Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021095--04803-3029008
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Seite 599 Dr. Bloch's Wochenschrift. schaft von Rechtswegen gebühren und nicht den clericalen Bettelvereinen. Um der Rettungsgesellschaft zu helfen, sind die Leute in den Prater gegangen. Ihr populärer Name war der Magnet, der sie anzog. Für das Hospital allein wäre kaum der vierte Theil des Ertrages eingegangen. Das darf als feststehend angenommen werden. Und nun soll das Geld der Rettungsgesellschaft hinwegescamotirt werden? Eine einzige Stimme des Unwillens und der Entrüstung erhebe sich aus unseren Reihen. Das dürfen wir uns nicht bieten lassen! Wir sind nicht die Wurzen jener h o ch a d e l i g e n u n d hochnäsigen Patrone, die uns als geldspendende Automaten für ihre Feste brauchen und mißbrauchen. Diesem s ch m ä h l i ch e n Treiben muß ein gründliches und entschiedenes Ende gemacht w e r d e n. Wenn die Herren für ihre Vereinchen etwas thun wollen, mögen sie es gefälligst selber besorgen, uns aber gütigst ungeschoren lassen. Diese sonderbare Art von Wohlthatigkeit, die auf Hinterlist und Täuschung aufgebaut ist, kann unmöglich' ein gottgefälliges Werk heißen, kein Glaube der Welt darf hiefür Gottes Segen erbeten. Eine Wohlthütigkeit, die sich knapp am Betrugsparagraphen vorbeidrückt, das ist Lumperei, aber' nicht Humanität. Dixi. Wirthschaftlicher Bürgerkrieg. Wien, im August. Früher als zu erwarten stand, sind die Consequenzen des zu einer zweifelhaften Berühmtheit gelangten Beschlusses des Gemeinderathes der Landeshauptstadt der grünen Steiermark zu Tage getreten und werden wohl nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit derjenigen Factoren rege zu machen, welche berufen sind, über die ruhige Entwicklung und die ungestörte Entfaltung der wirthschaftlichen Kräfte zu wachen. Vorige Woche fand in den Bureaux einer bekannten Kleiderconfectionsfirma eine von dem Chef dieser Firma einbernfeneVersammlung von Kleiderconfectionärenund Tuchhändlern statt, in welcher der berüchtigte Beschluß des Grazer Gemeinderathes zur Erörterung gelangte. Es waren zahlreiche Vertreter der Confectionsindustrie und des Tuchhandels von Wien anwesend. Der famose Beschluß des Grazer Gemeinderathes wurde in der abfälligsten Weise kritisirt und von allen Seilen wurde die Nothwendigkeit der Abwehr hervorgehoben. Die Versammelten einigten sich dahin, eine mit Ehrenwort verbürgte Verpflichtung einzugehen, von Grazer Fabrikanten weder direct noch indirect Wollwaaren-Erzeugnisse zu beziehen. In der Debatte, welche diesem Beschlüsse vvranging, wurde hervorgehoben, daß das Vorgehen des Grazer Gemeinderathes eine der verwegensten Aeußerungen des Antisemitismus involvire, weil hiedurch der Classenkampf auf das wirthschaftliche Gebiet hinübergespielt werde. Wenn das so weitergehe und wenn öffentliche Corporationen unter einer durchsichtigen, allgemein erkennbaren Umschreibung den Haß gegen einzelne Classen der Bevölkerung entfesseln, bleibe nichts Anderes übrig, als daß jeder Einzelne wenigstens das thut, was er thun kann. Es sei gleichsam ein Act der N o t h w e h r, den von den Gegnern angebotenen Kampf auf wirthschaftlichem Gebiete aufzunehmen und durch eine Demonstration zu beweisen, daß man Ernst mit der Abwehr derartiger, gegen das Gesetz und Recht verstoßender Angriffe machen wolle. So habe sich die Idee der Kaufenthaltung von selbst ergeben und es bestehe die Hoffnung, daß durch dieses Vorgehen den öffentlichen Corporationen und auch den Einzelnen begreiflich gemacht werde, zu welchen auch für sie schädlichen Consequenzen ihr aggressives Vorgehen gegen einzelne Classen und Confessionen der Bevölkerung führen müsse. Es wurde schließlich ein Protokoll ausgenommen, wonach sich die Anwesenden mit Ehrenwort und Hand s ch l a g verpflichten, Grazer Wollwaaren insolange weder direct noch indirect zu beziehen, als der heute in Folge des Vorgehens des Grazer Gemeinderathes gefaßte Beschluß aufrecht erhalten bleibe. Mehrere Teilnehmer an der Versammlung nahmen es auf sich, einzelne hervorragende Tuchhändler und Confectionäre, welche gegenwärtig nicht in Wien weilen, daher der Versammlung nicht anzuwohnen in der Lage waren, zum Beitritte zu den gefaßten Beschlüssen zu bestimmen. Gerne coustatiren wir auch an dieser Stelle, daß, entgegen der allgemein verbreiteten Anschauung, die Grazer Spareasse sich der Firma Zwieback gegenüber in durchaus loyaler und correcter Weise betragen hat. Auf die sonderbaren Beschlüsse des Grazer Gemeinderathes steht ihr eine Jngerenz natürlich in keiner Weise zu. Auch darf keinerlei indirecte Be einflußung ausgenommen werden. Mit hoher Befriedigung registriren wir die Thatsache, daß endlich einmal aus dem Kreise der Betroffenen selbst zur Nothwehr Zuflucht genommen wird. Das tief verletzte Rechtsgefühl verlangt Sühne. Der Act der Nothwehr gewinnt aber umso höhere Bedeutung, als er von Seite einergroßen Zahl von Industriellen und Kaufleuten inscenirt wird, welche volkswirthschaftlich und handelspolitisch ein gewichtiges Votum besitzen. Wir beglückwünschen den Proponenten, zu seinem persönlichen Muth und zu seinerherzhaften That und geben der zuversichtlichen Erwartung Raum, daß er Schule machen und die schwächlichen Gemüther und Leisetreter zum Verlassen ihrer keineswegs würdigen, die Situation ihrer Glaubensgenossen schwer schädigenden Haltung ermuntern wird. Die Kugel hat diesmal wohl in s Schwarze getroffen und die Wirkrrng dürfte kaum ausbleiben. In erster Linie darf man wohl gespannt darauf sein, welche Stellung die Grazer arischen Lodenfabrikanten zur Resolution ihrer jüdischen Kunden, an welche sie neun Zehntel ihres Fabrikates absetzen, nehmen werden. Allerdings kommen diese ohne direktes Verschulden zum Handkusse. Allein ebenso wie die Grazer Detaillisten auf den Grazer Gemeinderath zu seinem Beschlüsse gegen die Juden eingewirkt, können ja auch die Großindustriellen ihren gewichtigen und maßgebenden Einfluß geltend machen, daß der seine Spitze gegen j ü d i s ch e Kaufleute richtende Gemeinderathsbeschluß wieder aufgehoben werde. Thun, sie es nicht, so haben sie sich die Consequenzen selbst zuzuschreiben. Die Situation ist nun aufs Aeußerste gespannt, alle Verhältnisse auf die Spitze getrieben und der Krieg Aller gegen Alle hat auf der ganzen Seite in Wirklichkeit begonnen. Die Regierung wird endlich entschiedene Stellung nehmen müssen, wenn es ihr wirklich ernstlich darum zu thun ist, daß nicht vollständige Desorganisation unser schönes Vaterland bis auf die Grundfesten erschüttere, Handel und Verkehr lahmlege und die wirthschaftlichen Kräfte auf's Aeußerste schwäche. Mit zweideutigen Enunciationen, mit schwächlichen Halbheiten ist der einreißenden Anarchie nicht mehr beizukommen. Nun ist nur mehr ein energisches ceterum censeo am Platze, nicht mehr die vermißte „kräftige Hand" genügt, eine eiserne Fan st ist von Nöthen, um Ordnung zu schaffen. An unsere Glaubensgenossen sei aber der ebenso warme als eindringliche Appell gerichtet, daß, wie es in der dankenswerthen Resolution der Wiener Industriellen und Kanfleute heißt, „j e d e r E i n z e l n e w e n i g st e n s das thut, was er kann." „Hilf dir selbst,so hilft dir Gott" sagt ein wahres Sprichwort. Nur zu unserem eigenen Nachtheil haben wir uns bisher auf Hilfe von „Auswärts" verlassen. Wenn wir uns endlich unseres moralischen Gewichtes und unserer physischen Kraft bewußt werden und diese a tempo gebrauchen, so wird uns wieder unser Recht geschehen und man wird es nicht wagen, uns als Parias zu behandeln. Eduard Beer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.