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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 608 Dr. Blvch's Wochrnschrifi. vir. 33 unangenehmen Philippika wurde der Obmann und Weinagent sehr stille und fand es für besser, bald darauf mit seinen Freunden Local zu verlassen. Freilich hinderte es ihn als „echten Gesinnungsmenschen" nicht, am nächsten Abend in St. Beit wieder eine antisemitische Brandrede zu halten. Tachau, 5. August. (Jubiläum.) Die40-,beziehungsweise 49jährige Jubiläumsfeier des hiesigen Rabbiners Herrn I. Schidloff fand am verflossenen Montag statt. Schon am Borabend des Festes wurde der Jubilar durch ein von der hiesigen Musikcapelle ausgeführtes Ständchen überrascht. Am Festtage selbst fand zunächst die Gratulationscour statt, an welcher sich unter Anderen der Reichsrathsabgeordnete und Bürgermeister Herr Heinrich S w o b o d a, Se. Hochwürden der Herr Dechant P. P f o b. der Herr Landesgerichtsrath Kerl, die Herren Directoren der Bürgerschulen, der Borstand der Cultusgemeinde, das Festcomite, die Deputationen mehrerer Vereine und zahlreicheFreunde des Jubilars betheiligten. Das Festcomite überreichte ein sinniges Ehrengeschenk, bestehend aus einer kunstvoll ausgestatteten Enveloppe, enthaltend eine kalligraphisch ausgeführte Glückwunschadreffe und ein photographisches Tableau, das in schöner Ausführung den Jubilar, umgeben von vielen seiner Freunde, zeigt. Auch die israelitische Schuljugend hatte sich unter Führung des Schulvorstandes eingefunden und überbrachte nebst einem Riesenbouquet ihre Glückwünsche in Form zweier schön vorgetragener Gedichte. Den Mittelpunkt der Feier bildete der am Nachmittage in dem prachtvoll decorirten Tempel abgehaltene Festgottesdienst, bei welchem der Delegirte des Rabbinerverbandes, Herr Dr. Stern aus Saaz die Feftpredigt hielt, worin er mit tief zu Herzen gehenden und begeisternden Worten ein Lebensbild des Jubilars entwarf und dessen große Verdienste und edlen Charakter mit hinreißender Beredtsamkeit schilderte. Tief ergriffen dankte der Jubilar allen Festtheilnehmern in gediegener und formvollendeter Rede für die ihm erwiesenen Ehrungen und legte das feierliche Gelöbniß ab, auch den Rest seines Lebens in den Dienst der Religion, des Glaubens und der Humanität zu stellen. Seine wohldurchdachte Rede klang aus in ein Gebet für Se. Majestät den Kaiser und das Allerhöchste Kaiserhaus, worauf der Gottesdienst mit Absingung der Volkshymne durch den eigens für dieses Fest gebildeten Chor sein Ende fand. Den würdigen Abschluß des wohlaelungenen Festes bildete der am Abend im Saale des Herrenhauses abgehaltene Feftcommers, an welchem die Herren Bürgermeister Swoboda, die Gemeinderäthe Srblee und Fleißner, Apotheker Robert Letz, Lehrer Kautzner, Dr. Stern, Dr. Goitein aus Marienbad, Dr. Adler, Dr. Schornstein. Dr. Fischer und viele Damen und Herren theilnahmen. Eröffnet wurde der Commers mit einem von Herrn Dr. Stern auf Se. Majestät den Kaiser ausgebrachten Toast, worauf die Musikcäpelle die Volkshymne anstimmte, welche von allen Anwesenden begeistert mitgesungen wurde. Hierauf ergriff der Reichsrathsabgeordnete und Bürgermeister Herr Swoboda das Wort und feierte hiebei den Jubilar als seinen langjährigen, persönlichen Freund und steten Verfechter der Sache des Freisinns und der Nächstenliebe und erntete für seine gefühlvolle, vom Herzen kommende Rede enthusiastischen Beifall. Es folgte sodann Toast auf Toast, nur unterbrochen von den Weisen der Kugler'schen Concertcapelle; von den gehaltenen Reden wären besonders die der Herren Dr. Goitein und Dr. Schornstein zu erwähnen. Nachdem der Jubilar in kurzen und kernigen Worten allen Tbeilnehmern nochmals herrlich gedankt hatte, erhob sich der Reffe des Jubilars Herr JUDr. Schidloff, Advocat aus Wien, um in formvollendeter Rede den anwesenden Reichsrathsabgeordneten Herrn Heinrich Swoboda zu feiern. Diese Rede machte einen geradezu überwältigenden Eindruck. Unter fortwährenden Bravorufen führte der Redner aus, daß nur das Aufgeben der egoistischen und die allgemeine Anerkennung der altruistischen Weltanschauung wenigstens einen theilweisen Ausgleich der socialen Gegensätze herbeiführen könne. Diese letztere Weltanschauung verkörpere sich in vielen Vertretern der liberalen Partei und besonders der anwesende selbstlose Abgeordnete Swoboda sei ein glänzendes Beispiel derselben und es wäre wünschenswerth, daß die liberale Partei nur solche Männer zu den ihren zähle: dann wäre es um die deutsch-liberale Sache wobl bestellt. Diese Rede entfesselte einen wahren Sturm der Begeisterung für den Abgeordneten Swoboda. Erst spät nach Mitternacht verließen die Festgäste in animirtester Stimmung und sehr befriedigt den fröhlichen Kreis. Zu erwähnen wären schließlich noch die zahlreich eingelangten telegraphischen und brieflichen Gratulationen. Es sandten unter Anderem ihre Glückwünsche: Se. Durchlauch der Fürst Alfred Windisch-Grätz und Gemahlin, Ihre Durchlaucht Prinzessin Carl zu Windisch- Grätz, Herr Statthaltereirath Selner aus Prag, Herr Bezirkshauptmann Wunsch aus Münchengrätz, der in Prag weilende Bezirksobmann Herr JUDr. Böttger, Dr. Herschmau aus Wien, Oberrabiner Dr. Ehrenfeld aus Prag, Oberforstmeister Heyrovsky,NotarDr.v.Krobshofer,SecretärGamringer,BezirksarztDr.Schwarzkopf,Oberrabbiner-StellvertreterDr. M. Sauber aus Prag; ferner die Herrn Rabbiner:Dr. Grün—Prag.Dr. Posnanski—Pilsen, Wittenberg—Leitmeritz, Forsch—Schlan, Mandl —Dobrisch, Dr. Stierberger—Goltschjenikau, Dr. Friedländer— Pisek, Dr. Back—Johannisbad, Weiner—Kuttenplan, Weiß— Eidlitz, Dr. Biach—Brüx, Dr. Stark—Weinberge, Dr. Sauber —Prag, Dr. DorF—Temesvar, Friedmann—Straßnitz, Dr. Fränkel-Grün—Kremsier, Dr. Schiffer—Karlsruhe, Dr. Klotz— Jungbunzlau, Dr. Barany—Kecskemet, Dr. Ziegler—Karlsbad, Dr. Hirsch—Karolinenthal, Dr. Körper—Weseritz, Dr. Goitein—Nachod, Dr. Kurein—Teplitz und die Cultusgemeinden Budweis, Falkenau, Saaz, Eidlitz, Neustadtl, Bodenbach, Pilsen u. s. w. Zahlreiche Berufsgenossen und Cultusgemeinden, sowie viele Schüler und Freunde des Jubilars aus allen Ländern. Selbst aus Amerika waren mehrere telegraphische Glückwünsche eingelangt. — Herr Rabbiner Schidloff ist 1817 geboren, somit einer der ältesten Rabbiner in Oesterreich, durch seine talmudische Gelehrsamkeit in weiteren Kreisen bekannt und wegen seines edlen, menschensreundlichen Charakters allgemein beliebt und geachtet. Leipnik. (Todesfall.) Am 28. Juli starb hier der Oberlehrer der israelitischen Volksschule, Herr Josef Tauber. Wie ein Soldat am Schlachtfelde, so verschied er inmitten seines Berufes: ein Gehirnschlag hatte seinem Leben wöhrend des Unterrichtes ein jähes Ende gesetzt. Oberlehrer Tauber wurde am 8. April 1828 geboren, stand also im 68. Lebensjahre. Als Sohn gänzlich unbemittelter Eltern hatte er von frühester Jngend an mit den größten Entbehrungen zu kämpfen. Er besuchte zuerst die Unterrealschule der Piaristen in Leipnik, dann den zweijährigen Curs für Hauptschullehrer in Wien. Während dieser Zeit widmete er sich mit besonderem Fleiße dem Studium moderner Sprachen, namentlich der französischen, englischen, italienischen und ungarischen, die er besonders hervorragend beherrschte, In Wien, später in Ungarn ertheilte er in bedeutenden Häusern Privatunterricht in diesen Sprachen. Im Jahre 1870 wurde er von der hiesigen Jsraeliten-Gemeinde als Volksschullehrer berufen und' wurde dann 1884 Oberlehrer. Als Jugendbildner entfaltete er nun in seiner Gemeinde eine besonders segensreiche Thätigkeit und war jederzeit bemüht, seinen schwierigen Pflichten auf das Gewissenhafteste nachzukommen, wofür er wiederholt die Anerkennung seiner Vorgesetzten, zuletzt im Monate Juni d. I. die des k. k. Landesschulinspectors erhielt. Das am 30. Juli stattgefundene Leichenbegängniß des Verewigten gestaltete sich zu einer imposanten Tranerknndgebung der hiesigen Bevölkerung. Berufsgenossen aus Nah und Fern, Vertreter beider Gemeinden, dann eine schier unübersehbare Menschenmenge gaben dem Todten das letzte Geleite. Der Gesangverein, dessen langjähriges Mitglied er war, rückte corporativ mit Fahne aus und sang in der Leichenhalle des israelitischen Friedhofes Mendelssohn's ergreifenden Trauerchor: „Es ist bestimmt in Gottes Rath." Nach den Leichenreden, von denen jene seines aus Amerika hier zu Besuche weilenden Schwagers, des Herrn Rabbiners vr. S ch r e i b e r, sowie die eines seiner ehemaligen Schüler besonders ergreifend wirkten, wurde der mit Kränzen reichgeschmückte Sarg in die Erde versenkt. Am offenen Grabe sangen die Kinder seiner Schule ein Grablied und sprach unter lautem Schluchzen aller Schulkinder eine Schülerin rührende Worte des Dankes und des Abschiedes. Oberlehrer Tauber war in seinem persönlichen Verkehre ein äußerst liebenswürdiger Mann. Manche Vorkommnisse der letzten Zeit mögen wohl dazu beigetragen haben, sein Herz mit tiefem Weh su erfüllen, aber kein Wort der Klage kam über seine Lippen. Nur Jene, welche mit ihm in näherem Verkehre standen, konnten merken, wie ihm Thränen in die Augen traten, wenn er über seine Zukunst ein oder das andere Wort fallen ließ. Ehre seinem Andenken! Troppau. Wie weit die Verrohung in Folge der antisemitischen Hetze bereits vorgeschritten ist, beweist folgender Vorfall, der uns unter dem 11. d. M. aus Troppau berichtet wird: Am 1. August wurde der Tempeldiener, Herr Isidor Klein, auf einem Dienstgange von einem jungen Manne, Namens Oscar Schilder, dem Sohne eines Gastwirths, ohne jede Ursache mit einem Taschenmesser in's Genick gestochen. Herr Klein begab sich, die klaffende Wunde mit beiden Händen zuhaltend, auf die Polizeiwachstube, wo ihm der erste Verband angelegt wurde. Die Wunde ist zwar nicht gefährlich, hätte aber, wenn das Messer schärfer gewesen wäre, den sofortigen Tod herbeiführen können. Obzwar der Attentäter über ärztliche Anordnung ins Irrenhaus transportirt wurde, so vermuthet man doch allgemein, daß dieser Anschlag in der

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