Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 598 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 33 „Ausbeuter" als „moralische Auswürflinge" denuncirt werden, die man sogar beschuldigt — es ist gräßlich, es auch nur auszusprechen— Kinder zu morden, weil sie angeblich deren Blut zu geheimnißvollen Dingen brauchen! ..." Marquis Tseng: „Ja, da muß ich Ew. Excellenz leider beistimmen. Es gibt solche gewissenlose Hetzer, die der Verbreitung solch' infamer Verleumdungen ihr Leben weihen. Da lebte z. B. ein gewisser Paasch — man kennt den Mann sehr gut in seiner deutschen Heimat — der in China solche Anklagen gegen — die Juden verbreitete. Ich selbst sah Placate, die er anschlagen ließ, die in chinesischer und deutscher Sprache diese greulichen Beschuldigungen enthielten und sogar ..." Graf R.: (ablenkend) „Aber wir wollten ja von den Christen sprechen ..." - Marquis Tseng: „Wir halten schon bei ihnen. .. Das, wie Ew. Excellenz sehr richtig bemerkten, unwissende, leicht bethörbare Volk versteht sich wenig auf theologische und ethnographische Unterschiede. So lange hört es die Hetzreden gegen die „Andersgläubigen", die „Fremdlinge", bis es in seiner Einfalt schließlich die Juden und die Christen identificirt." Graf R.: „Aber . . . das wäre ja . . ." Marquis Tseng: „Ich bitte Sie, Herr Gras, die Leute hören dann gar von Halbwissern und Halbignoranten, daß nicht nur die ersten Christen, sondern auch' die Apostel und Jünger Christi Juden waren, daß schon Nero die Christen morden ließ, weil sie angeblich „rituell" Kinder schlachten. Was Wunder, wenn so ein armer chinesischer Tropf am Ende die letzten Juden mit den ersten Christen und die letzten Christen mit den ersten Juden in einen Topf wirft . . Graf R.: „Hm . . . So . . . Glauben Sie wirklich, daß solche Verwechslungen Vorkommen?" Marquis Tseng: „Aber natürlich. Wenn man einmal auf Menschen hetzt, so kommt es ja schließlich wirklich auf solch feine Nuancen nicht an. Das hat schon vor Jahren in China ein österreichischer Arier aus Graz erfahren. Der Mann hieß Mandl und da wurde so lange von ausländischer Seite gegen ihn als „jüdischen Ausbeuter" gehetzt, bis ihm nichts übrig blieb, als sein Arierthum wieder in Graz zu fructificiren. So führt mitunter ein directer Weg von Peking nach Graz . . ." Graf R.: „Hm . . . aber die jüngste Christenverfolgung soll doch in einem ganz concreten Falle seinen Ursprung gefanden haben. Die mißlungene Operation, die ein Missionär an einer Frau vornahm ..." Marquis Tseng: „Leider, leider wird das mißtrauisch gemachte Volk durch einen solchen Vorfall leicht erregt. Nehmen Sie an, ein jüdischer Seelsorger, der medicinische Kenntnisse hat, würde in gewissen europäischen Gegenden, von den besten Absichten geleitet, eine solche Operation an einer Christin vollführen. Wenn die mißlänge! Was würde dann..." G r a f R.: „Verzeihen Sie, Herr Marquis, wir entfernen uns immer wieder von China . . ." Marquis Tseng: „Ich nähere mich immer nur analogen Verhältnissen, um Ihnen, Herr Graf, ein richtigeres Urtheil über die Ihnen ferne gelegenen zu ermöglichen ..." Graf R.: „In der Thal, unsere europäische Cultur ist so wesentlich von der chinesischen verschieden, daß es uns Mühe kostet ..." Marquis Tseng (unterbrechend): „Ja. man sollte es nicht für möglich halten, daß am Ende des XIX. Jahrhunderts noch Menschen wegen ihrer Abstammung, wegen ihres Glaubens Unbill erleiden. Aber scheint es Euer Excellenz nicht noch sonderbarer, daß die so fortgeschrittene europäische Cultur dasselbe in Europa begreiflich fiidet, was sie bei uns armen, stehengebliebenen Chinesen als Ungeheuerlichkeit anstarrt?" Graf R.: „Wir wollen doch hoffen, daß China endlich ..." MarquisTseng (einfallend): „... Der europäischen Schule, in der die Unterschiede von Confession und Race einen so wichtigen Lehrgegenstand bilden, entwachsen wird. Das wollten doch Euer Excellenz sagen?" Graf R.: „. . . Hm . . . das wollte ich gerade nicht sagen. Aber.... Ich .muß leider unsere Unterredung abbrechen . . . Sie, Herr Marquis, kennen jetzt die Auffassung, die in den Kreisen der europäischen Staatsmänner über die Christenverfolgung in China herrscht und vielleicht haben Sie die Güte, das Ihrige beizutragen, daß Ihre Regierung dieselbe .ennen lernt..." Marquis Tseng: „Mit Freuden, Excellenz. Aber unter einer Bedingung: Sie müssen in Ihren Kreisen wieder meine Anschauungen, die eines geborenen Chinesen, bekannt geben." * Es wäre im Interesse der Humanität, die keinerlei konfessionelle Unterschiede kennt, nur zu wünschen, daß die Staatsmänner aller Länder, ob sie Chinesen sind oder nicht, die Ansichten beherzigen würden, die in dieser Unterredung zum Ausdruck gelangten. E m e s. Wieder einmal die „gewürzten" Juden! Was eigentlich eine „Wurzen" ist? Dieser drastische Ur-Wiener Localausdruck kann wohl mit vielen Worten umschrieben, aber doch nicht ganz ausgeschöpft werden. Es haftet ihm sein eigenthümlicher Erdgeruch an, der bei der Uebertragung verloren geht. Der junge Lasse, dem die Champagner- Dirne sein Geld abnimmt unter allerlei romantischen Vorspiegelungen von Tugend und Edelsinn — der dumme Bauer, mit dem die Kosaken Kettelziehen im Wirthshause spielen — der unerfahrene Käufer, dem sie schlechte Waare, die er gar nicht braucht, für theures Geld anhängen, das sind alles „Wurzen". Aber auch der Jude, der zu einem Feste geht, von dem man ihm erzählt hat, es finde zu Gunsten der Freiwilligen Rettungsgesellschaft statt und dessen Ertrag die liebenswürdige Mater admirabilis einsackt, er ist eine „Wurzen", eine Fest- und Ehren-Wurzen, die Wurzen an sich — die Wurzen kat exochen! — Vom Fliederfest haben wir erzählt. Es schien unglaublich zu sein, war aber doch buchstäblich wahr. Für den katholischen Schulverein haben wir unser Geld hergegeben. Wir sind eben 'reingefallen, da ließ sich hinterher nichts thun. Nun kommt aber das würdige Nachspiel, Blumencorso benannt. Auf den Programmen stand großgedruckt und deutlich in die Augen springend zu lesen: „Für das Maria Theresienhospital und die Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft." Was etwa Petit-Gesetztes dazwischen mitlies, ward übersehen. Auch die Verclausulirungen des Stils. Wer nimmt sich Zeit, ein Plakat oder ein Billet unter die stilistische Lupe zu nehmen — Spital! Rettung! Das genügte vollauf, um die Juden Wiens wieder einmal für einen edlen, menschenfreundlichen Zweck zu entstammen. Blumengeschmückte Wagen -rollten die Nobelallee entlang, geschmückte sestessreudige Menschen saßen darinnen. Auf ihren vergnügten Angesichtern war zu lesen: Wir freuen uns für die Armen, wir unterhalten uns, aber es kommt den Bedauernswerthen, den Parias der Gesellschaft zu Gute. — Ja wohl! Das Spital erhielt wohl die Hälfte des Reinertrages, aber die „Freiwillige" wurde mit armseligen 3000 Gulden abgespeist. Den Rest bekamen wieder die weihrauchduftigen, klerikalen Winkelvereine mit ihren dunkeln Zwecken, welche bekanntermaßen die Mittel heiligen. Es ist ein empörendes, schamloses Spiel, welches nunmehr bereits zum zweiten Male mit dem guten Herzen der Wiener Juden getrieben wird. Kein Einziger von ihnen hätte für die saubere Sippe, die ihnen todseindlich gesinnt ist, auch nur einen Heller geopfert. Wer ulsterstützt auch seinen erbitterten Gegner mit Geld oder Geloeswerth? Sie speculiren aber auf die Unterstützungeil der Juden, um diese mittels derseben anzugreifen und zu bekämpfen. Da mußte denn die listige Vorspiegelung daran. * „Listige Vorspiegelung?" Das klingt so bekannt in's Ohr. Ist das nicht ein terminus teclinicus des Strafgesetzes. Wo kommt es nur rasch vor? Im Betrugsparagraphen. Richtig! Die listige Vorspiegelung gehört zu den wesentlichen Kriterien des Betruges, Das Reinerträgniß des Festes belief sich auf 24.000 Gulden. 16.000 Gulden des Gesammtertrages wurden unter dem weitmaschigen Titel „Spesen" verrechnet. 9000 Gulden sind es, um die es sich hier handelt, die der Rettungsgesell-