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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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WWWWM nBBnsBni Nr. 34 Dr Blvch's Wochenschrift. Seite 619 und sonstige unrechtmäßige Erwerbungen von Wahleinladungen vorgekommen waren. Bei der neuerlichen Wahl wurde Feichtinger dennoch in Folge der lebhaften Agitation seiner Gesinnungsgenossen, besonders der Gemeinderäthe Schönemann und Dr. Starkes, gewählt. Feichtinger wird allgemein der „Grazer Mechanicus Schneider" genannt. Feichtinger hatte gegen die von der Staatsanwaltschaft wider ihn erhobene Anklage Einsprache erhoben, dieselbe wurde jedoch vom Grazer Ober-Landesgerichte abgewusen. Die Gerichtsverhandlung,'welcher man in allen Kreisen mit Spannung entgegensieht, dürfte im Lause des nächsten Monats stattfinden; zu derselben sind bis jetzt 31 Zeugen, darunter viele Journalisten, namhaft gemacht worden. Ein Verehrer Lireger's. Das „Wiener Abendblatt" berichtet: „Der bereits oft vorbestrafte Taglöhner Johann Krupieka wurde von einem kleinen Mädchen beobachtet, als er von der Auslage des Trödlers Squarenina einen Rock herabzog und davoneilte. Das Mädchen ging in den Laden, verständigte den Trödler, und der Dieb wurde trotz seiner Eile noch eingeholt und verhaftet. Am 14. d. M. wurde er zu zehn Tagen Arrests verurtheilt, wogegen er Berufung anmeldete. Beim Verlassen des Gerichtssaales rief Krupiöka auf dem Corridore: „Ich werd'dem Juden schon zeigen, jetzt geh' ich zum Dr. Lueger. Hoch Lueger!" Frau Schnuh begnadigt. Die wegen Meineids in der Angelegenheit des früheren antisemitischen Reichstagsabgeordneten Leuß zu neun Monaten Gefängniß verurtheilte Frau Schnntz ist der ..Staatsbürger-Zeitung" zufolge begnadigt worden. Die arme Frau war das Opfer des schönen Leuß, welcher so lange das Geschäft eines Kämpen für die ,,Reinheit christlich germanischer Sitten" betrieben hat, jetzt aber für einige Jahre ein contemplatives Leben in einem Zuchthause führen muß. Ihr ist die Begnadigung wohl zu gönnen. Kartenspiel frommer Seelen. Die „Arbeiter-Zeitung" schreibt unter der Spitzmarke: „Clericale Volkserz'ehung. Sv bekannt das Anpassungsvermögen der Streiter für die Kirche an die Meinungen und Schwächen der sündigen Menschen ist, der geistliche Verfasser des „Geistlichen Kartenspiels", worüber im localen Theile des Näheren nachgelcsen werden möge, bringt es doch zustande, daß man über die Aalglatte der Leute, die ans der Religion ein Geschäft mache», sich wundert. Die Eigenthi'rmer der clericalen St. Norbertns-Trnckeiei, in deren Verlag das »Geistliche Kartenspiel" erschien, kennen die lasterhafte Neigung der Menschen zu den Karten, und sie w ssen, daß der Gläubige im Katzenjammer nach jedem sündhaften Genuß der Buße zugänglicher ist, besonders wenn sie ihm leicht und angenehm gemacht wird. Da legt man den Sündern nahe, sich das „Geistliche Kartenspiel" zu kaufen, wodurch man spielend einen Ablaß seiner Sünden bekommen kann. „Auf den einzelnen Karten, welche mit Eichel, Herz und Schellen geziert sind wie profane Spielkarten, sind erbauliche Phrasen zu lesen, wofür man seiner Sünden auf soundsoviel Tage los und ledig wird. Allerdings muß zugegeben werden, daß das in der Jetztzeit doch noch billiger kommt als im 16. Jahrhundert, wo die katholischen Ablaßkrämer der Christenheit für schweres Geld den Sündenablaß verkauften. Dagegen wurde der Ablaßhandel damals offen betrieben, während er heute nur mehr im Geheimen vermittelt wird. Daß das „Geistliche Kartenspiel" durch die wohlfeile Gewährung des Sündennachlasses die „Frommen" geradezu zur Begehung neuer Sünden aufreizt, ist Nebensache; bemerkenswerth ist nur, wie die Clericalen das Volk, das ihnen immer noch zu viel Schulbildung genießt, nach der Lehrmethode des „Geistlichen Kartenspiels" erziehen wollen." Und weiter: „Bor einigen Monaten hatten wir von einer reclamehaften Ankündigung eines „Geistlichen Kartenspiels" erzählt, und nun liegt uns dieses schöne Spiel vor. Es ist sehr unterhaltend, wie aus den nachfolgenden Ausführungen zu entnehmen ist. Schon der Titel auf din Umschlag ist vielversprechend. Er lautet: Geistliches Kartenspiel zum Nutzen und Vergnügen Frommer Seelen aber auch zum Heile der Sünder und zum Tröste der lieben armen Seelen im Fegefeuer. Täglich eine Karte zu ziehen oder nach Uebereinkunft mit anderen alle 8 Tage, nachdem das Spiel gemischr und im Namen Gottes abgehoben ist. A. Z. G. E. G.! Auf dem Revers dieser Umhüllung ist eine langathmige Reclame über den Nutzen und die Nothwendigkeit dieses „Geistlichen Kartenspiels" enthalten. Sie ist gezeichnet: »Druck und Verlag der St. No r b er t us - D r u ck e r e i." Auch diese „erbaulichen" Phrasen haben wir gelesen — wohl, nun kann das „G'spiel" beginne». Das Mischen und „Abhcben im Namen Gottes" schenken wir uns und nehmen gleich die erstbeste „Karte" zur Hand. Sie zeigt in der Mitte oben die „Eichel" und daneben arabisch und römisch die Zister 6. Eine Figur fehlt, dafür aber ist aus das Kartenblatt gedruckt: Heute befleißige dich der Mäßigkeit: iß nicht zu viel, nicht zwischen der Mahlzeit, vhue große Noth; iß nicht überflüssig, sondern nach Bedarf; streite wider die Cßlust, nimm zum Streite den Schwamm (?) Christi. Zu erlangen diese Gnade bete ein Vaterunser und ein Ave Maria für jene arme Seelen, die übermäßig gegrssen und getrunken haben. „Gelobr sei Jesus und Maria — beheute und immerdar!" (Jedesmal fünfzig Tage Ablaß im wechselseitigen Begrüßen.) Beim Lesen dieser Zeilen fallen Einem unwillkürlich die Proletarier ein, die sich Tag für Tag, ohne erst ein „Vaterunser" und ein „Ave Maria" beten zu müssen, ohne erst „den Schwamm Christi" zum Streite gegen ihr Magenknurren nehmen zu müssen, der größten Mäßigkeit befleißen müssen, weil die Hungerlöhne ihnen eine anständige Ernährung nicht erlauben, die nicht zu viel essen, schon gar nicht zwischen der Mahlzeit, die nicht überflüssig essen, ja, denen es in den selterrsten Fällen vergönnt ist. „nach Bedarf" zu essen. Davon scheint dem offenbar geistlichen „Autor" dieses schönen Spiels gar nichts bekannt zu sem. Trotzdem „verspricht" er unvorsichtigerweise bei Erfülluitg dieser Gebete „jedesmal 50 Tage Ablaß" — das „beim wechselseitigen Begrüßen" ist uns unverständlich. So ein hungernder Proletarier kann sich also bei seinem Leben in einem Jahre 18.250 sün den freie Tage im voraus sichern. Das verdankt er natürlich dem Unternehmerthum, das — hochherzig genug — ihm die Wohlthat, daß er ein halbes Jahrhundert lang Ablaß habe für alle Sünden, zutheil werden läßt. Aber der Erfinder dieses netten „G'spiels" ist noch freigebiger. Andern Proletariern sichert er „Ablaß für hundert Jahre", wenn sie nur ein Jahr lang das Gebot, io auf Karte „Eichel 8" zu finden ist, befolgen. Dieses lautet: Heute sollst du besonders geduldig sein. Je mehr du leiden kannst, desto größer ist dein Verdienst Trage alles Kreuz mit großer Geduld, streite wider den Zorn, nimm zum Streiten das Scepter Christi. Dann kommt wieder die Anweisung, wie viele Gebete man verrichten muß, um diese „Gnade" za erlangen, dann ein Ablaßsprüchl und am Schluß in Klammern die Belohnung: Jedesmal 100 Tage Ablaß. Da es nun einem Proletarier ein Leichtes ist, „heute besonders geduldig zu sein", weil er es gegenüber seinen Ausbeutern eigentlich ja immer sein muß, so ist es nur natürlich, daß er bei nur einjähriger Aufwendung dieser „Geduld im Leiden" auf hundert Jahre hinaus sündigen kann, so viel sein Herz begehrt. Der Ablaß ist ihm sicher und damit das Himmelreich. Er wird also — wie tröstlich das klingt! — nichr noch im Fegefeuer braten müssen. Schließlich kommt'- auch vor, daß Proletarier „geduldig im Leiden" sein müssen und gezwungen sind, laut „Eichel 6" auch „mäßig" im Essen M sein. Da für diese Tugend 50 Jahre Ablaß decretirt sind und für die „Eichel 8" 100 Jahre, so ist es klar, daß bei solcher Combination ein Proletarier 150 Jahre brauchen würde, um das „abzusünden", was er in einem Jahre durch seine „Geduld im Leiden" und seine „Mäßigkeit im Essen" sich an „Ablrß" verdient hat. Auf der Karte „Eichel 7" begeht der Autor eine große „Sünde", indem er die Gläubigen zu einer den „Geboten Gottes" widersprechenden Handlung auffordert. Als „Sprüchl" setzt er nämlich hin: „Rufe oft: Jesus, Maria!" Sollte dem Autor vielleicht der Spruch. „Du sollst den Namen deines Herrn nicht eitel nennen" gar nicht bekannt sein? Auf der Karte „Schellen 3" wird zurUebung der Nächstenliebe aufgefordert, auf „Grün 8" wird der „liebe Christ" e sucht, sich gefälligst als „Lamm Gottes" zu betrachten, wofür ihm, „wenn vor einem Jesubilde gebetet, 100 Tage Ablaß einmal täglich" garantirt werden. Den gleichen „Ablaß", nur ohne die Bedingung mit dem Jesubild, hat der zn gewärtigen, der nach „Schellen 7" „mit Abtödtung seines eigenen Willens" vorgeht. Sehr gut gesinnt ist der „Autor" den Betschwestern und Tratschmäulern, denen er auf »Eichel 2" jedesmal 300 Tage Ablaß zuspricht, wenn sie die „Würfel Christi" in den Mnnd legen, sich also im Stillschweigen üben, ohne Ursache nicht reden, nicht lügen und nicht übel Nachreden. Das ist nun für so eine alte Maulmühle nicht so leicht, aber ein Tag der Enthaltsamkeit sichert ja „300 sündemreie Tage" — um den Preis

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