Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 609 beispiellosen antisemitischen Verhetzung, wie sie in L.roppau herrscht, seinen Grund habe. Dafür spricht einerseits der Umstand, daß Schilder, ein enragirter Antisemit, der die Meinung, man müsse endlich mit dem Erschlagen der Juden anfangen, öfters ausgesprochen hatte, einen geeigneten Moment für seinen Plan sich aussuchte und nach vollbrachter That die Flucht ergriff; andererseits, daß sofort gerade seitens der Antisemiten das Gerücht ausgesprengt wurde. Schilder habe in einem Augenblicke von Geistesstörung diese That begangen, endlich, daß das antisemitische Hetzblättchen „Deutsche Wehr" von diesem stadtbekannten Vorfälle bisher nichts zu berichten wußte. Kolin. (Prompt quitt!rt.) Ihr Berichterstatter erhielt Kenntniß von der Abfertigung, welche dem Vertreter einer Grazer Firma seitens eines hiesigen Großindustriellen anläßlich eines geschäftlichen Besuches zutheil wurde und welche, wenn auch nur um darauf hinzuweisen, daß es auch ein Herüberschießen gibt, registrirt zu werden verdient. Besagter Vertreter wollte, wie alljährlich, wo es noch keine famosen Grazer Gemeinderathsbeschlüsse gab, beim jüdischen Industriellen sein Geschäft machen. Auf ein Refus war er umsoweniger vorbereitet, als sein Haus doch jahrelang mit dieser Fabrik in geschäftlicher Verbindung steht und ihr jährlich Waare für fl. 4—5000 lieferte. Welch verdutztes Gesicht machte jedoch der nur im soliden Wettbewerb erschienene Grazer Herr, als ihm bedeutet wurde, daß man angesichts der letzten Grazer Gemeinderathsbeschlüsse mit seinem Hause jedwede Verbindung abzubrechen für gut findet, und daß man nur bedauert, daß seine Firma nicht das Gefühl der Solidarität, welches nun einmal dem Juden nicht abzusprechen.ist, in Berücksichtigung gezogen und ihn rechtzeitig aufmerksam gemacht hat, jüdische Etablissements nicht zu besuchen! Es besteht wohl kein Zweifel, daß die Grazer Firma durch den Bericht ihres Vertreters zum Nachdenken angeregt wird. Ob sie auch einen der hochweisen Stadtväter Einsicht in denselben gestatten wird? Franzensbad, 12. August. Der hiesige, einen Weltruf genießende Curort vereinigt Gäste aus aller Herren Ländern und den fernsten Theilen der Erde. Die verschiedensten Sprachen werden vernommen; alle Kreise der Gesellschaft, vom höchsten Aristokraten bis zum niedrigsten Proletarier, sind hier vertreten; alle Confessionen leben in Frieden und Eintracht neben einander, und keine stört die andere in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten. Als eine wahrhaft menschenfreundliche Handlung verdient der Aufruf verzeichnet zu werden, welcher in der Trinkhalle der Franzensbrunner Quelle gestern affigirt wurde und folgenden Wortlaut hat: Aufruf an edle Menschenfreunde! „Ein armes Mädchen, Israelitin aus Rußland, Anna Berkowitz, Wilna, welche ganz allein, ohne alle Mittel zur Cur nach Franzensbad kam, im Glauben, daß sie im Hospital Aufnahme finden kann, steht hilflos, fast gänzlich erblindet, hier in der Fremde und ist nur auf die Barm Herzigkeit guter Menschen angewiesen. Jede kleine Gabe wird dankbar für sie angenommen bei Herrn Heinrich Adler, Bankier, Hotel Post, Kaiserstraße. Eine Christin." Täglich laufen Beträge ein, und mau hofft, die Mittel zu erhalten, um der Armen den Gebrauch der Cur zu ermöglichen. Franzensbad. Seit Beginn dieses Monates weilen Großfürst und Großfürstin Sergius von Rußland mit Gefolge als Curgäste in Franzensbad. Der in den weitesten Kreisen renommirte Brunnenarzt Herr kaiserlicher Ratb Dr L. Fellner wurde dazu berufen, bei Seiner kaiserl. Hoheit den ärztlichen Dienst zu versehen. Danzig. (Zu denGrenzplackereien für Isra eliten an der russischen Grenze.) Den Landräthen der Grenzkreise ist nach der „Danziger Ztg." folgende Mit theilung vom russischen Kreischef in Nieschawa zugegangen: „Der Chef der Alexandrow'schen Abtheilung der Warschauer Eisenbahn-Polizei-Gendarmerieverwaltung, hat mir unterm 29. verflossenen Monats Juni Nr. 731 mitgetheilt, daß es von ihm und den Beamten der Zollverwaltung bemerkt worden ist, daß die an der Grenze befindlichen Handelsfirmen auf einfache Legitimationsscheine, welche der Thorner Landrath ihnen ausfertigt, ihre Handlungsreisenden, welche indess' Juden sind, zur Abschließuug von Geschäften zu uns senden, wodurch dem Schmuggel Thor und Thür geöffnet wird. Auf andere, außer den genannten Personen (Juden) soll sich dies durchaus nicht beziehen, was auch aus den Artikel 289—291 des Paßreglements von 1890 deutlich hervorgeht. Er, der Chef, hat jetzt die Anordnung getroffen, daß in Zukunft ausländischen Juden, welche auf Legitimationsscheine reisen, der Eintritt über die Alexaudrow'scke Zollkammer verwehrt wird. Als Grenzconimifsär, dem es obliegt, jedem etwaigen Mißverständnisse entgegenzutreten, hat er mich ersucht, mich diesbe züglich mit den preußischen Behörden in Verbindung zu setzen, damit den Juden keine Legitimationsscheine zum Passkren unserer Grenze ausgeiertigt werden. Das oben Dargelegte beehre ich mich Euer Hochwohlgeboren zur Kenntniß zu bringen." Nach den in Preußen geltenden Bestimmungen müssen nach wie vor auch den Juden auf Antrag Legitimationsscheine ausgestellt werden; es scheint aber, daß dieselben ziemlich zwecklos sind. Unser „Erbfreund", für den gerade jetzt wieder die England- Hasser so brünstig schwärmen, will es so, trotz des deutsch-russischen Handelsvertrages! Kiew. (Sperrung jüdischer Bethäuser.) Die jüdische Bevölkerung der Stadt Buki, Bezirk Uman im Gouvernement Kiew, befindet sich seit einiger Zeit in großer Erregung. Auf Anordnung des General-Gouveineurs von Kiew, Grafen Jgn atj e w, wurden nämlich alle Synagogen und jüdischen Bethäuser in Buki polizeilich gesperrt. Als Grund dieser Maßnahme gab die Behörde die zu berücksichtigende Nähe der orthodoxen Kirche an, welche eine solche Nachbarschaft goutire. Die jüdische Gemeinde von Buki richtete an den Senat von Petersburg eine Beschwerde über das Vorgehen der Polizei, die jedoch zurückgewiesen wurde. Die Juden von Buki sendeten hierauf eine Bittschrift an Czar Nikolaus ll, in welcher sie um die Wiedereröffnung der Synagogen ersuchten. Nunmehr ist aus Petersburg der kaiserliche Bescheid herabgelangt, welcher dahin lautet, daß der Czar dem Senat anbefohlen habe, über die Beschwerde nochmals zu verhandeln. Inzwischen bleiben die Synagogen von Buki noch immer gesperrt. Die Hoffnung, daß der Czar die unverzügliche Wiedereröffnung der Bethäuser anordnen werde, ist nicht in Erfüllung gegangen. Paris, 1. August. Professor Josef Derenbourg der bekannte Orientalist, ist in Ems am Sonntag, 84 Jahre alt, gestorben. Er wurde im Jahre 1811 in Mainz geboren, studirte in Gießen und Bonn Orientalia und setzte 1839 seine Studien in Paris fort, war bis 1864 pädagogisch thätig und widmete sich dann ausschließlich seiner Wissenschaft. Im Jahre 1871 wurde er zum Mitglied des Institutes erwählt und erhielt 1876 den für ihn geschaffenen Lehrstuhl der talmudischen und nachbiblischen Wissenschaften an der eeole äes bautes etnäes. Ein Mainzer Localblatt gab dem Bedauern Ausdruck, daß Derenbourg nicht nur seinen ursprünglichen Namen Dernburg abgelegt, sondern auch die deutsche Vaterstadt „vergessen" habe. Mit Bezug hierauf ging heute dem Blatte von dem Rabbiner Dr. Bondi folgendes Schreiben zu: „Für Sonntag, den 29. d. noch hatte er dem Schreiber dieser Zeilen seinen Besuch in Mainz in Aussicht gestellt, den er wegen großer Schwäche nicht mehr ausführen konnte. Derenbourg kam fast jedes Jahr, zuletzt 1893, hierher, um das Grab seiner Eltern zu besuchen, und zeigte stets das größte Interesse für die Entwicklung seiner Vaterstadt. Seit vielen Jahren zog er nach Ems, weniger seiner Gesundheit halber, als um dort den Umgang mit seinen deutschen Freunden zu pflegen. Maßgebend für die Aenderung seines Namens Dernburg in Derenbourg war der Umstand, daß der Ort im Harz, von wo aus seine Familie nach Mainz kam, Derenburg heißt. Josef Derenbourg war ein hochbedeutender Gelehrter, den das an großen Söhnen reiche Mainz stets mit Stolz unter den Seinen wird nennen dürfen." Serajewo, 14. Juli. An öffentlichen (interconfessionellen) Volksschulen in Bosnien und der Herzegowina bestanden im Jahre 1883/84 42 mit 59 Lehrkräften und 3344 Schülern, wovon 426 Mohammedaner, 1655 Orthodoxe, 1064 Katholiken, 192 Israeliten, 7 sonstiger Confession waren. Im Schuljahre 1889/90 war die Zahl der öffentlichen Volksschulen aus 135 gestiegen, deren Schülerzahl 10.725 betrug, hiervon 2272 Mohammedaner, 4333 Orthodoxe, 3928 Katholiken. 358 Israeliten, 134 sonstigen Glaubens. Im Schuljahre 1892/93 hatte die Anzahl der Volksschulen schon 148 erreicht mit 11.972 Schülern, hievon 2272 Mohammedaner, 4463 Orthodoxe, 4290 Katholiken, 406 Israeliten, 195 sonstiger Confession. Die Anzahl der confessionellen Schulen betrug im Schuljahre 1892/93 im Ganzen 96, welche von 6734 Schülern, darunter 250 israelitischen besucht wurden. New-Aork, 2. Juli. Die jüdische Handfertigkeitsschule „Hebrew Technical Institute“ feierte dieser Tage den Schlußactus dieses Jahres. Herr Jos. L. Buttenwieser hielt die Ansprache vor den zahlreich im Schulhause anwesenden Gönnern des Instituts. Er wies darauf hin, daß im Laufe der verflossenen elf Jahre 200 Knaben aus dem Institut hervorgegangen sind, welche durch die in der Anstalt erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten eine unabhängige Existenz sich der-