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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 606 Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. chaotisch, aber in Wirklichkeit künstlerisch gefügt, bald mystischpoetisch, wie der Orient, dem sie entstammen, bald unheimlichgrotesk. voll von dem finstern Aberglauben, der bizarr aus mittelalterlichen Synagogen in das frischpulsirende Leben des modernen Englands hinüberrankt, dazwischen lange metaphysische Abhandlungen, unzählige urwüchsige Anekdoten aus dem reichen Schatz, wie ihn keine andereRace der Welt besitzt und nur so nebenher zieht sich wie ein rother Faden die Hauptgeschichte des Buches. Das ist der Roman des kleinen Judenmädchens Ester Ansell, das in der bittern Armuth, in dem so wenig pittoresken Schmutz des Ghetto ausgewachsen, sich die angeborene Vornehmheit der alten Race bewahrt, später, „weil sie so gut lernt", in das Haus einer reichen jüdischen Dame ausgenommen wird und durch ihre glänzenden Fähigkeiten die Bewunderung der jüdischen Aristokratie erweckt, bis sie einen pseudonymen Roman »Mordecai Joseph« schreibt, der die höhere jüdische Gesellschaft und Gemeinde in den schärfsten Formen geißelt. Als das Pseudonym entdeckt wird, muß Ester das kosige Heim verlaffen. Die Nostalgie nach dem Ghetto erfaßt die Skeptikerin, sie sehnt sich zurück nach dem naiven, blinden Glauben ihres Vaters Moses Ansell, der nur geheiratet hat, weil er wußte, daß er sterblich war und er einen Erben haben wollte — nicht, um nach ihm zu erben, sondern um Kadisch nach ihm zu sagen, die unsterblich-schönen Sterbegebete der Juden. Nichts kann Ester zurückhalten, sie geht nach Amerika, wohin Vater und Geschwister auswanderten. Aber sie wird wiederkehren und das Weib Raphael Leon's, des prächtigen Herausgebers der „Flagge Judas", werden. Gemeinsam werden sie an der Entwicklung der alten Race arbeiten, die die größte und zugleich geringste der Welt ist. Freilich sind Ester und Raphael nicht die Kinder, sie sind schon die Enkel des Ghetto, sie haben sich aus deffen Stickluft in eine freiere Atmosphäre durchgerungen. Alles Uebrige ist, wie gesagt, ein Kaleidoskop von Bildern. Aber welche Fülle, welche Farben, welcher Reichthum an Gestalten, eine jede ein Meisterwerk aus einem Guß. Eine süße Magie schwebt über den nervigen Sätzen, die warmfühlende Seele des Dichters athmet in jeder Zeile. Man kann sie nicht Alle einzeln schildern: Pesach Weingott und seine Fanny. Sugarmann der große Schadchen (Heiratsvermittler) des Ghetto, Joshi Schmendrik und seine rusiische Riesenbraut, die arme Holländer-Debbh in ihrer einsamen Mansarde. Frau Malka, die ihrer Tochter Milli eine Kleiderbürste geschenkt hat. aber sie bei dem geringsten Zank wieder mitnimmt; Ester's Großmutter, die fanatische „Babe", ihr kleiner Bruder Benjamin, derim Waisenhause stirbt, Strelitzky, der Idealist mit der wehenden Stirnlocke und alle, alle Anderen — Hausirer und Rabbis, Schneider und Zigarrenmacher, Schuster und wandernde Glaser, neuhebräische Minnesänger und Grünkramhändler, Fremdlinge aus aller Herren Ländern, aus deren exotischen Augen neben aller Schlauheit und Verschlagenheit eine mystische Sehnsucht blickt, die ewige Sehnsucht nach Jerusalem und nach dem Meffias. Das ist Bär Beleowitsch, der Flickschneider, der eigentlich weder Bär noch Beleowitsch heißt, ebensowenig wie seine Tochter Alte in Wirklichkeit sich dieses Namens erfreut. Wahrscheinlich in Folge eines grimmigen Erblichkeitsgesetzes konnten Bär's Eltern kein Kind bis auf ihn am Leben erhalten, so wie es ihm mit seiner Alte erging. Der Rabbi empfahl den betrübten Eltern, in den Wald zu gehen und den Knaben nach dem ersten Thier zu nennen, das ihnen begegnen würde. Es war ein polnischer Wald und so kam Bär zu seinem Namen, Später verlobte er sich mit Chaja, der ihr Vater zweihundert Gulden Mitgift versprochen hatte. Der Vater starb und die zweihundert Gulden waren nicht zu finden. Die Sache stand schlimm. Da führte der Rabbi Bär in das Zimmer, wo der Todte lag und sagte: „Bär, Du hast Dich verpflichtet, dieses Tobten Tochter zu heiraten und er hat sich verpflichtet, Dir zweihundert Gulden zu geben." „Richtig," sagte Bär. „Bär," sagte der Rabbi, „die zweihundert Gulden sind nickt da." Ein Schatten flog über Bär's Gesicht, aber er sagte nichts. „Bär." sprach der Rabbi, „es sind keine zwei Gulden da." Bär rührte sich nicht. „Bär," sagte der Rabbi, „geh' weg von mir und auf die andere Seite des Bettes, mir gegenüber." Das that Bär. „Bär," sagte der Rabbi, „gib mir Deine rechte Hand." Der Rabbi streckte seine eigene rechte Hand über das Bett, aber Bär hielt die seine eigensinnig auf dem Rücken, trotzdem der Rabbi noch einmal in feierlichem Tone die Aufforderung an ihn ergehen ließ. „Nein," antwortete Bär trotzig, „warum soll ich Dir die rechte Hand geben?" „Warum?" sagte der Rabbi und seine Stimme zitterte, „warum? Weil Du mir bei der Leiche von Chaja's Vater schwören sollst, daß Du sie heiraten wirst." „Ich will nicht." sagte Bär. „Du willst nicht?" wiederholte der Rabbi und seine Lippen wurden weiß vor Mitleid. „Nein, ich schwör' nicht," sagte Bär hitzig. „Ich liebe das Mädel und werde halten, was ich versprochen Hab'. Aber ich schwör' nicht." „Bär," sagte der Rabbi mit erstickter Stimme, „gib mir Deine Hand. Nein, nicht zum Schwören, ich will sie schütteln. Lang sollst Du leben und der Allerhöchste soll Dir bereiten Deinen Sitz in Gen Eden . . . ." Da ist der Rabbi Shemuel mit dett großen, braunen Gazellenaugen, wie der Heine'sche Rabbi von Bacharach in heiterer Festesfreude das Osterfest feiernd und traulich-patriarchalisch mit seinem Weibe plaudernd, mit dem neuhebräischen Minnesänger und „Schnorrer" Pinkas Anekdote um Anekdote tauschend. Er ist kein finsterer Eiferer, der gute Rabbi, der oft in Hemdärmeln nach Hause kommt, da er den Rock verschenkte, aber das Wort der Schrift ist für ihn das eiserne Gesetz, dem man! sich beugen muß, und wäre Einem noch so weh' um's Herz. Auch Hannah muß sich ihm beugen, seine einzige Tochter'. Auf dem Purimball lernt das schöne, sanfte Mädchen David Brandon, einen „Modernen", kennen und lieben, doch als er um sie wirbt, stellt sich heraus, daß er ein Cohen, ein Priester ist. Ein solcher aber darf kein geschiedenes Weib ehelichen, und das ist Hannah. Freilich nur im Scherz hat ihr Sam Levme, der Bräutigam ihrer Freundin Lea, einen goldenen Reif an den Finger gesteckt, aber nach dem Gesetze ward sie dadurch seine Gattin und mußte sich in aller Form von ihm scheiden lassen. Brandon überedet Hannah, mit ihm zu fliehen, und ohne rituelle, nur durch standesamtliche Trauung sein Weib zu werden; sie willigt ein, schon öffnet sie die Thür, um dem Geliebten zu folgen, da dringt aus dem Zimmer die Stimme des Rabbi, ihres Vaters, der feierlich das Lorueh haho anstimmt. Ein Plötzliches kommt über sie, siedrückt Brandon seinen Verlobungsring in die Hand und schlägt ihm die Thür vor dem Gesichte zu. Vergebens rüttelt er in ohnmächtiger Verzweiflung an der Klinke. Hannah beugt sich dem, was immer war, sie wird ein altes Mädchen, trotzdem sie weiß, „daß es ohne die Ehe kein Glück für ein Weib gibt". Die schönste Geschichte in dem Buche aber ist die Geschichte der „stillen Familie". Mendel Hyams hat vor vierzig Jahren drüben in Polen Binah geheiratet, ohne daß er vor der Hochzeit ihr Gesicht gesehen hatte. Sie lebten mit einander seit vierzig Jahren in Frieden, aber ohne Vertraulichkeit, von Liebe war zwischen ihnen nie die Rede gewesen. Mendel erhielt seine Frau als Glaser, so lange , seine Kinder ihm das gestatteten, dann ernährten ihn die Kinder, die stolze Mirjam, die Lehrerin geworden, und der Sohn Daniel, der in einem Confectionsgeschäft Commis war. Daniel liebte Bessie, die Tochter des Schadchens Sugarmann und sie liebte ihn. Alle Welt sah das, nur Sugarmann nicht, der doch sonst für die Opportunität von „Partien" eine so feine Witterung besaß. Wenn die Liebe blind ist, darf ein Heiratsvermittler kurzsichtig sein. Aber Daniel konnte Bessie nicht heiraten, denn zwei Familien vermochte er nicht zu ernähren. Er schwieg darüber, wie überhaupt die Hyams eine stille Familie waren, die ihr Kreuz in aller Heimlichkeit trugen. Mendel erfuhr es jedoch durch Zufall und er wollte das Opfer der Kindesliebe nicht annehmen. Er besprach sich mit Binah, und siehe, zum ersten Male in ihrer langen Ehe entsteht zwischen Gatten eine süße, heimliche Vertraulichkeit. Am Tage darauf erhält Mendel einen Brief von seinem Bruder aus Amerika, der eine Erbschaft gemacht hat und ihn zu sich ruft. Daniel ist mißtrauisch und will es nicht glauben, aber der Vater hält ihm den hebräisch geschriebenen Brief vor Augen — er wirft ihn dann heimlich ins Feuer, denn er hat ihn selbst an sich geschrieben — und seinen festen Willen gegenüber muß der Sohn nachgetk’ii und ihn mit der Mutter ziehen lassen. Nun kann Daniel

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