Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 600 Nr. 33 Dr. Blvch's (Uochrnschrift. Teukobold's politische Weisheit. Schreibebrief des deutsch-nationalen Studenten. XXXI. Wien, im Hundsmond 1695. O Du liebwerther Cumpan Pumpo! Offen gestehe ich es Dir ein, daß mich gewisse Vorfälle der allerjüngsten Tage überaus peinlich berührt haben. Gestern Abend erst wieder. Diese unterschiedlichen „Ortsveränderungen der göttlichen Thätigkeit", wie unser Professor Schweflinger sich klar und schön ausdrückt, haben etwas Ermüdendes für mich. In rhythmischer Monotonie kehren sie allabendlich wieder. Früher wurde man an die frische Luft gesetzt. Das hat aufgehört. Die Verve der Christlich-Socialen, ihre Spannkraft imd Schlagfertigkeit sind wahrhaft erstaunlich. Leugne nun noch Jemand, daß wir Schönererianer mit den Liguorianern oder Luegerianern nicht viele Berührungspunkte gemeinsam haben. An meinen: Rücken, namentlich an dessen südlichen Abhängen, o Pumpo meiner rassenreinen Seele, magst Du sie betrachten. Es wird Dir grün und blau vor den Augen werderr. Zum aus der Haut fahren, sag' ich Dir! Man erleichtert mir auch nach Thunlichkeit diese schwierige Aufgabe. Ich bin eben eifrig daran, mir ein neues unverfälscht rassenreines Fell wachsen zu lassen, wo sie mir das alte abgeschunden haben. Ich seh' fürchterlich aus, — ein Invalide des Wahlkampfes. Wie ich heute Morgens in das Haus des Kaffees komme, grinst mich mein alter Busenfeind Johannes schon von Weitem an und fragt theilnahmsvoll, ob ich vielleicht in der Kärntnerstraße im Dunkeln gemunkelt hätte? Ob mich nicht ein tollkühner Officier für einen Juden gehalten im Finstern? __Ich kann diese Art scherzhafter Neckerei nicht ausstehen.—Ach, diese Kirchendiener haben Dir vom vielen Weihrauchschwingen eine ganz unglaubliche Virtuosität im — Ordnen. Dabei verdrehen sie die Aeuglein nach Oben mit geschäftsmäßiger Salbung, als schielten sie scheinheilig nach dem unsichtbaren Heiligenschein über ihren Häuptern und dabei versetzen sie Dir einen weihevollen christlich-socialen Fußtritt — rücksichtsvoll wie sie schon einmal sind — und der zeigt Dir an, daß die Procedur glücklich beendet ist. Zu Anfangs war ich ziemlich betroffen über die Genauigkeit und Fixigkeit, mit welcher dieses Expedit arbeitet und wollte mich nur in der Narcose hinausbefördern lassen — nun aber, wo ich schon einigermaßen daran gewöhnt bin an diese rasche Art der Behandlung, habe ich einen ordentlichen Respect vor diesen sonderbaren Helligen bekommen und ihrer Arbeitsleistung. Lueger hat die höchste und vollkommenste Arbeitstheilung eingeführt, welche einen Vorgeschmack bietet vom künftigen christlich - socialen Staat. Einer packt Dich — Einer dreht Dich — Einer pufft Dich — Einer stößt Dich — Einer versetzt Dir den Liebestritt-^draußen bist Du!! Das ist das Werk einer Minute. Die Leute haben die Handgriffe weg und arbeiten mit unheimlicher Ruhe und automatischer Sicherhell. Da könnte der Johannes noch was zulernen. Letzthin hat er einen jüdischen Zahnbürstel-Hausirer hinausgeworfen. Dllettantische Stümperarbeit, jammervolle Pfuscherei! Peinliche Dinge sind vorgefallen, habe ich schon einmal gesagt. Sonderbare Enthüllungen haben stattgefunden. Die Herren gehen jetzt gegen einander los, wie die Löwen. Zuerst haben sie den ungehobelten Tischlermeister Jedliczka fallen lassen — aus Eifersucht darüber, weil er das correcteste Deutsch uuter ihnen Allen spricht. Dieser ehrliche Böhmakler wlld im zukünftigen Gemeinderathe eine empfindliche Lücke zurücklassen. Seine komische Kraft war Allen so sehr an's Herz gewachsen. Wll waren an chn bereits gewöhnt. Gregorig wlld auch dieses. Rollenfach noch zu seinem alten dazu übernehmen, ohne Zweifel, wenn er n e u g e st ä r k t in die gothischen Hallen entziehen wlld. — Glaube nur nicht, mein Puncho, daß die Rolle des dummen August, der immer läppisch hin- und herrennt und herumbefiehlt, ohne je selbst Hand anzulegen, eine leicht zu spielende sei. Im Gegentheil. 'Übrigens gibt sich nicht so leicht Jemand dazu her. Das erfordert Seelengröße, Charakterstärke, Selbstentäußerung. Hut ab vor den dummen Augusten der christlich-socialen Partei! Jedenfalls dürfte Pane Jedliczka eine entsprechende Entschädigung fürseinMandataufdieHandzugezählt erhalten,wenn er auf den Wahlkampf verzichtet. Das ist bei dieser Partei schon o üblich. Es entspinnt sich gewöhnlich folgender Dialog: „Sie, was bekommen Sie denn?" — „No, Euer Gnaden, werd'n ja eh wissen." — „Was Sie bekommen, frag' ich." — „No, was halt Recht is." — „Ich will wissen, was Sie lliegen." — „Mir werd'n kan Richter brauchen, Euer Gnaden." — „Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie verlangen?" — „No, mach':: mir halt hundartfuchzig Guld'n aus." — „Sie, is das nit a Bisserl zu viel?" — „Aber i bitt', das i st die T a x'. So viel hat ja der deutschnationale Candidat, der Herr von Stefan vom Herrn von Trambauer a kriegt für':: Verzicht." „So, da hab'n Sie Ihre drei Fünfziger." — „Hör'n S', fahren S' no mit an Zehner führi, Herr Doctor. Werd'n do net schmutzt sein woll'n. So gründli wiar i, Verzicht' Jhna sobald Kaner!" Ich möchtemich auch an so einem Verzichte betheiligen. Könnte in diesen Monaten etliches Moos vertragen, da ich unter dem Zeichen des — großen Stiers wandle. Hundertfünfzig Gulden ist ein schönes Geld. Für eine so horrende Summe würde ich auf alles Mögliche verzichten, auf die Krone von Bulgarien, auf die Präsidentschaft des deutschen Volksvereines, aus die Anerkennung Verganis und Spitzer-Weimar's (!) Als Zuwage gebe ich noch ein paar Gesinnungsfetzen, Principienabfälle und etliche abgelegte Grundsätze darauf, die sich noch ganz gut wenden lassen. Mein edler Freund Deckert ist wieder einmal glücklich freigesprochen worden. Er darf nunmehr der Reclame opfern, wie und wo es ihm beliebt. Er wird den Ort seines Wirkens mit Ankündigungen und illusllirten Placaten auskleben lassen von oben bis unten, welche seine bewährten Keuschheits-Kuppelungen und unter Garantie geweihten Patentgürtel angelegentlich empfehlen. An der Kirchenthüre werden unterschiedliche Damen altweiblichen Geschlechtes, mit der ihnen eigenen Grazie — so weit die vorhandenen Kräfte reichen — Zettel austheilen und zum Ankauf der Deckert'schen Handelsartikel mit liebreizendem Lächeln und holdseliger Geberde einladen. Die Sacristei wlld zux: Comptoir, die Apsis zum Lagerhaus umgestaltet und hoch auf dem Chor oben die Reclametrommel eifrig gerührt. Sein Meßbuch ist ihm längst zum Contocorrent geworden: salvo errore et omissione. Der Chef der Firma „Erste Weinhauser Blutmärchen-Compagnie" wird für seine Erzeugnisse beredteste Propaganda machen. Auch Juden ist es gestattet, in der Weinhauser Waarenhalle chren Bedarf an Schandliteratur zu deckern. Jeder wird das Local befriedigt verlassen. Selbstgeschächtetes wird nicht zurückgenommen. Kann man die hehren Aufgaben eines Priesters würdiger auffassen? „Erst das Geschäft und dann das Vergnügen" so lautet das oberste Geschäftsprincip des großen Taufhauses. Von diesem erhabenen Grundsätze läßt sich der wackere Priester der Nächstenhiebe leiten. Was denkst Du, o mein rassenreiner Pumpo, von den wackeren Grazern? Sind das nicht edle, urteutonische Helden, was? „Fremden Zuzüglingen" wird nichts mehr vermiethet. Der Ausdruck ist aber, wie mich bedünkt, ein wenig allzuallgemein gehalten. Es hätte heißen sollen „individuell bezeichn eten, fremden Zuzüglingen". Das wäre deutlicher, nicht wahr? und auch Amtsstiefel. Die Juden, boshaft wie sie schon einmal sind, haben hinwiederum beschlossen, den Grazer Boden zu.meiden, die Grazer Fabrikanten mitsammt ihrem arisch-sittlichen Hochgefühl links abseits liegen zu lassen. Da müssen wir Urgermanen ein Uebriges thun. /