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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Blvch's Wochenschrift. Um 2 Uhr Nachmittags versammelten sich die Leidtragenden, die Gemeindemitglieder und die geladenen Gäste, die Spitzen der Behörden und die Mitglieder der Deputationen im schwarzdrapirten Tempel, wohin auch die Leiche des Verstorbenen gebracht wurde. Cantor B u ch s b a n m trug mit dem Chore einen stimmungsvollen Trauerchoral vor, worauf Bezirksrabbiner Tauber aus Beiovar die Kanzel betrat und eine ergreifende, die Verdienste des Verstorbenen, würdigende Rede hielt. Er entwarf eine Lebensskizze des Verstorbenen und charakterisirte in trefflicher Weise das Wirken des ehemaligen Amtsgenossen, mit dem er allzeit in wahrer Freundschaft verkehrte. . . . Der Sarg wurde hierauf von jüngeren Gemeindemitgliedcrn gehoben und zu dem auf der Straße harrenden Leichenwagen getragen. Bezirksrabbiner H e ß l aus Kopreinitz trat nun vor, widmete dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf und verrichtete in croatischer Sprache das Gebet für das Seelenheil des theuren Tobten. Der Chor stimmte wieder einen Trauergesang an und der Zug setzte sich in Bewegung. Mehrere Tausend Personen gaben unseren geistlichen Vorstand auf seiner letzten irdischen Fahrt das Ehrengeleite. Unter den Trauergästen befanden sich ein Domherr als Vertreter des griechischkatholischen Bischofs von Kreuz, der Stadtpfarrer, der Bezirksrichler, der Bürgermeister mit mehreren Stadträtheu, Beamte des Bezirksamtes, Deputationen der angrenzenden Cultns- und politischen Gemeinden, sowie ein großer Theil der hiesigen Einwohnerschaft. An dem offenen Grabe nahm Marko B r e h e r Namens der Kreuzer Cnltusgemeinde in croatischer Sprache von der sterblichen Hülle des langjährigen Seelsorgers feierlichen Abschied. Dann begann sich der Hügel um das Grab eines Mannes zu wölben, auf den sich das Dichterwort vollinhaltlich bezieht: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Und Leopold Löw war hilfreich, war gut und edel! In den Herzen Aller, die ihn kannten, hinterläßt er ein treubewahrtes Andenken. . . . Nebst den zahlreichen Condolenzen, welche der trauernden Gemeinde und der Familie des Verstorbenen von allen Seiten zukamen, machte hier ein Zug des hiesigen Bischofs Dr. Dr o h o b ez ky berechtigten Eindruck. Samstag, einen Tag nach dem Ableben des Rabbiners Low. kam der Bischof zeitlich Früh zu den bei der Restaurirung der Domkirche beschäftigten Arbeitern und machte denselben persönlich die Bemerkung, daß aus Anlaß des Trauerfalles, von welchen die Gemeinde durch den Tod seines A m 1 s g e n o s s e » betroffen wurde, an diesem Tage nicht gearbeitet werden dürfe und die Arbeit sofort e i nz u ste ll e n sei . . . . Krakau, 6. August. Am Samstag den 3. d. M. stattete der Prior der Barmherzigen Brüder unserem Bicepräsidenten der Cnltusgemeinde und Gemeinderathe Herrn Hirsch Landau einen Besuch in seiner Privatwohnung ab und dankte ihm namens der Barmherzigen Brüder für die hochherzige Spende, die der Cultus Vorstand für das Spital der Barmherzigen Brüder bewilligt hat, und indem er ihn ersuchte, dies zur Kenntniß des Vorstandes zu bringen, lud er ihn ein, das Spital der Barmherzigen Brüder gefälligst besuchen zu wollen. . Berlin, 3. August. Die hiesige Universität lehnte es in ihrer letzten Facultätssitzung ab, den socialdemokratischen Privatdocenten Dr. Leon Arons aus dem Lehrkörper der Universitä zu entfernen. Damit fehlte dem Unterrichtsministerium jede rechtliche Möglichkeit, seinerseits eine Remotion zu bewirken. Dr. Ar ons hat seine Vorlesungen für nächstes Semester bereits angemeldet. Dir Gebildete in der Gaffe. (Eine einfache Geschichie von Dr. M. Grünfeld.) Sie war von länglicher Gestalt, Besitzerin eines Gewürzladens und einer Bibliothek von sehr zerlesenen Romanen und nie hatte sie ein Mann erkannt. Jungfräulich hat sie gelebt, und so ist sie auch gestorben, nicht beweint von einem treuen Gatten, nicht geleitet zur letzten Ruhe von den Thränen der Kinder. Ihre Freude waren ihre Bücher allein, und ihre geringen, leiblichen Bedürfnisse, meist bestehend in Kaffee, den sie allerdings leidenschaftlich liebte, befriedigte der geringe Erlös ihres Gewürzladens, welchen sie mit ihren Büchern von ihrem Vater geerbt, der die hoffnungsvolle Jugend des Ghettos in die Geheimnisse des Aleph-Beth eingeweiht hatte; da aber diese Bemühung zwar vielen Aerger, aber wenig Brod brachte, so hatte er sich genöthigt gesehen, das Wissen mit der Arbeit und dem Geschäfte zu vereinigen, wie es ja weiland unsere alten Lehrer auch ähnlich gethan. — Daß doch das Aleph-Beth- Unterrichten gewöhnlick zum Verhungern zu viel und zum Leben zu wenig 'trägt! Ein alter Uebelstand in Israel, der sich, wie Eingeweihte behaupten, auch in diese neue Zeit hinübergerettet hat. Soviel. steht fest, daß die Toilettenfrage bei unserer „Heldin" wenig in Betracht kam und ihr geringes Kopfzerbrechen machte. Ihre Kleider und Hüte waren von antiker Seite 595 Ehrwürdigkeit. An ihnen konnte man die Moden vergangener Jahrhunderte studiren und erkennen, daß sie an Verrücktheit der unserer Zeit wenig nachgaben. Ich sehe sie vor mir in dem großgeblumten Kleide, das uns die barocke Rococozeit Maria- Theresias vor Augen führte; der große, mit Blumen gezierte kesselartige Hut aber erinnerte an die Zeit, da „Napolium" (so wurde er im Ghetto genannt), nachdem er seine Macht gänzlich verloren und von seiner schwindelerregenden Höhe gestürzt war, nach St. Helena wandern mußte, um dort darüber nachzudenken, wie wandelbar doch menschliches Glück sei. Eine breite Schürze, an welcher der Zahn der Zeit auch nicht ganz, ohne Spuren zu hinterlaffen, vorübergegangen war, konnte a\$ das Sinnbild dafür gelten, daß unsere „Heldin" ihre Hauswirthschaft und ihr Geschäft nicht vernachlässigte, so hoch sie auch Schiller und Goethe und den theueren Grillparzer schätzte, so begeistert sie auch war für die Romane der seligen Louise Mühlbach, denen sie ihre weitgehenden, geschichtlichen Kenntniffe verdankte, die sich insonderheit auf die Zeit Friedrich des Großen und des unvergeßlichen Joseph ll. erstreckten. Ja, die selige Louise Mühlbach, die verstand zu rühren und zu belehren; die verstand es. aus der großen Küche, genannt: Weltgeschichte, die pikantesten Ingredienzien zu holen, um daraus schmackhafte Gerichte, d. i. geschichtliche Romane, zu bereiten, welche unseren Vorfahren und besonders Borfahrerinnen so wohl mundeten. Theuerer Leser, Du weißt wohl nicht, was für eine Bedeutung ein Sabbath-Rachmittag für die Bewohner nnd Be- Wohnerinnen des Ghetto hatte! Während die Alten die etwas „schwere" Schaletspeise. so gut es eben ging, verdauten, die Männer sich noch der Pfeife sehnten und die Weiber im deutschen Chumesch lasen, in jener Hauspostille, in welcher der Vormittags verlesene Bibelabschnitt so poetisch schön verdolmetscht und dem Verständnisse so mundgerecht gemacht wird, versammelten sich die jungen Mädchen, während es drauß n stürmte, im wohldurchheizten Zimmer, und da war nun unsere „Heldin" in ihrem Elemente; sie las vor, und selten Wohl konnte sich ein Vorleser oder eine Vorleserin einer so aufmerksamen Zuhörerschaft rühmen, wie unsere gebildete Lehrerstochter und Inhaberin eines Gewürzladens; und selbst der Herr Rabbiner ist da nicht ausgenommen, bei dessen doch so ganz gediegenen Vorträgen, welche das ganze „weitschichtige" Gebiet der Bibel und des Talmud umfaßten, gar mancher Zuhörer sanft entschlummerte, und erst manche Zuhörerin! Wenn nicht gar im Kreise der Zuhörerinnen das Ungeheuerliche geschah, daß sie sich während der scharfsinnigen Deduktionen des Rabbi, .welche ein Speise- Verbot oder den Frevel der unerlaubten Vermengung von „Milchigem und Fleischigem" betrafen, über die doch auch wichtige Dienstbotenfrage oder über die nicht minder wichtige „Gänsefrage", oder über die jedes ehrliche Menschenkind ganz verwirrt machende neue Mode unterhielten. Sie konnten doch nicht über die orientalische Frage sprechen, und auch die sociale Frage war zu jenerZeit noch nichtso „brennend"! Antisemiten hat es freilich auch damals schon gegeben, denn es gibt keine neue Dummheit unter der Sonne. — Doch wohin verirren wir uns? — Kehren wir zu unserer „Heldin", der „Gebildeten in der Gaffe", zurück. — War es Sommer und breiter Sonnenschein hatte sich gelagert über die durchglühte Gaffe, dann versammelte sich die Zuhörerschaft Fräulein Resels — so abgekürzt wurde ihr Name von der gleichzeitigen Generation, und so auch der künftigen überliefert — im fürstlichen Schloßgarten; dort tut kleinen schattigen Fichtenwäldchen, wo es so lauschig war und die Luft gar würzig duftete, thronte Fräulein Resel auf einem Baumstumpf und rings um sie die lauschenden Mädchen der Gasse; da sagte sie wohl, wenn eine über die Hitze eine Bemerkung machte, das geflügelte Wort: „Ja, wenn unser Herrgott einheizt, dann ist's warm, ich mag im Winter noch soviel heizen, mein Ofen gibt die Wärme nicht." — Und ihre geflügelten Worte waren berühmt und viel citirt. — Was war dies Alles aber gegen ihr Vorlesen! Jaromir und Bertha, Mortimer und Maria Stuart, Götz von Berlichingen und Adelheid, das waren ihre Helden und Heldinnen, mit denen sie am liebsten ihre Zuhörerinnen bekannt machte. War das ein Feuer, war das eine Gluth. mit welcher sie das Dichterwort veranschaulichte! Und dieses Feuer theilte sich den begeisterten Zuhörerinnen mit, so daß gar manche daran vergaß, den Kaffee vom Bäcker zu holen, bei dem er am hl. Sabbath gewärmt wurde, so daß wohl der mißmuthige Hausvater in die Scheltworte aushrach: „Sie ist gewiß bei Reseln, die wird noch die ganze Gaff' verrückt machen".

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