Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 31 Seite 577 Dr. Bloch's Wochenschrift. Das Messer muß demnach im Dienste eines Convertiten eine hohe Bedeutung erhalten und dieser Convertit wiederum muß in nahe Beziehungen zum Hofe gestanden haben. Die verzeichnete Jahreszahl fällt in die Regierungszeit Augusts H. Curfürsten von Sachsen und Königs von Polen, und in der That ist zu jener Zeit ein Fürst von Potocki zum Judenthum übergetreten, jener Potocki, den man eben dieses Glaubenswechsels wegen zu Wilna auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Bon ihm also, in dessen Gebrauch es eine cnltuelle Bedeutung erhielt, muß dieses Messer herrühren, dem man um seiner historischen Denkwürdigkeit willen einen Platz unter den Schätzen des grünen Gewölbes einräumte." „Weiß man nicht Näheres über diesen Fürsten Potocki?" fragte neugierig ein Mitglied der Tischgesellschaft. „Ich glaube kaum, daß weitere Daten irgendwo zu finden sind. Die Männer, in deren Hand jener Zeit die Geschichtsschreibung lag, hüteten sich wohlweislich, eine solche Persönlichkeit, die so gegen den Zeitstrom schwamm, zum Gegenstände ihrer Aufzeichnungen zu machen. „Ich könnte mit einigen Details über diese merkwürdige Persönlichkeit dienen, zu deren Kenntniß ich auf traditionellem Wege gekommen bin," sagte bescheiden der polnische Jude. Und er hob den müden träumerischen Kopf. Eine leichte Röthe schoß in seine mageren, fahlen Wangen, als er die Spannung wahrnahm, mit der seine Wirthe ihn betrachteten, und er folgte der stummen Aufforderung, die in derselben lag. „Jener Fürst Potocki" begann er, „kam in Geld- und Geschäftsangelegenheiten oft in das Haus eines Wilnaer Rabbi. Es war dies ein alter Mann, aber, wie dies nicht selten bei den Frommen der Fall ist, hatte er noch als Greis zum dritten Male geheiratet. Sarah, die Frau des Rabbi, war jung und schön. Eine biblische Frauengestalt mit Aphroditens Liebeszauber steht vor dem begehrenden Blick des Fürsten, so oft er in dieses Haus kommt. Er faßte eine glühende Neigung zu ihr, trotz aller gesellschaftlichen und kirchlichen Schlagbäume zwischen ihr und ihm, unter welchen auch der zählte, daß der Fürst bereits verheiratet war. Allein an der Tugend Sarahs scheiterten alle Verführungskünste des Magnaten. Verzehrt von Leidenschaft, kam er eines Tages wieder, unter dem Vorwände, einen Schmuck zu kaufen, in das Haus des Rabbi. Wie immer bediente ihn Sarah; aber er sieht nicht auf die vor ihm ausgebreiteten, funkelnden Brillanten, sondern nur auf die verführerische Gestalt des Weibes ihm gegenüber. Er wird in seinem Gespräche freier und je mehr Entrüstung ihre flammenden Augen ausstrahlen, desto mehr holden Anreiz findet er darin. Das Geständniß seiner Liebe entfuhr endlich seinen Lippen, das Sarah mit einem Schrei des Entsetzens beantwortete. Der ungewohnte laute Ausruf der schönen Frau mußte bis in das Zimmer gedrungen sein, denn die Thür that sich plötzlich auf und der greise Rabbi erschien in ihrem Rahmen. Sein leicht gebücktes Haupt streckte sich vor, um auf dem Gesichte seiner Frau die Ursache einer etwaigen Unruhe zu suchen, und es bedurfte nicht mehr, um diesem starken Herzen die Fassung zurückzugeben. Als ob der Eintritt ihres Mannes sie nur bei einer geschäftlichen Anseinandersetzung unterbrochen habe, raffte sie die auf dem Tische befindlichen Kleinodien zusammen und sagte: „Ich habe es mir gleich gedacht, daß Sie in unserem bescheidenen Haus nicht finden würden, was Sie suchen. In den Auslagen der großen Geschäfte auf der Zeil trifft ein so mächtiger und reicher Herr eine weit passendere Wahl." Und wie um jeder Erwiderung zuvorzukommen, packte sie die Ringe, Ketten und Steine in die verschiedenen Futterale und Caffetten und schloß diese in eine schwarze, an der Wand lehnende Truhe. „Wenn ich auch heute nicht gefunden habe, was ich suche, so gebe ich deshalb die Hoffnung nicht auf, es ein ander Mal zu finden," fagte der Fürst und seine hohe Gestalt erzwang sich den Ausgang durch die niedrige und schmale Thür, die nach der dunkeln, mit Ziegelsteinen gepflasterten Hausflur führte! „Sarah, mein Kind," sagte der Rabbi, sobald er annehmen konnte, daß der Fürst die Straße erreicht habe, „warum gibst Du dem Srore kein Geleite? Er wird nicht wieder kommen, wenn Du ihn nicht besser behandelst." „So wird ein Anderer, so soll Elijahanobi für ihn kommen," sagte die Frau, der es widerstrebte, die eben erlebte Scene zum Besten zu geben. „Du handelst nicht klug, Sarah, mein Kind. Wie sagt der Talmud? Du sollst den Reichen und Mächtigen nicht reizen, dem Gott Gewalt gegeben hat über Dich." „Ich soll ihn nicht reizen," erwiderte Sarah, selber gereizt, „aber deshalb brauche ich noch seine Magd nicht zu sein." Der alte Rabbi schüttelte den greisen Kopf. Er hatte in seinem steten Studium nicht alle Fühlung mit den Vorgängen des Menschenherzens verloren und die zitternde Stimme seines Weibes traf sein Ohr wie mit geheimem Vorwurf. Was war geschehen? Er fragte nicht und er Hütte auch nicht fragen mögen, wenn seine plötzlich aufsteigenden Bedenken die würdige Fassung gefunden hätten, wie sie dem Munde eines Frommen und eines Weisen gleich sehr geziemt hätten. Gewisse Dinge gewinnen erst durch das ausgesprochene Wort eine schreckliche Bedeutung. Sie können in des Lebens dumpfster Brandung auftaucheu wie ein Seeungethüm, das mit starrem Blick aus den Fluthen glotzt, uni schon im nächsten Augenblick spurlos und für immer dem bangen Auge zu entschwinden. Nenn' seinen Namen nicht! Der Abgrund verschlinge, was der Abgrund gebar! Und des Rabbi greises Haupt beugte sich tiefer, noch einmal hallte der Schreckensruf seines Weibes vor seinem innern Ohre, wie einer Sterbeglocke banger Ton — dann hatte er mit jener philosophischen und resignirten Ruhe, wie sie ihm aus dem steten Studium der concentrirten talmudischen Weisheit erwachsen war, das Ungethüm mit dem fürchterlichen Blick in seiner Seele tiefste Tiefen gebannt. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, Potocki sucht wieder das Haus des Rabbi auf . . . Sie ist es, die ihm die Thüre öffnet. Der gleichmäßige Flügelschlag der Zeit hat an ihren Zügen wenig geändert. Sie ist frauenhafter geworden und eine mildere Vergeistigung durchstrahlt ihr Gesicht. Die Frau starrte ihren Gast an, den sie nicht sogleich erkennt. Erst in dem trüben Dämmerlichte der Stube sieht sie, daß es der Fürst ist. Ein leichtes Roth durchfliegt ihre durchsichtigen Wangen und ein leiser Gruß sagt ihm, daß er willkommen ist. In der Halbdunkeln Stube mit den ärmlichen Möbeln athmet ein Frieden, dem weltliche Gedanken keinen Raum verleihen können. Hier wohnt eine weltabgeschiedene Ruhe, eine traute Stille, die auch den Fremden sofort einlullen in süße, schmerzvergessene Träume. Wohin das Auge gleitet, findet es Sauberkeit, eine an Dürftigkeit streifende Einfachheit und eine anspruchslose Harmonie. Hie und da verräth ein gesticktes Kissen, eine gehäckelte Decke, ein flatternder Vorhang, die schönheilsuchende Frauenhand. Aber nichts drängt sich vor, nichts stört, nichts blendet. Und ganz wie vor Jahren dringt eine murmelnde Stimme aus der halbgeöffneten Thür der Hinterstube. Der Alte lernt also noch immer und er wird vielleicht dereinst mit einem Worte der Thora auf den welken Lippen in jene Ewigkeit hinüberschlummern, auf die er sich schon hier so gründlich vorbereitet. Potocki läßt sich schwer in einen lederüberzogenen Großvaterstuhl fallen, der am Fenster steht. Sarah steht bescheiden von fern und prüft teilnahmsvollen Blickes diese schon verfallenden Züge und das Silbergespinnst auf dem sonst so dunkeln Kopf. Wie ist der liebebegehrende Feuerblick des Fürsten so matt geworden und wie gebrochen die sonst so stolze Gestalt.