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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-23 · 34 (23.8.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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I >. i1-- ■■ ’'i>- Seite 616 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nr. 34 seitens der Regierung. Da meldeten sich beim Rector viele jüdische Studenten, um ihre Dienste dem Staate anzubieten. Der Herr Rector wies aber ihr humanes Anerbieten zurück, indem er sagte: Personen jüdischer Confession darf keine materielle Unterstützung von Seiten der Universität geboten werden! —Also auch nicht eine Unterstützung, die dem Unterstützten recht oft das Leben kostet . . . Nach officiellen Daten sind im Kiew'schen Gouvernement dreizehn jüdische Ackerbau-Colonien vorhanden. Die Zahl der Colonisten beträgt 1442 Seelen, die über 1531 Dessjätin Landes verfügen. Diese Colonien bestehen schon seit sehr langer Zeit, und sind bis jetzt keine Fälle von Landes-Beräußerungen durch die jüdischen Colonisten vorgekommen. (Bekanntlich sind außerdem zahlreiche jüdische Colonien in den Gouvernement Cherson und Jekaterinoslaw und auch in Lithauen vorhanden.) Zur Tharakterisirung des verflossenen General-Gouverneurs von Warschau, des Generals Gurko, bringen russische Blätter folgenden hübschen Zug. Als Gurko vor Kurzem die Stadt Minsk passirte, entstand am Bahnhofe der Station ein fürchterliches Gedränge des schaulustigen Publicums. Durch dieses Gedränge geriethen zwei siebenjährige Mädchen hart an den Waggon des Generals. „Welche reizende Kinder!" rief Gurko, und wandte sich leutselig an die verwirrten Kleinen mit der Frage, wer ihr Papa sei. „Ein hiesiger Jude", antwortete man ihm aus dem Publicum. Da sprach der greise Held zu den kleinen Mädchen: „Ich wünsche eurem Papa gute G eschäftchen.." In diesem rauhen Ton spricht der gewesene Statthalter von Polen! Zu Beginn dieses Jahres betrug die Bevölkerung Warschaus 571.300 Köpfe, darunter 190.300 Juden. Ego. New-Parker Griefe. Vor einigen Wochen fand im Waisenhause an der Amsterdamer Avenue und 136. Straße die alljährliche Betty Brühl-Preisvertheilung statt, zu welcher sich außer den 700 Insassen auch noch zahlreiche Freunde dieser allgemein beliebten Wohlthätigkeitsanstalt einsanden. Die von der genannten Dame sundirten Preise bestehen aus zwei Sparbank-Einlagen von je 50 Dollars für den vorzüglichsten männlichen und weiblichen Zögling der Anstalt. Dochw)erden bei dieser Gelegenheit auch noch von anderen Gönnern des Instituts Preise von 30, 25, 10 und 5 Dollars, sowie Bücher, Spielsachen u. s. w. vertheilt. Die Leitung dieses Waisenhauses (es bestehen hier noch zwei andere: The Hebrew Sheltering Guardian Society und The Deborah Nursery) liegt seit nahezu 20 Jahren in den Händen des anerkannt tüchtigen Pädagogen Dr. Hermann B a a r und seiner vielseitig begabten Gattin, welche dem Institute als Superintendent und Matrone vorstehen. An der Ausführung der Festlichkeit nahmen Zöglinge jeglichen Alters Theil, von der Kind erg arten-Classe bis zu den College-Abiturienten. Die Musikbande des Cadettencorps (Blasinstrumente) von 40 Mitgliedern concertirte; die Singclasse, 80 Knaben und Mädchen stark, besorgte den gesanglichen Theil. Die Declamation bestand aus Dialogen, in welchen sich das tägliche Leben und Treiben der Anstalt abspiegelte. Erziehliche Betrachtungen, gemachte Erfahrungen des verflossenen Jahres bildeten das Leitmotiv dazu. La morale en action ging sozusagen über die Bretter, und gar MMcher Zögling erkannte darin sein naturgetreu gezeichnetes Bild. Diese Dialoge, von Dr. B a a r für die jährlich wiederkehrende Festlichkeit vorbereitet, üben einen entschieden wohlthuenden Einfluß Ms das Institut aus, sie werden von Fachmännern für ein Schatzkästlein pädagogischer Weisheit gehalten und man kann sie füglich mit dem Namen „Weltliche Predigten" bezeichnen. Sie bilden gewissermaßen ein Pendant zu seinen Sabbath- und Festreden (Word8 spoken by Dr. H. Baar betöre the children c f the Hebrew Orphan Asylum), von welchen bereits zwei Bände erschienen sind, die sowohl in jüdischen wie christlichen Familien sich einer günstigen Aufnahme erfreuen. Von den 710 Zöglingen gehen 310 täglich nach der nahegelegenen Grammar School Nr. 43, während 400 in der sechsclassigen Primärschule, welche sich in der Anstalt befindet, ihren Unterricht erhalten. Diese, von der Stadtcasse subventionirt, steht unter der Oberaufsicht unseres Stadtschulrathes (Board of Education) und wird jährlich von einen: Stadtschul-Jnspector geprüft. Zehn Zöglinge besuchen das New-Iork-College; drei davon wurden kürzlich graduirt. Zwei wurden sofort als Lehrer im Institute angestellt. Neun Zöglinge haben das Hebrew Technical Institute besucht, um sich als Handwerker auszubilden. Eine Classe von sechzehn Zöglingen, die Lust zum Rabbinerstande haben, erhielten Unterricht in Bibel, Raschi, Baba Kama, En Jacob und Kusari. Sie werden, wenn sie die Vorbereitungsschule durchgemacht haben, auf Kosten der Anstalt nach dem Cincinnati- Union-College geschickt werden. Aus dem letztgenannten College sind bereits ehemalige Zöglinge dieses Waisenhauses als Rabbiner hervorgegangen. Rabbiner Charles Fleischer ist seit einem Jahre in der größten Gemeinde Bostons angestellt und Rabbiner George Solomons wäre schon in Stellung, hätte er es nicht vorgezogen, eine Anstellung als assistirender Superintendent des Waisenhauses anzunehmen, in welchem er erzogen wurde. Sowohl Knaben als Mädchen lernen in der achtclassigen Schule im Institute: Jüdische Geschichte, Religionslehre, hebräisch Lesen und Bibel übersetzen. Fünfundzwanzig Knaben und Mädchen genießen den Unterricht in Stenographie und im Maschinschreiben. Dreißig Abiturienten der letzten drei Jahre haben in Geschäftshäusern der unteren Stadt einträgliche Anstellungen in diesem Fache gefunden. Eine Classe von 25 Knaben erhält Unterricht in Buchhaltung. Eine Anzahl der älteren Mädchen haben, bevor sie zur Schule gehen, nahezu 450 Betten zu machen, während andere das Geschirr von den Frühstücktischen abräumen, um sie sofort für das Mittagsmahl zu decken. Alle werden an Nachmittagen nach der - Spielstunde im Nähen, Flicken, Strumpfstopfen u. s. w. unterrichtet und um 5 Uhr sind sie wieder im Speisesaal damit beschäftigt, das Abendbrod für 700 Kinder fertig zu stellen. Ein Bataillon von 200 Jungen wird einmal wöchentlich in militärischen Evolutionen unterrichtet. Dieses, mit seiner Musikbande an der Spitze,, könnte aus dem Paradeplatze in Berlin eine Revue mit Ehren passiren. Der Exercirmeister und Oberst dieses Cadettencorps ist, ebenso wie alle anderen internen Lehrer und Lehrerinnen, in der Anstalt erzogen worden. Der mannigfache Unterricht, welcher den Insassen innerhalb und außerhalb des Instituts geboten wird, setzt einen höchst complicirten, aber wohldurchdachten Stundenplan voraus, der jedoch schwerlich ausgeführt werden könnte, wenn die Disciplin, welcher Lehrer und Monitors streng unterworfen sind, nicht eine durchaus musterhafte wäre. Eine genaue Beschreibung des von schönen Gärten umschlossenen Gebäudes mit seiner eleganten Einrichtung, seiner Lage u. s. w. würde den diesem Briese gegönnten Raum überschreiten. Ich habe mancher Herren Länder gesehen und kann sagen, daß seinesgleichen in Europa nicht zu finden ist. Europäische Besucher, die es gesehen haben, werden mit mir darin übereinstimmen. Von den 2100 Kindern, welche die Anstalt in den verflossenen 35 Jahren ausgenommen hat, sind nicht mehr als 32 gestorben. Die Männer und Frauen, welche ihr ihre Erziehung und Stellung in der Gesellschaft verdanken, gereichen ihr zur Ehre. Wie alle jungen Leute, die nicht aus Unterstützung der Eltern rechnen können und nur aus ihre Selbsthilfe (help yourselt) angewiesen sind, haben sie, nachdem sie die Anstalt verlassen, im praktischen Leben aus eigener Kraft sich emporgearbeitet; viele von ihnen mit glänzenden Erfolgen. Sie finden ehemalige, arme Waisen-

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