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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 618 Nr. 34 Dr. Blvch's Wochenschrift. folgt, sind ernstliche Zusammenstöße unvermeidlich. Josef Schallts, Sigmund König, Johann Kaiser aus Wien im Namen Aller." — Es ist wett gekommen mit den öffentlichen Zuständen in Oesterreich, wenn nicht einmal hilfsbedürftige, kranke Menschen vor grundlosen brutalen Verfolgungen sicher sind. Aus dem Hilferuf der Roznauer Curgäste kann nur geschloffen werden, daß die Belästigung und Jnsultirung derselben bereits wiederholt und in einem Maße vorgekommen ist, daß sie sich in hohem Grade beunruhigt fühlen und daß ihre Lage unerträglich geworden ist. Es muß Vieles geschehen sein, bis sie zu dem Entschlüsse kamen, sich telegraphisch an die Statthalterei um Schutz zu wenden, der ihnen wahrscheinlich seitens der Gemeinde Roznau und seitens der dortigen Curverwaltung nicht gewährleistet werden kann. Selbst bei uncivilifirten Völkerschaften genießt der kranke Mensch eine gewisse Schonung; in Roznau ist diese Rücksicht nicht bekannt. Das sind Vorkommnisse, wie sie in einem barbarischen Lande kaum denkbar sind und die über den landläufigen Antisemitismus, wie er sich auch anderweitig roh genug äußert, noch weit hinausgehen. In einem österreichischen Curorte sind Leidende, welche Juden sind oder für Juden gehalten werden, Beschimpfungen und Gewaltthätigkeiten ausgesetzt — so viel und nicht weniger besagt die Depesche der Roznauer Curgäste an den Statthalter von Mähren. — Abends wird uns aus Brünn telegraphirt: In Folge des heute an den Statthalter von Mähren entsendeten Telegramms der israelitischen Entgaste in Roznau. in welchem diese um Schutz gegen die antisemitischen Ausschreitungen bitten, hat Freiherr v. Spens-Boden den Bezirkshauptmann von Walachisch- Meseritsch, Baron Gastheimb, beauftragt, sofort eine Untersuchung einzuleiten. Der Statthalter begibt sich übrigens morgen um 6 Uhr Früh mit dem Landeshauptmanne nach Walachisch-Meseritsch, um die Arbeiten bei der Beczwa-Regulirung zu besichtigen und wird Lei dieser Gelegenheit auch persönlich Informationen über die Roznauer Affaire einholen. Die Czechen beim „Goldenen Luchsen". Am 19. d. M. Abends hielten die czechttchen Kleingewerbetreibenden des XVI. und XVII. Bezirkes beim „Goldenen Luchsen" eine Wählerversammlung ab, mit welcher sie in das Hauptquartier der Antisemiten Bresche legen wollten. Etwa 300 Personen waren anwesend. Der Referent, Redacteur Cinert, besprach die Entwicklung des politischen Lebens in Wien in den letzten Jahren. Wer heute kein Antisemit ist, gilt als ein Lump. (Gelächter.) Sind aber wir Antisemiten? Keineswegs, wir sind Czechen. (Beifall.) Wir würden unserer politischen Reife ein schlechtes Zeugniß ausstellen, wenn wir Antisemiten sein wollten. Dies wäre reaktionär, und überdies wäre es unklug, denn wir haben von den Antisemiten die Anerkennung unserer Ansprüche nicht zu erwarten. Unsere Hilfe begehren sie und dann verspotten und beschimpfen fie uns. Mit unseren Stimmen wurde H a u ck in den Reichsrath gewählt, und der Mann ist deutschnational. (Rufe: Pfui, Hauck!) Dieses Vorgehen der Czechen war ein Unsinn. (Anhaltender Beifall. — Wawra bedauert es, daß die Wiener Czechen bisher größtentheils für den Candidaten stimmten, welcher am meisten auf die Juden schimpfte. Lueger sage nur (deutsch und die Redeweise Lueger's nachahmend): „Die slavischen Christen müffen sich mit den deutschen Christen vereinigen", wenn er die Stimmen der Slaven brauche. — Urban, der Secretär des Clubs der jungczechischen Abgeordneten, erklärte, es sei nothwendig, gegen die antisemitische Partei mit aller Entschiedenheit aufzutreten. Die Czechen werden hoffentlich zu Verstand kommen und dies einsehen. Das Programm der Czechen sei: Gleichberechtigung auf allen Gebieten in wirthschaftlicher, religiöser und nationaler Hinsicht. (Beifall.) — Konitsch ek führte aus, daß die Wiener immer Jemandem haben müßten, auf den sie schimpfen. Erst hatten sie den „Sauböhm", jetzt haben fie den „Saujuden", und in einer Weile werden sie des Antisemitismus überdrüssig sein und wieder auf den „Sauböhm" schimpfen. — P o t l o t s ch e k theilt mit, das Central- Wahlcomite habe beschlossen, in allen neunzehn Bezirken czechische Candidaten aufzustellen, und wo kein anderer Candidat normirt werde, werde Redactcur tz inert als Zählcandidat fungiren. (Anhaltender Beifall und Slava-Rufe für Ci n ert.) Zum Schluffe wurde in einer Resolution beschlossen, nur für selbstständige czechische Candidaten) einzutreten. Den Antisemitismus in der Literatur geißelt Gottfried Keller in seinen „Leuten von Seldwyla" (14. Ausl. Berlin 1894. Bd. ll., S. 100 f.), wo er von einer Clique unreifer junger Literalen erzählt: „Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in diesem Augenblick Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das Gründlichste demolirt; Jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Thun und Lassen haben, keine Schandthat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der Refrain bei Jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist übrigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein Jude sein!" Der Antisemitismus in der Armee. Der „Magyar Hirlap" meldet folgenden Vorfall aus Erlau: Der Reservist Leopold Freiwillig warfür den 7. d. M. zur Waffenübung beim 60. Infanterieregiment in Erlau einberufen. Freiwillig war .magenleidend und hatte dies wiederholt gemeldet. Der Regimentsarzt Toffler untersuchte ihn, erklärte, daß er ihn gesund finde, daß er deshalb einzurücken habe, und bemerkte, daß er, wenn er noch einmal über Magenschmerzen klage, strenge bestraft würde. In Folge dessen rückte Freiwillig zur Waffenübung ein und machte die Marschübungen mit. Bei der Heimkehr von einem Marsche stürzte er aus der Straße zusammen. Der Hauptmann ließ den Reservisten in deffen Privatwohnung befördern, wo ihn der Civilarzt in Behandlung nahm. Als dies der Regimentsarzt erfuhr, sandte er vierSoldaten in dieWohnung Freiwillig's, die ihn abholen sollten. Die Soldaten kehrten mit der Meldung zurück, Freiwillig sei so krank, daß er ohne Gefahr nicht das Bett verlaffen könne. Der Regimentsarzt begab sich selbst in die Wohnung Freiwillig's, untersuchte ihn mit dem Thermometer und entfernte sich mit den Worten : „Jüdischer Schwindler! Du simulirst!" Nun sandte er neuerlich vier Soldaten mit der Tragbahre um den Kranken und ließ diesen trotz des Flehens seiner Frau um 5 Uhr Nachmittags in das Militärspital befördern. D o r t starb Freiwillig um 2 Uhr Nachts. Sein Leichnam wurde in die Privatwohnung befördert, wo der Civilarzt den Todtenschein ausstellte. Freiwillig hinterläßt eine Witwe und zwei Kinder, die aller Geldmittel entblößt sind. Ein antisemitischer Verlagsbuchhändler auf der Anklagebank. Breslau, 15. August. Gegen den antisemitischen Verlagsbuchhändler Robert Schneeweiß in Breslau, den Herausgeber des „Häuslichen Rathgebers", ist seitens der königlichen Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Betruges, Unterschlagung, Hehlerei, Verletzung des Briefgeheimnisses u. s. w. erhoben worden. Der Proceß, auf dessen Ausgang man sebr gespannt ist, erregt in weitesten Kreisen großes Aufsehen. Schneeweiß beabsichtigte zu Anfang des nächsten Jahres eine Filiale seines „Häuslichen Rathgebers" in Wien zu errichten. Der antisemitische Gemeinderath Feichtinger im Anklagezustand. Graz, 15. August. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat gegen den Gemeinderath Feichtinger beim Landesgerichte die Anklage wegen dreier von ihm begangener Delicte erhoben. Feichtinger erscheint angeklagt der Mitschuld wegen Crida nach §§ 5 und 486 des St.-G. in Ansehung seiner engen Verbindung mit dem stark verschuldeten antisemitischen „Grazer Extrablatt"; wegen Verbreitung falscher Nachrichten nach § 308 St.-G., nachdem er in seinem Blatte anläßlich des Erdbebens in Laibach die Nachricht verbreitete, die Stadt sei durch einen neuerlichen Erdstoß gänzlich in Trümmer gelegt worden; wegen Einmengung in eine Amtshandlung nach §§ 86 und 267, indem er anläßlich einer im vorigen Monate abgehaltenen Versammlung der Grazer Gastwirthe-Genossenschaft gegen den anwesenden Regierungsvertreter in sehr verletzender Weise auftrat. Gemeinderath Feichtinger ist im Grazer Gemeinderathe der Wortführer der antisemitischen Geweibcpartei und gegenwärtig auch Herausgeber und Verantwortlicher Redacteur des antisemitischen „Grazer Extrablatt", welches er seinen politischen Zwecken dienstbar machte. Seine am 24. November 1893 erfolgte Wahl in den Gemeinderath aus dem dritten Wahlkörper wurde in Folge des Antrages der Nechtssection für nichtig erklärt, da fest ge stellt worden war. daß bei der Wahl Fälschungen von Unterschriften, Erschleichungen

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