Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 587 finden können, da ausdrücklich die Vorlage des Taufscheines verlangt wird. Es wäre interessant, zu erfahren, ob Direction und Curatorium in der heute noch sich „liberal" nennenden Stadt Warnsdorf thatsächlich einem Juden die Aufnahme verweigern würden? Oder wäre es nicht besser, wenn Juden sich überhaupt zum Eintritt in diese Schule gar nicht melden würden? Die „gemeinnützigen Kenntnisse" gewisser Deutscher in Böhmen. In Prag besteht ein „Deutscher Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse", welcher seitlangen Jahren eine „ Sammlung gemeinnütziger Vorträge" herausgibt und thatsächlich eine sehr ersprießliche Wirksamkeit entfaltet. Unter den Verfassern der bisher erschienenen Schriften finden sich namhafte deutsch-liberale Abgeordnete, wie der Führer der Deutschen in Böhmen Dr. Ludwig Schlesinger, ferner Dr. Adolf Promber und Julius Lippert, dann eine Reihe wahrhaft freisinniger Schriftsteller und Gelehrter, wie Professor Dr. Friedrich I o d l, der Präsident der ethischen Gesellschaft, Dr. Carl Grün. Alfred Klaar, Dr. Moriz Willkomm. Docent Dr. A. R eu ß, die letzten drei jüdischer Abstammung. Trotzdem entblödete sich die Leitung des Vereines nicht, im Juni dieses Jahres einen Bortrag: „Transsylvanien", von einem Professor Julius Römer erscheinen zu lassen, in welchem folgende Stelle vorkommt: „Daß die Armenier gute Kaufleute sind, wird wohl am besten durch den Umstand erhärtet, daß in den eb-n genannten Städtchen mit vorwiegend armenischer Bevölkerung jüdische Händler, Schenker und Pächter nur in den seltensten Fällen sich behaupten können, während andere Dörfer, Marktflecke und Städte Siebenbürgens sich der zunehmenden israelitischen Invasion k a u m er w e h r e n können. — Am u n g ü n st i g st e n steht es in dieser Hinsicht im Norden Siebenbürgens, w oesschon so weit gek v m men i st, daß z. B. in Ält-Rodua, einem einst deutschen Bei gwerksorte, am Samstag vi.ele Läden des Ortes geschlossen sind und in den Gassen bereits die jüdischen Knaben im Kaftan, m i t den P e i e s u n d der Marderfellmütze e i n h e r st o l z i r e n. Die Nähe von Galizien und der Bukowina erklärt genügend die große Anzahl von Semiten in den Cvmitaten Bistritz-Naszvd und Szoliwk-Doboka." Das ist ja recht „gemeinnützig" geschrieben und gedacht! Antisemitische Falschmünzer. Bor knzerZeit wurde in Eger (Böhmen) eine Falschmünzerbande eruirt, worunter der Chef der Bande, ein Mühlenbesitzer Namens Hebelein, sich das Leben nahm und wurde dadurch der Coneurs über sein Vermögen eröffnet. Einer der Bande, der in Eger bekannte Antisemit und Graveur Mar Qu intus, hat bei der Coneurs- Masse 40 fl. für gelieferte Stanzen angemeldet. „Ein Ueberfall." Die Saat des Dr.- Lueger und des Prinzen Liechtenstein schießt lustig in die Halme, wir wissen das und die beiden Matadore der Judenhetze mögen wohl eine ganz besondere Lustempfindung haben, wenn sie hören, daß ein Andersgläubiger blutig geschlagen wird, denn dies ist doch eine der nothwendigen Consequenzen ihrer antisemitischen Agitation! Die Wiener Tagesblätter vom 7. August berichten über einen Ueberfall in der Nacht vom 5. auf dem 6. August: Es war gegen I Uhr Morgens, als aus entgegengesetzten Richtungen kommend aus dem Trottoire nächst dem „Hotel Mansch" zwei Gruppen zusammentrafen, von welchem die eine auszw ei Herren, dem Inhaber einer Galanteriewaarenhandlung am Stefansplntz Nr. 1l, Herrn Marcus Munk und dessen Brirder, dem Besitzer einer Taschnerwaarenfabrik in der Mariahilferstraße Nr. 118, Alexander Munk, bestand, während die andere Gruppe aus f ü n f Personen bestand, und zwar vier Cav al lerie o ffi ci eren und ei n em H errn in Civil, der übrigens gleichfalls dem Armeestande angehören soll. Diese fünf Herren gingen Arm in Arm nebeneinander und occnpirten das Trottoir in seiner ganzen Breite. Als die beiden Kaufleute die Gesellschaft in festgeschlossener Reihe dahermarschiren sahen, blieben sie stehen, in der Hoffnung, daß die Gruppe sich öffnen und sie Paffiren lassen werde. Die fünf sichtlich angeheiterten Herren ließen einander jedoch nicht los, vertraten den Kaufleuten den Weg und umringten sie dann unter einerFluth von S ch i m p f w o r t e n. »Klär nae§1nt stet zsidö!« (Schon wieder zwei Juden!) begann der eine der Officiere in ungarischer Sprache. Dann rief er deutsch: „Diese verfluchten Juden müssen z'sammg'haut werden! Zum Duell!" Einer der Officiere trat hierauf dicht an den Herrn M. Munk heran, stieß ihn und rasselte mit dem Säbel. Der Attaquirte erwiderte, daß er sich gegen fünf Herren in keinen Kampf einlassen könne, sondern sich daraus beschränken müsse, die Angelegenheit an competenter Stelle zur Kenutniß zu bringen. Nun fluchten und schimpften die Herren von Neuem unisono darauf los, ließen die Säbel klirren und — der Civilist in ihrer Gesellschaft erhob seine Waffe, den Stock, und iührte einen Schlag gegen Marcus Munk, wobei er diesem auf der Lippe eine mehrere Centimeter lange off ene Wunde riß. Aus derselben quoll sofort das Blut hervor und jetzt rief einer der Officiere; „Aha, jetzt werdet Ihr Schmerzensgeld haben wollen? Ihr sollt's haben! Gleich! Auf der Stelle, wenn Jhr's haben wollt!" Herr Munk zog sein Taschentuch hervor, Preßte dieses auf die stark blutende Wunde und rief seinem Bruder zu, endlich einen Wachmann zu holen, eine andere Antwort habe er für die Herren nicht mehr. Während Alexander Munk um den Wachmann forteilte und sein Bruder mit seinen Gegnern allein auf dem Platze zurückblieb, entfernte sich z u n ä ch st d e r C i v i l i st, dem alsbald drei Officiere folgten, so daß der Wachmann dann im Ganzen nur einen einzigen Officier vorfand. Spater kam auch ein Wachinspector. Bon den bei dieser Scene betheiligten Officieren ist der eine der Lieutenant Graf Aladar Csaky, der zweite der Lieutenant Baron Turnay: Beide gehören dem 7. Husaren-Regimente an und ist der Erstrre der 6., der Zweite der 4. Escadron zugetheilt. Graf Csaky schrie, als bereits der Wachmann erschienen war, indem er den Säbel halb aus der Scheide zog: „Du mußt Dich mit mir duellireu! Verfluchter Jud! Ich werd e Dir den Schädel spalten!" Dann wollte er Munk an die Wand drücken, allein der Wachmann trat dazwischen und hinderte den Officier an weiteren Thätlichkeiten. Amtlich wird über die Affaire Folgendes verlautbart: „Montag Nachts um 1 Uhr fand in der Kärntnerstraße zwischen vier Eavallerieofficieren und dem Kaufmann Marcus Munk, Margarethenstraße Nr. 25 wohnhaft, ein Rencontre statt, in deffen Verlauf der Letztere von den Officieren beschimpft und ihm mit dem Niederhalten gedroht wurde. Ein in der Gesellschaft der Officiere befindlicher Civilist hatte überdies Herrn Munk durch einen Stockhieb im Gesichte leicht verletzt. Durch die Intervention eines Sicherheitswachmannes wurde dem Streite ein Ende gemacht. Einer der Officiere legitimirte sich als Lieutenant Graf Csaky, die anderen Officiere, sowie der Civilist hatten sich vor dem Erscheinen des Wachmannes entfernt. Das k. u. k. Platzcommundo wurde von dem Vorfälle in Kenutniß gesetzt, die Ausforschung des Civilisten ist eingeleitet worden." — Aus Budapest wird uns zu dieser Affaire berichtet: Graf Csaky hatte bereits vor mehreren Jahren in Kecskemet, wo er als Eadet in Garnison lag, eine ähnliche Affaire. Der Graf ging über die Straße und bemerkte vor einem Geschäft einen Kaufmann Namens Beer und deffen Schwester. Er trat auf den Kaufmann mit der Frage zu: „Können Sie rasiren?" ilnd als der Verdutzte nicht sofort antwortete, zog der Graf den Säbel und brachte d e m Kaufmann mehrere Verletzungen bei. Damals wurde der Graf Csaky bestraft und versetzt. Josef Derenbonrg. Der am 28. Juli zu Bad Ems verstorbene Gelehrte verdient wohl gerade eine ausführlichere Würdigung, als ihm in der kurzen Todesnachricht zutheil werden konnte. Ich fühle mich zu einer solchen, obwohl ich kein Fachmann bin. verpflichtet und berechtigt, da ich seit meiner srühesten Kindheit den Namen des Verstorbenen als den eines intimen Freundes meines Vaters kannte, und da es mir vergönnt war, persönlich sein Wohlwollen beinahe 30 Jahre zu genießen. Josef Derenbourg war ein M ai n z e r und behielt zeitlebens das fröhliche Naturell des Rheinländers bei. Er war ein Mann von sprudelnder Lebhaftigkeit, der bis in sein höchstes Alter trotz mancher schwieriger Lebenserfahrungen, trotz körperlicher Gebrechen — er war in den letzten Jahren beinahe erblindet — sich seine Antheilnahme, Frische, Arbeitsfreudigkeit und Lust, für Andere thätig zu sein, bewahrte. Er hatte jüdische Theologie hauptsächlich in Bonn studirt, wo sich am Anfang der Dreißiger-Jahre ein Verein gleichstehender Freunde zusammenfand, die in der jüdischen Reformbeweaung und in der Entwicklung der Wissenschaft des Judenthums eine große Rolle gespielt haben. Derenbourg wollte, im Gegensatz zu den meisten seiner Genossen, nicht Rabbiner werden, da aber seine Mitteln nicht ausreichten und den Juden die Aussicht, Lehrer, Docent oder Bibliothekar zu werden, völlig verschlossen war, so ging Derenbourg ins Ausland. Mehrere Jahre lebte er als Hauslehrer in einem vornehmen Hause in Amsterdam; als Schützling dieses Hauses, der mit seinen ehemaligen Schülern freundschaftliche Beziehungen unterhielt, kam er nach Paris. Auch dort war es nicht sd leicht möglich. eine Anstellung zu finden. Zwar erlangte er eine kleine Beschäftigung an der Bibliothek, aber dies genügte nicht, um seinen oder gar seiner Familie Unterhalt, die er in jungen Jahren begründete, zu bestreiten. Daher errichtete er Anfangs der Bierziger-Jahre ein Pensionat in Paris, das er durch feine Liebenswürdigkeit, Lehrbegabung und seinen eisernen Fleiß, nicht minder durch die Tüchtigkeit seiner ausgezeichneten Gattin rasch zu großer Blüthe brachte. Er erwarb sich in dieser Stellung etwa während eines Vierteljahrhunderts ein Vermögen, von deffen Zinsen er die letzten 30 Jahre seines