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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift. Drunten aber erhob ein Weib das thränmüberströmte Angesicht zum Himmel empor. Ihr schien keine Sonne, ihr strahlte kein Stern mehr! In ihrem Herzen war es dunkle, trostlose Nacht. Nur eines hielt sie aufrecht, die Pflicht, llnd diese Pflicht führte sie in die engen Gassen des Ghetto zu dem Greise, dem ihr Leben gehörte. Hundert Jahre und zwei Monate war er alt, aber im Besitze aller geistigen Functionen vermochte er immer noch sie mit seinem Rathe zu leiten und nur wo er war, wehte Heimatsodem für sie. Zu ihm denn, um ihren Schmerz auszuweinen, an seine treue Brust wollte sie flüchten. Wie Geisterstimmen umtönten sie des edlen Hingeschiedenen letzte Worte und es schien ihr ein Leichtes, mit „Makkabäertrotz" aus dieser Welt zu scheiden. Vielleicht fand ihr ehrwürdiger Gatte wie so oft schon das rechte Wort, um ihre Gedanken zu lichteren Regionen zu erheben und sein Anblick allein reichte hin, ihr die finsteren Schatten von der Stirn zu scheuchen. Sonst ja — aber heute? Und jemals wieder? Da der Edelste, Verehrungswürdigste von der wüsten Wuth der Fanatiker in den Tod — ach! in den grauenvollsten Tod gejagt worden war? O, diese Bekenner der Religion der Liebe, deren erstes und vornehmstes Gebot lautet: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst!" Welche Blutgier, welcher Haß und Rachedurst erfüllten sie! Wenn sie morden, sengen und rauben wollten, wenn ihre brutalen Jnsüncte nach Befriedigung verlangten, so mußte ihr milder Prophet, ihr Messias zum Vorwände dienen, er, der, dem geschmähten Volke der Juden selber entstammend, gesagt hatte: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen" und der von den Vorschriften des Alten Testamentes „kein Jota, kein Tüttelchen" geändert wissen wollte. Man wollte ihn rächen an dem Schovße, der ihn geboren, und das schmerzensvolle Judäa, das schon so oft für den Gekreuzigten geblutet, mußte immer wieder dafür büßen, der erlösungsbedürftigen Christenheit den Erlöser geschenkt zu haben. .... Die engen und verfallenen Gassen des Ghetto nahmen Sarah auf, die, wie von Erinnyen gepeitscht, auf ihr Haus zulief. Ihr dunkles Gewand und ihr.Schleier flatterten ihr im Winde nach, die Thränen hörten keinen Augenblick auf, ihre Wangen zu durchfurchen, und so erreichte sie endlich athemlos ihr Ziel. Sie stieß die Thüre zu ihrer Wohnung auf, und der Frieden, der dieselbe erfüllte, erschien ihr heute nach dem entsetzensvollen Schauspiel tiefer denn je, und wie ein Freundesarm umfing er sie. Selbst die leise Stimme ihres Gatten, die sonst regelmäßig die Stille mit ihrem steten Gemurmel belebte, schwieg heute. Seine Gedanken weilten gewiß bei seinem Freunde und Jünger, statt in das Jenseits zu dringen. Hastig betrat Sarah die Wohnstube. Dort an seinem gewohnten Platze saß der Rabbi und sein ehrwürdiges Haupt neigte sich stumm über sein großes Buch. Er blickte nicht auf, als Sarah eintrat. Diese aber eilte_ auf ihn zu und kniete vor ihm nieder, um ihr Haupt in seinen: Schooß zu bergen. Was war das? Wie eisig kalt war diese theure Hand? Und sein geliebtes Antlitz mit den halbgeschlossenen Augen .... Sarah berührte es ... . ihr lautes Wehgeschrei ries die Nachbarn herbei .... Der Rabbi war in die Ewigkeit hinübergeschlummert, das Gebet, das seine sterbenden Lippen gestreift, schien wie ein heiligender Hauch noch darauf festgebannt. Einige Tage darauf saß Sarah im Witwengewande, auf niedrigem Pfühl, ganz ihrer Doppeltrauer hinge§eben. Der Frieden, der sonst ihre enge Häuslichkeit erfüllt, war zur herzbeklemmenden Einsamkeit geworden, und die murmelnden Gebete, die über ihre Lippen glitten, erleichterten ihre Seele nicht. Da wurde draußen die Hausthür geöffnet und schwere Schritte nahten sich. Ein Fremder trat ein, der ein kaum halbjähriges Kind in seinen Armen trug. Sarah starrte ihn verwundert an. „Was wünscht der Herr?" fragte sie: Seite 579 Der Fremde erhob sein geisterbleiches Gesicht und Sarah dachte nach, wo sie diesen ausdrucksvollen Zügen schon begegnet sei. „Vor wenigen Tagen starb mein Vater den Feuertod", sagte der Fremde mit vibrirender Stimme, „ich sah ihn sterben .... und im Tode zieht er mich nach sich, sein Glaube ist auch der meinige . . . ." „Nicht doch, mein Fürst", flehte Sarah mit angstvoll emporgehobenen Händen. „Nicht Fürst mehr", sagte Potocki, „nachdem was vorgegangen, würde mich Alles, was an Lust und Pracht erinnert, Niederdrücken. Mein Weib ist todt und hier ist ihr Bermüchtniß .... dümmst Du es auf, großherzige Frau?" Da war ja der Sonnenstrahl, den auch das dunkelste Leben braucht, da war ja Trost für Sarah's Herzensnacht. Sie nahm dem Fremden das Kind aus dem Arm und herzte und küßte es und über ihr Matronenantlitz flog nach langer Zeit das erste Lächeln. „Allgütiger", sagte sie, „dies Kind ist mein? O Gott, ich danke Dir. An Deinem Throne hat ein Mächtiger für mich gebeten, Einer? Was sage ich? Zweien Fürbitten verdanke ich dieses himmlische Glück, zwei Deiner Heiligen haben für mich gebeten. ... Der Fremde führte respectvoll Sarah's Rechte an seine Lippen. „Ich verstehe meinen Vater erst jetzt ganz", sagte er .. „Und dieses von Sarah erzogene Kind war mein Vater", schloß der polnische Jude. Eine tiefe bange Pause folgte dieser Erzählung. Der polnische Jude starrte wieder zu Boden und vor seinem geistigen Blick erstand gewiß Sarah's milde Matronengestalt. Immer schwermüthiger wurde die Stille. „Und Elijahanobi?" fragte Einer der Tischgesellschaft, „er würde ja böse werden, wenn wir ihn so lange warten lassen." Dieses humoristische Bedenken zauberte die entschwundene Festeslaune zurück. Selbst Potocki's armer Enkel lächelte. „Immer herein und den Becher gefüllt. Macht die Thür weit auf, Elijahanobi, Dir gilt das volle Glas." Literstur. Beiträge zur Kenntniß des Rechtssystems und der Ethik Mar Samuels, Reetor zu Nehardea in Babylonirn 1895. Von Dr. Felix Kanter. Diese nicht sehr umfangreiche, dagegen gehaltvolle Schrift über die Rechtslehre und Moraltheorie Mar Samuels, eines der bedeutendsten Amoras, weiß der Verfasser nicht nur für den in dieses Fach Eingeweihten, sondern selbst für den gebildeten Laien interessant zu gestalten. An der Hand zahlreicher getroffener Gerichtsentscheidungen und ethischer Aussprüche Samuel bar Abbas, die der Verfasser sehr geschickt der Zeitreihe nach zu ordnen rnd zusammenzustellen weiß, gewährt er uns einen tiefen Einblick nicht nur in den Geist Mar Samuel's allein, sondern auch in den Geist, der das ganze damalige Judenthum beherrscht hat. Das System, das der Verfasser mit Hilfe der halachischen Aussprüche Mar Samuels über die Rechtstheorie dieses Richters der Diasvora uns vorführt, bezeichnet ec als den Subjektivismus der Halacha. Dieses ist aber nicht in philosophischem Sinne gemeint, sondern in juridischem, daß nämlich beim Rechtsprechen nicht die Handlung als solche, sondern die Absicht des Handelns berücksichtigt werden müsse, gemäß des Hadrian'schen Grundsatzes „in maleficiis voluntas speetatnm non perum exitns.“ Diese Aehnlichkeit der Halacha Mar Samuel's mit dem römischen Rechte, welche beide, juridisch gesprochen, den Subjectivismus gemeinsam haben, veranlaßt den Verfasser, die Behauptung aufzustellen, daß die Rechtslehre Mar Samuel's auf dem römischen Recht basire, was wir schon deswegen bezweifeln möchten, weil wir der Ansicht sind, daß der rabbinsiche Lehrsatz „Mizwoth zerichotb Kavannah“ nicht nur rein jüdischen Geistes, sondern auch älter als das römische Recht ist. Allein der Geistesaufwand, die profunde Gelehrsamkeit, die geradezu immense Belesenheit, mit der der Verfasser seine Ansichten vertheidigt, überrascht uns geradezu und dies umsomehr, als es aus der Vorrede ersichtlich ist, daß der Verfasser noch im jugendlichen Alter steht. Der zweite Theil der Schrift behandelt die Ethik Mar Samuel's und auch da zeigt der Verfasser, daß er nicht nur in der philosophischen Literatur heimisch, sondern daß er auch philosophisch geschult ist, wovon die schlagfertige nnd haarscharfe Dialektik des Verfassers goldenes Zeugniß ablegt. Ferner berührt die Lectüre der in Rede stehenden Monographie wegen der Form sehr angenehm. Die

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