Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Unter den unheimlichen, die sündige Welt verwünschenden Geißelliedern und den Racheschwüren an den „Mördern Gottes" zog eine Procession der Geißelbrüder in wilden Haufen jenem Städtchen zu, das eine bedeutende Anzahl jüdischer Einwohner hatte. Der männliche Theil dieser dem Tode geweihten Opfer des Glaubenswahnes war entschlossen, sein Leben so theuer als möglich zu erkaufen und rückte todesmuthig der Procession entgegen. Es kam vor den Thoren des Städtchens zu einem furchtbaren Gemetzel, die Uebermacht der entmenschten Geißler siegte und es blieb kein einziger der Juden am Leben. Von dem eigenen Blute der Geißelhiebe wie von dem Blute der erschlagenen Juden triefend, stürmten darauf die bis zum Wahnsinn Fanatisirten, Psalmen singend, in das Städtchen, in welchem selbst die Bürger sich verkrochen, weil sie sich vor den blindwüthenden Haufen fürchteten. Und ehe sie noch in die Kirche einzogen, wie sie sonst thaten, wenn sie in eine Stadt kamen, drangen sie sofort in die Judenhäuser, um an den zurückgebliebenen Frauen und Kindern ihren gesteigerten Blutdurst zu stillen, der Juden Habe mitzunehmen und erst dann in der Kirche Gott für das vollendete Werk zu danken. Auf den Tod gefaßt, zitterten die jüdischen Mütter und Töchter nur vor der Schande. In einem der vornehmsten Häuser des Judenviertels saß ein Mädchen im Gebete versunken, auf ihre letzte Stunde sich vorbereitend. Sie war schon lange mutterlos und heute verlor sie im Gemetzel vor den Thoren auch ihren Vater, sie hatte mit dem Leben abgeschlossen. Sie weinte nicht, dachte vielmehr mit einem Gefühle seligster Wonne an ihre Lieben und die baldige Vereinigung mit ihnen. In ihrer Herzensreinheit und Unschuld sah das Mädchen in den Geißelbrüdern nichts weiter als Mörder und Plünderer der Juden, eine andere Gefahr ahnte sie nicht, und fast schien ihr die Verzögerung ihres Erscheinens schon zu lange zu dauern, sie hätte gern schon den Todesstreich, den sie für eine Erlösung hielt, empfangen, denn sie hatte ihre Seele schon Gott empfohlen und fühlte sich im Geiste bereits vereint mit den Ihrigen. Die Thüren von Kästen und Schränken waren geöffnet. das Silberzeug des Hauses lag in einem Haufen auf dem Tis he, damit, die Plünderer nicht lange zu suchen haben. Endlich hörte sie in der Nähe schon den heiseren Gesang: „Tretet herzu, wer büßen will, So fliehen wir die heiße Holl, Lucifer ist ein böser Gesell', Wen er hat, Mit Pech er ihn labt, Jesus ward gelobet mit Gallen, Das müssen die Juden mit Blute bezahlen," eines der bekanntesten schönen Lieder der Geißler. Das Mädchen jauchzte innerlich vor Freuden, daß der Tod schon so nahe ist. Da wurde die Thüre ausgerissen und herein trat ein wilder Mann mit einem Hut mit einem rothen Kreuze auf dem Kopfe, das Gesicht verzerrt von Schmerz und Wuth, von der freien Achsel das Blut herabströmend, in der linken Hand ein Kreuz haltend und in der rechten ein Schwert. Sie zitterte nicht im Geringsten, sie hatte sich die Geißelbrüder nicht anders vorgestellt. Dieser war noch eine vornehme Erscheinung, denn es befanden sich unter den Geißlern auch Ritter, diese waren mit der Führung betraut und ihnen wurde der Löwenantheil an der Beute, die reichsten Judenhäuser zur Plünderung und die größten Schandthaten überlassen. In diesem Hause sollte der Ritter sein Privileg genießen. Doch blieb er an der Schwelle der Thüre wie geblendet von der Schönheit des Mädchens stehen. Sie verlor nicht einen Augenblick die Besinnung. Sie deutete dieses Zögern, daß er sich nur an dem Anblicke seines Opfers weiden wolle und der Todesstreich bald erfolgen werde und entblößte Hals und Schultern, damit der Streich beffer treffe. War der Mann beim Eintritte von der milden Gottergebenheit, die auf dem schönen Antlitze des Mädchens ausgesprochen lag, einen Augenblick entwaffnet, so weckten nun die berückenden Reize des Opfers seine zügellose Leidenschaft. Er ließ Schwert und Kreuz aus den Händen fallen und trat mit ausgestreckten Armen dem Mädchen näher. Sie schritt angstvoll zurück. „Bist Du allein, jüdische Hexe?" fragte er in dem ihm möglichst zartesten Tone. „Ganz allein," sagte sie, sich wieder besinnend und die Situation überschauend, „mein Vater wollte mildemwerthvollsten Theile unseres Vermögens, mit Perlen und Diamanten, heute Seite 611 Morgens flüchten — ehe er sein Vorhaben ausführen konnte, ereilte ihn ein schrecklicher Tod und so bin ich der Gnade der frommen Brüder überlassen." Der Wilde trat ganz aus sie zu. „Ja, Du sollst verschont werden» aber mein mußt Du sein, ganz mein." Und dabei faßte er sie und schlang die Arme um das zitternde Kind. Die Angst verlieh ihr wunderbare Stärke. Sie entwand sich den Armen des Unmenschen. Er aber hatte sie rasch wieder erfaßt und zog sie an seine stürmisch wogende Brust. „Laß' Dich umarmen, Mädchen, laß' Dich küssen. Diese Schönheit ist nicht gemacht, um vernichtet zu werden, es soll Dir kein Haar gekrümmt werden. Es wird kein Geißler mehr dieses Haus betreten, ich bin ihr Anführer, und Du kannst hier bleiben, bis wir abgezogen sind, und Dich dann wieder mit Deinem Vater vereinigen; aber jetzt mußt Du mein sein! Du Hexe!" Sich abermals seiner Umarmung entwindend, sprach das Mädchen, scheinbar gefaßt: „Lass' mich in Ruh', frommer Mann, wenn ich mich in Deinem Aeußeren, das einen Edelmann bekundet, nicht getäuscht habe, bist Du ein Ritter und wirst noch in vielen Schlachten Dein Schwert erproben. Für mein Leben fürchte ich nicht und hat Keiner meiner Familie zu fürchten, denn wir sind im Besitze eines Zaubermittels, das uns unverwundbar von Menschenhand macht. Wenn Du meine Ehre schonst, will ich Dir dieses Mittel geben, obwohl wir es selbst unseren Glaubensbrüdern verheimlichten, und mit diesem Mittel können Dir alle Geschosse und Hiebe der Feinde nichts anhaben. Der Glaube, daß es solche Geheimmittel gibt und daß Juden sie besitzen, war damals allgemein. Galten doch die Juden als die größten Zauberer und wie viele schöne Jüdinnen mußten nicht den Hexentod sterben. „Wie sagst Du, Mädchen? Du hättest das Mittel, das mich mein ganzes Leben hindurch gegen Hieb und Stich zu sichern im Stande wäre?" schrie der Wilde wie entzückt. „Ja, ich bin im Besitze dieses Mittels," entgrznete das Mädchen ganz ruhig, „und das Mittel ist unfehlbar, schon in unzähligen Fällen in meiner Familie erprobt, noch starb Keiner von uns seit dreihundert Jahren, seitdem wir im Besitze desselben sind, eines gewaltsamen Todes, trotzdem sie bei so vielen Judenverfolgungen in Mitleidenschaft gezogen waren. Wir haben daher auch immer den wichtigsten Bestandtheil unseres Reichthums gerettet, daß er von Geschlecht zu Geschlecht gekommen und so groß geworden ist. Wenn Du meine Ehre schonst, sollst Du dieses Mittel wissen und es aus meiner Hand empfangen, obwohl ich damit ein Verbrechen an unserer Familientradition begehe." „Und wenn ich Deinem Wunsche willfahre, wie willst Du mir beweisen, schöne Hexe, daß Dein Mittel wirksam ist? Auf bloße Worte hin, kann ich mich dazu nicht verstehen; gesagt ist leicht, doch will ich Beweise, ehe ich Dir Glauben schenke. „Nun denn, so will ich Dir an mir selber zeigen, daß mein Mittel wirkt und Jeden, der es anwendet, unverwundbar macht, sei es ein Mann oder ein Weib." „Wohlan denn, es sei'!" sagte der Geißler, indem er unverwandten Blickes jede Bewegung des Mädchens verfolgte. Sie aber schritt zu einem der offenen Schränke, entnahm demselben eine Mesusa, die sie erst vor Kurzem von der Thürpsoste loslöste, damit sie nicht von den Unholden, wenn sie in's Haus kommen, entweiht werde, und diese Mesusa in ihrer Rechten haltend, sie dreimal küssend, und dabei ein Gebet lispelnd, rief sie, ohne die geringste Aufregung zu verrathen, wie Einer, der wirklich gefeit vor dem Tode ist: „Nun versuch' es, tapferer Ritter! Bon dieser Stunde an bin ich unverwundbar! Zögere nicht und zieh' Dein Schwert, hole aus zum schärfsten Schlage, zum Beispiel hier in den Nacken und gib Acht, ob ich zagend nur eine Miene verziehen werde." Der Mann, in gespanntester Aufmerksamkeit auf die Wirkung ihres Mittels' harrend, hob sein Schwert vom Boden auf, schwang es und holt mit wuchtiger Faust zum schweren Schlage aus und sieht in der nächsten Secunde das schöne Haupt des Judenmädchens aus den Boden kollern. Wie vom Blitze getroffen, steht der Wilde da, mit einem Male die That des Mädchens durchschauend, die so muthig das Leben hingegeben um der Ehre Willen. * * *