Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 591 den ein junger Gelehrter über den Talmud hielt. Der Redner sprach auch von Moses und dessen Tod. „Moses war 120 Jahre alt geworden, da neigte er das Haupt zu sterben. Und als er die Augen geschlossen, erhob sich ein Streit zwischen den guten und bösen Geistern um seine Leiche: Jene beanspruchten sie für das Reich der Seligen, wegen der Tugenden und des gottgeweihten Lebens des großen Mannes, der Satan aber wollte Hand auf die sterblichen Ueberreste legen, weil Moses einst im Zorn einen Egypter erschlagen. Da sprach Gott der Herr zu Michael, dem Erzengel, das entscheidende Wort: Wohl hat Moses im Grimme einen Egypter getödtet, allein die Waagschale seiner guten Thaten wiegt schwerer: drum gehe du hinab und bestehe den Kampf mit dem Bösen und führe den Leichnam her in meinen Schooß. Und der Erzengel stieg zur Erde nieder und that, wie der Herr ihm geboten." Was der junge Gelehrte in jener Vorlesung über Mvsis Ende berichtete, machte einen lebhaften Eindruck auf den jungen Künstler. Bereits während der Vorlesung reifte bei ihm der Entschluß, jene Scene zum Vorwurf eines Gemäldes zu nehmen, auf dem Heimwege gewann es in seiner Phantasie festere Gestaltung, und noch in derselben Nacht zeichnete er zunächst auf einem kleinen Carton, wie er ihn gerade zur Hand hatte, die Umrisse des Bildes hin. Aus dieser Skizze ist ein Meisterwerk geworden, das in der deutschen Kunst stets mit Ehren genannt werden wird. Correspondenzen. Wien. (Die Reise nach Rußland.) Bor Kurzem brachten Wiener Blätter eine halbamtliche Mittheilung, die später auch in der „Wiener-Zeitung" erschienen ist, daß die Reisepässe nach Rußland von den russischen Consuln nur dann vidirt werden, wenn die Paßinhaber den Nachweis ihrer Angehörigkeit zur christlichen Religion zu bringen im Stande sind. Wir drückten damals unsere Verwunderung über diese behördliche Mittheilung aus und bemerkten, daß uns kein „Ukas" bekannt sei, durch welchen die bisher bestandenen Usancen bei der Vidirung von Pässen nach Rußland für österreichische Unterthanen geändert worden wären. Wir hoben dabei hervor. daß bisher auch den österreichischen Juden die Reisepässe nach Rußland vidirt wurden, wenn sie den Nachweis liefern konnten, daß sie als Bevollmächtigte protokollirter Firmen die Reise unternehmen. Die Richtigkeit unserer Informationen wird nun russischerseits officiell bestätigt. Wir erhalten nämlich aus Czernowitz folgendes Telegramm: „Das hiesige russische Consulat ve> öffentlich! im heutigen Amtsblatte eine Berichtigung der vor einiger Zeit in verschiedenen Journalen erschienenen Notiz, daß Bewerber um P a ß v i s a nach Rußland ihre christliche Consession Nachweisen müssen. Ein derartiger Ukas ist nicht erschienen. Protokollirte Kaufleute un d deren Bevollmächtigte erhalten an st and slos das Visum zur Reise nach Rußland wie bisher." Der Deutsche Volksverein aufgelöst. Seit Georg Schönerer's Glanztagen hat der „Deutsche Volksverein", der mit dem Führer blühte und fiel, unter der Leitung der deutschnationalen Epigonen böse Tage gesehen. In einer bei der „Tabakspfeife" abgedaltenen Versammlung dieses Vereines in welcher Herr K. H. Wolf den Vorsitz führte, wurde die Auflösung des Vereins beschlossen. Der Vorsitzende erklärte, daß nach dem Rücktritte S ch ö n e r e r's der Verein in seiner jetzigen Verfassung nicht existenzberechtigt sei. Eine ganze Reihe von deutschnationalen Heißspornen warfen der Vereinsleitung vor, daß sie an Schönerer Verrath geübt und die deutschnationale Idee an die Christlich-Socialen und an Dr. Lueger ausgeliefert hätte. Wolf und seine Anhänger hatten einen schweren Stand. Wolf betheuerte seine Unschuld; hinter seinem Rücken sei der Compromiß mit Lueger zu Stande gekommen, er habe damals eine Gefängnißstrafe verbüßt. Die hundertundzwanzig -Vereinsmitglieder nahmen es zur Kenntniß. daß der Verein aus seiner Gebahrung noch ein Deficit von 27 fl. 85 kr. aufweije, und schließlich wurde mit allen gegen sechs Stimmen die Auflösung des Vereines beschlossen. Gegen diesen Beschluß ereiferte sich vor Allem der antisemitische Bezirksausschuß vom Alsergrund, Gastwirth Leitner, welcher meint, daß der Verein nur deshalb aufgelöst wurde, um einen neuen Verein mit anderen Tendenzen gründen zu können. Der Gehilfenobmann der Mechanikergehilfen, Stein, welcher ein Ultra-Schönerianer ist, polemisirte gleichfalls gegen Wolf. Es kommt nun zu einer erregten Scene und Herr Wolf läßt durch einen Bersammlungsbeschluß dem Redner das Wort entziehen, worauf derselbe entrüstet „Zahlen!" rief und ging. Nach einer längeren Debatte wird einstimmig beschlossen, einen neuen Verein zu gründen, der auf derselben Basis wie der aufgelöste Verein beruhen soll. Uebrigens bleibt die allerhöchste Entscheidung über diese Gründung und die Namengebung für den Verein Herrn Schönerer Vorbehalten, den Herr Leitner persönlich aufzusuchen sich verpflichtete, um dessen Fürwort zu erbitten. Wien. (Ferienheim.) Nich leicht kann der Menschenfreund ein herzerfreuenderes Bild zu Gesichte bekommen, als es die Rückkehr der von dem Verein für israelitische Feriencolonien entsendeten Kinder bietet, wenn sie nach einmonatlichem Landaufenthalt mit gerötheten Wangen und weltfrohen Augen wiederkehren und auf dem Bahnhofe von ihren Angehörigen jubelnd empfangen werden. Es spielen sich da zuweilen Scenen packendster Rührung ab, wenn £ B. eine Mutter das auf sie zueilende Kind, welches blühend und kräftig aussieht, nicht sogleich als ihr eigenes wiedererkennt, da es doch erst vor wenigen Wochen mit bleichem Gesichtchen und matten Augen von ihr geschieden. So unglaublich ein solcher Fall auch scheinen mag. er hat sich dennoch in Wirklichkeit zugetrogen und wir sahen das Unglaubliche sich vor unseren eigenen Augen abspielen. Und dies kann eigentlich gar nicht Wunder nehmen, denn nur die Armen und Aermsten unserer Glaubensbrüder sind es, welche das Material für diese Colonien liefern. Nun denke man sich eine Schaar von 50 solchen Kindern, die bis nun weder eine Helle, luftige Wohnung, noch eine kräftige Nahrung kannten, die außer unseren Stadtgärten niemals ein Plätzchen in Gottes freier Natur vor sich sahen die auch nur in sehr geringem Maße an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnt wurden, da die schweren Sorgen der um die Beschaffung der unumgänglichsten Lebensbedürfnisse sich abmühenden Eltern ihnen hiezu weder Zeit noch Muße gönnen, nun plötzlich hinausversetzt in einen blühenden, grünenden Erdenwinkel, wo balsamische, kräftige Luft ihre Lungen füllt, wo große, reine, wohlgepflegte Schlassäle sie beherbergen; wo der langgestreckte Speisetisch bei schönem Wetter unter Gottes freiem Himmel gedeckt ist; wo es den ganzen lieben Tag keine andere Beschäftigung gibt als Spielen, Herumjagen, Spazierengehen und Baden; und wo man wieder heimgekehrt, mit guter, nahrhafter Kost gesättigt wird, wie sollte diese Kinderschaar nicht aufleben und herrlich gedeihen! Die Leitung dcs „Ferienheim" hat es bis nun verstanden, die Aufgaben des Vereines in vollkommenster Weise zu erfüllen und dafür gebührt ihm nickt nur der Dank aller unserer Glaubensgenossen, sondern in noch viel höherem Grade die materielle Aufmunterung seitens der mit Glücksgütern gesegneten Kinderfreunde, damit er auch weiterhin seinen edlen Zwecken gerecht werden könne. C o l o n i e b e w e g u n g. A n g e k o inmen: Donnerstag den 1. August 50 Mädchen aus Petrau unter Aufsicht der Leiterin Frau W. Nnger; Mittwoch den 7. August 50 Knaben aus Theresienfeld unter Aufsicht der Herren Dr. Rudnik und A. Kuten; Donnerstag den 8. August 55 Knaben aus Schattmannsdorf unter Aufsicht der Herren A. Löwy und Drnd. Altmann. Ab ge re ist: Freitag den 2. August zweite Serie von 50 Mädchen nach Petrau; Donnerstag den 8. August zweite Serie von 50 Knaben nach Theresienfeld, und Freitag den 9 August zweite Serie von 55 Knaben nach Schattmannsdorf. Außerdem wurden 10 Kinder, welche vermöge ihres Gesundheitszustandes eine besondere Behandlung erfahren müssen, einzeln untergebracht. Das Aussehen der zurückgekehrten Colonisten ist ein vorzügliches und deren Gewichtszunahme durchwegs äußerst günstig. Moriz Graf. Tachau. (R e l i g i o n s p r ü f u n g.) Am 21. Juli fand in der israelitischen Bürgerschule zum erstenmole eine ösientliche Prüfung in der mosaischen Religion statt, die einen sehr befriedigenden Verlauf nahm. — Se. Ehrw. Herr Rabbiner Schidloff. der bereits 40 Jahre lang als Seelsorger und Religionslehrer eine äußerst segensreiche Thätigkeit in der hiesigen Gemeinde entfaltet, verständigte den löblichen Bezirkssckulrath, dessen Mitglied er ist, von seiner Absicht, eine derartige Prüfung abzuhalten, und die genannte Schulbehörde forderte die Herren Directoren und Lehrer zur Theilnabme an derselben auf. Es wohnten auch die beiden Herren Bürgerschuldirectoren, ferner mehrere Lehrer und Lehrerinnen der Mädchenbürgerschule, sowie j die Väter zahlreicher Schüler der Prüfung bei. Dieselbe ec-! streckte sich auf biblische Geschichte, systematische Religions- und i-! V Y *■' u