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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Seite 585 Dr. Vloch's Wochenschrift. männern die moralische Wirkung des Strafgesetzes erproben möchte. Fünfzehn Jahre bereits dauert die Comödie und das Ende derselben ist nicht abzusehen — schütz- und rechtlos, allen Angriffen wilder Raubthiere preisgegeben, lugen wir aus nach irgend einem Freunde der Menschenrechte; aber ein Solcher ist nicht zu finden. Thatsächlich sind heute die Juden in Oesterreich vogelfrei, unddas werden sie bleiben, solange sie, mit naivem Gemüthe auf die bestehenden Gesetze und ihre Hüter oder auf ihre politischen Freunde pochend, als passiver Theil Hilfe dort erwarten, von wo sie niemals kommen wird. Sagen wir es kurz heraus: die Lage des Judenthums in Oesterreich ist unhaltbar geworden! So geht's nicht mehr. Soll es aber anders werden, dann muß mit dem System, eigentlich mit der Systemlosigkeit gebrochen werden. Mag sein, daß es in dem chaotischen Zustande, in dem wir heute leben, für den Juden das Beste ist, seinen Stimmzettel zu Gunsten des einen oder anderen sogenannten liberalen Candidaten abzugeben, damit derselbe in den Bertretungskörpern wenigstens seine Menschenrechte wahre, oder auch nicht. Wer aber dabei glaubt, daß darin schon das Um und Auf eines Politischen Princips gelegen ist, der befindet sich auf einem verhängnißvollen Irrwege, der uns dorthin führen muß, wo wir uns leider heute thatsächlich befinden. Mit dem„Principe", die Wahrung unserer Interessen Anderen anzuvertrauen, muß gebrochen werden. Der Ausdruck einer idealen Gesinnung, der in diesem Princip gelegen ist, soll nicht bestritten werden. Aber mit Idealen kommt man im Praktischen Leben nicht weit und in der Politik ist mit denselben schon gar nichts anzufangen; da heißt es, praktischen und nüchternen Erwägungen zugänglich sein. Solche Erwägungen sagen uns eben, daß man die Wahrung der eigenen Interessen nicht Anderen, sondern sich selbst aufbürden muß. Was sehen wir aber? In Wien und Mähren legen wir unser Schicksal in die Hand der liberalen Partei und nennen uns ..liberale Deutsche", was wieder den liberalen Deutschen christlicher Confeffion den Titel „Judenknechte" einträgt. In Böhmen thun wir desgleichen oder schmiegen uns an die „treue Brust" der biederen Söhne Libuffa's und erwecken dadurch den Haß und die Feindschaft sowohl der Deutschen als auch der Czechen. Und in Galizien? Welchen Werth die politischen Rechte der Juden dort erlangt haben oder welche praktischen Resultate mit denselben dort erzielt wurden, das weiß kein Mensch. Wer aber über die Bedeutung der politischen Rechte der Juden in Galizien denn doch etwas Positives erfahren will, der lese nur den Leitartikel der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 26. Juli 1895 und ein Gefühl tiefer Beschämung wird nicht ausbleiben. So sehen wir das sonderbare Schauspiel, daß die paar Juden, in allen oft einander feindlich gegenüberstehenden Lagern zerstreut, einem strengen Clubzwang unterworfen, zwar die speciellen Interessen der Deutschen, respective Czechen oder Polen mit aller Energie zu verfechten suchen, die speciellen und allgemeinen Interessen des Judenthums aber gänzlich unvertreten bleiben. Wem soll dann das so entmannte, eines jeden Charakters bare Judenthum Respect einflößen? Dem Spott und Hohn einer durch das Band der schlechten Erziehung und des mit der Muttermilch eingesogenen Hasses festgegliederten, ebenso brutalen als gewaltthätigen Maffe ausgesetzt, ist so ein jüdischer „Volksvertreter" nicht einmal im Stande, das ihm vom Club auferlegte Pensum in Ehren zu absolviren, da er, um die Rohheit dieser Masse nicht zu wecken, sich Stillschweigen auferlegend, zu einer Abstimmungsmaschine herabsinkt. Wem ist es nicht schon aufgefallen, daß seit Jahren im österreichischen Abgeordnetenhause die Stimme eines jüdischen Abgeordneten zur Abwehr frecher antisemitischer Insulten nicht zu vernehmen war. Wäre der Abgeordnete Dr. Bloch nicht auf seinem Platze, um ab und zu einen gar zu frech gewordenen Antisemiten beim Schopf zu fassen, um die breite gebrandmarkte antisemitische Stirne der Oeffentlichkeit zu zeigen, so würde man-von der Existenz eines jüdischen Abgeordneten gar keine Ahnung haben. Und .doch sitzen ihrer zehn oder gar zwölf im Abgeordnetenhause. Nun soll auch der einzige, wahre, unerschrockene Vertreter des jüdischen Volkes aus dem Hause ziehen. So herrlich weitHaben wir es mit unserer politischen Weisheit gebracht. Und ganz Recht geschieht uns! Warum find wir denn gar so schwach, wo wir stark sein könnten? Geben wir uns nicht länger einer Täuschung hin, die uns verderblich werden müßte! Wir Juden dürfen auf eine von Außen kommende Hilfe nie und nimmer hoffen. Mag welche Regierung immer kommen, dem jüdischen Volke würde Schutz gegenüber dem antisemitischen Ungeziefer unter gar keiner Bedingung zutheil werden. Und wenn heute oder morgen eine Regierung Noske ans Ruder käme, die Macht, den antisemitischen Ausschreitungen mit den Paragraphen des Strafgesetzbuches in der Hand entgegenzutreten, besäße auch er nicht, denn auch seine Hand würde gelähmt sein. Wer die Geschichte der antisemitischen Bewegung der letzten Jahre verfolgt hat. wird uns schon begreifen und genau erkennen, wo derHas' im Pfeffer liegt. Faffen wir die gemachten Erfahrungen in der Zeit unseres gesummten Verfaffungslebens zusammen, so finden wir, daß die liberale Partei, die stets nach Oben schielt und nach der Regierungsfähigkeit lechzt, unvermögend ist, die Bilanz aus unserer politischen Gefolgschaft zu ziehen und uns auch nur den leisesten Schutz gegen den heranstürmenden Janhagel zu gewähren. Von einer positiven Vertretung wollen wir ja gar nicht reden, wir sind ja so bescheiden geworden. Jeder Versuch dazu wurde mit einer Fluth von Schimpf, worunter das Wort „Judenknecht" am gebräuchlichsten ist, beantwortet. Und Judenknecht mag man ja schließlich doch nicht genannt werden. Andererseits nützt auch unsere treue Gefolgschaft der liberalen Partei sehr wenig. Wohl werden ihr durch unsere Gefolgschaft 20—25 Mandate gesichert; aber, liegt denn die Macht einer Partei in der großen Zahl ihrer Mitglieder? Gerade die liberale Partei, die zahlreichste im Abgeordnetenhause, besitzt den geringsten Einfluß, während die Clericalen. obgleich nur gering an Zahl, die österreichische Politik ganz beherrschen, wenn auch zugegeben werden soll, daß bei dieser Partei noch andere Factoren in maßgebender Weise mitwirkten. , Also, Juden und Liberale nützen einander sehr wenig. Möglich, daß der Abfall der Juden von der liberalen Partei dieser sogar direct heilsam wäre, indem sie — wohl an Zahl kleiner — aber der Furcht, als bezahlte Judenknechte bingestelll zu werden, ledig, ihre freisinnigen Principien kraftvoller durchzuff'lhren in der Lage wäre, was wieder unbedingt eine Vermebrung ihrer Anhängerschaft zur Folge hätte. Und die Polen? Wann haben diese jemals auch nur den Versuch gemacht, sich ihrer jüdischen Wähler anzunehmen? Bleiben von den großen Parteien, die zur Zeit der Wahl um die Stimmen der jüdischen Wähler werben, nur noch die Jungczechen übrig. Da halten wir uns aber lieber gar nicht auf, denn die Herren Czechen haben ihren Freisinn erst zu beweisen. Daraus folgt mit unerbittlicher Logik, daß wir Juden uns als politische Partei organisiren müssen. Im politischen Leben gibt es nur eine Todsünde, die mit Verachtung und Verfolgung bestraft wird, das ist die Schwäche. Ebenso gibt es da nur eine Tugend — die Stärke. Einer kraftvollen Partei wird von allen Seiten hofirt. um ihre Gunst wird gebuhlt, selbst wenn sie die anrüchigsten Elemente in ihrer Mitte zählt. Ziehen wir daraus die Nutzanwendung! Mag der einzelne Jude mit allen Fasern seines Herzens deutsch fühlen, in erster Linie muß er Jude sein; mag der einzeln; Jude mit seinem ganzen Fühlen und Denken in polnischer Erde wurzeln, in allererster Linie muß er Jude sein, dem Judenthume muß er seine Kräfte weihen. Denn nicht der Deutsche, nicht der Czeche oder Pole wird kannibalisch verfolgt von ekeligen Gegnern, wohl aber der Jude. Wer denn sonst soll da das Judenthum vertheidigen, wenn nicht seine Söhne selbst! Die V/i Millionen Juden mit ihren 120.000 Wählern werden wohl im Stande sein, einige Männer — ganze Männer — in das Abgeordnetenhaus zu entsenden, die, auf Grund eines specifisch jüdisch-politischen Programmes gewählt, die Ehre nnd die Jntereffen des jüdischen Volkes mutbig, energisch, kraftvoll und wenn nöthig auch in rücksichtsloser Weise — wir wiederholen — in rücksichtsloser Weile zu vertheidigen wissen werden. Mit der bestehenden Wirthschast i muß aufgeräumt werden! Wir sind nicht mehr in der Lage, mit unseren 120.000 Stimmen so leichtsinnig wie bisher umzugehen. Wo nur einige Aussicht vorhanden ist, mit Hilfe der jüdischen Wähler einen jüdischen Candidaten durchzubringen, muß mit aller Energie in den Wahlkampf getreten werden. Werden wir geschlagen, thut nichts, wir siegen das nächste Mal. In Wahlbezirken, wo Compromisse möglich find, müssen solche . eingegangen werden rc. rc. Es müssen politische Bereite

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