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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 586 Dr. Vloch's Wochenschrift. illr. 32 geschaffen werden die über Galizien, Böhmen und Mähren und namentlich auch Wien verbreitet, die politische Schulung der noch vielfach indolenten Masie herbeiführen sollen rc. — So vorbereitet in den Wahlkampf getreten, wird es uns schon gelingen, einige Männer des jüdischen Volkes in die Vertretungskörper zu entsenden. Es muffen ja nicht 12 oder 10 Abgeordnete sein, es genügten schon 8 oder gar nur 6 Männer. Aber ausgerüstet müßten sie sein mit ollen Eigenschaften, die zur Erfüllung einer großen Mission unerläßlich sind. Man denke nur, der Abgeordnete Dr. Bloch hätte auch nur 4—5 gleichgesinnte, gleich muthige und unerschrockene Collegen im Abgeordnetenhause an seiner Seite — die moralisch so defecte Gesellschaft würde angesichts der sie erwartenden ' prompten Züchtigung es nicht ohneweiters wagen, aus ihrem Schlupfwinkel an's Oberlicht zu kriechen. Leute vom Schlage des Lueger, Schneider, Liechtenstein, Ahlwardt, Dcckert, Paulus Mayer, Rohling-Briman, Scherzer. Geßmann-Geider, Böckel, Leuß. Hammerstein, Vergani und wie sie Alle heißen, würden es sich zweimal überlegen, mit ihren butterigen, breiten, eisernen Stirnen und übelriechenden Mäulern die Luft zu verpesten. gerade Galizien und Wien mit ihrer compacten jüdischen Bevölkerung wären jene Theile der Monarchie, welche bei der Aufrichtung eines durchgreifenden, zielbewußten, politischen Programmes der österreichischen Juden und damit für die Beseitigung des unwürdigen ^Kandes, in welchem wir heute schmachten, in erster LinieiwWetracht zu ziehen sind. Man mißverstehe uns nicht, als ob wir den Abfall von der liberalen Partei sans phrase wünschten. Jetzt, wo die Judenschaft als unorganisirte Maffe dem Feinde gegenübersteht, ist es heilige Pflicht eines jeden Juden, die liberale Partei in ihrem Kampfe gegen einen fast menschenunähnlichcn verwilderten Feind mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht zu unterstützen. Was wir hier nur andeuten wollten, ist die Thatsache, daß eine Wandlung sowohl in der Organisation der liberalen Partei als auch in jener des Judenthums sich vollziehen muß. Das geschieht aber nicht von heute auf morgen. Aber bald muß es geschehen. Erfolgt die hier angedeutete Organisation nicht, dann wird der gegenwärtige Zustand erst recht nicht aufrecht erhalten bleiben, denn dieser ist — das muß immer betont werden — vollständig unhaltbar. Verschließen wir den Thatsachen gegenüber nicht unsere Augen. Die Heranwachsende jüdische Generation und die jüdische Intelligenz steht heute schon fast vollständig im Lager der Socialdemokratie. Diese feststehende Thatsache ist eine mit unabwendbarer Naturnotwendigkeit sich ergebende Folge der partei- und regierungspolitifchen Verhältnisse. Man erwäge doch: der zur geistigen Reife Heranwachsende junge Mann, auf den die politischen Ereignisse im Vaterlande — oft in sehr unliebsamer Weise — ein normen, will seine Ueberzeugung. seinen Drang nach Wahrheit bethätigen. für seine Ideale kämpfen. Wo findet er Gelegenheit dazu? Vielleicht innerhalb der liberalen Partei? Die Alten dagegen, in der alten Schule ausgewachsen, seit einem Menschenalter mit der liberalen Partei innig verbunden, vermögen sich nichts» leicht in die so gänzlich veränderte politische Lage zu schicken. Aber die Macht der Verhältnisse wird sich mächtiger als alle Bande erweisen, und eines Tages werden auch sie von der ungestüm vorwärtsstrebenden, die Schmach von sich werfenven Jugend in den Strom der Socialdemokratie mitqeriffen werden. Das wird nicht zu verhüten sein und vielleicht früher eintreffen, als unsere Weisen ahnen. Die Verantwortung aber dafür, daß l1/4 Millionen nach Natur und Anlage , friedfertiger, loyaler Bürger von diesem gewaltigen Strom verschlungen werden, falle^ auf jene Mächte zurück, welche diese fluchwürdigen Verhältnisse vorbereitet und geschaffen haben. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein antisemitischer Redakteur wurde kürzlich vom Schöffengel icht in Kehl wegen Beleidigung zu drei Wochen Hast und Tragung sammtlicher Kosten verurtheilt. In einer im September v. I. zu Helmlingen gehaltenen Agitationsrede hatte er geäußert, „die jüdischen Soldaten, welche den Krieg 1870/71 mitgemacht, hätten dies nicht aus Patriotismus gethan, sondern weil sie eben mußten, übrigens hätten sie sich gedrückt, wo sie nur konnten". Ein Dieb als Antisemiten-Härrptling. Das Organ Georg Schön erer's, die „U. D. W." Nr. 15. bringen einen osficicllen Bericht über die Versammlung des „Deutschen Bezirksvereines für den V. Bezirk Wiens" vom 8. Juli 1895 in Hamburger's Gasthaussaal „Zur blauen Weintraube" V. Schloßgasse 5. Wir heben aus diesem Bericht nachstehende Stelle heraus: Herr Engerth ergreift das Wort. Wenn dem Bürgermeister von Wien nachgesagt würde, daß er 500 oder auch nur 100 fl. gestohlen hätte, meine Herren, was würde da der Herr Dr. Lueger'gesagt haben? „Corruplcr Kerl!" „Eine Partei, die so einen Menschen in ihrer Mitte duldet, muß bis aufs Messer b,kämpft werden!" Nun hat Vergani 521 fl 66 kr. gestohlen. Was sagt da der Herr Dr. Lueger dazu?- „Das geht mich nichts an!" (Großer Beifall. Rufe: „Das ist halt „christliche" Corruption!" Wo liegt da die Corruption, gegen die Dr. Lueger kämpft? Ist denn, ein Unterschied, ob's der Bürgermeister von Wien ist oder der Bürgermeister von Mühldorf? Ist denn ein Unterschied, ob Vergani beschnitten ist oder nicht? Gestohlen ist gestohlen (laute Zustimmung), ob Jud oder Christ! Unwahr sei es, daß der Bürgermeister von Mühldorf dem Vergani das Vertrauen ausgesprochen habe. Im Gegentheilr, in der „Oesterr. Landzeitung" in Krems habe der Bürgermeister von Mühldorf die Sache gegen Vergani bkstät-'gt: auch sei die Untersuchung gegen Vergani noch nicht eingestellt. Ein Mensch, der sich übrigens in's Gesicht sogen läßt: „Du hast unterschlagen!", der gehört in eine anständige Partei nicht hinein. Und wenn sie das Gefühl dafür nicht haben, dann sind Sie selbst schon corrupt! (Großer Beifall und Lärm. Der Schuhmacher Wiscoeil springt wüthend auf und schreit: „Kann ich was dafür, daß der Vergani g-stohlen hat, können Sie sagen, ich habe mitgestohlen?) [?!!] Herr Ar.ioscht: „Ich hätte mich nicht zum Worte gemeldet, da ich im 18. und nicht im 5. Bezirke Wähler bin. Die Behauptungen des Herrn Schmolek bezüglich des Vergani fordern mich aber zur thatsächlichen Berichtigung heraus. Ich habe, mich auf bloße Tbatsachen beschränkend, den Vergani öffentlich der Amtsveruntreuung geziehen und ihn in verschiedenen Blattern gewiß fünfmal aufgefordeit, mich gerichtlich zu belangen, falls ich die Unwahrheit gesagt hätte. Er hat mich nicht geklagt. «Rufe: Hört! Hört! „Weil er nicht kann!") Vergani vertritt einen großen Wahlbezirk im niederösterreichischen Landtage. Dieser Bezirk besteht aus 7 Gerichtsbezirken: Krems, Mautern, Kilchberg am Wagram, Gföhl, Spitz, Persenbeug und Poggstall. In allen diesen Gerichtsbezirken hat sich Vergani durch seine Freunde um Vertrauenskuudgebungen umgesehen, es ist ihm aber nirgends gelungen. Nur im äußersten Gcbirgswinkel, wo die Welt mit Brettern verschlagen ist, im Pögstaller Bezirk, haben sich 8 Gemeindevorsteher und 2 Gemeinderäthe gefunden; diese haben in die clericale „Kremser Zeitung" eine Erklärung hin-ingegeben, daß sie dem Vergani das volle Vertrauen schenken, daß sie mich zwar nicht kennen, aber kein Vertrauen in meine Wahrheitsliebe haben. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich beeilt, diese bestellte Erklärung unter der Ueberschrift: „Zur Darnachachtnng!" abzudrucken. Ich habe die 8 Gemeindevorsteher und 2 Gemeinderäthe beim Kreisgerichte in Krems sofort wegen Ehrenbeleidigung geklagt und es wird im September die Schwurgerichtsverhandlung stattfinden. (Beifall.) Jetzt werden beim Bezirksgerichte in Poggstall die Vorerhebungen gepflogen, und wenn ich recht berichtet bin, sollen die Gemeindevertretungen von diesen Unterschriften nichts wissen. (Lebhafter Beifall.) Dies zur Richtigstellung dem Herrin Schmolek gegenüber. Herr Stein: Ich will neuerlich einen Fall der Vcrgani'schen Corruption Ihnen vor Augen führen. (Großer Tumult und Rufe: „Es ist schon genug, daß er gestohlen hat.") Dr. Förster: „Ich bitte durch den Vorsitzenden fkststellen zu lasten, daß ein hier anwesender Anhänger Vergani's die Erklärung abgegeben hat, er könne nichts dafür, daß der Vergani gestohlen hat. (Großer Beifall und Heiterkeit.) Das „Freie Blatt" — Herr v. Chluineeky — und die ,Neue Freie Presse^. Unser Mitarbeiter Herr Eduard Beer hat vor Kurzem in einem Artikel die Behauptung aufgestellt, daß der Antisemitismus ein specifisch deutsches Product, ein Erzeugniß teutonischen Geistes ist. Das „Freie Blatt" hat sich ob dieses Ausspruches höchlich entrüstet und gegen-den genannten Mitarbeiter der „Oesterr. Wochenschrift" eine heftige Polemik eröffnet. Allein das Dictum B e e r's hat eine ganz unerwartete Bekräftigung in der Znaimer Rede des Präsidenten Freiherrn v. Chlumeckh gefunden, in welcher derselbe ausdrücklich und nnt^Bedauern betonte, daß der Antisemitismus ein deutsches Product ist. In ihrem Leitartikel vom 7. d. M. beruft sich die „Neue Freie Preffe" direct auf diese Aeußerung Chlumecky's, indem sie hervorhebt, Freiherr v. Chlumeckh habe in Znaim mit Bekümmerniß constatirt, daß „die antisemitische Bewegung beschämenderweise unter Deutschen den meisten Anklang finde". — Gegen wen wird das „Freie Blatt" nun polemisircn? Zur eonfessionellen Gleichberechtigung. In der „Bohemia" vom 30. Juli d. I. ist ein Inserat der st äd ti schen Handelsschule Warnsdorf enthalten, an welcher — nach dem Inhalte des Inserates — Juden keine Aufnahm-

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