Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Seite 605 Dr Vloch's Wochenschrift am wenigsten glücklich, wenn er weinte. Wenn er auch nicht immer wußte, was er betete, gemeint hat er es immer. Der moderne Jude betete mit der Gedankenlosigkeit die Loth's Gattin befiel, als sie rückwärts geschaut hatte, ohne Betonung, ganz ruhig, als ob er sich fürchte, die Gottheit könne ihn behorchen. Er hat das Hamann-Klopfen abgeschafft, weil es von zweifelhafter Moralität ist und meist die Smehath Thora- Aüfzüge, weil sie unzweifelhaft pittoresk sind. Purim ist ihm gleichgiltig geworden, weil es auf eine Mythe gegründet sein könnte und er hat Weihnachten adoptirt, welches eine solche verewigte. Er hat die Synagogen mit Reihen personificirter Unermüdlichkeit angefüllt, angethan mit hohem Hut, ohne welchen, (wie der Küster weiß) Niemand echt wäre, glicht einmal Elijal selbst, wenn er sich in eine West-end-Schul verlaufen würde. Um der Sache die Krone aufzusetzen, läßt der verständige Jude seine Kinder nicht mehr in den Tempel konnnen, weil sie nicht genügend manierlich sind. Und dann der Geistliche! Er ist vom Kopf bis zum Fuß ein Abklatsch der christlichen Geistlichen und die Aehnlichkeit erstreckt sich häufig selbst auf seine Predigten. Manchmal ist er herausftaffirt wie ein Jesuit. Anstatt des einfachen, gemüthlichen, humoristischen Rabbi haben wir einen gedankenarmen und unechten Geistlichen. Der Chazan kann nicht mehr singen — das wäre ungeistlich — aber er ersetzt seinen Mangel an Stimme durch die Fähigkeit, schlechte Predigten in der englischen Muttersprache zu halten. Das Leben in der Synagoge ist ein treues Abbild des Lebens draußen — geknechtet durch Talmi-Ideale, eingezäunt und eingesperrt in geistlose Routine und beherrscht durch ein Idol von Steifheit und Frackschößen. Das alte nachbarliche Straßenleben des jüdischen Viertels hatte seine vulgären Züge, aber auch eine gewisse derbe Natürlichkeit, die keinen vortheilhaften Ersatz in der anmaßungsvolleu Pseudofeinheit der Vorstädte gefunden hat. Ich sehe auch tit dem alten jüdischen Jargon, den wir jetzt so geflissentlich nicht mehr verstehen wollen, nichts an sich Verwerfliches. Der Versuch, alle familiären Ausdrücke und Worte, die häufig so bezeichnend und unübersetzbar sind, zu ächten, ist symptomatisch für eine Parvenu-Berfeinerung, die es zum Selbstvertrauen noch nicht gebracht hat. Es ist eine philologische Unmöglichkeit für irgend eine Classe Menschen, gemeinsame Interessen zu haben ohne gemeinsamen Wortschatz — wenn nicht gemeinsamen Dialekt. Jeder Beruf, jede Clique, Club, Schule, Familie hat ihre eigenen Redewendungen und Redensarten; da manche unserer jüdischen Worte zufällig hebräisch sind, vereitelt das zur Schau Tragende der Unwissenheit das eigene Ziel. Trotz alledem schwirren uns diese Worte — im Ohr. Denn haben nicht unsere Eltern sie gesprochen? Selbst das Wort „Schul" muß durch den Ausdruck Synagoge ersetzt werden, welcher, wenn auch nicht ethymologisch, doch wenigstens in seiner gewichtigsten Respectabilität „Englisch ganz Englisch, wissen Sie, ist." Und Hand in Hand mit der Zunahme der Manierlichkeit geht der Verfall des Humors. Beide kann man nicht zugleich haben. Humor war einst der jüdische Charakterzug par excellence, die Heiterkeit der Lehrer und Großen in Israel war außerordentlich. Sie „freuten sich vor dem Herrn" und hatten mehr Glauben als wir, die weniger familiär zu ihm sind. Heutzutage würden die Pfeiler der Gemeinde ebenso wenig daran denken, zu scherzen, wie durch ihrer Hände Arbeit sich eine ehrliche Unabhängigkeit zu sichern. Bei etwas mehr Humor gäbe es weniger Herablassung gegenüber den Armen, weniger geistigen' und materiellen Hochmuth, weniger Erwerbssucht und mehr Glück. Unsere Väter auf dieser Insel des Weltmeeres durchlebten harte und schwere Zeiten, aber sie würzten ihr trocken Brod mit dem Salz des Humors und waren heiter. Es gibt einen Winkel des jüdischen Lebens, in welchem die Manierlichkeit sich geradezu pilzartig ausgebreitet hat. Bis vor Kurzem erhielt sich — und noch jetzt besteht hie und da — die Einrichtung des Sabbathgastes, eine Art wahrhaft orientalischer Gastfreundschaft. Zum Freitag- Nachtmahl wurde ein Fremder wie ein königlicher Gast bewirthet. Für die Kleinen ein Anschauungsunterricht in Philantropie, aber sicherlich nicht in der Manierlichkeit. Der arme Mann — er war nicht manierlich — er kannte kaum den Gebrauch einer Serviette, setzte sich vielleicht in einem zerlumpten Rock zu Tisch. Mildthätigkeit gibt es allerdings noch — in Gestalt von Postanweisungen über fünf Mark und der arme Teufel mag essen, mit wem er will, nur nicht mit dem Geber, denn wir sind wissenschaftlich geworden. Wir lesen Bücher über Volkswirthschaft und schreiben Checks aus. Ich kenne einen alten Kav, der sein Kleid verkaufen würde, um einen Armen zu nähren; sein moderner Berussgenosse würde vielleicht das Gleiche thun, um sich selbst zu einer Existenz zu verhelfen. Selbst die Mildthätigkeit unserer Geistlichen äußert sich wissenschaftlich oder gar nicht — häufig gar nicht. Zu gleicher wissenschaftlicher Manier des neunzehnten Jahrhunderts ist der bezahlte Ältinjaumann an die Stelle des liebreichen Nachbars getreten, der mit opferwilliger Frömmigkeit zum Kadisch seines Bekannten eilte. Kurz, der Jude, der sich einer Tradition rühmen kann, die so hoch über der üblichen Moral der „feinen Welt" steht wie der Himmel über der Erde, eines Gesetzbuches, welches durch und durch social ist, und einer Geschichte, die einzig ist in ihrer Eigenart, geht begierig darauf aus, feilte Ideale dem Prokrustesbett des englischen Philisterthums anzupaffen. Alan sollte nicht vergessen, daß Religion mehr die Kunst zu leben als eine abstracte Wissenschaft bedeutet; und vielleicht mag mancher menschlich schöne Zug des alten jüdischen Lebens mehr verdienen, von Inden geehrt und den Heiden gelehrt zu werden, als alle erhabenen und transcendentalen Ideen. Rinder des Ghetto. Ms ich bei meinem letzten Aufenthalte in London den dortigen bedeutenden Verleger W. Heinsmann besuchte, um mir von ihm seine neuesten Verlagswerke zeigen zu lassen, legte er mit fast feierlicher Miene drei stattliche, in erdbeerrothe Leinwand gebundene Bände vor mich hin. Bon dem Ecdbeerroth hob sich in Schwarz eine seltsame Zeichnung ab — zwei ineinandergekreuzte Dreiecke: das Wappen König David's. Während ich anfing, in dem also wappengeschmückten Buche zu blättern, holte der Verleger einen großen Folioband herbei, in dem er die Aussprüche der heiligen Kritik über die Bücher, die aus seinem Geschäfte hervorgingen, sammelte, deutete mit dem Finger ebenfalls stumm-friedlich auf einen großgedruckten großen Namen: Gladstone, und hieß mich lesen, was Gladstone über den Dichter Z a n g w i l l und dessen Roman „D i e Kinder des Ghetto" denkt. Es war ein langer Hymnus und gipfelte in dem Satze: . . Die Feder Charles Dickens', geführt von Heinrich Heine. . ." In der Thal, eine solche magische Feder hat dieses wunderbare Buch geschrieben. Warum ist es in dieser Zeit der Uebersetzungswuth dem deutschen Publicum noch nicht zugänglich gemacht worden? Insoweit meine Erkundigungen über diesen seltsamen Umstand richtig sind, weil das Wappen des Psalmisten auf dem Deckel ein Hinderniß bildet. In England werden jetzt zahlreiche Ghetto- und sonstige Geschichten aus dem jüdischen Leben geschrieben, auf dem deutschen Büchermarkt scheint keine Nachfrage danach zu herrschen. Zeitströmung. C)ie Wellen werden weiter rollen. Für den Referenten, der über diesen Roman berichten will, ist es ein hartes Stück Arbeit. Denn nicht nur müßte er, um den bewunderungswürdigen Schmelz, der über dieser echten Dichtung ruht, nicht mit plumper Hand abzustreifen, selbst ein Jota von dem Pathos, der lächelnden Tragik, dem dornenscharfen Humor des Dichters besitzen — jenem oft sogar blasphemischen Humor, der dem Volke Jsrael's über so manche düstere Zeit hinweggeholfen, der den Heiden fast unverständlich, den Söhnen Juda's Lachthränen ans den Augen zwingt, Lachthränen, durch die das Leid von Jahrhunderten schluchzt — es ist auch unmöglich, den Inhalt des Romans folgerichtig zu erzählen. Denn es ist gar kein Roman im gangbaren Sinne des Wortes. Es ist ein Gewirre von Bildern, scheinbar