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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 590 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 32 aus welchem die erforderliche Summe durch die Steuerschraube gepreßt wird. — Aus dem Innern des Landes liegen ferner beglaubigte Meldungen vor, denen zufolge umherziehende marodirende Soldaten dieeigenen Landsleute in der gewissenlosesten ' Weise brandschatzen und greuliche Gewaltthaten verüben. Ta diese entartete Soldateska natürlich auch für die im Lande wohnenden Fremden eine große Gefahr bedeutet, so wurden Schiffe der in den chinesischen Gewässern befindlichen Geschwader der europäischen Mächte zum Schutze nach den gefährdeten Plätzen der chinesischen Küste entsendet. Die „Times" vom 5. August 1895 melden aus Shanghai, daß bei einem Ueberfalle in Ku-tscheng zehn britische Unterthanen getödtet wurden, und zwar der Geistliche Stewart mitseiner Frau und einem Kinde, welche lebendig im Hause verbrannt wurden, und sieben andere Frauen, welche mit Speerstichen und Säbelhieben g et ö d t e t wurden. Mehrere Kinder wurden schwer verwundet. Das blutrünstige Märchen. Das alte Steckenpferd der gewerbsmäßigen Friedensstörer sollte dieser Tage wieder einmal, und zwar im Ungarland unter dem analphabetschesten Landvolk aufgezäumt werden, und es fehlte nicht viel, hätte der ruchlose Plan wieder Blut gefordert. In Ab a nj-S z a n t o verschwand dieser Tage plötzlich das fünfjährige Söhnchen des dortigen Csizmenmachers Josef Orcsy. Der darüber in Verzweiflung gerathene Vater setzte Himmel und Hölle in Bewegung; es half Alles nichts, das Kind war nicht aufzufinden. Da flüsterte eine jener giftigen Seelen, die ihre Freude daran haben, wenn es wo drunter und drüber geht, dem Csizmenmacher die Geschichte von den Juden ins Ohr, die sich am Blut der Christenkinder delectiren und der unglückliche Vater raste mit diesem ihm eingeimpften Wahn durch den Ort und schrie: „Juden, Ihr habt mein Kind getödtet oder Ihr haltet es eingesperrt, um ihm das Blut zu nehmen! Gebt das Kind heraus, sonst erwürgen wir Euch alle miteinander!" Der Pöbel, der überall eine Garnison hat, war gleich zur Propaganda der That bereit, und die Situation war schon sehr kritisch geworden, als plötzlich der Csizmenmacher — mit seinem Söhnchen auf dem. Arm auftä uchte. Es hatte sich bei einer armen Frau im benachbarten Orte Tallya wiedergefunden. Das Bübchen, welches ganz allein ohne Aufsicht zu Hause geblieben war. langweilte sich und machte sich auf, um seine Mutter, die auf dem Felde arbeitete, aufzusuchen. Da aber der Kleine den Weg nicht kannte, verirrte er sich auf dem Weg nach Tallya und dort herum befiel ihn die Müdigkeit; er setzte sich auf einen Steinhaufen und fing an bitterlich zu weinen. Die vorübergehende arme Frau hatte selbstverständlich mit dem Würmchen Mitleid, nahm es mit sich und gab ihm zu Hause zu essen. Die Freude des Vaters über sein wiedergefundenes Kind ist nicht zu schildern, und das mit Sensen und Hauen herbeigekommene Volk schlich, „ohne Anlaß zu Mehrerem", beschämt nach Hause. Die Gewerbetreibenden gegen den Antisemitismus. Vorgestern Abends fand in Steinböck's Hotel in Wäbring die zahlreich besuchte ordentliche Generalversammlung des fortschrittlich-politischen Vereines „Gewerbebund" statt, auf deren Tagesordnung auch die Stellungnahme zu den bevorstehenden Gemeinderathswahlen stand. Tapezierermeister Swoboda führte aus. daß die Ursache der traurigenLage desGe werbe stau des ausschließlich in der nationalen und confessionellen Verhetzung der Wählerschaft zu suchen sei. Wozu brauche man im Gemeinderathe Politik? Ist das Pflaster schlecht, so geht der Jude ebenso schlecht darauf, wie der Christ, der Böhme wie der Deutsche. (Heiterkeit.) Die Gewerbetreibenden haben es endlich satt bekommen, den Reactionären Handlangerdienste zu leisten. (Beifall.) Sie haben bereits in sämmtlichen Bezirken eigene Organisationen geschaffen und werden als volkswirthschaftliche Reformvartei in den Wahlkampf treten. Scheuen wir uns nicht, schloß Redner, der Reaction energisch und zielbewußt entgegenzutreten, und wenn alle Gewerbetreibenden Zusammenhalten, so ist der Sieg unser und das Gewerbe in Wien wird wieder zur alten Blüthe gelangen! (Lebhafter Beifall.) Schuhmachermeister Kral: Der Gew er bestand ist durch die antisemitischen Verhetzungen in ein falsches Fahrwasser geleitet worden. Die antisemitische Partei, welche sich früher um den Gewerbesta'nd gerissen hat, h at ihn nun völlig im Stiche ge la ssen, indem sie dessen Interessen in keiner Weise wahrzunehmen sucht und ihre ganzeThätigkeitdarein setzt, die friedliebenden, arbeitenden Stände gegeneinander zu Hetzen. (Zustimmung.) Schlossenneister Janu betonte, daß die antisemitische Partei nur darum groß geworden sei, weil sie zuerst „den Czechen Honig um s Maul geschmiert" und dann fest gegen die Juden gepredigt habe. Jetzt, weil sie sich stark genug fühlt, um auf ihren eigenen deutschen Füßen stehen zu können, jetzt sagt sie auf einmal: Den Juden soll man hängen und den Böhm erschlagen! Jetzt brauchen Sie uns nicht und versuchen es mit den deutschnationalen Judenfressern. (Heiterkeit und Beifall.) Der Vorsitzende Schneidermeister Kretschmer richtet zum Schlüsse einen Appell an die Anwesenden, bei den Wahlen einig vorzugehen und mit vereinten Kräften die falschen Freunde des Gewerbestaudes zu bekämpfen. Hierauf wurde nach kurzer Debatte beschlossen, für den dritten Wahlkörper des Bezirkes Währing einen Candidaten aus der Mitte des Vereines aufzustellen und die fortschrittliche Partei zu ersuchen, für denselben thatkräftigst einzutreten, für welchen Fall der Verein wieder der Partei seine vollste Unterstützung verspricht. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der fortschrittlich-politische Verein „Gewerbebund" beschließt in seiner Generalversammlung, von der Ueberzeugung ausgehend, daß der gesummte Gewerbestand in Wien in Folge der bisher stattgefundenen und leider noch fortdauernden nationalen und confessionellen Verhetzung der friedliebenden Bürgerschaft unberechenb ren Schaden erlitten hat und zweifellos dem Ruin entgegengeht, ferner im Hinblick darauf, da ß d e r b estan b eit e Wiener Gemeinderath bisher in Folge des blinden Racen- und C l ass e n ha 1 ses, d e r d orts e lb st h e rr sch t e, u n m ö gli ch z u e i ne r f rie d li ch en » nd er sprieß lichen Thätigk eit gelangen konnte, schließlich in Anbetracht der Thatsache, daß nur ein auf rein wirthschaftlichcr Basis beruhender Gemeinderath die Interessen der Gesamwtbevölkerung voll und ganz zu vertreten in der Lage ist, bei den bevorstehenden Wahlen nur jene Candi da ten zu u n t e rst ütz en, welche in unzweideutiger Weise erklären, daß sie dernation a l en und con f ess i on ell en B erh etzung d es B o lk es entgegentreten und die Interessen ihrer Wähler ausschließlich auf dem Boden der volkswirthschaftlichen Politik vertreten wollen. Der Verein spricht weiters die Erwartung aus, daß die friedliebende, ehrlich in d vernünftig denkende Wählerschaft anläßlich der Neuwahlen für den Gemeinderath sich wie ein Manu gegen die volksverhetzenden Streber erheben und Alles daran setzen werde, daß Wien endlich wieder zu dem werde, was es vor dem Auftauchen des Racen- und Classenhasses war — eine gemüthliche Weltstadt!" Von der Lage der jüdischen Colonisten in Argentinien entwerfen Odeffaer Blätter nachstehendes Bild: Alle Gruppen von Colonisten, die sich im Süden des Reiches und in einigen westlichen Gouvernements zur Uebersiedlung nach Argentinien gebildet hatten, befinden sich entweder in den Colonien der jüdischen Colonisations-Gesellschaft oder aber sie. sind auf dem Wege nach Argentinien. Der zeitweilige Stillstand der Auswandernngsbewegung erklärtsich also auf diese natürliche Weise; doch auch ein anderer Umstand verdient die größte Beachtung: in letzter Zeit sind sowohl von den alten Colonisten, als auch von den eben angekommenen durchaus unerfreuliche Nachrichten eingelaufen. Alle erheben Klagen über die Administration der Colonien, die in keiner Weise die Bedürfnisse der Emigranten berücksichtigen soll. Es sind sogar zu wiederholten Malen ernstliche Zusammenstöße zwischen der Administration und den Colonisten vorgekommen, die so weit gegangen sind, daß die Hilfe der argentinischen Polizei in Anspruch genommen werden mußte. Vor allen Dingen sollen die Colonisten darüber ungehalten sein, daß man ihnen die versprochenen Contracte vorenthält; in letzter Zeit indessen wären allerdings Contracte verabfolgt worden, doch liefen diese Verträge schroff den Interessen der Colonisten zuwider. Für alle Ungerechtigkeiten macht man die Administration verantwortlich und viele Colonien haben Delegirte nach Paris zum Baron Hirsch entsandt, um ihm über den wahren Sachverhalt die Augen zu öffnen. Auch das Petersburger Colonisatiöns-Comite hat analoge Schritte gethan und ist augenscheinlich davon überzeugt, daß die Klagen der Emigranten begründet sind, da in letzter Zeit die bisher bemerkte Energie in Bezug auf die Förderung der Uebersiedlungsbewegung nachgelassen hat. Da aber im Süden eine große Zahl der ehemaligen jüdischen Colonisten den Wunsch ausgesprochen hat. trotz Allem nach Argentinien zu emigriren, werden im August noch einige Gruppen abgefertigt werden, worauf voraussichtlich ein längerer Stillstand in derEmigrationsbewegung eintreten wird. Ein Bild. Im Kölner Museum befindet sich das berühmte große Gemälde von Professor B. Plockhorst in Berlin, den Kampf des Erzengels Michael mit dem Satan um die Leiche Mosis darstellend. Das viel bewunderte Werk hat eine recht interessante Entstehungsgeschichte, über die das Mühlheimer „Gemeindeölatt" Folgendes mittheilen kann. Es war in der zweiten Hälfte der Fünfziger-Jahre, als Plockhorst eines Abends in Berlin einem Vortrage beiwohnte,

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