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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 620 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 34 kann so eine alte Psaffendienerin schon einmal ruhig sein. Nach „Herz 7" kann der 300 Tage Ablaß gewinnen, der den Vorsatz zur Besserung und zu beichten faßt. Und so fort. Jede der 32 Karten dieses Spieles ist ein Unikum für sich, und es wäre des Lobes zu viel, wenn wir alle auszählen wollten. Es mögen diese Beispiele dafür genügen, wie sehr dem „Autor" darum zu thun war, das Volk darüber aufzuklären, wohinaus die Kirche will. D.nn daß das Volk heute noch wirklich so dumm sein soll, daß es ein derartiges Machwerk eines kranken Gehirns ernst nimmt, wird wohl der geistliche Erfinder dieses schönen Spieles selbst nicht glauben. Darum, meinen wir, hat der „Verfasser", entgegen seiner Intention, mit dem geistlichen Kartenspiel nur Aufklärung zu verbreiten gesucht, und in dem Sinne können tvir den Gebrauch dieses „Kartenspieles" jedem wärmstens empfehlen. Er wird sich königlich bei dem Spiel unterhalten, und er wird bleibenden Gewinn haben. Für vornehme Sünder katholischen Glaubens aber, für Mucker und Junker, die gern die Freuden, soweit sie irdisch sind, bis zur Neige durchkosten, haben wir uns erlaubt, eine kleine Berechnung anzustellen. Beten sie dieses „G'spiel" nur einmal durch, so können sie 4375 Tage sündigen, denn so groß ist die Summe der Ablaßtage. Sie können also innerhalb ganz kurzer Zeit sich Sündenfreiheit für nahezu zwölf Jahre sichern. Wie viel kann in solchem Zeitraum ein solcher Menich, der nur für die „Sünde" geboren ist, zusanlmensündigen. Das Herz im Leibe muß ihm lachen. Betet er das Spiel aber — täglich nur eine Karte — consequent an den 365 Tagen eines Jahres, so geht's ihm so gut wie dem Proletarier, er kann nämlich gar nie mit dem Abarbeiten des Ablaffes fertig werden — den er würde dann 136 Jahre 7 Monate und 2 Tage sündigen Lebens brauchen, bis er wieder neuen Ablasses bedürftig wäre. Dieser Fall kann aber kaum eintreten. Es ist also klar, daß es kaum ein besseres Mittel geben kann, um „gottgefällig" bis an sein Lebensende sündigen zu können, als wenn man sich dieses Kartenspiel anschafft. Aufopfernde Lebensrettung. Am 10. d. M. war der Pruth Schauplatz einer bewegten und aufgeregten Scene. Der neunjährige Nikolaus D e g e r a t aus Klokuczka badete in der Nähe der Rosenzweig'schen Ziegelei, als er plötzlich in eine Untiefe gerieth und mit einem lauten Schrei in den Fluthen versank. Der Vater des Verunglückten, der Klokuczkaer Grundwirth Basil D e g e r a t sprang in's Wasser, um seinen Sohn aus der Gefahr zu retten und es gelang ihm auch, den Knaben auf die Oberfläche des Wassers zu bringen. Jedoch nun gerieth selbst der Retter in die höchste Gefahr. Der in Todesangst gerathene Knabe klammerte sich derart an seinen Vater, daß der letztere, in seiner freien Bewegung behindert, sich nicht über Waffer halten konnte und mitsammt dem Kinde in die Untiefe gerieth. Vater und Sohn verschwanden nun im Wasser und nur der Hut des elfteren bezeichnete die Stelle, an der das Unglück geschehen. In diesem Momente der höchsten Gefahr löftm die Brüder Leon und Moses Kinsbrunner, Söhne des Schaje Kinsbrunner in Klokuczka, einen Nachen vom Ufer, ruderten an die Stelle wo die Beiden versunken waren und zogen die Bewußtlosen mit eigener Lebensgefahr aus dem Waffer. Eine zahlreiche Menschenmenge rief den wackeren jungen Lebensrettern für ihre muthige Thal lebhaften Beifall zu. "Jüdische Rache." Ein junger, reicher Cavalier aus einem der ältesten spanischen Adelsgeschlechter kam kürzlich auf einer Vergnügungsreise bis nach Constantinopel und bemerkte wiederholt in der Nähe seines Hotels die Firma eines Bankiers, dessen spanischer Name ihm bekannt klang, Weiler ihn oft in seinen alten Familienpapieren gelesen hatte. Er erkundigte sich des Näheren und erfuhr, daß der Inhaber der Firma ein Jude sei, dessen Familie vor Jahrhunderten nach der Vertreibung der Juden aus Spanien sich in Constantinopel angesiedelt hatte und zu den reichstm Männern der Levante zählte. Cs interessirte den jungen, liberalen Herzog, einen Nachkommen der unter Mitwirkung eines seiner Ahnherrn verjagten Juden kennen zu lernen, und er schickte seine Karte zu dem alten Bankier mit der Anfrage, ob er empfangen werden würde. Der Bankier erbat sich die Ehre seines Besuches, und im Laufe des Gesprächs erzählte der junge Herzog, daß in seinem Familienarchiv mehrere interessante Briefe und auch Rechnungen von der Hand eines Mannes vorhanden seien, welcher mit dem herzoglichen Hause im fünfzehnten Jahrhundert große Geldgeschäfte gemacht zu haben scheine und dessen Name mit dem des Bankiers identisch sei. „Das wundert mich nicht," entgegnete der Bankier, welcher sich der spanischen Sprache bediente, gleich allen seinen levantinischen Glaubensgenossen. „Auch unter meinen Familienpapieren befindet sich ein Document von der Hand eines Ihrer Ahnherren." Der Herzog wünschte dringend es zu sehen, und der alte Bankier brachte aus dem Nebenzimmer ein wohlerhaltenes Pergament heraus, welches nichts Anderes enthielt als — einen Schuldschein über 3000 venetianische Zechinen, ausgestellt zu Toledo von einem Ahnherrn des jungen Herzogs. „Die Urkunde ist echt," bemerkte der Cavalier nach genauer Prüfung des Documents; „das ist die Schrift von Don Diego und unser Wappen. Geben Sie mir den Schein, ich bezahle die Schuld", fuhr der Cavalier mit echt spanischer Grandezza fort und zog sein mit Noten der englischen Bank gefülltes Portefeuille aus der Brusttasche. Der Bankier lächelte fein: „Herr Herzog, meine Forderung kann ganz Spanien mit allen Colonien nicht bezahlen, denn Ihr Ahnherr hat auch sechs Procent Zinseszinsen bis zur Einlösung des Schuldscheines verschrieben, wie sie gefälligst lesen wollen, und nach 421 Jahren machen die sechsprocentigen Zinseszinsen von 3000 Ducaten mehr Gold aus, als in der Welt überhaupt vorhanden ist." Der Cavalier blickte verlegen auf sein Portefeuille; der alte Jude aber strich sich den Bart und sagte: „Trösten Sie sich, Herr Herzog, die Schuld ist verjährt. Da haben Sie dieses interessante Autograph Ihres Ahnherrn; schicken Sie mir dafür, wenn Sie nach Hause kommen, die Autographen des meinigen, dann sind wir quitt." Der Herzog ließ sich später mehr als ein Diner bei seinem Landsmanne schmeck n, dessen Familie seit mehr als vier Jahrhunderten den Boden der alten Heimat nicht betreten halte. So rächte sich der Jude an bem Enkel für die Sünden der Ahnen! Antisemitischer Patriotismus. Bon den bürgerlichen Blättern Wiens ist die „Ostdeutsche Rundschau" die einzige, die am 18. August 1895 des kaiserlichen Geburtstages mit keinem Worte erwähnt; dagegen feiert, wie das „Vaterland" aufmerksam macht, die „Ostdeutsche Rundschau" an der Spitze ihres heutigen Tagesberichtes die „Schlacht bei Gravelotte" (18. August 1870). Auch sonst schweifwedelt dieses Blättchen um die nationalen Gedenkfeste in Berlin herum; über die kaiserliche Geburtstagsfeier in W i e n weiß es aber kein Wörtchen zu schreiben. Was sagen unsere C h r i st l i ch-S o c i a l e n zu diesem sauberen Bundesgenossen? Vom christlichen Bauhandwerk aus der guten alten Zeit berichtet Baumeister Dr. D. Joseph im „Bau" auf Grund urkundlichen Materials. Unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. wurde in Berlin viel gebaut. Damals suchten die gut christlichen Bauherren die Baukosten zum Theil auf die Bauhandwerker abzuwälzen; man suchte durch Lohnkürzungen höhere Gewinne herauszuschlagen. Die Bauhandwerker ließen sich das nicht gefallen und sie griffen zum Streik, über den eine von Dr. D. Joseph veröffentlichte Handschrift sagt: „Am 9. Mai d. I. (1735) war auf dem Berlinischen Nathhause ein großer Aufstand von denen Maurer- und Zimmergesellen, welche an dem neuen Ban aus der Friedrichs- und Dorothee,'.-Stadt nicht mehr arbeiten wollen, weil ihnen anstatt der täglich pro Mann gezahlten 10 Gr., weiter ein mehreres nicht als 8 Gr. incl. des Meister- Groschens, gereichet worden und sie auch eine Stunde mehr, nämlich bis 7 Uhr Abends, davor arbeiten sollen. Und, ohnerachtet sie vom Präsidenten Neuendorff zur Ruhe angewiesen und ihnen Nomine Negis angedeutet worden, daß die Widerspenstigen an Lcib und Leben gestraft werden sollten, haben sie sich dennoch darnach nicht achten wollen, sondern, wie man zwei von denen Redelssührern durch die Wache in Arrest bringen wollen, haben sich selbige nicht lassen, sondern alle mit in die Wache gehen wollen und die Wache dergestalt insultirt, daß sie g-möthigt gewesen, die Bajonette aufzustecken, um die Leute abzuhalten, wobei aber einige bei weiterem Eindrängen hart verwundet worden find. Wobei Magistratus sich obligiret gesihen, heimlich vom Nathhause zu gehen, weil sie befürchtet, sie möchten ihres Lebens nicht sicher sein. Hierauf sind alle Burschen in Arrest genommen und sollen zwoh davon, welche am meisten an solchem Aufstand schuld, nächstens ans des Königs darüber eingekommene Ordre gehangen werden. Den 13. dito Sindt obgedachtc Maurer- und Zimmergesellen anderweit zu Nathhause vernommen, und welche arbeitin wollen, loß gelassen, die anderen aber krumm doppelt zusammen in den Gefängnissen geschlossen worden." Unredlicher Wettbewerb im antisemitischen Lager. Im „Deutschen General-Anzeiger" vom 14. August steht folgende Annonce: 1 Hochs. Rem.-Uhr bei Abnahme V.120V Stück Cigarren. Man verlange sofort Preisliste mit Uhr. Taus. Anerk. Rud. Schulz in Schmiedeberg i. R. Wenn wir im antisemitischen Jargon reden wollten, würden wir dieses Inserat als „echt jüdisch" bezeichnen. Jedenfalls liefert es einen interessanten Beitrag zum Capitel vom unredlichen Wettbewerb im antisemitischen Lager.

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