Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 604 Vr. Bloch's Wochrnsthrist Nr. 33 Körperlich und geistig war er vollkommen gesund und brauchte um seinen Lebensunterhalt nicht besorgt zu sein. Was hätte eigentlich Wolkenflug veranlaffen sollen, einen Selbstmord und dazu unter diesen Umständen zu begehen? Woher rühren die sechsundfünfzig am - Leichnam des Unglücklichen constatirten Verletzungen? Diejenigen, die ein vitales Interesse an dem „Selb ft* mord" des Wolkenflug haben, lassen die Version gelten, daß der Gehenkte, als er vom todtbringenden Riemen geschnitten wurde, hingefallen sei, und hierdurch und durch das Schleifen aus dem Abort die sechsundfünfzig Wunden sich zugezogen habe. Ueber die mehr als bezeichnende Pietätlosigkeit der Gendarmen, die die Leiche eines Menschen zugegebener Maßen mit einer solchen Rücksichtslosigkeit aus dem Anstandsorte, der nebstbei bemerkt, sehr niedrig ist, schleiften, daß er sich Wunden in dieser Zahl und diesem Umfange zuziehen konnte, über diese Pietätlosigkeit wollen wir kein Wort verlieren. Ob diese Erklärung für die Verletzungen eine zutreffende ist, darüber wird sich Jeder selbst das Urtheil bilden. Wie kommt es andererseits, daß die Gendarmen in aller Frühe sich beeilt haben, den Leichnam noch vor Eintreffen der Commission durch drei Leute waschen zu lassen. Die Gendarmen kannten doch die Vorschriften wohl, die diese vorzeitige Reinigung des Tobten verbieten und haben merkwürdigerweise auffällig den Vorschriften entgegen gehandelt! Wie ist die seltene Art der Strangulation zu erklären, wie die gellenden Hilferufe, wie alle jene Details, die nur eine Vermuthung als stichhältig erscheinen lassen? Es wäre Zeit, daß die obersten Justrzbehörden diesem „seltsamen Selbstmord" nähere Aufmerksamkeit widmen. Verkündigung bei Ehen zwischen Israeliten. Da in einem speciellen Falle Zweifel entstanden sind, wie bei Ehen zwischen Israeliten dem Erfordernde der Verkündigung der Ehe zu entsprechen ist, wenn die Verkündigung einer der beiden Personen, welche die Ehe in Oesterreich schließen wollen, im Auslande stattfinden muß, hat das k. k. Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem Cultus- und Justizministerium eröffnet, daß dem gesetzlichen Erfordernisse der Verkündigung in einem solchen Falle genügt, wenn bei der Verkündigung die Formvorschriften jenes Staates beobachtet worden sind, in welchem die Verkündigung stattzufinden hatte. Es sei.darum keineswegs nothwendig und sachlich nicht einmal gerechtfertigt, zu verlangen, daß die Verkündigung im Auslande unter allen Umständen durch den Rabbiner und unter Beobachtung der sonstigen im allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch enthaltenen Formvorschristen erfolgt. Die Zunahme der Manierlichkeit. Bon I. Zangwill.') Auf die Berge will ich steigen Wo der Frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet. Und die freien Lüfte wehen. Lebet wohl Ihr glatten Säle! Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen. Lachend auf Euch niederschauen. Hein e. Der denkende Jude wird, so lau seine persönliche Frömmigkeit sein mag, mit Bedauern empfinden, daß so mancher charakteristische, gefällige und malerische Zug des früheren jüdischen Lebens in der letzten Hälfte dieses Jahrhunderts nach und nach verloren hat, während Talminachahmung J) Das englische Original des obigen Artikels ist zum 80jährigen Jubiläum des „^evisb Chronicle", 13. November 1891, geschrieben; unseres Wissens ist bisher eine deutsche Uebersetzung nicht erschienen. Der Artikel schildert zum Jubiläum der Zeitung die Umwandlung, die das jüdische Leben in den letzten 50 Jahren erfahren hat. die Verfeinerung der Form unter gleichzeitiger Verkümmerung des Wesens, Obgleich für England geschrieben, verdienen die Ausführungen des Verfassers bei der Ähnlichkeit der Zustände auch auf dem Continent eingehende Beackitung. Z a n g w i l l hat, obgleich russischer Abstammung, sich schnell euren hervorragenden Namen in den literarisch gebildeten Kreisen Englands erworben, seine „Kinder des Ghetto" seien jüdischen Lesern besonders empfohlen. anglikanischer „Cultur" und sklavische Verehrung englischen Philisterthums zur Sitte geworden sind. Daß die Juden sich ihren englischen Mitbürgern assimiliren sollen, ist sogar gleichsam als ein zehnter Glaubensartikel gepredigt worden. Und doch ist es schwer ersichtlich, wie die Juden außer der Börse und den City banquets zu etwas nutz sind und corporativ einen Einfluß ausüben können, wenn sie sich in der Menge verlieren. Assimilation bedeutet Absorption. Ohne einen nationalen Charakter, der stärker ausgeprägt sein müßte, als durch die Zahlung von Gemeindesteuern anstatt von Parochialbeiträgen, dürfte der Jude die Besserung seiner Lebenslage als solcher kaum überdauern. Das würde gleichgiltiger fein, wenn der Durchschnittsengländer durchwegs verdiente, daß man sich ihm assimilirt. In mancher Beziehung verdiente er es, in mancher nicht. Nationen wie Individuen können aus der Berührung mit anderen Nutzen und Schaden davontragen. Manche Nationen zeigen mehr Anlage, das Schlechte anzunehmen; der Jude ist, wenn wir gerecht sein wollen, unparteiisch. 'Er ist ein nachahmendes Thier. Nur muß die Nachahmung freiwillig sein. Laßt ihn laufen und er wird, ein anderer Mensch, verfolgt ihn, sucht ihn mit Gewalt zu ändern, und er wird wieder er selber. Der englische Jude befindet sich zweifellos auf dem Wege zur Assimilation, in Sinne der Mischheirat, nicht sowohl mit den Heiden, als mit seinen Ideen, im Sinne kritikloser Aufnahme seiner Lebensanschauung und blinden Eifers, sie zu lieben, zu ehren und ihr zu gehorchen. Und doch bestände gerade darin die begünstigte Stellung eines <1uL8i-Fremden, daß er besser vorbereitet ist, die herrschenden nationalen Ideale einer Kritik zu unterziehen; bevor wir die neue Lampe. gegen die alte austauschen*) sollten wir über die Moral der orientalischen Fabel Nachdenken. Wäre es nicht möglich, daß der Genius der Race in den neuen Verhältnissen sich nicht so frei entfaltete, wie in den alten? Es mögen doch in der früheren Lebensweise unseres Volkes Züge sein, denen die Sitten der Heiden nicht so überlegen sind, wie unsere durch Verfolgungen eingebläute Demuth voreilig annimmt. Warum sollen wir den Durchschnittsengländer als Muster der Vollendung ansehen? Er hat viele Tugenden — kein Zweifel — vielleicht zuviel, aber er ist Alles in Allem ein gedankenfauler engherziger Mensch, dessen höchste Gottheit schließlich Mrs. Goundy ch ist. Und Mrs. Goundy verlangt von ihren Getreuen nichts, als daß sie wohlhabende ordentliche und manierliche Menschen sind und sie in Cylinderhüten verehren. Diese Religion von äußeren Formen* 2 3) macht England zum ödesten und lasterhaftesten Land der Welt. Die unliebenswürdige Seite des Puritanerthums macht sich besonders im Gottesdienst geltend, der kalt und fremd ist. Der Allmächtige ist als Souverän gedacht, der wöchentlich einmal Staatsempfang hält, und zu diesem eilen seine Unterthanen in ihren besten Kleidern und mit dem Bewußtsein der erforderlichen Staatsetiquette. Ach! Viele von uns haben keine besten Kleider. In dieser Beziehung bedeutet der Protestantismus keinen Fortschritt gegen den Katholicismus, in dessen Herrschaftsgebiet die arme Marktfrau, den Korb am Arme, ohne Scheu vor dem prunkvollen Eindruck architektonischer Größe, zu jeder Zeit das Mosaikpflaster mächtiger Kathedralen betritt. Und der Katholicismus bedeutet keinen Fortschritt gegen das Judenthum, welches wesentlich eine optimistische und joviale Religion ist und von Niemand verlangt, daß er manierlich sei. Es ist immer ein sicheres Zeichen des Niederganges, wenn die „Manierlichkeit" sich einstellt, denn nur wenn das Herz verknöchert ist, wird Manierlichkeit mehr als alle irdischen Güter und höher als Glückseligkeit geschätzt. Der alte Jude freute sich in seiner Schule. Er sang und schrie; er tanzte und schlug seine Brust und er war nicht ') Anspielung auf „Aladdin und die Wunderlampe." 2) Typus des englischen Philisterthums, etwa wie in Nordbeutschland Frau Buchholz. 3) Im Original prunes & prisnis nach einer Dickens'schen Gouvernante, die ihren Zöglingen durch die Aussprache solcher Worte wie prones & prisnis Bildung beibringt.