Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 578 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 31 „Mein Fürst ist gealtert," sagte Sarah milde. „Ich will nicht hoffen, daß ihn Sorgen herführen." „Die Sehnsucht führt mich her," sagte Potoeki, „aber fürchte Nichts, schönes Weib, blick' mich nicht strafend an. Meine Sinne schlafen, aber meine Seele schmachtet. Nimm' mich auf großherzige Frau und lehre mich, wie man furchtfrei in den finstern Schooß der Ewigkeit blickt. Halte mich, führe mich, zeige mir Deinen Leitstern und lass' sein mildes Licht in meine umnachtete Seele fallen." Mit vornübergebeugtem Haupte harrte Potoeki Sarahs Antwort entgegen. Eine unendliche Weichheit hatte sich über ihr Antlitz ergossen, in ihren dunkeln Augen strahlte eine so tiefe Ergriffenheit, daß es vielleicht gut war, daß sie dem Blick des Fürsten nicht begegneten. Sie ging zu ihm und legte ihre Hand auf die seinige. Noch war diese Berührung mächtig genug, uni eine wohlthuende Wärme in seine Adern zu ergießen. Er hob den Kopf und sah bittend zu Sarah auf. „Dort drinn ist Jemand," sagte sie, „der wird Sie besser lehren, als ich es vermag. Gehen Sie zu ihm, mein Fürst unh der Thora heiliges Licht sende Frieden in Ihre Seele." * „Ich will es, Sarah", erwiderte der Fürst müde. „Führ' mich hinein!" Das fromme Gemurmel des Rabbi verstummte bei der Annährung des Gastes. Seine alten trüben Augen hoben sich schwer zu ihm empor und er wollte aufstehen, als chn der Fürst aus seinem Stuhle zurückhielt. „Rabbi," sagte er, „ich nahe mich Dir als Bittender, lass' mich Dein Jünger sein und lehre mich der Thora heilige Weisheit." „Atem Jünger?" fragte der Rabbi nach einer Pause mit seiner erstorbenen Stimme. „Wozu will mein Herr die Thora leruen? Ihr Joch ist schwer und ungeprüfte Schultern ertrageu's nicht." „Mißgönnst Du mir, an Deinem Weisheitsbrunnen mitzuwirken?" lautete Potocki's finstere Gegenfrage. „Sein Wasser schmeckt nur denen, die keinen anderen Quell kennen," sagte der Rabbi, „und uns allein, seinem kleinen Volke der Auserkorenen, ist es bestimmt. Beneid' mein Fürst uns nicht den bittersüßen Trank. Ihm blühen tausend Blumen und tausend Freuden gaukeln um seinen Weg. Wir wandeln auf einem engen, düsteren Pfade, und was uns jenseits des Grabes erwartet, gleicht nicht den Paradiesen, die sich die Christen träumen. Selbst unser Paradies ist ernst und Abraham's, des strengen Patriarchen, Schooß nimmt uns dereinst auf." „Ich will ihn zum Mindesten kennen, Euren düsteren Weg, und will wissen, was Euch so starken Herzens macht. Ich beneide Euch um Eure geheimnisvollen Freuden oder vielmehr ich beneide Euch um Eure sieghafte Tugend, um Euren keuschen Ernst und um Euren Makkabäertrotz. Der Urquell, dem Eure Kräfte entstammen, ist Eure Religion — die Erinnerung an sie adelt selbst Eure Abtrünnigen und Gefallenen. Wohlan, eröffne mir den Blick in diesen Zauberquell." „Mein Fürst befiehlt und ich gehorche," sagte der Rabbi. „Ich will Euch lehren, was ich selber weiß. Aber noch ein Mal warne ich Euch, unser düsteres Heiligthum zu betreten, denn der Höchste, gepriesen sei sein heiliger Name, hat nicht Euch berufen, den schweren Weg der Entsagung zu wandeln. Und doch ist unser ernstes Leben schön und funkelnd, Diamantenlicht durchleuchtet es. Eure Blumen sind lieblich und reizend, aber sie verblühen. Unser Edelgestein bleibt ewig gleich kostbar. Und in Flammenzügen strahlt eine Lehre vor allen andern Lehren, das ist das Schemah Israel: ,Höre Israel, der Herr unser Gott, ist ein einziger Gott'." Hier erhob der Rabbi, der bis dahin mit auf- und niederneigendem Kopfe in sein großes Buch gestarrt, begeistert und andachtsvoll das greise Haupt mit nach oben gewendetem Blicke. Seine unschönen Züge verklärten sich, seine Augen öffenten sich weit und ein unirdisches Licht lagerte sich über sein Antlitz. „Fahr' fort", sagt der Fürst nach längerer Pause, „ich will auch Deine heilige Sprache lernen". Der Rabbi sah ihn verwundert an, dann schlug er das Buch zu, so daß der Rücken desselben rechts zu liegen kam, hob den Deckel und die ersten Blätter wieder ab und begann sehr ernsthaft und gründlich seinen Unterricht. Dieser Unterricht dauerte viele Jahre. Dann zog Fürst Potoeki sich zurück. Immer einsamer wurde sein Leben, immer grübelnder sein Geist. Vergebens bot seine Familie Alles auf, ihn in den heiteren Bannkreis ihrer Freunde zurückzuziehen. Ihn lockten magnetischere Kräfte in ihre Bahnen. Sarah sah er nicht mehr, aber er wußte, daß sie getreulich ihres hehren Amtes walte. Des Todes Fittiche wehten den: alten Rabbi nur Ewigkeitsodem zu. Schon umwallte des Fürsten Haupt schneeweißes Haar und ein langer Silberbart verlieh ihm das Aussehen eines Patriarchen. In seine Augen sah man wie in Ewigkeitsspiegel und den heiligen Schauer, den er einst empfunden, als des Rabbi von unirdischer Glorie umsponnener Blick sich in seine Seele senkte, den flößte er nun seinerseits den weltlichen Gemüthern derer ein, die sich ihm mit Bekehrungsversuchen nahten. Siebenzig Jahre krönten seinen Scheitel, da faßte Fürst Potoeki einen für jene Zeit furchtbaren Entschluß — er wollte die Religion öffentlich bekennen, die im Geheimen ihm schon so lange Kopf und Herz gefangengenommen hatte. Die Verkündigung dieses Entschlusses rief in den katholischen Kreisen des ganzen Landes Entsetzen wach. Der Bischof selber begab sich zu ihm, ihn thränenden Auges zu beschwören, von seinem Vorhaben abzustehen. Die Juden waren noch weiter entfernt, sich seines Entschlusses zu freuen. Dieses auch in der Diasopra in sich geschlossene Volk hat die Proselytenmacherei von je verschmäht. Jeder Rabbiner, an den Potoeki sich wandte, rieth ihm von dem schweren, bedeutungsvollen Schritte ab. Seine Angehörigen und auch die entfernten Mitglieder seiner Familie, die ersten Würdenträger des Landes warfen sich vergebens ihm git Füßen, flehten ihn vergebens an, dem furchtbaren Schicksal, das er über sich heraufbeschwor, zu entfliehem Er entkräftete die Gründe der Christen, besiegte den Widerstand der Juden durch Machtsprüche des Talmud und der Thora und vollzog endlich den Uebertritt in die Bundesgenossenschaft des Alten Testaments und seiner Gläubigen. Dieser Fall erregte begreiflicherweise das peinlichste Aussehen. Die katholischen Priester erhoben einen wüsten Lärm. Der Greis sah mit lächelnder Ruhe zu, wie ein feindliches Heerlager zu seiner Vernichtung ausstand. Er lächelte noch, als zu Wilna der Holzstoß für ihn errichtet wurde. Weiber schluchzten und Männer erschauerten bis in das innerste Mark, als die edelste Greisengestalt, die sie je erschaut, den Scheiterhaufen bestieg. Selbst die rohen Henkersknechte, die ihres grauenvollen Amtes walteten, entzündeten mit widerwilliger Hand den Holzstoß. Durch die fanatischen Horden, die pfäffischer Aufwiegelungsgeist bis zur Feier des Autodafe - geführt, gingen gefährliche Andachtsschauer, als der greise Fürst, umwallt von dem silberweißen Haar, da oben gefesselt stand. Als die lodernden Gluthzungen zu ihm emporleckten, erhob sich ein tausendstimmiger Entsetzensschrei. Des Fürsten ehrwürdige Gestalt bewegte sich nicht, das Lächeln schwand nicht von seinem erhabenen Antlitz und nur sein Augenpaar, aus dem die Verklärung des edelsten Geistes leuchtete, richtete sich nach oben, wo, wie ein Auge unter Thränen, die Sonne aus Wolkenschleiern zum letzten Male zu ihm herniedergrüßte. Schon legte sich der grauenvolle Purpur der Flammen dichter um den heiligen Leib des Märtyrers, da hob er die Hände und sprach mit deutlicher Stimme das Schemah Jisroel im Urtext und wie ein Geisterhauch tönte es über den Köpfen der Menge: „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott."