Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021095--04806-3029011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 602 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 33 ist, trotz des beschämenden Vorfalles in der Kärntnerstraße heute noch verneinen zu dürfen. Aber wenn die Duldung, welche von Oben gegen diese Bewegung geübt wird, noch weiter fortdauert, dann werden wir auch das traurige Schauspiel erleben, daß treue Staatsbürger, die in der Hingebung für das Wohl des Staates Niemandem nachstehen, von denjenigen verhöhnt und insultirt werden, die sie mit erhalten helfen. „Jüdischer Christenhatz". Wien. Dem hiesigen „Extrablatt" kam folgender Brief zu: „Senftenberg, 26. Juli 1895. Am 17. d- M. ging die hier zum Sommeraufenthalte wohnende Frau Louise Fried, Buchdruckereibesitzersgattin, II., Hammerpurgstallgaffe Nr. 8, um ihrer Tochter Friederike am Ufer der hier fließenden wilden Adler und kam gerade dazu, wie einige Christenfrauen einen 3—4 Jahre alten Knaben in diesem Flusse ertrinken zusahen. Frau Fried, selbst leidend, dazu nicht uncorpulent, sprang mit Hut und Schuhen in's Wasser und, obwohl der Knabe ziemlich weit vom Ufer entfernt, vom Wasser weggeschwemmt unter dasselbe kam, brachte sie den Knaben noch lebend auf's Trockene. Der Vater des Knaben, ein armer Sattler, wollte Frau Fried für einen etwa an ihren Kleidern erlittenen Schaden entschädigen, worauf Frau Fried verzichtete. Dagegen wäre es ihr sehr angenehm, falls sie auf irgend eine Entlohnung Anspruch zu machen berechtigt wäre, wenn diese dem geretteten Knaben zukommen würde. Im Interesse der Judenschaft im Allgemeinen bitte ich, hervorbeben zu wollen, daß die Christenfrauen theilnahmslos einen Christenknaben mit dem Tode ringen zusahen, während eine Judenfrau in's Wasser sprang, um diesem das Leben zu retten, ohne auf ihre eigene Person bedacht zu sein, zumal sie selbst Mutter von drei Kindern ist. Eine Leserin Ihres Blattes." Jüdische Frauen als Lebensretter. JnTapolcza spielte sich dieser Tage im Bade eine aufregende Scene ab. Die schöne junge Tochter JolLn des städtischen Obernotärs Ludwig A r b a t) gerieth im Wasser plötzlich an eine tiefere Stelle und ging unter. Da sprangen ihr Frau Armin Stiglicz und Frau Henrike Schwarz.Grünwald nach; das Mädchen klammerte sich aber so krampfhaft an Beide, daß deren Kräfte nicht ausreichten. Im entscheidenden Momente kam' ihnen zum Glück Fräulein Clementine Grünwald zu Hilfe, und nun gelang es den vereinten Anstrengungen, das dem Ertrinken nahe Mädchen ans Ufer zu bringen. Brausende Eljenrufe der anwesenden Damenwelt lohnten die wackere Thal der Retterinnen. „Christliche Nächstenliebe". Es, ist ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß der blinde Haß auch angesichts des Todes nicht verstummt. rDe mortui« uil nisi bene“ findet keine Anwendung mehr, wenn der Todte das Unglück hat, aus jüdischem Hause hervorgegangen zu sein. Dieses Verunglimpfen, das vor der Leiche nicht zurückschreckt, dieses Schmähen übers Grab hinaus, kennzeichnet den Judenhaß noch nicht genügend, der wahre Antisemit bedeckt des Mörders HauptmiteinemStrahlenglanze, schmückt's mit einem Lobeerkranze, wenn dessen Mordinstrument der Juden Anzahl verringert. Ein eclatanter Beweis hiefür ist der Fall Deutsch. Ludwig Deutsch, ein bekannter Budapester Großindustrieller, der sich aus kleinen Verhältnissen heraus zu einer einflußreichen Stellung emporgeschwungen, entläßt seinen Forstbeamten Chaszar de Jolsz wegen Nachlässigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten aus seinen Diensten. Chaszar aber glaubt zu solcher Dienstesvernachläflrgung nicht allein ein Recht zu haben, sondern dafür noch eine Entschädigung beanspruchen zu dürfen. Deutsch weist ihn mit seiner unverschämten Forderung nicht ab, bedeutet ihm, seine Klage bei der Gesellschaft anzuführen. Eingedenk des zu erwartenden Schußgeldes auf Juden streckt Chaszar seinen Brotherrn nieder. Welcher Culturmensch wird ein solch faustrechtliches Gebühren nicht verurtheilen? Aber unsere Judenfeinde, sie denken anders. Der Mörder Chaszar ist ein echter Arier, Deutsch ein Jude und das ändert die Situation gewaltig. Dieser Gedanke wird wohl auch den Propst-Pfarrer K e l e n y i, der vom Fürstprimas Cardinal Vaszary nach Budapest entsendet wurde, um den Verbreiter der christlichen Religion in Ungarn, St. Stefan, in einer Festrede zu feiern, geleitet haben, als er die an dem Juden Deutsch verübte Mordthat in einem öffentlichen Locale billigte. „Ist das die christliche Nächstenliebe?" fragte Graf Gabriel K a r o l y, ein Edelmann, bei dem Adel der Geburt und Gesinnung gepaart. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Bor einiger Zeit wollte sich ein entlassener Beamter eines hochstehenden Prälaten an seinem ehemaligen Dienstherrn mit der Waffe rächen; nur der Geistesgegenwart seines Secretärs, der. mit einer leichten Verletzung davon kam, verdankt der Kirchenfürst sein Leben. Haben die judenliberalen Blätter zur Zeit dieses Ereignisses das Mißlingen dieses Mordanschlages bedauert? Hat nicht jeder ungarische Jude freudigen Antheil an der Errettung des Kirchenfürsten genommen! Die jüdische Nächstenliebe gleicht eben nicht jener der falschen Heilsapostel! Den Predigern christlicher Menschenliebe vom Schlage Kelenyi's rufen wir dessen Schlußwort an den Grafen Karol y zu: „Merken Sie sich diesen Tag, er wird nicht ohne Folgen für Sie sein!" „Viäesnt eonsule«!“ Dr. H. Flefch. Pfarrer Deckert's Kirchweihpredigt. Gestern predigte der Weinhauser Pfarrer Dr. D e ck e r t in seinem Geburtsort D r ö s i n g, wo Kirchweih und er zu Gaste war. Der geistliche Herr hielt es auch vor seinen engeren Landsleuten für gut, von den steinreichen Juden und ihrem „zusammengegaunerten Vermögen" zu reden. Er unterließ es jedoch, von seinen eigenen Geschäften Nachricht zu geben. Die hätten die guten Drösingcr doch auch interessirt. Ob die Herren Brüder des Predigers anwesend waren, wissen wir nicht. Was der Deutsche mitsingen mutz! Wir entnehmen der „Deutschen Zeitung" Nummer 8483 vom 13. August 1895 die nachstehende Buchbesprechung: „Richard Dehmel. „Lebensblätter." Gedichte und Anderes. In 1050 Exemplaren. Berlin 1895. Verlag der Genossenschaft Pan. Ein prächtiges Buch vollMuth und Entschiedenheit, voll Stimmung und Größe — Max Klinger gewidmet, mit einer feinsinnigen treffenden Vorrede. Der gesunde Mann. Meine Frau ist krank, sie Wird wohl bald sterben; Dann kann ich lachen, Dann werd' ich was erben. O. wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt, Wenn ihr Husten mir das Herz zersägt. O Gott! Da sitzt sie am Ofen Und lächelt ins Feuer; Die Flammen röcheln So ungeheuer. Es kocht die Gluth, ein Scheit zerspringt, Und eine ferne Glocke klingt. O Gott! Nennt es brutal, Splitterrichter, es ist Dichtung, großäugige, weltfremde, herzstürmende Dichtung! D e h m e l ist Einer, da könnt ihr Gift darauf nehmen; er wirft euch alle die kleine, geflickte Alltagsweisheit über den Haufen und ihr müßt mitsingen. Lest ihn zur Einkehr und zum — Leben. Hans Liebttoeckl." Die germanische Natur verleugnet sich nicht in ihrer edlen, sittlichen Denkweise. Der Gatte, der über die sich zu Tode hustende Frau im Hinblick auf die voraussichtliche Erbschaft zur schallenden Heiterkeit gestimmt wird — ja, dieser Dehmel ist ganz sicher „Einer" und aller Uebrigen werth! ,,Christliche Löhne." In einer Montag den 12. August, Abends, im Saale zum „goldenen Sieb" stattgefundenen Versammlung, welche insbesondere von den kleinen Meistern stark besucht war, ergriff Herr S w at ek das Wort. Er verwies auf das traurige Beispiel einer großen Confectionsfirma in der Mariahilferstraße, welche, obwohl von Christen geleitet, wahre Hungerlöhne zahlt. Unter großer Bewegung machte der Redner hiebei den Preistarif namhaft, nach welchem der Stückmeister für diese Firma liefern muß. Sie zahlt per Hose 35 kr., per Rock 70 kr. Macherlohn. Und diese Löhne zahlt eine Firma, die sich christlich nennt, die aber auch wohl dafür einmal von Bismarck aus Deutschland ausgewiesen wurde. (Bewegung.) Wenn die christliche Religion dazu benutzt wird — fuhr der Redner fort — um uns arme Meister auszubeuten, dann ist es traurig, sehr traurig in Wien! (Stürmischer Beifall.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.