Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021095--04805-3029010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 601 Ich habe sofort nach Graz geschrieben um ein Stück rassenreinen steierischeil Lodens. Den hiefür entfallenden Betrag werde ich schon bei Gelegenheit über den Semmering senden. So sollten alle deutschen Jünglinge und Jungfrauen handeln. Das wäre das Richtige, der von den Orientalen bedrängten Grazer Bürgerschaft zu Hilfe zu eilen und ihr Sympathie und Anerkennung auszusprechen. In steierischen National-Cvstümen sollten wir alle ihnen zu Ehren umhersteigen. Ein Theil der Wiener Bevölkerung geht zwar schon mit nackten Knieen, aber das ist nicht das ganz richtige gebirglich-volkliche Trachtenthum. Die Juden haben wieder fürs Blumenfest das Möglichste geleistet und die Gelder sind — ich kann vor Lachen gar nicht weiterschreibeu, o Pumpo — die sind prächtig 'reingefallen! Ob der Schönerer jemals einen Beitrag für die Alliance israelite gezeichnet hätte? Oder der Lueger für die Talmud-Thoraschule? Oder der Vergant für Gomle chesed?? Aber die Jüdlein müssen für die mater admirabilis und den katholischen Schulverein wacker beisteuern. Ob die Unio catholica auch was abbekommen? Weiß wirklich nicht. Jedenfalls ist sie genau so unterstützungswürdig, wie die eben genannten christlichen Vereinigungen. Mila! Liebenswürdige Jungfrau und wonnereiche Casseneinnehmerin! Wünschen Sie im September mit mir nach Paris zu fahren? Sie erröthen? Darf ich annehmen, daß Sie „j a" erröthet haben? Nun gut, ich bin bereit. Sie gänzlich auf der Reise freizllhalten und zu verköstigen, wenn Sie mir die hiezu unumgänglich nöthigen Betrüge aus einem ihrer zahllosen Sparcassen-Einlagenbüchelchen, — welch' vielreizende Bibliothek!— vorstrecken. Ich gebe Jhnenmeinurvolklich-teutscharisch Mannes- und Jünglingsehrenwort, Ihnen den Betrag an den: Tage zurückzustellen, an dem ich dem Johannes meine gesummte Rechnung bezahlen werde. Wir fahren mit Stampiglins. Er wird uns in Paris alle Denkwürdigkeiten zeigen und erläutern: Den Balcon, von dem aus Karl IX. in der Bartholomäusnacht unter Musikbegleitung vom jüdischen Capellmeister Meyerbeer auf die Nicht-Katholiken schoß, den Gröve- Platz, wo die Guillotine, eine Art Riesenstanipiglie, stand, deren Mechanismus er uns fachgemäß erläutern wird, ferner die Orte, wo die Cvmmunards im Blut wateten — es wird zweifelsohne sehr heiter, gemüthlich und unterhaltlich werden. Um unsere Sicherheit brauchen wir nicht besorgt sein. Wir stecken blos ein paar Repetirstampiglien zu unserem Schutze zu uns. Johannes meint, wir sollten einen großen Kriegshnnd mitnehmen, da geschähe uns sicher nichts. Da haben Sie wieder eine seiner abgeschmackten Bemerkungen. Einen Bluthund — wo wir den Stampiglins mithaben! Lächerlich! Servus Pumpo! U. D. G. Teutobold. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Beamten und die Judenhetze. Das provisorische Beamteuministerium hat die Staatsbeamten in einem Erlasse über ihre öffentlichen Pflichten aufgeklärt. Ein besonderer Absatz in diesem Erlasse ist der Wahrung des Amtsgeheimnisses gewidmet. Dieser Absatz lautet wörtlich: „Insbesondere liegt es in der Natur des Dienstverhältnisses, welchem die Staatsbeamten in Folge ihres Eintrittes freiwillig angehören, die beschworene Pflicht des Amtsgeheimnisses sich stets vorAugenzuhalten. Es muß bei diesem Anlasse n a ch d r ü ck l i ch st erinnert werden, daß es keineswegs dem freien Ermessen des einzelnen Beamten überlassen ist, zu beurtheilen, welche von den ihm amtlich bekannt gewordenen Thatsachen oder Vorgängen im Dienstes-Jnteresse geheimzuhalten sind, daß vielmehr eine solche Beurtheilung nur den hiezu berufenen Vorgesetzten oder Amtsvorständen Vorbehalten bleibt." Die Regierung sieht sich bemüssigt, an eine ganz selbstverständliche Pflicht „nachdrücklichst zu erinnern", und diese Thatsacheist in hohem Maße charakteristisch für die depravirenden Wirkungen, welche die antisemitische Bewegung auf unsere Beamtenschaft ausübt. Thatsächlich ist hier eine Eiterbeule unseres öffentlichen Lebens berührt, durch welche das letztere langsam aber sicher vergiftet wird. Der Mißbrauch des Amtsgeheimnisses ist namentlich bei Wahlen wiederholt geübt worden, und zwar ausschließlich zu Gunsten der antisemitischen Partei, welcher sich trotz ihrer destruetiven Tendenz ein großer Theil unserer Staatsbeamten angeschlossen hat. Aber die Mahnung, zu welcher sich die Regierung veranlaßt sieht, wäre noch weitaus dringender gegenüber den Beamten unserer großen Creditinstitute und Erwerbsgesellschasten. Diese Institute füttern ordentlich den Antisemitismus, ihre Beamten sind durch und durch antisemitisch verseucht, und viele dieser edlen Arier machen sich gar kein Gewissen daraus, die Geschäftsgeheimnisse ihrer Anstalt direct an die antisemitischen Verleumder zu verrathen. Täglich kann man in den antisemitischen Zeitungen lesen, daß alle Actiengesellschasten und Bankinstitute durch Judengeld gegründet wurden, daß das „jüdische Capital" die christliche Bevölkerung ausbeutet. Aber trotz alledem zahlen die „Judenbanken" die antisemitischen Blätter und dulden es. daß antisemitische Beamte in der gewiffenlosesten Weise das Material zu verleumderischen Hetzreden gegen fie liefern — von der Abstimmung dieser Herren, bei Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper gar nicht zu reden. Was wir da sagen, hat jüngst erst ein Nichtjude, ein hervorragender Abgeordneter der liberalen Partei, in einer vertraulichen Versammlung gleichfalls ausgesprochen und als einen Krebsschaden unseres öffentlichen Lebens bezeichnet. Wenn man der Regierung einen Borwurf daraus macht, daß fie die antisemitische Hetze unter ihren Beamten duldet, so fange man erst vor der eigenen Thüre zu kehren an! Antisemitismus in der Armee? Ist man berechtigtvon einem solchen zu sprechen? Hat der Judenhaß und die Judenhetze thatsächllch schon unser wackeres, intelligentes, gebildetes und gegenüber allen politischen Parteiströmungen vorurtheilsloses Officierscorps angesteckt? Hat die Racentheorie in die österreichische Armee, welche alle Nationalitäten, alle Volksstämme des Kaiserreiches umfaßt und in welcher keine Race vor der anderen einen Vorzug genießen dürste, wirklich ihren Einzug gehalten? Die Frage beantwortet sich durch den Hinweis aus eine Reihe von Borkommniffen der letzten Zeit. Bor Kurzem verlautbarten mehrere Amtsblätter eine Kundmachung der Heeresverwaltung, welche zur Aufnahme in die Militär-Bildungsanstalten die Beibringung des Taufscheines forderte. Auf eine diesbezügliche Interpellation antwortete der Landesvertheidigungsminister im Parlamente, daß zwar in praxi jüdische Zöglinge in die genannten Anstalten Aufnahme fänden, daß jedoch die Heeresverwaltung sich principiell das Recht wahren müsse, an die Aufnahme auch solche Bedingungen zu knüpfen, welche in den Staatsgrundgesetzen nicht begründet erscheinen. Dieser Anschauung in der obersten Heeresverwaltung entspricht die Thatsache, daß heute in der activen Armee fast gar keine Officiersstellen mehr an Juden vergeben werden. Daß eine solche Uebung nicht ohne Einfluß auf die Anschauungen des Officierscorps bleiben kann, scheint uns selbstverständlich, und die Folge davon sind Vorfälle, wie derjenige, deren Schauplatz jüngst die Kärntnerstraße war. Zwei friedliche Bürger wurden daselbst um Mitternacht von vier Officieren und einem Civilisten lediglich deshalb insultirt und thätlich mißhandelt, weil die tapferen Baterlandsvertheidiger in ihnen — Juden erkannten. Bon dem Heldenmuthe, mit welchem fünf Männer, von denen vier bewaffnet waren, über zwei Wehrlose herfielen, wollen wir nicht weiter sprechen. Um das Maß militärischer Tugenden, welches diese vier, respective fünf Herren bethätigten, haben wir uns nicht zu kümmern. Uns kümmert die Gesinnung gegenüber einer bestimmten Gesellschastsclaffe, die ebenso ein Theil des Staatsganzen ist wie jede andere. Steuern die Juden nicht mit Gut und Blut zur Armee? Wenn im Heere selbst Unterschiede nach Race und Abstammung gemacht, wenn hier die bürgerliche Gesellschaft, welche zu schützen die Armee berufen ist, in ihre Atome zergliedert wird und in unserem Officierscorps die Anschauung Wurzel faßt, daß die eine Claffe der Gesellschaft weniger geschützt zu werden verdient als die andere, wo ist dann Anfang und Ende dieses Atomifirungsproceffes, welcher das einheitliche Gefüge der Armee selbst lockern muß? Bier von den Angreifern haben bei dem Herannahen der Polizei Fersengeld gegeben und der fünfte weigert sich, die Namen seiner ritterlichen Genoffen zu nennen. Welch' erhebendes Beispiel von Muth! Wir glauben, die Frage, ob die Armee vom Antisemitismus bereits ergriffen