21. v. M. ist das Denkmal, welches unsere Stadt den Kriegern von 1870/71 errichtet hat, eingeweiht worden. Dasselbe trägt 34 Namen, 17 j ü d i s ch e und ebenso viele nichtjüdische, wie auch unsere 400 Familien umfassende Stadt zu gleicher Hälfte von Juden und Nichtjuden bewohnt ist. Die Betheiligung an der Einweihungsfeier war eine sehr rege und legte für das hier herrschende friedliche Einvernehmen unter den Confessionen wohlthuendes Zeugniß ab. Hervorgehoben sei, daß das Denkmal auf dem Synagogenhofe errichtet ist, und daß der Präsident des Krieger-Bereines, Herr Ludwig R o s e n t h a l, sowie der Festwirth, Herr Gerson Wolf, beide Veteranen von 1870, unsere Glaubensgenossen sind. Worms. Das Frauenbad im Synagogengarten hinter der Raschicapelle in Worms, das seit vielen Decennien verschüttet war, wird gegenwärtig unter der Leitung des Herrn Regierungsbaumeisters Weiß stein aus Berlin ausgegraben und wird, wenn wieder in Stand gesetzt, eine hochinteressante Sehenswürdigkeit unserer Stadt bilden. Der Bau dürfte im 11. Jahrhundert entstanden sein; nur noch in wenigen Städten, so in Friedberg und Speyer, ist ein ähnlicher erhalten.