Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021094--04787-3028991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 584 Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschr ab und faßt den denkwürdigen Beschluß, eine motivirte Ein- \ gäbe an die Grazer Sparkasse zu richten, dahingehend, den . Vertrag mit der jüdischen Firma Zwiebackzu lösen und dieselbe einfach vor die Thüre zu setzen. Die Grazer Sparcasse' dagegen beeilt sich sofort zn Willen zu sein, allein Verträge sind bekanntlich bilateral. Die Firma Zwieback lehnt es ab, in die Auflösung respective Bruch des Vertrages zu willigen und da es, dem Himmel sei Dank, in Oesterreich noch nicht so weit gekommen ist, daß auch in bürgerlichen Rechtssachen die Gesetze gegen Juden eine laxere oder schwächlichere Anwendung finden dürfen, so mar die Grazer Sparcasse gegen die jüdische Firma ohnmächtig. Dagegen beeilte sich die Direction der P. T. Sparcasse, an das hochverehrliche Gremium der Grazer Kaufmannschaft in eurem ebenso devoten als ausführlichen Rescripte bekanntzugeben, daß sie zu ihrem lebhaften Bedauern dem an sie gestellten Ansuchen nicht entsprechen könne, da chr die von ihr ohnedies versuchte einseitige Lösung des Vertrages mit der Firma Zwieback nicht gelungen sei. Dies der Fall. Er ist wohl typisch, aber so simpel ist er doch nicht. Wenn es sich nur um eine einfache, vulgäre antisemitische Affaire handeln würde, so wie sie tagtäglich vorkommt, so würden wir derselben keine Beachtung schenken, wird man doch durch die Gewohnheit abgestumpft. Was uns veranlaßt, der Asiaire besonderes Augenmerk zuzuwenden und derselben größere Bedeutung zuzumesscn, ist die traurige und betrübende Thatsache, daß der Antisemitismus immer mehr autoritativen Charakter anzunehmen beginnt, was, wenn nicht ohne Verzug Remedur geschaffen wird, von den bedenklichsten Folgen begleitet sein muß. Es ist etwas anderes, wenn die Judeuhetze von Individuen betrieben wird, oder wenn sie von Corporationeu ausgeht, die eine gewisse behördliche Autorität besitzen. Die Sache liegt einfach und klar. Das hochhonorige Gremium der Grazer Kaufmannschaft hat die anmaßende Frechheit oder die freche Anmaßung, an die Grazer Sparcasse das Verlangen zu stell eit, einer jüdischen Firma ein Verkaufslocale in einem d e r L e tz t e r e n gehörenden Hause nicht zuvermiethen, respectiveden geschlossenen Mi eth s v er tr ag zu brechen. Anstatt nun dem mit abderitischer Weisheit ausgestatteten Gremium der Grazer Kaufmannschaft die gebührende Zurechtweisung zutheil werden zu lassen, dahingehend, daß sie sich bei der Vermiethung nur von rein sachlichen, die Verzinsung ihrer Realitäten maßgebenden Motiven leiten lasse, bläst die Direction der Grazer Sparcasse aus derselben antisemitischen Pfeife, macht ebenfalls in Abderitismus, capitulirt vor der gremialen Arroganz und entschuldigt sich in schweifwedelndem Tone, daß es ihr nicht gelungen ist, den Miethsvertrag mit der hartnäckig auf ihren Schein bestehenden jüdischen Firma Zwieback einseitig zu lösen, resp. zu brechen. Daran nicht genug, kommt der Grazer Gemeinderath mit einem Beschluß, „Geschäftsleute von welchen bekannt oder zu erwarten ist, daß sie es auf einen unlauteren Wetterwerb abgesehen haben, nicht in Miethe zu nehmen". Im Interesse der nationalen Ehre sollen „mißliebige Zugüglinge" der Stadt ferngehalten werden. Als ob es in Pensionopolis noch nie Schwindler und Lumpe arischer Herkunft gegeben hätte! Die Herren Antragsteller mögen sich mit der Versicherung beruhigen, so ehrenwerth sie alle sammt und sonders sind, ist die Firma Zwieback allein für sich und letztere ist in ihrem kaufmännischen Rufe so hoch erhaben, daß sie es unter ihrer Würde finden dürfte, auf die Ungezogenheiten und Lappalien zu reagiren, mit welchen sie von hirnverbrannten Deutschnationalen, denen der Zopf von hinten hängt, regalirt wird. Die Judenhetze wird also nicht mehr von Individuen allein betrieben, es ist dies, wir wiederholen es, von hoher Wichtigkeit für die Beurtheilung der sogenannten Judenfrage, gleichzeitig aber auch von symptomatischer und charakteristischer Bedeutung, die nicht unterschätzt werden darf. Ein großes Staatswesen wird nicht allein nur von staatlichen Behörden und Aemtern verwaltet und regiert. Im staatlichen Gebilde befindet sich eine Unzahl von autonomen Körperschaften und Organismen mit mehr oder minder bedeutender stattlicher Autorität, die für die Allgemeinheit deshalb von Wichtigkeit sind, well sie den Verkehr mit den breiten Bevölkerungsclassen pflegen und in das alltägliche Getriebe des öffentlichen Lebens eingreifen. Wenn auch diese die Objectivität negiren und sich dem Antisemitismus in die Arme werfen, dann muß der Staat im Großen und Ganzen darunter tiefe Schädigung erfahren. In dem Falle Grazer Sparcaffe-Zwieback vermißt man wieder die von Baron Chlumecky citirte „kräftige Han d". Wenn es sich in dieser Affaire nicht um eine jüdische, sondern um eine arische Firma gehandelt hätte, würde die Regierung gegenüber dem Grazer kaufmännischen Gremium wegen Statutenüberschreitung zweifelsohne mit der Auflösung vorgegangen sein, wozu sie ex lege nicht nur b er e ch t i g t, sondern auch verpflichtet ist, der Grazer Sparcasse aber, die sich bei der Vermögensverwaltung nicht ausschließlich von sachlichen Motiven leiten läßt, zumindest, eine Rüge ertheilt haben. Juden gegenüber aber wird Alles geduldet, für Juden gilt die öffentliche Ordnung nicht. Wohin dies führen wird? Zur Verjauchung und Versumpfung des ganzen staatlichen Organismus und woher dann den Herkules nehmen und wo ihn finden, der den Augiasstall zu reinigen vermöchte. Die Aufgabe, den Staatsorganismus von den Schäden des Antisemitismus zu saniren, wird eine immer schwierigere werden. Der Heilkünstler, der Oesterreich von dem eiternden Gebreste des Antisemitismus zu befreien vermöchte, findet sich nicht. Die Diagnose des Antisemitismus ist Trottelosis und die Prognose? Die Beantwortung ist in der Logik der Thatsachen gegeben. Die Stadt Graz ist eine rein teutonische, die ultranationalen Germanen führen daselbst unbehindert das Regiment. Was sagr das „Freie Blatt" dazu, das unsere Behauptung, der Antisemitismus sei ein unverfälscht teutonisches Product, für „ungeheuerlich" findet? Im Wesen selbst geben wir der zuversichtlichen Erwartung Raum, daß der Sturm im Glase Wasser ohne Folgen verlaufen und daß sich die „Erregung der Gemüther" beruhigen wird. Die Firma Zwi eb ack hat sich durch Solidität und Reellität in Wien ein unbestrittenes Renommee erworben und auch die Grazer Bevölkerung wird bald zur Ueberzeugung gelangen, daß ihr bei Versorgung des häuslichen Bedarfes an Textilwaaren die Firma Zwieback eine schätzenswerthe Einkaufsstätte bieten wird. Eduard Beer. Die politische Stellung des Iudenthums. Die Nachricht der Blätter von der Absicht des Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch, sein Mandat niederzulegen, und die Motivirung dieses Schrittes in der „Oesterreichischen Wochenschrift" hat in weiten Kreisen Aufsehen erregt. Hat diese Affaire Loch wieder einmal die jammervolle und unwürdige politische Stellung des Judenthums drastisch beleuchtet. Es mag ja für das Judenthum als Ganzes sehr schmeichelhaft sein, daß es — in Oesterreich wenigstens —den Angelpunkt der gesammten inneren Politik bildet, daß es die Säule darstellt, von der die Politik sämmtlicher Parteien getragen wird. Aber gesund ist diese Stellung nicht, zumal ein Borwärtskommen dabei nicht möglich ist. Thatsächlich ist die völkerrechtliche Stellung des Judenthums in Oesterreich eine solche, daß es das Mitleid der Gesitteten, den Hohn und Spott des Pöbels erregt. Bon den fragwürdigsten,Elementen des öffentlichen Lebens geneckt, beschimpft und besudelt, ist Niemand da, der diese Existenzen in ihren finstern Unterschlupf verscheuchen würde. Gestalten mit dem Stigma des Verbrechens an der breiten Stirne, Wesen, die gemeiner Verbrechen wegen bereits an der Pforte des Kerkers stehen, spucken in letzter Minute noch die Juden an und Niemand ist da, der an diesen Ehren-